Notizen am Rande #4

Früher war das Internet – die Blogosphäre insbesondere, und ja, auch Twitter – eine Spielwiese; wie Frisbees flogen unter den Blog- und Twitterparkbäumen Texte und wohlwollende Kommentare durch die Luft das Netz, man begleitete sich gegenseitig , man besuchte sich, diskutierte miteinander, hatte Spaß.

Und nein, das wird jetzt kein ’Früher war alles besser’-Text. Denn das stimmt so nicht. Früher war es nicht besser, früher war es anders. Der Kontext ist schwieriger geworden, der Wind rauher und die Temperatur ist gestiegen. Die Welt hat Fieber. Wir sind immer mehr geworden, wir sind so viele geworden. Unüberschaubar viele. Dieses Wachstum hat uns maßlos werden lassen, hat unseren Glauben an Grenzen und Gebote getilgt und uns respektlos zu sein ermöglicht. Wir sind ein unorganischer Dreckhaufen geworden.

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’Einisch im Jahr’, so sang Hanery Ammann auf seiner schon bald zwanzig Jahre alten Solo-Platte Solitaire, exakt einmal im Jahr durften die Mönche im Kloster, hoch oben im Himalaya, etwas sagen. Genau einmal im Jahr hatten sie die großartige Gelegenheit, zu sagen, was sie dachten, fühlten, sahen, erlebten. Und das taten sie auch. Einmal im Jahr kritisierten oder lobten sie dann auch den Brei, der ihnen tagtäglich vorgesetzt wurde.

Warum bloß schwirrt mir zurzeit dieser Song mit dieser seiner bizarren Metapher immer mal wieder durch den Kopf?

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Ich denke, dass die meisten von uns sich – trotz allmöglicher Selbstzweifel – unter dem Strich doch eher als guten denn als bösen Menschen denken. Ich jedenfalls denke mich als ’nicht in der Lage, schreckliche Dinge zu tun’.

Ziemlich sicher hocken jedoch all die schrecklichen Dinge ebenso in mir wie die guten. (Und in dir und in dir.) Bestimmt hockt das Glück neben der Scheiße und das Gut neben dem Böse.

Ist Glück in uns drin angelegt oder besucht es uns eher von außerhalb? Ist Glück etwas Seiendes oder etwas Geschehendes?

[Notiert, nachdem ich das Buch ’Der dunkle Garten’ (2019) von Tana French fertiggelesen hatte.]

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Heute hat fast alles einen politischen Subtext, ein politisches Vorzeichen. Alles, was wir tun und sagen und machen, ist eine Aussage. Steht in einem Zusammenhang zu. Ist Teil von. Daran lässt sich nichts ändern. Eine Nicht-Aussage, eine Nicht-Haltung gibt es nicht, denn mit allem, was wir tun-sagen-denken, bewirken wir etwas.

Und ja, das war früher auch schon so. Das war immer so. Darin ist sich der Mensch gleichgeblieben. Geändert hat sich nur die Menge an freischwirrenden Gedanken; sie ist mitgewachsen.

Die größte Herausforderung unserer Zeit scheint mir, mit dieser unübersichtlichen Masse umgehen zu lernen. Mit der Masse an Mitmenschen. Mit der Masse an Meinungen. Mit der Masse an Befindlichkeiten. Mit der Masse an Kaputtheit. Mit der Masse an Dreck, den wir hinterlassen.

Alledem etwas Lebensbejahendes entgegenzuhalten ist die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.

Notizen am Rande #3

Ich finde es wertvoll, dass wir Menschen die immer wieder gleichen Erkenntnisse, Wahrheiten und Weisheiten in immer wieder von Mensch zu Mensch andere Bilder packen, um uns ihrer Essenz anzunähern und sie zu verstehen versuchen.
Vielleicht entstand aus dieser Fähigkeit die Literatur. Und die Philosophie. Und die Wissenschaft.

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Ja, natürlich, es sind vor allem die Großen, die in Sachen Klimakatastrophe tätig werden müssten, ja, die sich regelrecht einen Wettkampf in Sachen C02-Reduktion liefern sollten. Doch dort stehen leider noch immer andere kurzfristige Interessen im Vordergrund.

Umdenken geht uns aber alle etwas an, es ist etwas, das wir alle können – nicht nur Schüler*innen, Eltern und Wissenschaftler*innen. Es ist unser aller Zukunft und unabhängig davon, dass ich persönlich eher ein pessimistisches Zukunftsbild hege, möchte ich es dennoch nicht unterlassen, meinen Teil dazu beizutragen, den CO2-Ausstoß möglichst gering zu halten.

Ich fange dort an, wo ich es kann. Umweltschutz durch Vermeiden von Müll zum Beispiel oder Umweltschutz durch Benutzen von möglichst natürlichen und schadstofffreien Produkten. Und natürlich auch durch möglichst bewussten und möglichst wenig Konsum.

Spüli, Waschmittel, Putzmittel und Pflegeprodukte selbst herstellen ist einfacher als du denkst – mit Efeu aus dem Wald oder mit Zitronenschalen zum Beispiel.* Oder dann an Orten einkaufen, die nachhaltig handeln.

Nachhaltigkeit. Puh, ein großes Wort. Eins aber auch, das – ähnlich wie der Begriff Bio – droht, überstrapaziert und damit verwässert zu werden, seine Schärfe zu verlieren. Nichtsdestotrotz können wir versuche, dem was wir tun, mehr langfristigen Wert zu verleihen

Ja, natürlich, was ich als Einzelne tue, ist immer nur ein winziges Tröpfchen auf einen riesigen heißglühenden Stein. Aber wir wissen ja alle, dass noch jeder Regen mit einem kleinen Tröpfchen angefangen hat. Wenn wir also immer mehr sind, immer mehr werden, die bewusster leben, können wir etwas verändern. Hoffentlich.

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Wenn ich die Festplattenordnung meines Rechners anschaue, ist das wie ein Blick in mein Hirn. Eine Ordnerstruktur, die ich völlig logisch finde. Andere müssten sich erst einarbeiten. Ja, da gibt es manche Parallelen zwischen Hirn und PC. Dennoch ist der PC weit weniger komplex als mein Hirn.
Zuweilen wünsche ich mir beinahe, dass ich im Hirn auch so einfach aufräumen könnte.

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Zugegeben, die Umstellung vom gekauften Spülmittel meiner Biomarke auf mein selbstgemachtes war nicht ganz einfach. Mir fehlte vor allem der mit Frische verknüpfte Duft. Natürlich, ich könnte meinen Mitteln ätherische Öle zusetzen, doch wozu eigentlich? Frische Düfte sind in Sachen Sauberkeit ziemliche Verarsche. Frische Düfte sind in unserem Erfahrungsschatz mit Sauberkeit verknüpft, dabei sind die meisten Düfte synthetisch und tragen schon deshalb nicht zu Sauberkeit bei. Eher belasten sie das Abwasser.

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Ich fühle die Gedanken, die ich denke, ich fühle mein Gedachtes.
Und umgekehrt denke ich meine Gefühle. Nahtlos sind die Übergänge.
Trennen kann ich die beiden Bereiche nicht, so es überhaupt zwei sind.

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In der aktuellen ’Ökologie als Lifestyle’-Diskussion stört mich, dass immer mal wieder die Rede von Ersatz ist. Dieses Produkt hier ersetzt Fleisch, jenes Produkt ersetzt Haushaltfolie, Plastik, Kunststoff …

Mich macht das stutzig. Warum Ersatz? Wer braucht schon diesen ganzen Kunststoff wirklich? Oder Fleisch? Dafür brauche ich wirklich keinen Ersatz. Es gibt so viele wunderbare, köstliche Dinge, die meinen Bedarf an all den lebenswichtigen Dingen decken – Genuss inklusive.

Oke, bei Haushaltfolie sieht es ein wenig anders aus, manchmal ist sie einfach toll. Aber oft geht es ohne. Darum habe ich mir Bienenwachstücher selbst gebügelt.

Zurück zum Stolperbegriff ’Ersatz für’. Setzt diese Formulierung denn nicht gesellschaftlich verankerte Gewohnheiten und Muster voraus? Die gilt es heute zu überdenken. Welche Dinge, welche Produkte brauche ich wirklich? Welche benutze ich ohne über ihre Notwendigkeit nachzudenken?

Nein, mir geht es nicht darum, mir oder uns allen wegen unserer Nutzgewohnheiten ein schlechtes Gewissen einzureden. Eher darum, mir meine einmal näher anzuschauen. Und dich zu ermutigen, es mit deinen auch zu wagen.

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Du und ich können die gleichen Krankheitssymptome haben. Aber ob es die gleiche Krankheit ist, wissen wir oberflächlich betrachtet nicht. Und selbst nach einer genauen Diagnose ist es nicht gesagt, ob die Behandlung, die wir brauchen, für beide gleich ist noch ob sie bei dir und mir gleich wirken wird.

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Gott, so glaube ich übrigens, ist letztlich nur ein menschgemachter Begriff. Ein Hilfskonstrukt. In diesem Begriff steckt die geballte Sehnsucht der Menschheit danach, Unerklärliches zu verstehen. Gott wird so zur personifizierten Brücke von innen nach außen. Nachvollziehbar.

Doch, aufgepasst, sobald wir etwas derart Unfassbares personifizieren, dogmatisieren und mit Macht aufladen, kann es uns in Abhängigkeiten bringen, die denen zu Suchtmitteln ähneln.

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Ob das Chaos da draußen in dieser Menschheit daher rührt, dass wir den Kontakt zum Erdboden, zu den Wurzeln von Bäumen und Gräsern, verloren haben?


*Die Rezepte unter den Links habe ich erst teilweise getestet, eine Art Auswertung folgt später mal.

Notizen am Rande #1

Wir puzzeln uns mit unseren Beobachtungen und Nachfragen, gesammelten Informationen und angestellten Vergleichen ein Bild zusammen – von der Welt, vom Leben, den anderen. Haben wir es vermeintlich fertig zusammengestellt, merken wir – manchmal auch nicht –, dass das gemachte Bild nur ein Ausschnitt ist.

Manchen ist das genug.

Andere wie ich können nur immer weiterpuzzeln. Oben, unten. links, rechts. Immer neue Ausschnitte. Darob vergessen, was wir bereits fertig zusammengesetzt haben. Oder feststellen, dass die vermeintlich richtig platzierten Teile, in Wirklichkeit ganz woanders hingehören.

Welche Wirklichkeit?

Hoffentlich hören wir nie damit auf, den einzelnen Teilen die Möglichkeit eines immer wieder anderen Kontextes zuzugestehen.

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Fast könnte ich schlafen, zumindest ein wenig dösen. Ich wage es nicht, denn es könnte auf einmal weitergehen und auf einmal wäre die Straße vor mir wieder frei.

Irgendwann ist der Stau immer vorbei. Jeder Stau, in dem ich je gesteckt habe, hat sich immer irgendwann aufgelöst.

Alle paar Sekunden schaue ich vom Handy auf, in welches ich diese Buchstaben tippe. Perlen auf einer Schnur. Wie die Autos hier, die dicht an dicht hintereinander gereiht auf der Straße im Irgendwo stehen.

Wir stehen nun schon fast eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde Lebenszeit. Jemandes Todestag vielleicht. Heute ist – mutmaße ich – der Tag, der zum Tag werden wird, an welchem Xy tödlich verunfallte, in der Nähe von Blablub, auf der Autobahn.

Ich schaue immer seltener vom Handy auf. Fast ist dieses Warten auf die Weiterfahrt, dieses staustehende Lebensprovisorium, zu einem Normalzustand geworden. Über die Lautsprecher höre ich Hjatalin. Beinahe löse ich mich auf in der Melodie.

Der Fahrer im Auto hinter mir spielt – passend zu meiner Musik – ein Trommelsolo auf seinem Armaturenbrett. Auf dem Pannenstreifen fahren zivile Fahrzeuge mit Blaulicht.

All die Menschen, die mit mir im Stau stehen.
All die Menschen und ihre Geschichten.

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Wenn ich sehr reich wäre – und/oder sehr innovativ-kommunikativ und geschäftstüchtig – , ich würde eine Stiftung gründen.

Meine Stiftung hieße ’Bedingungslos’ und würde Menschen, die kein lebenswürdiges, wertschätzendes Einkommen erhalten, weil sie – wegen psychischer oder psychosomatischer Krankheit, sonstiger Inkompatibilität mit den Leistungsanforderungen der Gesellschaft oder aus ähnlichen Gründen – aus dem Hamsterrad gefallen sind, ein Grundeinkommen zahlen.

Ein paar Kandidat*innen wüsste ich bereits.

Die Farbe Rot

Früher habe ich ja immer Originaltintedruckpatronen nachgekauft. Früher habe ich eh selten über ein Was-kostet-das? nachgedacht, wenn ich etwas brauchte. Dass es Alternativen zu den teuren Markenprodukten gibt, habe ich natürlich schon gewusst, aber wer will schon mit Spritzen hantieren und seine Patronen selbst auffüllen? Nicht in erster Linie aus finanziellen Gründen hatte ich einst dann doch damit angefangen, mit meist gutem Ergebnis. Eher stand damals der ökologische Aspekt im Vordergrund, sprich weniger Abfall, mehr Nachhaltigkeit. Heute ist es beiderlei, das mich zum Selbstbefüllen motiviert: Geldersparnis und Ökologie.

Seit der letzte Befüllung druckte mein Drucker kein Rot mehr. Allerdings nicht von Anfang an. Eher schleichend. Ich führte es dennoch auf die Selbstbefüllung zurück. Weil ich aber neulich neue, nicht selbstbefüllte Patronen – ein gutes Generikum, nur halb so teuer wie das Markenprodukt – nachgeladen habe und die rote Farbe noch immer nicht druckt, wusste ich: Am Selbstbefüllen kann es nicht liegen.

Bilder oder Fotos kann ich nun schon eine ganze Weile nicht mehr drucken (na ja, kann schon, sieht aber ziemlich bescheiden aus). Zum Glück muss ich das auch nicht so oft. Aber auch beim Kopieren und Drucken anderer Dinge wie Downloads von Formularen mit ein bisschen Rot in den Logos stelle ich fest, dass das Fehlen von Rot eben wirklich ein Fehlen ist.

Heute Morgen haben der Liebste und ich darum mal so richtig hingeschaut. Wir haben gesuchtmaschint, Tutorials geschaut und am Schluss herausgefunden, dass offensichtlich der Druckkopf kaputt ist. Die wiederholte Düsenreinigung hat nämlich nichts gebracht und an den Patronen scheint auch alles gut zu sein. Anders als bei den Selbstbefüllten wird uns sogar bei den Neuen der Tintenstand angezeigt. Rot sei voll, sagt die Anzeige.

Früher hätte ich jetzt einfach einen neuen Druckkopf bestellt. Heute weiß ich allerdings nicht, womit ich diesen finanzieren würde. Mit Kunst könnte ich zahlen, kein Problem, oder mit Texten. Mit Geschichten. Mit Büchern. Aber sag das mal einer IT-Material-Firma!

Vorhin, am Esstisch, haben wir darüber gesprochen, was man wirklich braucht und warum. In Utopia gäbe es einen zentralen Drucker, spinntisierte ich. Das Druckerhäuschen auf dem Dorfplatz. Alle, die ihn nutzen wollen, würden Sorge zu ihm tragen, würden Papier nachfüllen, würden Tinte nachkaufen.

Im Nicht-Utopia, in dem wir heute und hier leben, hat jede und jeder ihren und seinen eigenen Drucker. Es muss schließlich rasch gehen, alles. Für eine Runde über den Dorfplatz reicht die Zeit nicht.

Weiter stellt sich die Frage, wie dringend ich die Farbe Rot brauche. Nun ja, das ist wirklich eine gute Frage. Natürlich ist die im Drucker fehlende Farbe Rot keine Lebensnotwendigkeit. Wirklich nicht. Sogar schwarzweiß drucken würde ja zur Not gehen. Dann hätte ich halt blasse Logos. Graue Logos. Gelbgrünstichige Logos. Geht. Kein Problem. Erste-Welt-Problem.

Rote Frühlingsknospen mit feinem Spinnenfaden von oben. Im Hintergrund ein unscharfes Haus und ein grünes Gebüsch.
Leihgabe von Pixartix (https://pixartix.wordpress.com/2016/03/24/intermezzo-2-feines-faedchen/)

Stell dir eine Welt ohne rot vor. Und jetzt eine ohne blau. Und nun eine ohne gelb. Eine blasse Welt. Und jetzt stell dir einen Regenbogen ohne rot und violett vor. Und jetzt einen ohne blau. Und nun einen ohne gelb. Geht nicht? Stimmt, geht nicht. Jede einzelne der drei Grundfarben ist so wichtig wie die beiden anderen. Für einmal gibt es keine Dualitäten, keine Rivalitäten. Einfach nur Gleichwertigkeit.

Wie wir zwei so über die Farben sprechen und wie die Welt funktioniert, dieses Nicht-Utopia unserer Tage, realisiere ich, dass Farben für mich weit mehr sind als ein bisschen Bunt im Grau.


Falls jemand hier Lust haben sollte, mir den Druckerkopf zu schenken, schenke ich ihm dafür ein Bild nach Wahl (siehe Pixartix | Sofasophia appt die Welt | Instagram) oder sonst etwas aus meiner Kunst-Kiste (eine eigens geschriebene Geschichte zum Beispiel).
Ganz utopiaesk!
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