Toter Winkel – Filmbesprechung

Gerne empfehle ich den Film Toter Winkel aus der ARD-Mediathek weiter. (Klick) Sowohl die Geschichte selbst als auch die schauspielerische Umsetzung aller Beteiligten haben mich überzeugt.

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»Karl Holzer sucht nach der Wahrheit über seinen Sohn Thomas, der offenbar unbemerkt zum rechten Terroristen geworden ist. Auf der Suche nach der Wahrheit hinterfragt er auch eigenes Handeln. Die Erkenntnis am Ende bleibt vielschichtig.« So beschreibt der Sender diesen subtil aufgebauten Film.

Es waren nicht einmal in erster Linie die intelligenten, natürlichen, glaubwürdigen Dialoge, die mich überzeugten, mehr noch war es all das Unausgesprochene, die Mimik, der Subtext. Visuelle Aussagen, die hinkommen, wo Worte es nicht hinschaffen. Stille Aufnahmen, ohne Worte. Bewegungen, Handlungen, die für sich sprechen.

Eben singt Opa Holzer, Dorffrisör, noch mit seiner Enkelin, während er ihre Haare schneidet, als auf einmal sie Lieder anstimmt, die ihm die Haare zu Berge stehen lassen. Bei der Auswahl des Kaninchens für den Sonntagsbraten erkennt Papa Holzer, dass sein Sohn die rassenbedingten Selektionsmerkmale, mit welchen er wettbewerbstaugliche von -untauglichen Kaninchen unterscheidet, offenbar auch auf Menschen zu übertragen begonnen hat. Holzers Ambivalenz wird körperlich fühlbar.

Die Handlung, die meistens sehr ruhig daher fließt, wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Wer ist mein Sohn wirklich?

Längst bin ich Holzers Kopf geschlüpft und suche mit ihm nach dem bimmelnden Handy in der Werkstatt des Sohnes, das ihn schließlich auf eine Spur bringt, die sein Leben auf den Kopf stellen wird.

»Aber das Wichtigste ist doch die Familie!«, sagt seine Frau, als er vor der Wahl steht hin- oder wegzuschauen.

Ihr aber schaut hin! Aber seid gewarnt, manchmal tut es weh.

Das Schönheit-Ding

Dieser Moment, auf den man so lange hingelitten hat, dieser Moment des Todes, muss nun nicht mehr gefürchtet werden. Er ist gekommen und er schuf eine neue Wirklichkeit, eine neue Lücke, mit der wir nun leben lernen. »Der Wind weht weiter«, hat Irgendlink heute getwittert. Das trifft es gut. Weiter ist ja nicht nur ein Synonym für weiterhin, sondern auch ein Komperativ von weit. Und ja, Weite tut unseren Herzen gut. Besonders dann, wenn jemand stirbt. Der Tod liegt im Wesen und in der Natur alles Lebendigen.

Über den Tod und die Möglichkeiten, ihm mit künsterlichen Mitteln zu begegnen, denke ich schon lange immer mal wieder nach. Und über Schönheit und Kunst. Über Vergänglichkeit und Zerfall.

Schönheit kann kein Ziel sein, titelte Klaus Harth neulich eins seiner Bilder. Auch im Buch So geht Kunst! von Grayson Perry geht es um Ähnliches. Auch um den Unterschied von Schönheit und Ästhetik und warum Kunst nicht schön sein muss, Schönheit ihr eher sogar zuwiderläuft. Es geht Perry auch darum, zu zeigen, was Schönheit überhaupt ist, warum wir etwas als schön definieren und wo die Schnittstellen zwischen guter und dekorativer Kunst sind.

Und das alles inmitten einer Gesellschaft, in welcher Schönheit, Schönsein und schöner Schein viel zu wichtig geworden sind.

Bei einem Gespräch letzte Woche, am Lagerfeuer, ging es unter anderem um die Rollen von Schauspielerinnen und Schauspielern und dass letztlich nicht Schönheit über Qualität entscheidet, sondern Ausdruck; diese ganz besondere Fähigkeit, auszudrücken, was in der Rolle drin ist und von innen nach außen transportiert werden will und soll.

Ähnliches diskutierte ich am Sonntagnachmittag mit einer anderen Freundin. Perfektionismus ist ja eine meiner (Un-)Tugenden und nicht nur für mich eher negativ konnotiert. Wer nicht an Perfektionismus leidet, kann ihn nämlich nicht wirklich verstehen. nicht seinen Sinn, bestenfalls seinen Unsinn. Dieser innere Zensor, der mit nichts zufrieden ist, ist sehr mächtig und macht auch mächtig Druck. Erst in diesem sonntäglichen Gespräch wurde mir klar, dass mein Perfektionismus dem vollkommenen Ausdruck, nachdem ich mich sehr sehne und für den ich bis vor kurzem keinen Namen hatte, zuwiderläuft.

Vollkommener Ausdruck nenne ich also ab sofort, wenn es möglichst exakt gelingt, das Innen möglichst ungefiltert, ohne Widerstände, ohne Verfremdungen, nach außen zu bringen, nun ja, eben vollkommen auszudrücken. Ohne Abstriche und ohne nette Opfer zu bringen für KritikerInnen und für all jene, die es lieber nett & dekorativ mögen. Eigentlich ist es ja wie bei der oben erwähnten Schauspielerei: Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, ein vollkommenes Medium der Rolle, der Botschaft, zu sein, die von innen nach außen will. Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, das Innending authentisch zu materialisieren. Egal, ob es schön oder gefällig ist.

Nun ja, ich stolpere noch viel zu oft über die Filter schön und gefällig. Noch verfälschen sie immer mal wieder meinen Von-innen-nach-außen-Transport. Dennoch will ich mich lieber weiterhin diesem Versuch des vollkommenen Ausdrucks widmen als die nie und nimmer erreichbare Perfektion erreichen zu wollen.

Vollkommenheit ist doch auch eine Form von Perfektion, denkst du jetzt womöglich, und fragst dich, wo da der Unterschied sei. Vollkommen ist für mich viel weniger negativ gefärbt als perfekt, es ist für mich der natürliche Zustand von etwas, vollkommen ist für mich eher ein Synonym von natürlich, also nicht aufgepimpt, aufgebretzelt, zurechtgeschliffen, zurechtgepfriemelt, sondern genauso gewachsen. Geworden. Von innen nach außen geholt. In sich vollendet.

Wortklauberei vermutlich. Egal, auch Wörter sind ja letztlich vergänglich.

Die Natur des Menschen und der ganz normale Wahnsinn zwischen Buchdeckeln

Nach vier Büchern von Tana French – ein Hoch auf meine Stadtbibliothek! – brauchte ich gestern dringend Abstand von dieser Schriftstellerin. (Sprich: Ich brauchte ein ganz und gar anderes Buch. Kein Buch wäre natürlich auch eine Alternative gewesen, aber ohne Buch kann ich kaum einen Tag sein.) Ich glaube, ich kenne keine andere Autorin, die die ganze menschliche Ambivalenz, das ganze Gut und Böse im selben Menschen drin, so intensiv fühlbar, so schmerzhaft nachvollziehbar zeichnen kann wie Tana French. Lese ich ihre Bücher, werde ich von der ersten Seite an selbst Teil der Geschichte, ich werde eingesaugt, ich werde verschlungen, geschüttelt, erschüttert, berührt.

Normalerweise bin ich es ja, die die Bücher verschlingt, doch bei Tana French ist es genau umgekehrt. Ich lese und ich leide. Ich lebe mich ins Buch hinein und finde mich wieder. In fast allen Figuren, denn das klassische Antagonist-Protagonist-Muster greift bei French nicht. Selbst die Mörder sind Menschen, Menschen wie ich, wie du. Und eigentlich geht es bei ihr nicht um die Morde an sich, auch wenn diese natürlich die Aufhänger sind, es geht hier um Menschen. Um Wege, um Irrwege, um den ganz normalen Wahnsinn.

Dass ich also nach vier derart intensiven und außerdem sehr dicken Büchern, die ich während der letzten Wochen gelesen habe, ein wenig Abstand brauche, bevor ich die nächsten zwei (die letzten) von French lesen werde, ist nachvollziehbar. Ja, es leuchtet sogar mir ein, trotz des Suchtfaktors.

Außerdem hatte ich schon lange geplant, meine Bücherregale auszumisten. Zwar nicht weil ich umziehe wie Ulli, die gestern den gleichen Plan umgesetzt hat, aber weil ich nur begrenzt Platz und dazu sehr viele Bücher habe, die ich kein zweites Mal lesen werde. Und auch wenn es nicht so aussieht, habe ich System in meinen Bücherregalen (einmal Buchhändlerin, immer Buchhändlerin): Lieblingsbücher, die ich behalten will, stehen im großen Hauptregal, im Ex-Terrarium oder liegen auf dem Hängebord.

Auf dem kleinen Regal hingegen sammelt sich Treibgut. Es ist ein Wörterumschlagplatz. Dort landen Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Bücher, die ich aus Tauschkisten, aus Ramschkisten gefischt, gekauft, getauscht habe. Und Bücher, die ich schon gelesen habe, die aber nun weiterziehen dürfen. Etwa einmal im Jahr miste ich dieses Regal aus. Gestern war der richtige Zeitpunkt gekommen. Weil ich etwas eher Kurzweiliges, etwas moderat Anspruchsvolles suchte. Etwas nicht zu Dickes, etwas nicht zu Emotionales. Womit die beiden privaten Leihgaben ausgeschlossen waren.

Auf der Suche nach einer Perle fing ich an, den gut ausgewogenen Bücherturm, der im Laufe der letzten Monate stetig gewachsen war, auseinanderzurupfen. Ganz nebenbei sortierte ich jene Bücher aus, die ich weiterreisen dürfen, weil ich sie kein zweites Mal lesen werde. Krimis vor allem, respektive Psychothriller. Und ein paar Romane. (Bei Interesse bitte mailen, dann schicke ich eine Liste oder Fotos mit den Büchern …).

Gefunden und zum Lesen für gut befunden habe ich schließlich Sándor Márais Schule der Armen, sinnigerweise ein Mängelexpemplar, das ich vor Jahren aus einer Bücherkiste gezogen habe. Márai, zeitlebens ein einfach lebender Mann mit einem klarem Blick für die Zustände der Menschheit und für die Welt, war einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker und Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich habe schon einige Bücher von ihm gelesen; Die Glut und Ein Hund mit Charakter zum Beispiel. Márai grübelte offenbar ähnlich über Dinge nach wie ich es tue, dachte ich schon auf den ersten Seiten seines Vorworts. Mit der Schule der Armen legt er eine Sammlung von Essays vor, in denen er über Arm und Reich nachdenkt. Gewohnt ironisch, gewohnt intelligent, provokativ, wortgewandt, augenzwinkernd, nachdenklich machend.

Ja, was ist Armut denn überhaupt? Und was macht den Reichen aus? Ist es außen oder innen, dieses Arm- oder Reichsein?

Wie er da darüber sinniert, dass der Reiche hortet, während der Arme die Fata Morganas, die über Reichtum erzählt werden, oft viel zu leichtgläubig übernimmt, möchte ich am liebsten mit dem Autor Tee trinken und diskutieren. Möchte zurückfragen. Möchte besser verstehen.

Der natürliche Zustand des Menschen sei Armut, sagt er etwa, und fügt auch gleich an, dass Tiere von Natur aus arm sind. Wenn arm denn – wie er es davor erläutert – bedeutet, kein angehäuftes, gehortetes Vermögen zu haben, dann ist wohl jedes Tier tatsächlich arm. Aber.

Hier verliert Armut bereits seine herkömmliche Bedeutung. Es bekommt einen anderen, einen neuen Inhalt. Und nein, Márai idealisiert weder Armut noch Reichtum, obwohl er beides immer wieder ins Absurde führt.

Doch diese Art Armut, wie wir sie nach Márai natürlicherweise haben und wie sie Tieren eigen ist, dieser natürliche Zustand von Sein statt Haben, ist für mich keine wirkliche Armut. Sie ist für mich Natur. Warum Tiere nicht horten, von Fressvorräten einmal abgesehen, liegt für mich auf der Hand: Sie vertrauen in die Natur. Vertrauen darauf, dass es jederzeit genug hat. Oder dass die nächste Jagd erfolgreich sein wird. Nein, vielleicht noch nicht mal Vertrauen, eher wohl Instinkt.

Und da unterscheiden wir uns vom Tier. Ob besser oder schlechter ist, wie wir funktionieren, ist dabei nicht relevant. Unsere Fähigkeit, uns Sorgen machen zu können, trübt vermutlich unsere Instinkte und drängt sie ins Unbewusste ab.

Dennoch: Tiere haben von Natur aus ein Gespür für Fülle. Und wir? Welches Gespür haben wir von Natur aus? Was macht die Tatsache mit uns, dass es weltweit viel viel mehr Arme als Reiche gibt? Macht sie uns solidarisch? Macht sie, dass wir um jeden Preis auf die Seite der Reichen gehören wollen? Sind sich Durchschnittswohlhabende ihres Reichtums bewusst oder sind sie bereits, wie es Márai sehr gut beschreibt, von diesem Virus befallen, der nach immer mehr strebt, egal ob er oder sie es brauchen oder nicht?

Der gute und der böse Reiche, ja, auch über ihn schreibt Márai. Und noch über vieles mehr. Ich bin erst auf Seite 25 und gespannt auf die Fortsetzung.

Beim Lesen muss ich an die Katzen, die hier ums Haus streichen, denken. Fast täglich bekomme ich Besuch auf meiner Terrasse. Manche trinken Wasser aus den Blumenuntertellern, andere schnüffeln rum, eine setzt sich sogar manchmal auf meinen Korbstuhl. Sie kennen diese menschlichen Grenzen von Mein und Dein, die wir in unseren Köpfen ziehen, schlicht nicht. Natürlich haben sie – jedenfalls hierzulande – in der Regel jemanden, der ihnen Futter hinstellt, dennoch sind sie von Natur aus mit dem Bewusstsein unterwegs, dass Natur Fülle ist*. Alles für alle.

Manchmal denke ich über diese kollektive Wunde des Misstrauens nach, die uns Menschen gemein ist. Und wie wir sie heilen könnten. Und was Márai darüber wohl schreiben würde.

Das hier ist keins der Bücher, die ich verschlingen, es ist eins der Bücher, die ich in kleinen Happen kauen werde. Auch wenn es darin einmal mehr über den ganz normalen menschlichen Wahnsinn geht.


* Jedenfalls wenn sie unter tiergerechten Umständen aufgewachsen und gehalten worden sind.