#flussnoten19 | Tag 7

29. Juni 2019

Der See blubbert leise neben uns. Es wird langsam hell und am Ufer gegenüber lassen sich die Berge ein gelbrosa Häubchen wachsen. Was für ein Erwachen! Die Welt tut als sei sie ein ganz und gar friedlicher Ort. Wir lassen uns gerne ein wenig täuschen, kochen Wasser, frühstücken ein wenig und packen, denn auch heute wollen wir wieder vor der großen Hitze loswandern.

Eigentlich wollte ich heute Morgen ja kurz schwimmen gehen, aber ich bin noch nicht genug aufgeheizt für den morgenkühlen See und belasse es darum bei einer erfrischenden Katzenwäsche.

So schaffen wir uns bergan, denn der Weg nach Bönigen führt oberhalb der Autobahn durch die Hügel. Am Anfang Wiesen, Höfe, Hüttchen, Wald. Schließlich eine Treppe, die ich Ar**sch**lochtreppe taufe, weil sie mich so richtig fertig macht. Aber so richtig. Es ist nicht die Steigung an sich, denn davon hatten wir schon viele. Aber diese Stufen hier? Echt jetzt, die muss sich Riese ausgedacht haben. Ich wandere tausendmal lieber über unebene Hügel und natürliche Wurzeln als über eine proportional derart unnatürliche Treppe wie diese hier. Sogar Irgendlink stöhnt. Aber irgendwann ist auch die längste Treppe geschafft. Wir gönnen uns eine längere Pause, bevor wir weiter wandern. Auf der übernächsten Pausenbank gibts Frühstück. Dort irgendwo haben wir die höchste Stelle erreicht und der Weg geht wieder langsam abwärts.

Als wir den See erreichen, eine Bank, eine Badestelle, geht es nicht lange und ich nehme mein erstes Bad des Tages. Es wird auch mein letztes sein, aber das weiß ich zum Glück noch nicht.

Kurz darauf erreichen wir Bönigen. Per App habe ich herausgefunden, dass wir mit dem Schiff nach Interlaken Ost fahren können. Eine Viertelstunde vor der Abfahrt treffen wir an der Schiffländte ein und kaufen uns für ein paar Kilometer wanderfrei. Hitzefrei. Nun ja, auch auf dem Schiff ist es heiß, aber hier bläst uns immerhin der Wind um die Ohren. Ich freue mich über diese Fahrt und darüber, dass wir so Interlaken um ein kleines Stück abkürzen können.

Im Gegensatz zu all den Touristinnen und Touristen von der ganzen Welt – insbesondere vom fernen und vom nahen Osten – verbinde ich mit der Gegend hier schwierige Erinnerungen. Neben dem Gewusel und der Hitze ein weiterer Grund, die Stadt baldmöglichst hinter uns zu lassen.

Doch zuerst müssen wir dringend einkaufen – morgen haben die Läden zu. Der Kellner eines Restaurants am Schiffssteg heißt uns den nahen Bahnhof zu unterqueren. Drüben sei ein großes Coop. Wir tun wie geheißen. Auf dem Bahnhofplatz pures Chaos, das von der Verkehrspolizei irgendwie geordnet wird. Wer wann wie über die Straße darf, wird recht willkürlich gehandhabt. Ein Fahrradfahrer will sich an der Polizistin vorbeimogeln, doch sie wirft sich ihm buchstäblich in den Weg, damit wir unbehelligt den Platz überqueren können. Ihr ‚Stopp heißt Stopp!, was ist daran so schwer zu verstehen?’ verfolgt uns noch lange.

Wir haben einen Coop-Gutschein in der Tasche und den zücken wir jetzt. Tagesmenü im Restaurant. Zack. Nachschub kaufen. Zack.

Bald haben wir genug vom Gewusel der Stadt und schaffen uns über das Bödeli, wie Interlaken hier genannt wird, nordwärts, um an das Nordufer des Thunersees gelangen zu können. Am Anfang wandern wir noch treudoof unserer Aare entlang, doch da uns dies so ohne Schatten schon bald zu heiß ist, beschließen wir, Richtung Friedhof Unterseen zu wandern. weil wir uns von einem Friedhof ein bisschen Schatten versprechen und vielleicht einen Brunnen. Bestimmt können wir uns dort ein wenig abkühlen.

Ja. Können wir. Doch wir stellen beim Blick auf die Karte immer wieder fest, dass wir für einmal keinen richtigen Streckenplan zur Hand haben. Es gibt zu viele Möglichkeiten. Außerdem haben wir von der Stadt längt genug, obwohl noch ein ganzes Stück vor uns liegt.

Beim nächsten Brunnen stillen wir einmal mehr unseren Durst, erfrischen uns und waschen Hände, Arme und Gesicht, denn das Wandergesetz Nr. 1 besagt, dass man jedem Brunnen Respekt erweisen soll, indem man von seinem Wasser trinkt.

Dass der Brunnen an einer Postautohaltestelle steht, ist Zufall. Noch ein größerer Zufall ist es, dass genau in jenem Moment, als ich gucken will, wo das Postauto hinfährt, eins anhält und der Fahrer uns die Türen öffnet. Innert einer Sekunde – ein kurzer Blickkontakt genügt – entscheiden wir uns, einzusteigen.

Habkern. Das bin ich doch früher schon mal gewesen. So ganz falsch kann das nicht sein?, sage ich, als wir uns gesetzt haben, wage aber erst, als wir oben angekommen sind, auf die Karte zu schauen. Mit uns steigen ein junges Trekking-Paar und eine junge Französin aus. Das Paar will auf einen Berg und dort biwacken, die junge Frau ein wenig wandern. Und wir? Fast sind wir soweit, dass wir uns in das nächste Postauto setzen wollen und zurück fahren. Wir sind nämlich in die falsche Richtung gefahren, ein ziemliches Stück ’rückwärts’. In Habkern sind wir zwar etwa fünfhundert Höhenmeter höher, aber wieder vor Interlaken und noch lange nicht daran vorbei. Da unten liegt es, das Bödeli.

Wir spazieren durchs geteerte Dorf und überlegen hin und her. So viele Wege, so viele Möglichkeiten. Eine Mountainbikeroute führt da oben nach Beatenberg-Waldegg, sagen die Wegweiser. Ah, und hier, schau!, sagt Irgendlink, entlang der Höhenlinie führt auch ein Wanderweg nach Beatenberg-Waldegg.

Wir entscheiden uns, auf jeden Fall ein Stück in den Wald hineinzuwandern, die Straßen zu verlassen, einen Lagerplatz zu suchen. An einem wilden Bach füllen wir sicherheitshalber alle Flaschen auf, damit wir auch ohne See-Bach-Brunnen den Abend, die Nacht und den Morgen überstehen. Wie gut, dass wir unsere übliche Dose Bier dabei haben.

Wir wandern eine Stunde durch den Wald und ich merke, dass ich so langsam an meine Grenzen komme. Der Tag war unglaublich abwechslungsreich, extrem heiß, super wanderintensiv und dazu voller Eindrücke und Erinnerungen. Ich bin schlicht und einfach kaputt. Fast haben wir den Platz erreicht, an welchem wir später unser Zelt aufbauen werden – was ich aber noch nicht weiß –, als ich glaube, keinen Schritt mehr gehen zu können. Von all den Höhenmetern einmal abgesehen, waren das heute sicher nahezu fünfzehn Kilometer, die wir gewandert sind. Dazu seit Interlaken wegen des Wochenend-Vorrats mit deutlich schwereren Rucksäcken als sonst.

Irgendlink schlägt vor, dass ich hier bleiben und auf ihn warten soll. Er werde voraus gehen und jenen Platz suchen, wo Wander- und Waldweg aufeinander stoßen. Auf der Karte sei dort eine etwas breitere Stelle eingezeichnet und er sei ziemlich sicher, dass wir dort lagern können. Ich schaue mir die Stelle auf dem Handy an und stelle fest, dass es bis dahin nur noch hundert Meter sind. Ein neuer Energieschub erfüllt mich und schließlich sind wir tatsächlich bald auf einem richtig guten Platz. Nicht wirklich hübsch, aber ideal. Die einzige Stelle, die breit genug für das Zelt ist.

Ein Wendeplatz, der vermutlich, wenn wir die Spuren richtig lesen, für Holzfällerarbeiten genutzt wird. Der ganze Boden ist voller Sägespäne. Wir bauen auch heute nur das Innenzelt auf, es ist trotz der 1100 Höhenmeter ziemlich warm. Die leichte abendliche Abkühlung tut gut. Wir kochen, essen Leckeres und schließlich setzen wir uns mit unseren Bechern und der Bierdose auf unsere ganz persönliche Logenplätze und sehen der Sonne dabei zu, wie sie mit ihrem Untergehen das Eiger-Mönch-Jungfrau-Massiv erglühen lässt.

Hehre Gefühle tauchen in mir auf. Demut ob der Größe der Berge. Ein bisschen fließen die Tränchen, denn es ist einfach so schön hier zu sein und ich bin froh über das zufällige Postauto.

Dieses Abendlicht. Dieses Alpenglühen. Und immer dieses wunderschöne alte Volkslied – Luegid vo Bärge is Tal –, das in meinem Herzen kreist.

Ich schlafe gut in dieser Nacht. Tief und fest, totmüde wie ich bin.

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#flussnoten19 | Tag 6

28. Juni 2019

Unser Nachtlager auf der Wiese ist ruhig, schattig und relativ kühl. Nicht zuletzt, weil wir nur – und hauptsächlich als Mückenschutz – das Innenzelt aufgebaut haben. Wir brechen nach einem winzigen Frühstück zeitig auf, um möglichst viel Morgenkühle zu erwischen. Es ist noch nicht mal sieben Uhr, als wir das erste happige Stück, jenes dem Bach entlang durch den Wald, geschafft haben und unsere langen Schatten fotografieren.

Brienz ist noch sehr ruhig, als wir es seitlich, möglichst nahe an Aare und See, durchqueren. Beim ersten Badesteg, den ich sehe, nicht weit von einer Komposttoilette entfernt, befriedige ich gleich zwei Bedürfnisse, jenes nach einer stinklangweiligen Sitzung zum einen und jenes nach einem erfrischenden Morgenbad zum anderen. Mein erstes Brienzerseebad seit Ewigkeiten!

Was die Weiterwanderung angeht, sind wir hin- und hergerissen. Der Wanderweg, der direkt am See entlang führt, ist am Anfang geteert und führt recht nahe an der Autostraße entlang. Die Alternative wäre ein kleiner Schlenker bergauf, am Südhand des Sees. Wir wägen ab. Der Weg ist zwar in der Wander-App eingezeichnet, nicht aber als eigentlicher Wanderweg ausgeschildert.

Wenn irgendwo ein bestehendes und funktionierendes Wegenetz besteht, wozu soll ich denn auf die Karte gucken?, ist Irgendlinks Devise. Ich mache einfach, was die gelbe Pfeile mir sagen. So wäre er vermutlich, ohne meine Intervention, einfach dem Wanderweg Richtung Iseltwald gefolgt. Bei solchen Gelegenheiten, stelle ich fest, wie unterschiedlich Irgendlink und ich durch die Welt gehen. Was natürlich mit Gewohnheiten zu tun hat, mit Erfahrungen, mit Denkmustern.

Kartenausschnitt des Wegstücks am Hang
Kartenausschnitt des Wegstücks am Hang

Quelle: openstreetmap.ch

Ich habe aber keine Lust, einer weiteren doofen Teerstraße entlang zu laufen und bin dafür gerne bereit ein Stück aufwärts zu wandern. So schlage ich ein Stück auf dem Bergweg Richtung Axalp vor. Meine Methode besteht nämlich darin, dass ich vorher gucke, wo es die waldigsten Wanderwege hat. Meistens geht die Gleichung auf, denn im Wald hat es in der Regel keine Teerstraßen. Kurz gesagt personalisiere ich mir den Wegverlauf zurecht, passe ihn meinen Bedürfnissen an – egal, ob es da nun Wanderwegtafeln hat oder nicht. Das kann gelingen oder in die Hose gehen. (Meistens gelingt es, denn ein bisschen Kartenlesekunst habe ich mir in all den Jahren angeeignet.)

Als wir bei zunehmender Hitze etwa einen Kilometer sehr steil durch den Wald bergauf kraxeln, kommen mir natürlich trotzdem immer mal wieder kleine Zweifel. Vielleicht wäre es ja unten gar nicht so schlimm gewesen? Vielleicht wäre der Berufsverkehr nicht gar so laut gewesen wie wir befürchtet haben? Aber als wir an einer kleinen Wegkreuzung, die ich schon im Voraus als höchsten Punkt markiert habe, anlangen und ausgiebig frühstücken, ist schnell alles wieder gut. Es ist genau so genau richtig. Immer wieder gibt es diese Momente, gerade nach sehr steilen Stücken, nach sehr anstrengenden Etappen, wo wir nach der Mühe einfach nur Glück atmen. Und uns ausruhen. Trinken. Etwas essen. Kraft sammeln.

Auch was die Giessbachfälle betrifft, ist unser kleiner Umweg Richtung Axalp eine weise Entscheidung gewesen, denn wir treffen genau am spektakulärsten Platz auf den gigantischen Wasserfall. Was für ein Naturereignis! Wie damals, als Neunjährige, bin ich hin und weg von der Schönheit und Kraft des Wasserfalls. Es steigen Erinnerungen an meine allerersten Ferien hoch. Ich war neun Jahre alt gewesen, damals, als mein großer Bruder und seine Partnerin die drei kleinen Geschwister ins Auto verfrachtet hatten und mit ihnen ein paar Tage an den Brienzersee zum Zelten gefahren waren. So viele neue Erfahrungen waren das für mich gewesen: Ferien. Zelten. Seebaden. Ausflüge machen. Die Giessbachfälle. Erlebnisse, die sich unauslöschlich in mein Herz geprägt haben!

Von den Giessbachfällen aus gibt es einen sehr gut gehbaren Wanderweg abwärts zum See und von da an ist der Seewanderweg bis Bönigen durchgängig gut zu gehen, will heißen: fast ohne Teer.

Zurück am See finden wir schon bald einen herzigen Badeplatz. Wir sind bereits wieder reif für das nächste Bad, denn erneut ist es über dreißig Grad heiß. Auch die diversen Insekten mögen diesen Platz ganz offensichtlich. Irgendlink wird von Käfern heimgesucht, ich von Schmetterlingen.

Wir wandern weiter und kehren schließlich im Strandbad Iseltwald ein. Die Badi sieht noch genau aus wie damals!, sage ich, wie damals, als ich das erste Mal in einem richtigen See geschwommen bin. Wir essen Pommes, trinken etwas Erfrischendes und überlegen, ob wir auf dem Zeltplatz einchecken sollen. Der Preis ist allerdings eher an der Schmerzgrenze und es ist ja auch erst Nachmittag, also noch früh. So entscheiden wir uns dafür, weiterzuwandern. Durch den Ort Iseltwald, der viel größer ist, als ich ihn in Erinnerung hatte. Wir kaufen ein paar Kleinigkeiten ein – die traditionelle Dose Bier zum Beispiel, die wir uns später genüßlich teilen – und wandern, den Ort und sein Gewusel wieder verlassend, weiter westwärts.

Es könnte schwierig werden, einen Nachtplatz zu finden, stellen wir fest, als wir sehen, dass der Wanderweg durch lose bewohntes Gebiet führt. Rauf, runter, mal waldig und seenah, mal hügeliges Wiesenland …

Irgendlink entdeckt einen kleinen Weg, dem wir direkt abwärts zum See folgen. Ein hübscher Platz. Hier könnte man sicher biwacken, überlegen wir. Zum Platz gehört ein Bootparkplatz, der leer ist. Vielleicht könnten wir die Leute, denen der Platz gehört, fragen, ob wir hier lagern dürfen?, überlegen wir.

Wir genießen den Schatten, dösen ein wenig und erfrischen uns im See, als schließlich das zum Bootplatz gehörige Ruderboot auftaucht. Ein älteres Paar steigt aus. Wir plaudern ein wenig und erfahren, dass es bestimmt kein Problem wäre, hier zu biwacken. Der Platz gehöre zum Haus – da oben –, sie hätten nur die Anlegestelle gemietet, im Haus wohne allerdings zurzeit niemand. Ein Stück weiter sei übrigens ein sehr schöner, öffentlicher Grillplatz, welcher ein bisschen größer und gemütlicher sei als dieser kleine Platz hier.

Wir bedanken uns und überlegen hin und her … Das Risiko bei einem öffentlichen Platz besteht darin, dass vielleicht schon jemand dort ist. Oder noch jemand kommt. Dass ein Camp-Verbot besteht. Dass sich jemand beschwert. Dass sich jemand von uns gestört fühlt.

Wir beschließen, das Risiko zu wagen. Schlimmstenfalls ist der Platz besetzt oder es hat ein Zeltverbot, dann müssen wir halt weiter, sagen wir uns und ziehen die Rucksäcke wieder an.

Wenig später finden wir einen idealen, menschenleeren Grillplatz und beschließen einfach mal abzuwarten, besonders was den Bau unseres Lagers betrifft, falls noch jemand kommen sollte. Es gemütlich anzugehen. Baden. Kleiderwaschen. Kochen und Essen.

Auf dem See wird es langsam ruhiger und die Lichter am anderen Ufer und drüben, in Iseltwald, gehen an. Später schwimmt noch das ältere Paar in der Nähe vorbei und winkt uns zu. Ansonsten werden wir – von den Mückis einmal abgesehen – in Ruhe gelassen. Dank Mückenspray ist das jedoch erträglich.

Wir schlafen unter freiem Himmel, da zum einen der Boden für die Heringe fast zu hart und zu trocken ist und zum anderen: Wozu ein Zelt aufbauen, wo doch der Himmel über uns so wunderbar funkelt?

Mitten in der Nacht, als ich kurz aufwache und mal schnell die Sterne nachzähle, stelle ich fest, dass der See fast keine Geräusche mehr macht. Als ob auch er schlafen würde.

Bilder von Tag 6

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#flussnoten19 | Tag 5

(Mein schöner Plan, hier täglich ein bisschen mehr von unserer Flussnoten-Fernwanderung zu erzählen, geht nicht ganz auf. Habt Geduld, die Etappenberichte chömmed eifach nadisna, wie man bei uns in der Schweiz so schön sagt.)

27. Juni 2019

Von unserem Nachtlager nicht weit vom Aareschlucht-Eingang wandern wir am fünften Morgen in die kleine Stadt Meiringen hinein, wo wir unsere Vorräte aufstocken.

Im Migroscafé unterhalten wir uns ein wenig mit Einheimischen und stärken uns mit Heißgetränken und Mini-Ragusa [wie nennt man die eigentlich im Plural: Ragusae? Ragusas? Raguse?], bevor wir uns wieder hinaus in die Hitze aufmachen. Heiß ist es nicht zuletzt darum, weil es kaum Bäume und andere Schattenplätze auf dem Weg nach Brienz gibt. Außerdem läuft unser Wanderweg oft gleichzeitig als lokaler Fahrradweg und ist darum größtenteils geteert. Hot, very hot. Nein, es ist nicht wirklich so toll, hier zu wandern, und ich sage eins ums andere Mal, dass das Land unbedingt mehr Bäume braucht. Hier. Und überhaupt. Es braucht unbedingt überall mehr Bäume!, jammere ich. Na ja, nicht nur aus umweltpolitischen und altruistischen Gründen, ich gestehe es.

Als auf einmal fatamorganesk ein Brunnen* vor uns auftaucht, dauert es keine Minute bis Irgendlink nackt darin sitzt. Ich wasche mir die Haare, kühle mich ab, wasche mich, erfrische mich.

Die Erfrischung hält eine Weile, doch schon nach wenigen Kilometern ist es uns bereits wieder viel zu heiß. Noch eine Fata Morgana?, denke ich, als schließlich ein kleiner Baggersee auftaucht. Ein paradiesisch anmutendes Naturschutzgebiet, das wir fast verpassen, weil der offizielle Wanderweg drumherum führt.

Erneut baden wir. Es ist eh Zeit für eine längere Siesta und ein ausgiebiges Picknick. Das hier ist einer dieser Tage, an denen man nicht genug Pausen machen und baden kann.

Später hopsen wir von Schatten zu Schatten und von Bänklein zu Bänklein weiter Richtung Brienzwiler. Wir stranden in einem kleinen Weiler, wo uns der Mitarbeiter eines Kraftwerks nicht nur Wegvarianten nach Brienz erklärt, sondern uns auch gleich noch mit frischen Wasservorräten ausstattet.

Der Wanderwege sind tatsächlich viele. Die meisten allerdings eher geteert als wirklich schön wanderbar, weshalb wir überlegen, allenfalls bei Brienzwiler den Weg durch das Freililchtmusuem Ballenberg auszuprobieren. Immerhin ein richtig schöner Wanderweg mit Wald drumrum. Was uns abschreckt, ist, dass es zum Eingang ziemlich bergan geht und dass wir uns den Eintritt ins Museum nicht leisten können und wollen. Das Museum und damit die Häuser seien über Nacht geschlossen, hatte uns aber unserer Wasser-Engel erzählt, darum sei das Gelände nachts frei zugänglich.

Herz, was willst du mehr? Ich lotse uns bergauf zum Eingang des Geländes. Irgendlink ist skeptisch. Tickt die Schweiz wirklich so? Lassen die uns rein? Ja. Ja, wir dürfen, ohne Eintritt zahlen zu müssen, durch das Gelände wandern. Wir sind pünktlich und die Kassiererin wartet extra, bis wir unser Eis geleckt haben, um uns die Drehtür zu öffnen.

Hurra, wir sind drin! Lange her, seit ich das letzte Mal hier war. Einer der wenigen Ausflüge, die wir als Kinder mit den Eltern gemacht haben? Oder war es eine Schulreise? Und war es damals schon so riesig, dieses Gelände, auf welchem alte Original-Häuser aus der ganzen Schweiz aufgebaut wurden, um die Vielseitigkeit des Landes sichtbar zu machen?

Wir sind beide sehr beeindruckt. Auch von den vielen Rastplätzen, die zum Innehalten einladen. Ob wir hier campieren könnten? Das lassen wir schließlich, denn immerhin ist das Gelände Naturschutzgebiet.

Wo wir wohl hinter Ballenberg unser Nachtlager aufschlagen könnten? Die Gegend ist hier schon viel dichter besiedelt als an den ersten Wandertagen. Viel Land ist zudem Weideland und da können wir nicht einfach so wild zelten. Auf der Karte sehen wir einen Bach, nicht weit entfernt Häuser. Da dürfen wir bestimmt campieren!, überlegen wir.

Leider ist auf der Karte alles ein bisschen einfacher und anders als in Wirklichkeit. Tatsächlich ist der Bach schwer zugänglich, beidseitig von Gebüsch zugewachsen, das Gelände steil und die Wege sind schmal. Und außerdem sind wir auch noch auf der falschen Bachseite, stellen wir fest, als wir auf einer Wiese stranden und der Weg einfach aufhört.

So langsam werde ich ungeduldig. Es ist heiß. Ich habe Hunger. Ich bin müde. Wir parken die Rucksäcke auf einer Wiese und während Irgendlink nach einem besseren Platz sucht, finde ich mit Karten- und Telefonbuch-Apps die Telefonnummern der diesem Platz am nächsten wohnenden Menschen heraus. Ich nehme meinen ganzen Mut – unterfüttert von Tagesmüdigkeit und Hunger – zusammen und rufe eine der gefundenen Nummern an. Ich habe Glück. Die Frau am anderen Ende, jenseits des Baches, hat uns vorhin sogar vorbeiwandern sehen und meint, dass dort, wo wir jetzt seien, der bestmögliche Platz zum Lagern sei. Da dürften wir zelten. Eine Nacht sei kein Problem. Aber einfach nichts liegen lassen. Natürlich nicht, sage ich. Und: Danke!

Das Beste aber ist: Wir dachten, das hier sei eine Sackgasse und wir müssten einen großen Bogen zurück gehen, um auf die Straße zurückzukommen. Ist es aber nicht. Der Weg geht hier weiter. Ein sehr schmaler Weg sei es allerdings, rutschig, nicht ganz ungefährlich. Wenn man ihm folge, komme man direkt runter nach Brienz.

Ich freue mich sehr. Dass ich mich anzurufen getraut habe. Dass wir hochoffiziell hier bleiben können. Dass der Weg weiterführt. Dort, wo er vermeintlich aufhört, geht es in dichten Wald hinein und nach zehn oder zwanzig Metern direkt zum Bach. Eine Badestelle ist schnell gefunden und einmal mehr staune ich, wie schnell sich das Blatt nach einem erfrischenden Bad wendet.

Den Wassersack, am Bach gefüllt, hängen wir an eine Art Dreifuß, den wir aus den Wanderstöcken und einem dritten Stecken basteln. So können wir uns Koch-, Wasch- und Abwaschwasser holen, ohne jedes Mal zum Bach hinunterklettern zu müssen.

Was für ein farbiger, anstrengender, heißer Tag! Wir lassen ihn gemütlich ausklingen.

Bilder von Tag 5

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Kartenlink Tag 5


*den Brunnen hatte ich übrigens versehentlich schon am vierten Tag erwähnt, doch unsere Bilder belegen, dass er erst am 5. Tag auftauchte. So viel also zu Fata Morganas.

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#flussnoten19 | Tag 4

26. Juni 2019

Was für ein schönes Schlafen unterm Sternenhimmel und was für ein angenehmes Erwachen im Bachbett! Da bekommt doch der Begriff Himmelbett gleich eine neue Bedeutung.

So langsam bin ich im Wanderleben, im Unterwegsmodus, angekommen. Diesmal habe ich eine ganze Weile gebraucht, mich aus dem Sorgenmachen-Alltagsmodus herauszuschälen, aus diesem Immer-etwas-Tun des Alltagslebens. Diese Lange-Weile hat mich die ersten Tage geradezu nervös gemacht. Da war auf einmal so viel Raum, so viel Leerraum, so viel Nichts und so viel Zeit, die ich mit meiner puren Anwesenheit füllen konnte. Fast hatte es mich überfordert, fast hätte ich gerne meine Nase in ein Buch gesteckt und mich mit Geschichten abgelenkt. Doch genau das will ich auf solchen Wanderungen ganz bewusst nicht. Ich will einfach sein, mich aufs Gegenwärtige einlassen. Auch diese Umstellung braucht Zeit. Hier, im Flussbett liegend, wird mir klar, wie wertvoll diese Möglichkeit und Gelegenheit ist.

Nach einem kleinen Frühstück packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg. Die Morgenkühle will genutzt werden, denn schon bald wird es wieder heiß, sehr heiß. Nachdem wir den Weiler Boden durchquert haben, entscheiden wir uns für den schmalen Säumerpfad nach Innertkirchen. Ein toller Wanderweg, einer von denen, die ich besonders gerne wandere. Rauf und runter, mal steinig, mal Wiese … nur leider ohne jegliche Sitzgelegenheiten unterwegs. Kurzerhand bauen wir uns vor Innertkirchen selbst eine Bank aus Brettern und Stangen, die herumliegen.

Bis nach Innertkirchen zieht sich ein Stück unbewaldeter Weg. Die Hitze macht uns zu schaffen. Bei jedem kleinen Schattenfleck ruhen wir uns aus, trinken Wasser. Ich ziehe Socken und Schuhe aus und lasse mich trocknen. Verdunsten viel eher, denn als wir uns einmal auf den schattigen Boden vor einem Haus gesetzt haben, hinterlassen wir beim Aufstehen zwei Wasserlachen.

Minimal abgekühlt, aber bald schon wieder so verschwitzt wie zuvor, erreichen wir schließlich den Friedhof Innertkirchen, wo wir unsere Wasserflaschen am Brunnen auffüllen und uns unter einem großen, Schatten spendenden Baum erholen. Die Überwindung, dieses kleine Idyll wieder zu verlassen und im nahen Laden einzukaufen, ist groß. Wir schaffen es dann doch irgendwann. Und wir schaffen es sogar durchs Dorf, der inzwischen begradigten Aare entlang Richtung Aareschlucht, zu wandern. Schon wieder ohne Schatten. Schon wieder sind wir reif für ein Bad. Schließlich finden wir ein paar Felsen, auf denen wir es uns bequem machen, allerdings nur kurz, denn hier hat es viele Bremsen.

Später, in der Aareschlucht, wird es kühl sein, ermutigen wir uns, doch bis zum Eingang müssen wir eine steile Treppe ersteigen. Auf die vielen Touristinnen und Touristen, die das gleiche Tagesziel wie wir haben, bin ich nicht gefasst. Soo viele! Dass die Aareschluch so ein Musst-du-gesehen-haben-Event ist und sogar Eintritt kostet, macht mich ein wenig mürrisch. Ich hatte an die Rheinschlucht gedacht. Die ist einfach. Die kann man einfach so anschauen. Natur eben.

Nun denn, hier waren wir also, und wir mussten auf die andere Seite. Also mittendurch. Auf Holzstegen und durch höhlenartige Gänge. Immerhin schön kühl war es. Und ja, sehr beeindruckend war es auch. Dennoch fühlte ich mich nicht so richtig wohl. Zu viele Menschen. Ich tue mich ja immer ein wenig schwer damit, wenn Natur derart vermarktet wird. Andererseits müssen diese Wege ja auch unterhalten werden.

Auf der anderen Seite angelangt, hängen wir sehr lange müde vor dem Gebäude auf dem Grill- und Spielplatz herum und studieren die Karten. Wo man hier wohl wild zelten könnte? Das Gebiet hier ist, je näher wir dem Brienzersee kommen, desto dichter besiedelt. Zwischen hier und Meiringen kaum freies Land. Und allzuweit wandern mögen wir auch nicht mehr.

Nachdem die Schlucht für diesen Tag geschlossen ist, lassen wir uns schließlich an einer der Grillstellen nieder, die zwischen Aareschlucht und nächster Siedlung in einem kleinen Wald direkt an der Aare angelegt wurden.

Irgendlink füllt den Wassersack in der Aare und hängt ihn in einen der Bäume. Später, als es ruhig und schon fast dunkel ist, gönnen wir uns eine erfrischende Dusche. Das muss so, genauso, nach einem dieser Tage, die sich am besten im und am Wasser überleben lassen.

Bilder von Tag 4

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