In einem Zug gelesen #15 – Stoner

cover_williamsNein, nicht in einem Zug. Weder in einem Zug, noch in einem Zug. Aber gelesen. Und für eine herzliche Leseempehlung gut befunden.

Zwar ist Stoner ein älteres Buch, es wurde vor 50 Jahren das erste Mal gedruckt, doch deswegen ist es – weder in Sprache noch inhaltlich – nicht überholt. Ich mag die Zeitlosigkeit der Geschichte. Diese ewige Sehnsucht und Suche nach Lebensqualität, nach Liebe, nach Berufung. Immer dabei Erkenntnisse, Rückschläge, Alltägliches, Banales, Dramatisches, Mobbing. Unspektakulärer alltäglicher Wahnsinn eines Universitätsprofessors, der bei seiner Geburt hätte Bauer werden sollen.

Ob man Stoner ein gescheitertes Leben nachsagen könnte? Vielleicht. Von außen betrachtet vermutlich schon. Ich weiß es aber besser.

Besonders gut gefällt mir, wie sensibel der Autor, John Willams, mich das Sterben seines Protagonisten Stoner, zeitlebens auf der Suche nach Erfüllung, erleben lässt. Ich bin ganz nahe dran. Und doch in respektvollem Abstand. Ich spüre den Frieden, den Stoner in sich findet. Die Versöhnung mit sich, seiner Frau und dem Leben.

Well done, Herr Williams, well done, Stoner!

Bitte auf die Bilder klicken zum Vergrößern.

Mehr: Stoner bei Wikipedia

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In einem Zug gelesen #13 – Die Frau ohne Gesicht

Nein, nicht wirklich in einem Zug gelesen, weder noch. Weder im Zug sitzend noch in einem Rutsch. Seit ich nicht mehr regelmäßig Zug fahre, lese ich weniger Bücher und arbeite mehr. Mehr an den eigenen Projekten auf jeden Fall. Aber meine Buchbesprechungsserie soll trotzdem weitergehen. Wenn auch sporadischer, wie ihr wohl gemerkt habt … 🙂 Und eine richtige Buchbesprechung ist das hier auch nicht. Dafür eine herzliche Leseempfehlung.

Als sich die Aufzugtür öffnete, wurde ihr noch etwas anderes bewusst. Sie hatte keine Angst. Nach dem die Gefahr vorbei war, verspürte sie ein merkwürdig angenehmes Gefühl.
So dürfte ich nicht empfinden. Ich war in Lebensgefahr. Aber ich fühle mich stark und in jeder Hinsicht verdammt gut.
[…]
„Ich verstehe jetzt, warum du diese Arbeit machst“, sagte Lia. „Sie gibt einem das Gefühl, stark zu sein.“
Mari nickte.
„Nicht immer. Aber ziemlich oft.“

hiltunen_frauDiese Zeilen aus dem Buch Die Frau ohne Gesicht des Finnen Pekka Hiltunen klingen bei mir nach. Eine tolle Buchbesprechung dazu gibt’s bei Nicole auf My CrimeTime. Dort habe ich mir auch die Inspiration, dieses Buch zu lesen, geholt.

Ich mochte dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite – wegen des Schreibstils (dicht, authentisch, detailreich und äußerst realistisch) ebenso wie wegen der Figuren (nachvollziehbar, mehrdimensional, lebendig). Das tröstete mich über die tragischen Ereignisse hinweg, die der Autor erzählt. Doch was mir an dieser neuen Serie besonders gut gefällt, ist, wie die beiden finnischen Frauen Lia und Mari, die sich in London kennenlernen, gemeinsam Dinge in Bewegung setzen, um die Welt zu einer besseren zu machen – zuweilen auch jenseits des Gesetzes. Und das so ganz ohne Moralin, Pathos und gänzlich ungekünstelt. Einfach, weil sie ein Unrecht nicht länger mitanschauen können. Und weil sie Mitgefühl haben. Weil sie Menschen sind.

Ich verstehe jetzt, warum du diese Arbeit machst, sagt Lia. Ich verstehe jetzt, warum ich schreiben muss, sage ich. Und ich verstehe jetzt, warum so viele schreiben müssen und wollen. Es gibt uns das Gefühl, stark zu sein und die Welt ein klein bisschen besser machen zu können. Mit unseren Gedanken über das Leben, über die Welt, über die Liebe, über Missstände. Und ja, auch mit unseren Gedanken über die Schönheit. Und auch mit Humor machen wir die Welt ein klein bisschen besser.

Wir schreiben uns die Welt lebenswerter. Wenn ich durch den Reader gescrollt bin und meine Lieblingsblogs besucht habe, fühle ich mich gut genährt. Nach diesem Seelenfrühstück sieht die Welt doch gleich lebenswerter aus.

Und nun freue ich mich auf die Fortsetzung von Pekka Hiltunen. Auf Lias und Maris neue Geniestreiche.

In einem Zug gelesen #12 – Die Frau, die nie fror

Eigentlich lese ich ja fast nie Romane aus den USA, jedenfalls nicht Krimis. Dass der Roman mit dem tollen Titel Die Frau, die nie fror in Boston/USA spielt, habe ich erst beim Lesen begriffen. Ausgewählt habe ich dieses Bibliotheksbuch primär, weil mir das Cover gefiel. Und der Titel sowieso.cover fraufror

Elisabeth Elo erzählt Pirios Geschichte sehr unmittelbar in Ich- und Gegenwartsform. Pirio und ihr Kumpel Ned werden beim Hummerfischen in der Bucht vor Boston von einem riesigen Schiff gerammt und erleiden dabei Schiffbruch. Der Frachter begeht Fahrerflucht, was beim herrschenden Nebel sehr einfach ist. Pirio erinnert sich nur noch an die Farbe des Bugs. Grau. Dass Pirios Körper mit Kälte so gut klar kommen würde, wusste sie nicht. Sie überlebt vier Stunden im eiskalten Wasser, während Ned, nachdem er einen Notruf funken konnte, ertrinkt. Pirio wird als Sensation gefeiert, als Heldin und Überlebende, was ihr gar nicht recht ist. Auch für die Navy und die Forschung ist sie ein Wunder und wird schon bald wissenschaftlich untersucht. Doch da sie nicht nur einen guten Freund verloren hat, sondern auch eine sehr traumatische Erfahrung erlitten hat, will sie bald wissen, was wirklich passiert ist. Zumal die Küstenpolizei die Suche nach dem fahrerflüchtigen Frachter schon bald aufgibt.

An Neds Trauerfeier lernt Pirio einen Mann kennen, der ihr einige seltsame Fragen stellt. Langsam begreift sie, dass mehr hinter dem Schiffsunglück steckt. Sie und ihre Freundin Thomasina, Mutter von Neds Sohn Noah, deren Patin sie ist, beschliessen, herauszufinden, was die wirkliche Ursache für Neds Tod ist. War das Unglück Absicht? Auch Pirios Vater, mit ihrer Mutter vor vielen Jahren aus Russland eingewandert, behauptet, dass Ned ermordet wurde. Pirios hartnäckige Suche löst einen Rattenschwanz von Ereignissen, Bewegungen und Erkenntnissen aus. Wozu auch einige neue Einsichten in das Leben ihrer vor vielen Jahren verstorbenen Mutter gehören.

Mehr verrate ich aber nun wirklich nicht, denn das Buch ist schlicht und einfach lesenswert. Nicht zuletzt, weil es die Autorin schafft, ihren Ökokrimi weder allzu zynisch noch wirklich moralisch zu schreiben. Ein absolut lesenswertes Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gepackt hat.