In einem Zug zu lesen #14 – Manitoba von Linus Reichlin

Endlich habe ich Reichlins neuestes Buch, Manitoba, gelesen.

Das Buch löst Sehnsucht aus, Sehnsucht nach Wurzeln und nach Ursprüngen einerseits, andererseits aber vor allem nach Ursprünglichkeit, nach mehr Natürlichkeit und mehr Zusammenhang.

Einer sehr gute Buchbesprechung – inkl. Plot/Spoiler – findet sich hier (KLICK). Trotz des Spoilers lohnt es sich auf jeden Fall, Manitoba selbst zu lesen.

Reichlin wechselt fließend die Ebenen legt Ge-Schichten auf Ge-Schichten, die mehr sind und tiefer reichen als der erste Blick offenbart. Was vordergründig wie ein Roadmovie anmutet – alternder, mittelmäßiger Autor auf der Suche nach seinen indigenen Wurzeln im den Weiten der USA – wird nach und nach zu einer ernüchternden Bilanz. Heimat und Heimatlosigkeit liegen näher beeinander als wir denken, schlussfolgere ich mehr als einmal. Rückblicke rücken auf einmal in ein anderes Licht und auch die Wahrheit ist – oder spielt – ver-rückt.

Je mehr sich Max, der Protagonist, in die Geschichten aus dem Tagebuch seiner Urgroßmutter vertieft und mit seinen eigenen Recherchen über das Leben der amerikanischen Urbevölkerung Ende des neunzehnten Jahrhunderts verwebt, desto mehr identifiziert er sich mit seinem Urgroßvater, einem Krieger aus dem Volk der Arapahoe. Er denkt über die Folgen von Einwanderung und Kolonialisierung nach. Über Bräuche, über Kulturen und darüber, ob es sich denn wirklich gelohnt hat, damals, die Indianer zu vertreiben. Wo diese früher in ihren Tipis gelebt haben, steht jetzt ein Burger King und die Menschen hier langweilen zu Tode. Wozu?

Was heute ist, wird in ein paar hundert Jahren, in ein paar tausend Jahren nicht existiert haben. Reichlins existenzphilosophischen Gedanken, die er Max denken lässt, gehen unter die Haut und letztlich bleibt die Frage, was wir alle hier eigentlich verloren haben.

Dazu passt jener kleine Filmausschnitt, den ich gestern irgendwo im Netz gesehen habe, auch aus den USA. Der letzte Schrei: Freiluftyoga mit jungen Ziegen, die zum Beispiel den Yogini über den Rücken laufen – damit die Menschen wieder einmal berührt werden, wieder mit Natur in Berührung kommen, wenigstens in Form von Tieren. So sehr ich Ziegen mag, und Tiere eh, so sehr missfällt mir, dass Tiere zu Dingen, zu Spielzeugen degradiert werden (wobei ich zum Beispiel die Aufgabe von Therapie- oder auch Blindenhunde sehr sinnvoll finde). Aber die Aussage ist unüberhörbar: Der Mensch ist Natur und will sich mit ihr verbinden. Der Dauerstress ist unmenschlich, wir brauchen Entspannung, wir brauchen Natur, wir brauchen Zusammenhänge.

Aber wir haben uns von klein auf daran gewöhnt, in einer immer künstlicheren Welt zu leben, die uns vor den Unbilden der Natur schützt. In der Wildnis, in welche sich Max für eine kurze Zeit zurückzieht, könnten die wenigsten von uns länger als ein paar Tage überleben.

Mit Reichlin frage ich mich, ob diese Entfernung von unseren Wurzeln wirklich das Ziel von Evolution sein kann. Und nein, ich glaube nicht, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist.

Dazu dieses kleine Schlusspünktchen hier:

»Das ist natürlich Ironie und Sarkasmus, aber je länger man darüber nachdenkt, desto weniger dann doch nicht. Wie viele hunderttausende, millionen Jahre Evolution, Kultur und Zivilisation waren eigentlich notwendig, um bei einem so abstrakten Konzept wie Postleitzahlen anzukommen und wie konnte das nur alles so geschehen? Ist das purer Zufall oder lief notwendigerweise alles auf Postleitzahlen hinaus? Wenn wir die Geschichte hunderttausend Jahre zurückdrehen und neu ablaufen lassen würden, würde die Menschheit wieder bei Postleitzahlen landen? Bei Post überhaupt? Oder würde irgendwas komplett anderes passieren?«

Quelle: Schöne Tweets, die man lesen sollte (I) von @noemata auf Der Lampiongarten

So viele andere

Nicht nur für mich selbst bin ich viele, wie Pessoa* es seinerzeit so schön formuliert hat. Ich bin auch für alle anderen immer wieder eine andere. Und das nicht nur, weil ich mich A gegenüber anders verhalten als gegenüber B. Nein, auch darum, weil A mich anders sieht als B. Weil A eine andere Perspektive auf mich und das Leben hat als B, weil A bisher andere Erfahrungen gesammelt hat als B.

Bin ich so viele andere?

Oder bin ich einfach nur ein kleines bisschen mehr als die Summe all dieser vielen einzelnen Teile, die ich und die all die anderen von mir sehen, kennen, von mir zu sehen und zu kennen glauben, und aus denen sie und ich aufs Ganze schließen.

Wir glauben zu verstehen. Aber ist verstehen nicht viel größer und viel unmöglicher als wir denken?

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Manchmal sehe ich in anderen Menschen, die ich zu sehen und zu kennen glaube, Dinge – Talente, Kräfte, Potential –, die sie selbst nicht sehen können. Und manchmal sehen andere in mir solche Dinge, für die ich selbst blind bin.

Was also ist wahr? Was können wir wirklich sehen, in anderen, in uns? Da ist mehr Unbekanntes als Bekanntes, sagen die PsychologInnen über die Persönlichkeit von Menschen.

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Innen und außen – wie kongruent sind sie? Bei mir? Bei dir?


* »Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermass an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.«
aus: Fernando Pessoa, “Livro do Desassossego”, Aufzeichnung vom 20.12.1932

Grenzenlos

Manchmal frage ich mich ja schon, wie das mit den Hühnern, den Eiern und den Menschen wirklich ist. Also wirklich, meine ich. Und ob da zuerst der unzufriedene Mensch war, der seine Gehässigkeiten in die Welt hinauswirft oder ob es vorher, zuallererst, dafür noch einen Grund braucht. Einen, der die folgenden Gehässigkeiten halbwegs nachvollziehbar macht. Und ich frage mich auch, wer für diesen Grund verantwortlich ist. Und wer wir sind, wir Menschen, dass wir uns alles erlauben. Dass wir uns alles erlaubt haben. (Ist ja nichts ganz neues.) Alles möglich gemacht, haben wir uns; alles, das möglich ist. Und ob das für uns eher gut ist oder ob es schlussendlich eher zerstörerisch wirkt. Dass wir alles können, heißt ja nicht, dass wir alles tun müssen, was wir könnten. (Na ja, fast alles.) Aber Fakt ist, dass alles möglich ist. In der Kunst ebenso wie im Alltagsleben. (Na ja, fast alles.)

Ist es, weil wir keine Definitionen mehr kennen, weil wir den Definitionen ihre Gültigkeit verboten haben, ihnen ihre Inhalte genommen haben?

Und wann eigentlich sind wir Menschen so krass extrem geworden? Hängt es damit zusammen, dass wir immer mehr Halbwissen und immer weniger wirkliches Wissen mehr haben?

Und weil wir nichts mehr wirklich wissen – wie auch, wo wir doch viel zu viele Quellen haben, um noch zu wissen, zu sehen, zu erkennen, zu schmecken, welche von ihnen gutes Wasser hat und welches Wasser uns schaden wird – trauen wir allem und niemandem mehr. Und selbst wenn jemand gründlich recherchiert (ja, das gibt es noch immer in dieser postfaktischen Zeit), ist der Wahrheitsgehalt letztendlich Vertrauenssache. In einer misstrauischen, sarkastisch-zynischen Welt.

Wer sagt, was geschrieben und gedruckt wird? Und wer, was verschwiegen wird und warum?

Wir leben zwar in einer (fast resp. theoretisch) zensurfreien Welt, hier im Westen, aber auch Selektion ist eine Form von Zensur.

Ob sie einer der Gründe für die heute fast alltäglich gewordenen Gehässigkeiten ist?

(Ach und gerade frage ich mich, sehr un|zeitgeistig allerdings, ob Grenzen wirklich so schlimm sind.)