#flussnoten19 | Tag 2 und Tag 3

24. Juni 2019

Es geht eigentlich noch so mit Muskelkater, denke ich, als ich mich am nächsten Morgen aus dem Schlafsack schäle. Wie immer habe ich die erste Zeltnacht der Tour nicht so toll geschlafen. Die Umstellung von breitem Bett zu schmaler Matte braucht Zeit, außerdem ist auch das Wanderzelt schmal. Ich male mir aus, wie ich – noch schlafsackwarm – aus dem Zelt krieche und mich unter den nahen Aarewasserfall stelle.

Hm, wie klettert frau gleich wieder aus dem Zelt heraus? Außerdem ist die Wiese, die gestern noch ’nur ein bisschen feucht’ war, heute Morgen ziemlich nass. Unser Glück – oder nennen wir es Irgendlinks Erfahrung – ist es, dass wir das Zelt an der trockensten Stelle auf der ganzen Wiese aufgebaut haben.

Nun ja, aus der Wasserfalldusche wird schließlich nur eine kleine erfrischende Katzenwäsche und nach dem Frühstück wandern wir auch schon bald los. Immer weiter der Aare nach. Kleine Wasserfälle. Furten. Brücken. Pausen machen wir recht häufig, denn noch immer sind wir in der Phase des Umstellung. Und so langsam setzt dann doch noch der Muskelkater ein. Da hatte ich mich also am Morgen zu früh gefreut. Bei jeder Pause ziehe ich schnell die Schuhe aus, bade – wann immer möglich – die Füße, lasse sie und die Socken trocknen. Meine bewährte Blasenprophylaxe. Irgendlink badet seine Füße sogar in einem Wasserbecken, das die Aare über viele Jahre in einen Fels geschliffen hat.

Bei der Alp Handegg rasten wir, essen Eis, kaufen Bergkäse, entscheiden, dass wir genug Vorräte dabei haben, um zum Gelmersee hoch fahren und dort oben übernachten zu können. Den Wanderweg zum Bergstausee haben wir nämlich eine Stunde vorher verpasst.

Die Gelmerseebahn lockt – Irgendlink vor allem – und die erwartete Schönheit der Bergwelt. Über eine lange Hängebrücke klettern wir über die Aare zur Bahnstation. Vielleicht, wenn ich  gewusst hätte wie steil es ist, vielleicht hätte ich gekniffen. Aber zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit. Zack, ein Ticket gekauft. Zack, in die Bahn gestiegen. Den schweren Rucksack auf dem Schoß sitzen wir in einer der hinteren Reihen und bekommen von der Fahrt nicht viel mehr als das Kreischen der Mitreisenden und die Enge der Bahn mit. Und das Gewicht des Rucksacks auf dem Schoß.

Immerhin werden wir oben für diese Mühsal großzügig entschädigt: Der See ist wunderschön, still, sauber, klar. Wir wandern über die Staumauer auf die andere Seite, wo es nicht mehr so viele Menschen hat. Wir überlegen, wo wir zelten könnten, spazieren ein wenig herum, schauen da und schauen dort und irgendwann – nach der letzten Bahn – sind wir ganz allein oben am Gelmersee.

Zwischen Felsen, an einem sandigen Plätzchen, bauen wir unser Zelt auf und kochen uns ein feines Abendessen. Es ist sehr schön, sehr still. Eine ruhige Nacht. Trotz Muskelkater schlafe ich tief und erholsam.

Bilder von Tag 2

25. Juni 2019

Wir werden früh wach. Etwas, das mir im Alltag nie so richtig gelingt. Es ist denn auch ein ganz anderes Wachwerden als das Wachwerden im heimischen Schlafzimmer. Eine Klarheit, die so gar nicht Morgenmuffliges an sich hat. Wir kochen unsere Heißgetränke und genießen das Morgenlicht. Die Sonne steigt über die Berge und verglitzert das Wasser. Ich fühle mich leicht und froh. Das Funkloch verunmöglicht Twittereien, was durchaus auch irgendwie schön ist. Ein Blick auf die Uhr bestätigt uns, dass wir die erste Bahn, 9:12, erwischen werden.

Wir sind allein. Die Ersten, die an diesem Tag abwärts fahren. Entsprechend müssen wir die Rucksäcke nicht auf den Knien festhalten und können uns in die allervorderste Reihe setzen. Und ja, die Fahrt ist gruslig. Denn dieses Steil, diese hundertsechs Prozent, ist wirklich steil.

Ich bin schließlich froh, als wir unten ankommen. Hier warten auch bereits einige Menschen auf die Fahrt nach oben.

Wir wandern zurück über die Hängebrücke und von da aus weiter Richtung Guttannen. Der Temperaturunterschied von oben nach unten ist deutlich spürbar und wir sind nun doch auch in der Hitzewelle angekommen. Zum Glück gibt es immer wieder Bäume. Und schließlich, ganz nahe der Aare, ein wunderbarer Kiefernwald (oder vielleicht sind es Tannen). Ich jedenfalls nenne dieses Wäldchen die Guten Tannen von Guttannen, den dorthin sind wir unterwegs.

Wir halten eine lange Siesta und messen fortan jeden Rastplatz an der Qualität dieses einen wunderbaren und letztlich unschlagbaren. In der nahen Aare fülle ich unseren Wasservorrat auf. Später wandern wir in Häppchen weiter. Wandern. Pause. Wandern. Und irgendwann langen wir in Guttannen an. Finden ’Regulas Dorfladen’ (mit Deppenapostroph, aber das kann ich hier nicht wiedergeben, zu viel innerer Widerstand) und decken uns das erste Mal seit Wanderbeginn mit neuen Lebensmitteln ein. (Und mit Bier. Eine Dose für zwei.) Eine große Schale Erdbeeren essen wir direkt auf der Bank vor dem Laden.

Weiter gehts. Weiter der Aare entlang. Der Muskelkater ist nur noch ein Nachhall, eine Art Echo. Schon vor Guttannen ist der Wanderweg identisch mit der Landstraße und entsprechend geteert. Eine ganze Weile gehen wir auf Teer. Und wenn es etwas gibt, das ich beim Wandern wirklichwirklich hasse, dann das: Teer. Meine Füße fangen schnell an zu brennen.

Wir setzen uns auf eine Wiese, twittern ein wenig, dösen ein bisschen, und hoffen, dass wir später einen schönen Platz für die Nacht finden. Ich jammere auf Twitter über die Teerstraße und dass es nun bestimmt immer und immer so weitergeht.

Als wir weiterwandern, entdecken wir, dass der Teerweg nur wenige Meter nach der nächsten Kurve wieder in einen Kiesweg übergeht. So schnell haben sich meine Wünsche noch nie erfüllt!, sage ich.

Über Kuh- und Schafweiden folgen wir auf- und abwärtsgehend dem Verlauf der Aare und schließlich sind wir ihr wieder so nah, dass wir uns entschließen in ihrem Bett zu biwackieren. Für Zeltaufbau ist eh zu wenig Platz.

Wir baden im kühlen Fluss, waschen Kleider, kochen, essen und legen uns schließlich unter dem Sternenhimmel schlafen. Leise Angst, dass der Fluss über Nacht ansteigen könnte, ist da, aber – wie gesagt – nur ganz leise. Eine vollkommene Nacht mit Prachtsternenhimmel. Irgendlink zählt Sternschnuppen, während ich tief und fest schlafe und bei jedem kleinen Erwachen ehrfürchtig nach oben schaue.

Zack. Etwas fällt mir auf die Wange. Ein Tier? Ein Meteorit? Eine Sternschnuppe gar? Keine Ahnung. Jedenfalls blute ich und am Morgen entdecke ich eine kleine Wunde. Tja. Auch das ist Natur.

Bilder von Tag 3

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 2 + 3 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 2 +3

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#flussnoten19 | Tag 0 und Tag 1

22. Juni 2019

Wir haben fertig gepackt. Ich bin, wie oft in solchen Momenten, hibbelig, dünnhäutig, aufgeregt. Nicht nur der bevorstehenden Fernwanderung wegen, eher noch darum, weil ich noch niemanden gefunden habe, der zwei Wochen lang meine Topfpflanzen auf der Terrasse gießt. Ja, okay, Luxusproblem, aber ich liebe sie eben alle, und ich möchte sie darum nicht verdörren lassen. Zumal ich alle selbst gezogen habe oder – im Falle von Yucca, Friedensbaum und Zyperngras – aus winzigen Pflänzchen aufgezogen. Diesmal steht von den drei Frauen, die bisher, wenn ich einige Zeit wegfuhr, meine Pflanzen gepflegt haben, keine zur Verfügung. Meine Schwester, die über zwanzig Kilometer entfernt wohnt, würde zwar zur Not einspringen. So erleichtert ich über ihr Angebot bin, kann ich mich darüber doch nur bedingt freuen, denn der Aufwand wäre ja schon ziemlich groß. Hoffentlich meldet sich der Nachbar noch, dem ich ein Briefchen in den Kasten gelegt habe.

Beim Packen des Wanderrucksacks stelle ich außerdem fest, dass sich meine neue bpa-freie Wasserflasche ja gar nicht außen am Wanderrucksack anhängen lässt. Die Daniela-Düsentrieb-in-mir muss sich also eine Lösung ausdenken.

Irgendlink kommt auf die Idee, altes Gummischlauch-Gummiband zu verwenden. Was ein Superidee ist! Daran befestigte ich schließlich mit Schnur einen Rucksack-Klettversuchluss und fertig ist die Aufhängung. Die sich notabene sehr bewährt hat! In Konjunktion mit dem seitlichen Anzurrband des Rucksacks perfekt und leicht zu handhaben.

Gegen Mittag fahren wir los ohne dass ich von meinem Letzte-Hoffnung-Nachbarn etwas gehört hätte. (Er meldet sich erst am nächsten Tag, da er selbst in den Ferien gewesen ist, und schreibt: Klar gieße ich, kein Problem!)

+++

Endlich im Auto Richtung Berner Oberland. Ich brauche diesmal lange, bis ich vom Aufgeregt-Modus in den Ferien-Modus wechseln kann.

Den ersten Halt legen wir auf ’meinem’ Berner Friedhof ein. Lars’ Gärtlein. Ein lauschiger Platz. Ein trauriger Ort. Erinnerungen.

Erinnerungen bilden – im Nachhinein betrachtet – bei mir den roten Faden unserer Aarewanderung. Oft schwere, schmerzhafte Erinnerungen, die ich mit neuen, leichteren Erfahrungen zu ergänzen versuche. Integration. Altes und Neues zusammenbringen. Miteinander verweben. Dem Leichten erlauben, Schweres zu lichten.

Wie wir ab Bern über Land Richtung Thun weiterfahren, kommt uns spontan die Idee, ein Bad im Gerzensee zu nehmen. Wo wir doch schon fast daran vorbei fahren. (Dass wir zehn Tage später zu Fuß dort hinauf wandern würden, ahnen wir damals nicht.)

Im Gerzensee, der eigentlich ja nur Einheimischen vorbehalten ist und der einer meiner Lieblingsplätze aus meiner Zeit in Bern ist, tauche ich ein bisschen tiefer in den Ferien-Modus ein, wasche den Druck der letzten Wochen und Monate ein wenig ab. Dort, im noch angenehm kühlen Wasser, auf dem Rücken liegend, den Himmel und die Wolken betrachtend, beginne ich, mich einzulassen. Auf das Kommende. Auf das Seiende.

Fast auf die abgemachte Minute genau treffen wir abends bei M. und B. in Steffisburg ein. Die beiden Lieben haben uns angeboten, während wir die Aare erwandern, unser Auto zu hüten. Was für ein gemütlicher Abend mit meinem früheren Flüchtlingszentrum-Arbeitskollegen M. und seiner Partnerin B..

23. Juni 2019

Spontan beschließen die beiden, uns am Sonntagmorgen auf die Grimsel zu fahren, da sie schon lange nicht mehr dort oben gewesen seien. Für uns ist das ein Glücksfall, hätten wir doch mit dem öffentlichen Verkehr viel länger gebraucht, zigmal umsteigen müssen und dafür obendrein noch ziemlich viel Geld ausgegeben. (Leider ist für Menschen mit wenig Geld der öffentliche Verkehr schier unbezahlbar geworden.)

Irgendlink fährt mit uns genau jene Strecke, die wir Tage später wandern würden – wenn auch größtenteils auf anderen Wegen: Am Thunersee dem Nordufer und am Brienzersee auf der Autobahn dem Südufer entlang. Tage später werden wir immer mal wieder sagen: Das hier sind wir alles gefahren!

Ab Brienz nimmt der Sonntagsausflugsverkehr groteske Ausmaße an. Vor allem die Motorradfahrenden fallen negativ auf. Zwar fahren die meisten seriös, doch manche lassen die Motoren aufheulen und ihre Anti-Potenz hörbar machen, fahren aggressiv am Geschwindigkeitslimit, überholen an unübersichtlichen Stellen. Ein Eiertanz. Kurz: Die Passstraße ist sonntagslaut-laut-laut. Und ja, wir sind natürlich auch Teil dieses Lärms.

Die kurvige Straße steigt stetig an, ähnlich dem Druck in meinen Ohren. Und auf einmal sind wir oben. Passhöhe. Fast 2000 m ü. M. Weite. Menschen. Reisebusse. Autos. Motorräder. An vielen Stellen liegt noch Schnee. Im Grimselsee schwimmen Eisschollen.

Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel
Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel

Nach einem kleinen Rundgang fahren wir wieder zurück bis zu einer Stelle, an der sich gut anhalten lässt und von der aus wir gut den ersten Wanderweg erreichen können.

Abschied. Erste Bilder. Winken. Macht es gut, habt es gut, Danke!

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Hier beginnt sie nun, unsere Wanderung. Eigentlich wären wir gerne zur Grimselseestaumauer hochgestiegen, doch die Schneefelder bremsten uns aus. Also abwärts. Zum Rätischbodensee, dem ’zweiten Grimselsee’, hinunter. Bisschen Straße, bisschen Wiese um die Straßenserpentinen abzukürzen. So richtig Wanderweg ist es erst ab Rätischbodensee, den wir auf seiner linken Seiten umwandern. Umwandern wollen.

Ein schöner Weg, den wir da gehen. Überall gurgeln und blubbern kleine Bächlein, die das Schmelzwasser entstehen lässt. Die Luft ist klar, der Himmel blau. Lunge und Seele atmen auf. Die Warnung vor Schneefeldern ignorieren wir nonchalant. So schlimm können die ja wohl nicht sein!, denken wir. Jedenfalls schaffen wir die ersten beiden ohne nennenswerte Probleme. Ich rutsche zweimal aus und lande im Schnee. Wie ein Käfer auf dem Rücken brauche ich Irgendlinks Hilfe beim Aufstehen. Der noch ungewohnte, schwere Rucksack nagelt mich am Boden fest. Dennoch, wirklich schlimm ist das nicht und wir wandern zuversichtlich weiter, weiter, weiter. Schön ist es hier, komm, weiter, weiter, noch mit der Unruhe der letzten Tage im Nacken … noch nicht im eigenen Tempo angekommen. Noch ungewohnt. Noch nicht im Jetzt.

Auf einmal liegt es vor uns, dieses Schneefeld, das wir nicht überqueren können. Zu breit. Zu schräg von oben links nach unten rechts in den See ragend. Eine Rutschbahn, die tödlich enden könnte. Ein falscher Tritt und du versinkst im Schnee oder rutscht ab und gleitest in den See. Nein. Geht nicht. Zu gefährlich. NEIN.

Also zurück auf Anfang. Zum Beginn des Wanderwegs. Alternativen zum nicht eben ungefährlichen Gang über die vielbefahrene Passstraße gibt es keine, aber wir könnten, so überlegen wir, damit wenigstens bis am Montagmorgen warten, denn jetzt fahren einfach zu viele Autos. Und vor allem zu viele Motorräder.

Eine Familie – Mutter-Tochter-Vater –, die ebenfalls am Schneefeld umgedreht ist, winkt uns zu, als sie uns zurückkommen sieht. Die Mutter deutet auf das Familienauto, das sie im einer Bucht am Anfang des Wanderweges geparkt haben. Sie deutet auf uns. Deutet an, dass wir als Mitfahrende willkommen seien. Wir recken die Hände. Signalisieren ein Ja. Mit Ausrufezeichen. Was für ein Glücksfall! Am Ende des Sees, an der Staumauer des Rätischbodensees, bedanken wir uns herzlich bei unserem Fahrer und seiner Familie und wandern zum nahen Wanderweg.

Schon bald finden wir einen schönen Platz für eine längere Pause. Eine immense Müdigkeit – dem ungewohnten Rucksackwandern ebenso geschuldet wie den letzten Tagen und Wochen, die dicht gewesen waren – macht sich in mir breit.

Wir beschließen, zunächst noch ein Stück weiter weg von der Staumauer mit ihrem großen Parkplatz und den Gebäuden zu wandern, aber uns baldmöglichst einen passenden Lagerplatz zu suchen. Es ist bereits etwa sechs Uhr und wir wollen es ja am ersten Tag nicht übertreiben.

Der signalisierte Wanderweg führt theoretisch über die reissende junge Aare, will heißen über eine den reissenden Aarebach querende Brücke, doch diese fehlt. Rechts und links der Aare felsiges Geröll, das ein improvisiertes Übersetzen verunmöglicht. Also bleibt uns nichts anderes übrig, wenn wir nicht erneut den ganzen Weg zurück zur Straße gehen wollen, als einen großen Bogen zu machen, um über Umwege auf den Wanderweg zurückzukehren.

Mehr schliddernd als absteigend gelangen wir eine Ebene tiefer und finden dank Navigationsapp wieder zurück zum Wanderweg. Diesem durch relativ feuchtes, hochalpines Grasland auf und ab folgend, suchen wir nach einem Platz für die Nacht, ein Stück relativ ebenes Land, nicht zu feucht, nicht zu felsig. Etwas abseits vom Weg werden wir schließlich fündig und bauen auf der trockensten und flachsten Stelle einer vom Schmelzwasser feuchten Wiese das kleine Wanderzelt auf.

Wir kochen uns eins der mitgebrachten Fertig-Gerichte – eine Reispfanne – und essen dazu Karottensalat. Wie köstlich es doch schmeckt, wenn man in der freien Natur gekocht hat.

Weil wir in einem der seltenen Funklöcher sind, spazieren wir nach dem Essen noch ein wenig zurück zu ein paar schönen Felsen, die wie Sofas am Wegrand liegen. Abendsonne. Weite. Sonnenuntergang. Und ja, so langsam komme ich an. In den Bergen. In der Natur. Im Hier.

Langsam wird es kühl. Die angekündigte Hitzewelle ist noch nicht auf der Grimsel angekommen. Wir schlüpfen müde in unsere Schlafsäcke und verbringen eine akustisch einzig vom Rauschen des nahen Aarewasserfalls untermalte erste Zeltnacht.

Bilder von Tag 1

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 1 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 1

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#flussnoten19 | ein erster kleiner Rückblick

Ihr erinnert euch? Die Aargletscher sind es – diese Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Stetig abwärts fließt die Aare von da aus, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen.

Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org

Auf obiger Grafik sieht man die Wege der Aare gut. Angefangen beim Aargletscher – auf der Grafik unten rechts – hochoben, in der Mitte der Schweiz irgendwo beschreibt sie einen geschwungenen Loop bis ans Ostende des Brienzersees, durchfließt diesen, taucht kurz auf, quert das Bödeli zwischen den Seen, Interlaken genannt, fließt von Südost nach Nordwest durch den Thunersee, verlässt diesen und strebt nordwestwärts Richtung, Bern, Biel, von dort dann nordöstlich Richtung Solothurn, Aarau, Brugg. Schließlich mündet sie bei Koblenz (AG | CH) – bei 312m ü. M. – in den Rhein. Sie überwindet unterwegs einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und legt 291,5 km zurück.

Ganz so weit sind wir nicht gewandert, ’nur’ bis Bern. Bis ins Strandbad Eichholz, das wir vorgestern Mittag erreicht haben. Wir waren fast exakt 11 Tage unterwegs von der Grimsel nach Bern.

Die ersten Tage wanderten wir mehrheitlich auf Bergwegen. Wer sich jetzt das Bild eines stetigen Absteigens macht, da der Fluss ja bis Brienz etwa 1100 Höhenmeter überwindet, täuscht sich. Zwar haben wir diese Höhenmeter tatsächlich unterwegs überwunden, doch für drei Höhenmeter abwärts gab es mindestens wieder einen oder zwei aufwärts und ja, dafür waren unsere Gelenke äußerst dankbar. Abwärts gehen ist im Gebirge nicht nur anstrengender, es ist auch gefährlicher. Insbesondere wenn du einen schweren Rucksack auf dem Rücken trägst.

Die ersten Tage waren darum für mich besonders herausfordernd, da ich nach der langen Fernwanderabstinenz erstmal in mir das Gefühl fürs Rucksackwandern wiederfinden musste.  Rhein (2016) und Reuss (2014) sind ja nun doch schon ein paar Jahre her und Kondition und Fitness sind ja nicht so meine direktesten Nachbarinnen. Beides kommt aber – so lehrt mich die Erfahrung –, wenn ich gehe, wieder. Wenn ich in meinem Tempo gehe. Wenn ich meine Grenzen nicht zu rasant auszudehnen versuche. Wenn ich sorgsam mit mir umgehe. Nicht, dass ich das immer getan hätte. Aber irgendwie kommt das nach und nach wie von selbst. Die Kraft wächst. Der Mut wächst. Die Ausdauer wächst. Und sogar die Muskeln.

Von Brienz bis Bern waren es nicht mehr so viele Höhenmeter, doch da es an den Seen nicht durchgängig gute – will heißen schattige und idealerweise teerfreie – Wanderwege in Seenähe gibt, haben wir oft Wege am Berghang gewählt. Nicht zuletzt wegen der schattenspendenden Bäume.

Von Interlaken aus sind wir sogar spontan mit dem Postauto in die Berge, nach Habkern, gefahren und dort, parallel zum Seeweg, der Höhenkurve entlang Richtung Beatenberg gewandert. Dort war es zum einen ein paar Grad kühler, zum anderen hatten wir eine bessere Weitsicht. Und was für eine! Eiger, Mönch und Jungfrau zum Greifen nah.

Die Strecke Thun-Bern ist mehrheitlich flach. Hier bestand die Herausforderung darin, Wege zu finden, die nicht allzu besonnt und bevölkert sind – wilde Übernachtungplätze waren rar. Mal gingen wir auf der einen, mal auf der anderen Aareseite. So erreichten wir Bern am elften Wandertag – nach ungefähr hundertzwanzig gewanderten Kilometern. Ob und falls ja, wann wir den Rest der Aare erwandern werden, ist offen.

Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.
Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.

Übernachtet haben wir dort, wo es uns gefiel, wo wir Platz gefunden haben. Das wird in der Schweiz an den meisten Orten geduldet oder ist sogar einfach so erlaubt, da die Schweiz wie Schottland und die meisten skandinavischen Länder das Jedermannsrecht kennt. Dieses Recht besagt, dass man auf öffentlichem Grund campieren kann, wenn man sich an die Grundregel hält, den Platz in Ordnung zu verlassen und die Biosphäre nicht zu stören (Infos gibt es > hier). So haben wir es gehalten. Wir haben immer allen Müll mitgenommen und zuweilen auch herumliegenden Abfall miteingepackt. Physische Spuren haben wir hoffentlich keine hinterlassen, vom plattgetretenen Gras da und dort einmal abgesehen.

Über das Leben unter freiem Himmel, über Zeltausrüstung, Schlafsack und Matten gibt es viel Literatur, weshalb ich nur diesen einen Tipp gebe: ausprobieren! Es lohnt sich, ein bisschen mehr Geld für gute und faire Outdoor-Produkte auszugeben statt Billigprodukte zu kaufen, die schnell verschleißen und beispielsweise nicht lange wasserdicht sind.

Ach ja, den Strombedarf für unsere Smartphones – die uns als Notizbücher, Wanderkarten, Photoapparate und Telefone dienten – haben wir größtenteils mit Irgendlinks Solarpanel gedeckt, das er zuweilen am Rucksack angeschnallt mit sich herumtrug. Wir hatten drei volle Powerbanks dabei, die wir ein einziges Mal – bei der Übernachtung im Garten einer Pilgerin, die uns spontan in ihre Welt eingeladen hatte – in eine ’richtige’ Steckdose einstöpseln konnten.

Diesmal haben wir nicht wie andere Male über unsere Fernwanderung gebloggt, sondern vor allem auf Twitter berichtet, kurze spontane Impressionen, Notizen, Flussnoten.

Geplant ist, dass sowohl Irgendlink als auch ich unsere Notizen in einen kleinen Reisebericht verwandeln werden. Für unsere Blogs.

Bleibt uns gewogen, denn ’Fortsetzung folgt’. Demnächst in diesem Theater.

#flussnoten19 | Von der Grimsel aareabwärts

Mich auf die Gegenwart einlassen. Nicht schon beim Wandern in blogbaren Sätzen denken. Anders hingucken.

Ob ich es schaffe?

So ganz tue ich es nicht, denn immerhin gibts auf Twitter den Häschtägg #flussnoten19, wo Irgendlink und ich Gedanken zum Unterwegssein twittern.

Was auffällt: Die Umstellung von ständigem Beschäftigtsein im Alltag in den Fernwanderferienmodus fiel mir diesmal schwerer als auch schon. Alltagssorgen. Gewöhnung an Bücher/Filme/Chats, Politik, Klimakrise etc. – diesmal will ich davon so wenig wie möglich.

Will einfach nur sein. Auftanken. Natur. Manchmal bedeutet das natürlich auch, über die Hitze zu jammern. Oder über Teerstraßen. Einfach wahrnehmen, was ist. (So richtig einfach ist das aber natürlich nicht.)

Hier. Jetzt. Biwacklager im Aareflussbett. Der Morgenkühle wegen in Vollmontur. Klamme Finger. Heiße Tasse. Flussrauschen.

(Es ist Mittwoch, 7:41. Der Upload zickt. Okay, dann halt später.)