Die Zeit und wie unfassbar sie im Grunde ist

Nun ja, bis Irgendlink angefangen hat, welche zu kreieren, habe ich mir nie viel aus Kalendern gemacht. Mit Beginn der digitalen Zeitverplanung hatte ich aufgehört, analoge Zeitmesser mit mir herumzutragen.

Der neue Moorlander-Kalener 2021 und der Zweibrücken gerollt-Kalender 2021 nebeneinander auf schwarzem Hintergrund.
Der neue Moorlander-Kalener 2021 und der ’Zweibrücken gerollt’-Kalender 2021

Wozu auch. Ist ja alles im Handy. Stimmt. Aber. Warum eigentlich nicht mit kunstvollen Kalenderbildern das neue Jahr verschönern?! Gerade jetzt. Damit es hoffentlich ein besseres werden möge als das aktuelle.

Irgendlinks Kalender dienen nicht in erster Linie der Zeitverplanung und der Zeitmessung, sondern erinnern daran, dass die Welt, je nachdem worauf wir unsere Blicke richten, weit mehr als das ist, was wir zu sehen glauben. Seine Bilder verführen zu einem zweiten Blick, einem Hin-Blick. Seine Bilder erzählen Geschichten. Seine Bilder entführen uns in andere Denkwelten und verändern unsere Sehgewohnheiten.

»Er ist der fleißigste Zweibrücker Bildende Künstler in diesem Jahr: Jürgen Rinck (54). Nun hat er einen Kalender für 2021 mit Zweibrücker Motiven herausgebracht. Die kunstvollen Fotos zeigen die Stadt so, wie man sie noch nicht kennt: total verdreht. Dabei passiert oft das, was man aus dem Fußball kennt: Das Runde kommt ins Eckige. Die Überraschung liegt in den Objekten. Über die kann man rätseln.« So schreibt Kulturredaktorin Andrea Dittgen für die Rheinpfalz über Irgendlinks ’Zweibrücken gerollt’-Kalender. Übertitelt hat sie ihren Text mit ’Er hat den Dreh raus’  und beschreibt dann auch, was sie damit meint:  »Dabei hilft dem Künstler eine App namens Tiny Planet (kleiner Planet), für die besonderen Farben, Strukturen und Randeffekte eine andere (Hipstamatic). […] So geht ein Foto durch vier, fünf Instanzen, bis es so verdreht ist, dass es die Betrachter schon mal in Raten bringt. […] Die Villa Schwinn kommt als dicker beiger Wurm mit spitzem Turm statt rundlichem Kopf daher. Ein Haus in der Kaiserstraße ähnelt einer Schnecke, das Hilgardhaus einen Seeigel-Effekt. Ganz bizarr  aufgefaltet ist ein Haus in der Fruchtmarktstraße. Farbkontraste sorgen immer wieder für Erstaunen.«

Neben dem neuen Moorlander-Kalender – inzwischen im vierten Jahr schon ein Klassiker – stehen diesmal für Kunstliebhaber:innen noch zwei weitere Kunstkalender zur Auswahl. »Zu/Closed« zeigt eine ausgefallene Sammlung mit Aufnahmen von zugemauerten Fenstern und Türen (Prädikat: genial schräg), während »Waldleiter« ausgewählte Hochsitze in der Landschaft zu einem originellen Wandschmuck vereint (Prädikat: genial waldluftig). Allen Bildern gemeinsam ist, dass sie mit Smartphone-Apps künstlerisch nachbearbeitet sind, Appspressionismen der feinsten Art.

Der neue Moorlander-Kalender zeigt diesmal vor allem Naturaufnahmen, sprich Spuren. Wie in den drei letzten Jahren wird zu jedem Monatsersten eine neue Geschichte im Erdversteck-Blog veröffentlicht, das vom eigenwilligen Kunstschaffen des fiktiven Schlammkünstlers Heiko Moorlanders erzählt, dessen Spuren sein (fiktiver) Chronist Irgendlink in seinen Bildern festgehalten hat. Zu finden sind diese Texte im Blog. Der QR-Code im Kalendarium macht das Finden leicht. Interessierten empfehle ich sehr herzlich einen Schlammspaziergang. Hier geht’s lang.

Und nein, ich verdiene nichts daran, wenn ich die Kunst des Liebsten bewerbe. Ich tu das aus Überzeugung und mit Begeisterung. Und weil ich es wichtig finde, Künstler:innen zu fördern und tolle Sachen zu kaufen und zu verschenken.


  • »Zweibrücken gerollt – Deux-Ponts roulés«, Kalender 2021, 13 Blätter, Ringbuchheftung, Din-A5, 7,50 Euro.
  • »Zu/Closed« (vermauerte Türen und Fenster), 13 Blätter, Din-A4, zwölf Euro
  • »Waldleiter« (Hochsitze in der Landschaft),
    13 Blätter, Din-A4, zwölf Euro
  • »Moorlander« (Schlammspuren auf Wegen und in der Natur), 13 Blätter, Din-A4, zwölf Euro
Der Screenshot zeigt die vier Kalender nebeneinander innerhalb des Shops. Die Titelbilder verraten passend etwas über den Inhalt der Kalender.
Screenshot vom Kalender-Shop

Alle Kalender sind hier erhältlich: shop.irgendlink.de


Ausgelesen #35 | Was ich im Wasser sah von Katharina Köller

Überleben. Das ist für mich die Essenz von Katharina Köllers erstem Roman Was ich im Wasser sah.

Hier geht es ums Überleben der Ich-Erzählerin Klarissa Grill zum einen, ums Überleben einer ganzen Inselgemeinschaft zum anderen. Und es geht darum, dass letztlich alles schwankt. Die ganze Welt.

Das Buchcover zeigt die sich über das ganze Bild ausdehnende Grafik zweier roter Fische. Der untere verschlingt den oberen. Der Hintergrund ist hellblau. Über das ganze Bild sind untereinander in weißer Schrift der Name der Autorin, der Buchtitel und der Name des Verlags zu lesen.
Buchcover

Vor ihrer Brustkrebsoperation hat Klarissa entgegen aller Empfehlungen entschieden, sich keine Silikonbrüste machen zu lassen. Stattdessen lässt sie sich eine Weile später einen Oktopus stechen. Dieses Tier würde es dem Krebs, der sie fast aufgefressen hatte, zeigen. Ihr Oktopus würde sie schützen und sie daran erinnern, dass sie überlebt hat. Mehr schlecht als recht schlägt sie sich – nach der Operation noch immer rekonvaleszent und depressiv – als Imbissverkäuferin auf dem Festland durch. Angestellt bei SUNFISH steht sie tagtäglich in ihrer Filiale und verkauft Burger und Cola.

Wer ist sie denn überhaupt noch, jetzt, so ohne Brüste? Ist sie noch die Filmerin, die Künstlerin von früher? ist sie überhaupt noch Frau oder eher Un-Frau? Sie beschließt, sich nichts mehr wegnehmen zu lassen, sich keine fremden Realitäten aufpropfen zu lassen und sich immer bewusst zu sein, dass sie eine Überlebende ist.

Eines Abends erwartet sie ihr Bruder vor dem Laden. Lange hat sie ihn nicht mehr gesehen, lange war sie nicht mehr zuhause, auf der Insel. Lange hat sie ihre Familie gemieden. Bill kommt mit schlechten Nachrichten, was Klarissa dazu bewegt, mit Bill in ihre WG zu gehen, ihre Sachen zu packen und ihn nach Hause zu begleiten. Auf ihre Insel.

»Nun kehrt sie zurück – zurück zur ’Schwankenden Weltkugel’, dem Gasthaus auf der Klippe, zurück zu ihrem Vater, dem wortkargen Meister der Fischkunst, zu ihrem gutherzigen Bruder Bill und ihrer Schwester Irina, die an jenem Tag zu ihnen stieß, als Klarissa fast im Meer ertrank. Irina, dieses seltsam-schöne Mädchen mit den kalten Fingern und goldenen Augen, von dem niemand weiß, woher es kam. Doch die Insel hat sich verändert: Fischerboote und Fischmarkt liegen brach, hoch in der Luft rotieren gläserne Windräder, und am Boden tummeln sich zeckenartige, metallene Gebilde, deren Funktion strengster Geheimhaltung unterliegt. Dann aber werden die Inselbewohner vom Großkonzern STARFISH, der über die Insel herrscht und als Vorreiter grüner Energie gilt, aus ihren Wohnungen verdrängt, der Pachtvertrag der ’Schwankenden Weltkugel’ aufgekündigt, und in ihrer Schwester gehen rätselhafte Veränderungen vor«

Quelle: Klappentext (FVA)

STARFISH verändert die Insel und ihre Menschen. Warum erzählt Bob, ein alter Kumpel, nichts von seiner geheimen Arbeit für STARFISH? Und warum darf Klarissa dort nicht filmen?

Klarissa erzählt in Rückblicken aus ihrer Kindheit und es wird bald klar, dass ihre Schwester Irina in dieser Geschichte die zweite Hauptrolle spielt. Die beiden verbindet eine tiefe Liebe, die immer kurz davor steht, erneut verloren zu gehen. Wie damals, als Klarissa mit ihrem heutigen Ex-Freund Robin zusammen auf die Insel gekommen war.

Köllers Sprache ist sinnlich und nüchtern zugleich. Die von ihr erzählten Ereignisse finden überall statt. Jetzt. Immer. Obwohl Köllers Figuren letztlich allesamt universelle Archetypen sind, versinkt ihre Erzählung niemals in Verallgemeinerungen. Die ganze Geschichte lässt sich als Metapher lesen, ist gleichsam eine Art surreales Märchen für Erwachsene und die Insel dient als universelles Mikrokosmos und ist letztlich eine weitere Hauptperson in dieser Geschichte.

Klarissas Welt ist ebenso surrealistisch wie alltäglich, wirklich wie unwirklich. Und bestimmt ist es nicht zufällig, dass Katharina Köllers Roman den Titel eines Bildes von Frida Kahlo trägt. Die Kahlo hatte es 1938 gemalt, als ihre Ehe mit Rivera in Auflösung begriffen war.

Und um Auflösung geht es auch in Klarissas Leben. Was war, löst sich auf und macht Neuem Platz. Neuen Beziehungsansätzen, neuen Perspektiven. Und neuen Verlustängsten. Alles was ist, kommt auf den Prüfstand.

Zwischen ihre Alltagserzählung schiebt Klarissa zehn nummerierte Texte in kursiver Schrift mit der Überschrift Was ich im Wasser sah ein. In diesen Texten geht es um Irina, um dieses Wesen, das aus dem Meer gekommen ist. Dieses Wasserwesen, diese unzähmbare Frau, die sich schließlich doch zähmen lässt und sich ab da immer mehr aufzulösen beginnt. (Hier drängen sich mir im Rückblick Verbindungen zu Andersens Meerjungfrau auf.)

Bei Köller geht es jedoch um mehr als nur um die fragilen Beziehungen zwischen ihren Figuren, um mehr als enttäuschte Freundschaft, verratene Ideale und unmögliche Liebe. Es geht auch und vor allem um das Wesen der Natur, um die Erkenntnis, dass es Wesen gibt, deren Mund zugleich ihr After ist, und die darum ihre Beute verschlingen können, indem sie sich selbst umstülpen. Wieder so ein Bild, das nachhallt.

Es wird klar, dass Unglück, das der Natur angetan worden ist, sich letztlich nicht ungeschehen machen lässt. In der Verantwortung stehen allerdings nicht nur die Täter:innen, sondern auch die Mitwissenden. Gift verströmt unsichtbar. Aber nicht unmerklich …

»Denn die Schachtel, die eine Büchse der Pandora war, die man aufmachen, aber nie wieder schließen konnte, trieb im Hafen und verstrahlte die Insel mit unglücklicher Liebe.« (S. 252)

Klarissas Alltagsdinge spiegeln die globalen Dinge. Das Große im Kleinen.

Schließlich spitzen sich die Ereignisse zu und auf einmal geht es um Leben und Tod. Um das Überleben. Und genau darum geht es letztlich immer.

Katharina Köllers Buch hat mich von der ersten Seite an berührt. Ich mag die Bildkraft und Sinnlichkeit ihrer Sprache, aber ich mag auch ihre Figuren und deren Vielschichtigkeit und Tiefenschärfe. Aus Klarissas Sicht erzählt, deren Blick der einer Filmerin ist, bekommen solche erzählerischen Qualitäten einen Doppelsinn. Kurz gesagt hat mich diese Erzählung von Anfang bis Ende überzeugt und ich empfehle sie herzlich zum Lesen.

Herzliches Dankeschön an die Autorin und die Frankfurter Verlangsanstalt für die aufwühlenden Lesestunden mit diesem Rezensionsexemplar.


FVA
320 Seiten
September 2020
Hardcover
ISBN 9783627002794
22,00 *
E-Book
ISBN 9783627022891
14,99 €

Offene Ateliers Rheinland-Pfalz

Kommt alle am Samstag oder Sonntag aufs Einsame Gehöft. Irgendlink zeigt tolle Kunstwerke aus den letzten Jahren.

Ganz besonders empfehle ich das neue Format, mit dem er seit 2019 da und dort als Radelgalerist unterwegs war, seine vielseitigen Daily-Bilder nämlich, die er in den letzten eindreiviertel Jahren erschaffen hat.
Guckt dazu in seinem Shop.

Flyer-Vorderseite zeigt viele unterschiedlich bunte grafisch dargestellte offene Türen auf orangem Hintergrund.
Flyer-Vorderseite

 

Ausstellungsinfos mit Datum und Atelieradresse.
Herzlich willkommen!

Bitte beachten:
In den Innenräumen tragen wir Masken (bitte selbst mitbringen),
Auf dem Außengelände begegnen wir einander zwar herzlich nahe, respektieren aber den physichen Abstand zueinander.

Für Fragen geht es hier lang.