Diese ganz bestimmte Müdigkeit

Verhaftungen an Kundgebungen wegen nicht getragener Maske gingen ihm zu weit, las ich vorhin. Und dass es schließlich auch andersdenkende Menschen gäbe, die weder Verschwörungstheoriengläubige seien noch Rechtsextreme.

Da frage ich mich allerdings: Wieso geht denn so ein andersdenkender (natürlich nicht rechtsextremer) Mensch überhaupt an eine Demo um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, wenn sie:er nicht glaubt, dass das, was da an Maßnahmen verordnet ist, nicht einer Art Verschwörung entsprungen ist, also schlicht übertrieben, ganz ohne Hand und Fuß, willkürlich? Würde sie:er nämlich nicht diese ganzen ungaren Infos glauben und sich irgendwie bedroht fühlen, müsste sie:er ja gar nicht demonstrieren? Oder verstehe ich da etwas falsch?

(Abgesehen davon handelt es sich – so vermute ich jedenfalls – nicht um Verhaftungen im klassischen Sinn, sondern eher um Festnahmen zur Feststellung der Identität, um eine Buße gegen Verstoß gegen Schutzmaßnahmen verhängen zu können. Mag sein, dass ich noch immer zu viel Vertrauen zur Polizei habe. Ich halte es jedenfalls für wichtig und notwendig, dass die Schutzmaßnahmenverstöße geahndet und gebüßt werden.)

An alle Menschen, die behaupten, dass es keine seriöse, unabhängige Berichterstattung gäbe:
Habt ihr wirklich schon einmal probiert außerhalb eurer Blase unabhängige Berichterstattung zu lesen und zu verstehen?* Habt ihr wirklich versucht, internationale wissenschaftliche Untersuchungen miteinander zu vergleichen? Habt ihr Quellen überprüft, Fakten gecheckt?

Tatsache ist, dass es inzwischen schon ziemlich viele Fakten gibt, auch wenn die Forschung noch längst nicht fertig ist. Wohl nie sein wird. Ja, das Virus, das uns alle seit Monaten durcheinandergewirbelt hat, ist trotz allem Wissen noch immer sehr wenig erforscht und ja, manches wurde am Anfang so und so gesagt und wird heute anders betrachtet und gehandhabt. aber vergessen wir nicht: Forschung heißt Forschung, weil geforscht wird. Das ist ein Prozess. Das ist etwas Unfertiges.

Auf der einen Seite sind da die Prozesse und Erkenntnisse, die in den Forschungszentren gewonnen werden, auf der anderen Seite sind unsere (sogenannten) Volksvertreter:innen, die ihren Job mal besser mal schlechter machen. Rund um die Welt gibt es da immense Unterschiede, innerhalb der einzelnen Nationen sogar. Natürlich kann man die Politik kritisieren (dass wir das können und tun dürfen, ist immerhin ein gutes Zeichen). Ich finde auch vieles nicht nachvollziehbar, was von Seiten unserer Volksvertretungen verordnet wird. Allerdings eher nicht die Maßnahmen an sich, sondern wie ungleich sie angewendet werden. Persönlich am schlimmsten finde ich ja, dass nicht für alle die gleiche Handhabung gilt. Das Machtgefälle wurde durch die Pandemie sichtbarer denn je. Dass manche Menschen sogar per Gesetz oder Verordnung schlechter geschützt werden als andere und manche mehr gefördert als andere, darf nicht sein. Stichwort: Wirtschaft. Das sind Missstände, die ich anprangere.

Aber ich bleibe dabei: Nicht nachvollziehen kann ich, wie Menschen die Leben anderer Menschen gefährden, weil sie zu bequem sind, weil sie coronamüde sind (bin ich auch!), weil sie ’nicht an die Forschung glauben’, weil sie niemanden persönlich kennen, der oder die Covid hatte, weil sie es bedenklich finden, wenn Youtube manche Infos löscht, weil es ’ja nur eine Grippe ist’, weil … ach.

Vermutlich sind die Menschen, die hier mitlesen, eh nicht die Menschen, über die ich mich immer mal wieder so nerve. Aber manchmal muss ich meinen Unmut in Worte gießen. Danke fürs Zuhören by reading.

Ja, es ist wahr, ich bin coronamüde, aber vor allem bin ich uneinsichtigeMenschenmüde. Das muss es wohl sein. Ach, ach.


*Ich empfehle herzlich folgdende werbefreie und von der Crowd finanzierte Medien Die Republik (Corona-Newsletter kostenlos) und Krautreporter (Paywall). Beide Magazine publizieren täglich einen kostenlosen Newsletter.

Dem Gewitter davonlaufend

Wieder einmal haben wir die Gewitterwarnungen ignoriert. Ist ja noch ewig hin. Um 18 Uhr sind wir sowieso wieder da. Sagen wir. Und die Wahrscheinlichkeit ist eh nur bei 30%.

Wir wollten gestern ja einfach nur baden und wandern. Und dazu war das ein perfekter Tag. Endlich nicht mehr so heiß.

Nicht zu weit weg wollten wir, darum schlug ich den Ohmbachsee vor, in welchem wir schon vor einem Monat geschwommen sind. Die Wanderung dazu hat uns das Internet vorgeschlagen und weil ich die entsprechende App nicht habe, übertrug ich einfach ein paar Eckpunkte in meine GPS-App. Der Rest würde sich finden, und tat er auch.

Blick zurück in den Wald, auf dem Weg liegt bereits dichtes Laub. Die Bäume sind noch grün.
Im Wald.

Vom Parkplatz am Westzipfel des Sees aus wanderten wir im Uhrzeigersinn Richtung Nordosten. Nach einigen Kilometern auf einem asphaltierten Wanderweg tauchten wir endlich in den Wald ein, fast wie in Schweden murmelnd, und genossen die relative Kühle. Herrliches Gewölk über uns, das sich nach und nach grauer färbte; und als wir gerade ein Gehöft passierten, fielen ein paar erste schwere Tropfen.

Sollen wir uns unterstellen, bis der Regen, das Gewitter, vorüber ist? Wir überlegten kurz. Warten auf ein vielleicht nicht eintreffendes Gewitter oder weiterlaufen? Was wäre, wenn wir ins Gewitter kämen? Wenn wir klitschnass würden? Bis zum Auto waren es etwa vier bis fünf Kilometer. Als nach den ersten dicken Tropfen keine weiteren mehr folgten, wanderten wir entschlossen weiter. Im Wald würden die Bäume den Regen abhalten, zumindest eine Weile. Wir wanderten ziemlich zügig voran, denn trotz allem war von oben nass zu werden nicht wirklich das, was wir wollten. Lieber von unten, im See. Aber das könnten wir uns vermutlich abschminken.

So wanderten wir südwestwärts und hörten das sich nähernde Gewitter hinter uns, links von uns. Der Wind lärmte übermütig in den Bäume und wir schielten zwar ab und zu auf die Karte, um herauszufinden, wie weit es bis zu der nächsten Unterstellmöglichkeit  wäre, doch richtig Angst hatten wir erstaunlicherweise nicht.

Unsere worst cases: Klitschnass werden und/oder vom Blitz getroffen werden. Wir haben Glück im Unglück, sagen wir zueinander, wenn es anfängt zu blitzen, halten wir uns einfach an den Händen, dann trifft es uns beide gleichzeitig. Galgenhumor.

Das Gewitter rumpelt mal näher, mal ferner, aber der Regen bleibt aus. Wir erreichen den Ort Gries ohne nass zu werden. Der Himmel vor uns klart auf, hinter uns ist er noch immer grau, aber das Gewitter hat eine andere Richtung eingeschlagen als wir.

Schließlich erreichen wir den Ostzipfel des Sees und beschließen den See außenrum zu umwandern, um so wieder zu unserer Badestelle vom letzten Mal zu gelangen, denn jetzt gibt es kein Halten mehr. Wie erwartet sind diesmal kaum Menschen am See. Die Luft hat etwa 24 angenehme Grade, das Wasser dürfte ähnlich warm sein. Nachdem ich aus dem Wasser steige, dünkt es mich gar, die Luft sei kühler als das Wasser. Herrlich erfrischend ist die lauwarme Brühe dennoch.

Vorne dürre Wiese, in der Mitte der See mit Irgendlink darin, hintendran hügelige Wiese mit Bäumen
Am See

Wir ziehen uns an, bevor wir frieren und wandern zurück zum Auto. Elf Kilometer sagt die App, inklusive des kleinen Stücks Irrweg. Auf dem Rückweg wird der Himmel wieder grau und dunkel. Da haben wir ja echt mal wieder Glück gehabt.

Blick aus dem Autofenster: Links rote Ampel, darüber dunkle Gewitterwolken, darunter Häuser und Autos.
Auf dem Rückweg.

Und als wir zuhause in der Künstlerbude hocken, regnet es dann doch noch. Ein bisschen.

Link zur Karte

Im Bündnerland | #mdLidA

oder Drei Tage Leben aus den Bordmitteln
oder Mit dem Liebsten in den Alpen (#mdLidA, mein Twitterhashtag)

Endlich doch noch ein bisschen raus. Ein bisschen was wie Ferien. Mit möglichst wenig Gepäck wandernd unterwegs sein. So der Plan. Wir wollten unterwegs sein ohne auf Einkaufsmöglichkeiten angewiesen zu sein, denn auf über tausend oder gar zweitausend Höhenmetern, zumal am Wochenende, könnte es schwierig werden, einen offenen Laden aufzutreiben. Wir schafften es mit Kocher, Wasser, Lebensmitteln und Übernachtungskram auf nur rund zehn Kilo pro Person. Plusminus. Omni mecum porto. Mein Wandermantra. Ich trage alles (was ich brauche) mit mir.

Mit dem Gedanken, doch noch so ein mehrtägiges Abenteuer zu wagen, hatten wir seit Wochen gespielt, und dann war da auf einmal dieses eine Wochenende ohne Termine und Pflichten. So packten wir am Freitagmorgen unsere Siebensachen und fuhren gegen Mittag los in die Berge. Bruthitze. Richtung Thusis zuerst und von dort dann westwärts den Berg hoch. Bei Ober Rascheins haben wir mein Autochen zweieinhalb Tage stehen lassen und machten uns von dort zu Fuß und per ÖV auf den Weg. (Route: siehe unten*)

Ein Freund führt seit Juni die Alp Bischola-Summerbeiz und hat uns quasi hergelockt. Darum sind wir schließlich auch als erstes dorthin und haben uns ein wenig an die für uns doch ungewohnte Höhe (knapp 2000 m. ü. M.) akklimatisiert. Zwischen Parkplatz und Bergrestaurant liegt der wunderschöne Pascuminersee. Noch zuhause haben wir ihn als ersten Lagerplatz auserkoren und zum Glück waren am Freitagabend noch nicht so viele Leute dort wie am Sonntagnachmittag. Am Freitagabend waren nur noch eine Frau mit ihrer Tochter dort. Sie zelteten ebenfalls direkt am See. Eine Jugendclique  hatte sich zum Glück etwas weiter weg auf einer Anhöhe eingerichtet. [Als es dunkel war, ließen die doch tatsächlich ein Feuerwerk steigen. Auf 2000 m. ü. M.! Was für Volldeppen!]

Beat, der Wirt, hieß uns herzlich willkommen und servierte uns – da es (neben dem Käseteller) das einzige Gericht ohne Fleisch war – einen Eblysalat. Na ja. Immerhin habe ich es mal wieder probiert, aber Ebly und ich werden wohl nie Freundinnen. Dafür schmeckte die Nussschnitte göttlich, eine Bündner Spezialität, die süchtig macht. Und die zwei Kuchenstücke, die er uns als Bettmümpfeli mit auf den Weg gegeben hat, als Geschenk des Hauses, schmeckten – am See genossen – einfach nur wunderbar. Annettes Zucchini- und Zitronencake sind echt eine Entdeckung!

Zurück am See war es ziemlich unruhig. Wir beobachteten eine Weile das Geschehen, bevor wir schließlich doch direkt am See und bei der Feuerstelle unser Lager einrichteten. Die Idee, ohne Zelt zu schlafen, ließen wir aber bleiben, weil es doch recht feucht und kühl wurde. Und weil eine Mutter und ihre halbwüchsige Tochter sich zu uns gesellten, als wir gerade das Feuer entfacht hatten.

Gut schlafen geht anders. Für eher schlaflose Nächte ist unsere winzige Sardinendose, pardon unser hübsches kleines Wanderzelt doch ein bisschen eng**, so dass ich bei der ersten Morgendämmerung aus dem Zelt schlüpfte und herumspazierte. Etwas, das ich daheim nie tun würde, da ich ja eher eine Eule als eine Lerche bin. Es war jedenfalls einer der schönsten Sonnenaufgänge, den ich je erlebt habe.

Nach einem herrlich erfrischenden Morgenbad frühstückten und packten wir, um den Tguma hochzuwandern (knapp 2200 m. ü. M.). Um ins Safiental zu gelangen, mussten wir von dort aus über sehr steile Serpentinen etwa tausend Höhenmeter abwärts steigen. Was mir mal wieder so richtig fett in die Knie gefahren ist. Sie schrien laut, ich schwör! So sehr, dass ich unten, am Stausee, angekommen – die letzten zwei Kilometer mit zig Pausen wegen der brutalen Schmerzen –, kaum mehr gehen konnte. Wir fanden zum Glück bei einem Holzlager direkt am See einen tollen Nachtplatz, von wo aus wir auch gleich im nahen Bach Wasser holen konnten. Beide waren wir sooo müde, dass wir – nach dem Essen und einer Katzenwäsche im Bach – um halb zehn schon in den Schlafsäcken waren und bis kurz vor Sonnenaufgang durchschliefen. Ha, geht doch!

Meinen Knie ging es am Morgen deutlich besser, aber an den zuhause geplanten Aufstieg zur Alp Bischola respektive nach Ober Rascheins, wo das Auto stand – diesmal auf einer andern Route als beim Abstieg – war nicht wirklich zu denken. Also setzten wir den am Samstagnachmittag gefassten Plan um, mit ÖV so nahe wie möglich ans Auto ran zu kommen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich zwar relativ schmerzfrei aufwärts und geradeaus gehen kann, aber nur mit relativ starken Schmerzen abwärts.

Wir studierten Karten und Höhenprofile und entschieden uns, mit ÖV zum Glaspass oder bis kurz davor zu fahren und von dort die letzten, nicht erschlossenen Kilometer nach Ober Rascheins zu wandern. Der Glaspass war im Grunde direkt über uns, die wir in Safien Carfil, am Stausee, lagerten. Von hier unten hinaufzusteigen hieße aber mit dem Feuer spielen, denn ich war ja nicht schmerzfrei. Immerhin waren die Schmerzen aber über Nacht erträglich geworden.

Um auf den Glaspass zu kommen, mussten wir die ganze Gebirgskette umfahren, um von der anderen Seite auf den Pass zu kommen. Heißt, wir mussten das Safiental abwärts mit dem Postauto, dort dann mit dem Zug dem Rhein abwärts ins Vorderrheintal zurück nach Thusis und von dort mit dem Postauto hoch zum Pass. Verrückte Rundreise! Aber schön wars. Trotz Maske.

Auf der Karte zeigen die roten Bömbel in Uhrzeigerrichtung unsere Rundfahrt an. (Den Link zur Karte gibt es hier und ganz unten.)

Screenshot der Karte
Screenshot der Karte

Irgendlink und ich hatten tatsächlich unsern Spaß, denn Postautofahren in den Bergen ist ja schon ein tolles Erlebnis. 🙂 Und die Rhätische Bahn ist auch irgendwie angenehm. Zum Glück hatten wir unsere Masken dabei und die behielten wir dann bis auf dem Glaspass auf, denn es gibt ja immer so Menschen, die … (aber das ist jetzt doch ein anderes Thema.)

Die Strecke vom Glaspass nach Ober Rascheins war nicht allzu anspruchsvoll, eine etwa vier- bis fünf Kilometer lange Wanderung rüber zum Parkplatz mit vielleicht zweihundertfünfzig Höhenmetern aufwärts und ein bisschen weniger abwärts. Wir wählten halb absichtlich, halb zufällig jene Route mit den wenigsten steilen Abstiegen und errreichten – nach einer köstlichen Picknickrast auf einer Bank mit Blick auf den Piz Beverin – gegen drei Uhr das Auto. Weil es meinen Knien noch immer relativ gut ging – super wäre übertrieben, aber ich hatte keine starken Schmerzen – und der Tag noch zu jung war, um bereits nach Hause zu fahren, beschlossen wir, nochmals ins Beizli zu wandern. Eine knappe halbe Stunde rauf, eine knappe halbe Stunde runter. Ohne Gepäck. Auf dem Rückweg wollten wir ein letztes Mal im Pascuminersee baden.

Im Beizli angelangt, freuten wir uns darüber, auch Annette noch zu sehen, die Partnerin des Beizers. Es herrschte Hochbetrieb, doch nach 17 Uhr wurde es ruhiger und wir hatten Zeit, ein bisschen auszutauschen. Eile hatten wir ja keine und die angenehme Temperatur um die 25 Grad war es wert, solange wie möglich zu bleiben. Auf dem Rückweg dann wieder alles abwärts. Und ja, ich habe das bewusst in Kauf genommen. Ich ahnte, dass das für meine Gelenke nicht so gut sein würde, doch ein letztes kühles Bad im Pascuminersee wollte ich mir eben nicht entgegen lassen. Unten angelangt pochten meine Kniegelenke wieder heftig. Gut, dass Irgendlink fuhr.

Inzwischen geht es den Gelenken zum Glück wieder besser und auch der Muskelkater-aus-der-Hölle verkrümelt sich so langsam. Und ja, unsere Bordmittel haben gereicht und wir hatten am Schluss sogar noch ein bisschen Nüsse und Dörrfrüchte übrig. Oh, warte! Da war doch noch dieser köstliche Cake im Alp Bischola-Summerbeizli. Den darf ich nicht vergessen. Der war nämlich nicht Bordmittel, der war Zugabe.

Was bleibt? Erinnerungen. Viele Bilder. Filmchen mit Kuhgebimmel und Bergbachrauschen. Und immer wieder bleibt mir diese Sehnsucht nach dem nächsten Mal, wenn der Berg ruft.


Tag 1

Tag 2

Tag 3


*Für die Karte (hier) habe ich drei Wegpunktefarben verwendet. Der unterste der blauen Bömbel markiert den Parkplatz und ist somit Ausgangs- und Schlusspunkt. Die blauen Wegmarkierungen gehören zu den Tagen eins und zwei, die lilafarbenen gehören zur Wanderung am Sonntag und die roten markieren unsere Reise per ÖV. Die Karte liest sich im Uhrzeigersinn.

**Das Sponsoring für ein leichte(re)s größeres Wanderzelt für zwei Personen ist hiermit eröffnet. 😉

Keine Geschichte von zwei Pinseln und warum ich mir Dinge aufschreibe

Da ist diese Geschichte von den beiden alten, hartgewordenen Pinseln, die seit Jahr und Tag nebeneinander im Pinselglas stehen bleiben, obwohl sie längst nicht mehr zum Malen genutzt werden können.

Nein, hier und jetzt werde ich diese Geschichte nicht erzählen. Das ist nur ein Beispiel für die zahlreichen Notizen aus dem Notizbuch meines Handys. Ohne Notizen geht bei mir nämlich gar nichts. Meine Denkprozesse wären sonst noch unfassbarer. Notieren ist mir Aderlass.

Seit vorgestern weiß ich, dass sich John Irving keine Notizen machte. Schreibt der Herr Buddenbohm. »Der Herr Irving ist nämlich ein Notizenverweigerer, er schreibt sich nichts auf, nie, so sagte er. ’Denn wenn etwas wichtig ist’, so erklärte er dann, ’dann fällt es mir wieder ein.’«

Mir nicht. Ich vergesse viel. Deshalb liegen überall in meiner Wohung an neuralgisch wichtigen Stellen Notizzettel herum, in A6-Format geschnittene Makulatur, deren Rückseiten ich – mit Metallklammern zusammengefasst – als Notizblöcke verwende. Mein Chaos hat nämlich durchaus System. Sind die Zettel vollgeschrieben, wandern sie auf den Stapel links neben meinem Rechner und von dort geraten sie irgendwann in die Mühlen meiner Tastatur. Mahlen, einkochen oder einköcheln nenne ich diesen Vorgang. Oder einmachen. Andere sagen vielleicht verwursten dazu, ich halte mich lieber an tierfreie Metaphern wie Sirup kochen oder Marmelade. Denn in der Tat hat für mich schreiben etwas mit kochen zu tun, schreiben ist ein sinnlicher Akt, insbesondere die Arbeit an der Rohfassung eines Textes. Schreiben ist extrahieren.

Neben den auf Makulatur gekritzelten Notizen, die das ganze Spektrum von Außen- und Innenbeobachtung abdecken und manchmal nur aus einzelnen Wörtern, manchmal aus ganzen Traumhandlungen bestehen, gibt es bei mir noch zwei andere Notiz-Formate. Diese – Handy-Text- und Handy-Sprach-Notizen – machen vielleicht zusammen einen Drittel meiner Notizenmenge aus.

Seit ich wegen meiner wehen Hand nicht mehr so easy auf dem Handy tippen kann – wenn ich hinterher keine Schmerzen riskieren will –, fallen die Text-Notizen im Handy je länger je kürzer aus. Aber natürlich reichen, wie Andreas Wolf in seinem wunderbaren Text über die verschwundene Ute köstlich beweist, ein paar Wörter, um in uns drin ganze Geschichten zu konservieren oder, besser, höchst lebendig zu erhalten

Habe ich unterwegs, nebst Handy eine externe Tastatur zur Hand, kann die Notiz schon mal länger ausfallen. Oder aber es bleibt nicht bei der Notiz, und – das ist mir das Liebste, der Idealfall, der Sechser im Lotto – ich kann den Text, der in mir rumort, gleich von A bis Z aufschreiben. Ohne Verzögerung. Und ohne Umweg über  ein Notizformat. Nur schon die kleinste Verzögerung bewirkt bei mir, dass der erste Ansatz, die erste Idee, die ersten Formulierungen in sich zusammenstürzen und der Text in seiner Urform nicht mehr abrufbar ist. Notizen sind fast immer nur ein Notbehelf, ein Anschreiben gegen das Vergessen. Notizen sind die herumliegenden Bruchstücke, die mir beim Rekonstruieren helfen. Und das ist oft zuweilen richtig anstrengend, ganz im Gegensatz zu diesem ersten Drauflosschreibefluss, der einfach so vom Kopf in die Tasten geschieht. Was jetzt nichts über die Qualität eines Textes, dafür einiges über den Schaffensprozess und seine Mühen sagt.

Womit wir bei meinen Problemen mit der Sprachnotiz wären. Was ich mir nämlich per Stimme notiere, lässt sich in den wenigstens Fällen wie gesprochen aufschreiben, ich kann keine Texe diktieren. Aus zweierlei Gründen geht das bei mir nicht. Zum einen denke ich meistens Schweizerdeutsch und schreibe meistens Hochdeutsch. Zwei Sprachen mit zwei nicht 1:1 zu transkribierenden Grammatiken. Nur schon die Übersetzung verändert den Inhalt. Aber noch schwieriger ist für mich meine Unfähigkeit, mir die im Kopf ausformulierten Sätze und Abfolgen solange zu merken, wie ich brauche, um sie aufzusprechen. Sobald ich den Knopf zur Aufnahme betätigt habe,  zerfallen meine inwendigen Sätze in Bruchstücke, die ich dann sinnlos aneinander reihe und später mit der Pinzette aufpicken und in eine sinnvolle Reihenfolge bringen muss. Siehe oben. Ich eigne mich schlicht nicht für Vorträge ab Blatt. Eher bin ich die, die improvisiert.

Dank der Handyfunktion ‚Sprachnotizen‘ ist mir klar geworden, dass ich wohl ähnlich ticke wie die Schweizer Autorin und Behindertenaktivistin Ursula Eggli, die ich kurz vor ihrem Tod zu ihrem Leben und Schreiben interviewt habe. Obwohl sie krankheitsverlaufsbedingt nur noch wenige Finger bewegen konnte, bevorzugte sie es, über ihre Spezialtastatur zu schreiben statt zu diktieren. Die Gedanken fließen anders, wenn sie über die Finger aus mir raus können als wenn sie es über die Stimme tun sollen, sagte sie. Natürlich, man kann das trainieren, aber dazu hatte Ursula Eggli keinen Anlass, ich auch nicht.

Doch was gibt es denn da ständig so Wichtiges, das ich mir da, in welcher Form auch immer, notieren will? Wichtig ist relativ. Und letztlich ist auch vergessen eine Option. Und nicht die Schlechteste. Bei mir ist von Tweet zu Mail oder Brief, von Therapienotiz bis Blogartikel alles dabei.

Fakt ist eher, dass ich mich geradezu nackt fühle, wenn ich nichts zum Schreiben in Griffnähe habe, egal ob Papier oder Handy. Das klassische Notizbuch allerdings hat bei mir schon eine ganze Weile ausgedient. (Die Purist:innen unter meine Leser:innen schlagen jetzt ihre Hände über dem Kopf zusammen. Wie kann sie nur? Ja, sie kann. Ja, das geht. Und ja, ich lebe noch.)

Jahrelang trug ich kleine Büchlein mit mir rum, viele Jahre lang waren sie meine Ideenbehälter. Doch seit ich vor zehn Jahren mein erstes iPhone 3S kaufte – das einzige iPhone übrigens, das ich mir neu gekauft habe –, verabschiedeten sich die Notizbücher nach und nach, leise und schleichend, aus meinem Leben. Es war keine Absicht wie beim Kalender, wo es eine klare Entscheidung meinerseits gewesen war. Die Notizbücher wurden einfach immer weniger gebraucht und als sie alle irgendwann voll waren, habe ich sie nicht mehr durch neue ersetzt.

Ja, klar, ästhetisch und haptisch ist Papier schöner, ist Schreiben auf Papier  schöner, sinnlicher, wohltuender vielleicht sogar, doch danach? Was geschieht danach? Bei meiner Saukralle ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich die Notizen, wenn ich sie nicht innert nützlicher Frist in etwas Lesbares verwandle, nie wieder lesen werde. Das ist mit den Makulaturrückseiten anders, die mahnend auf dem Stapel neben dem Rechner liegen, ebenso mit den Notizen im Handy, die mich schwarz auf weiß und dazu gut lesbar an kleine Geschichten erinnern.

Dazu fallen mir die winzigkleinen Notizbüchlein meiner Tante M. ein, die vor neun Jahren gestorben ist. Mit meiner Schwester zusammen räumte ich nach ihrem Tod ihr Zimmer im Pflegeheim. Das Meiste kam, wenn es das Rote Kreuz nicht wollte, in die Mulde (ja, so ist das, wenn jemand stirbt), doch das eine oder andere Persönliche und/oder Nützliche nahmen wir – weil es zu schade zum Wegschmeißen und noch zu brauchen war – mit, wie zum Beispiel zwei Kartons voller Wegwerflatexhandschuhe und zig Ersatzrollen für den Fusselroller, eine wunderschöne Muschelnsammlung und eben eine ganze Reihe winzigkleine Notizbüchlein.

Die beiden Schwestern hatten nie viel aus ihrer Kindheit und ihren Leben vor unseren Geburten erzählt, unsere Mutter und unsere Tante. Ich hatte gehofft, wenigstens posthum das eine oder andere über ihr Leben zu erfahren. Doch die klitzekleine, wunderschöne Handschrift meiner Tante ist schwerz zu entziffern, zumal M. vieles abgekürzt und sich somit ihren ganz eigenen Verschlüsselungscode erschaffen hatte. Auch fühlte ich mich, wann immer ich in den kleinen Büchlein zu lesen versucht habe, als Voyeurin.

Warum sie aufschrieb, was sie aufschrieb? War es ein Sich-etwas-von-der-Seele-Schreiben? War es ein Das-will-ich-nicht-vergessen-Schreiben? Oder war es gar ein Das-kommt-später-in-meine-Autobiografie-Schreiben? Und was ist es bei mir?

Ich nenne es oft ausatmen. Oder wahlweise auch scheixxen. Verstoffwechseln auf jeden Fall. Schreiben ist mir immer schon ein Prozess der Verwandlung gewesen. Ich sehe einen Haufen frisch geschorener Wolle vor mir, der gekardet wird. Gekämmt, damit die Wollfetzen auf Linie gebracht und versponnen werden können. Schreiben als Prozess des Spinnens, des Webens, des Strickens, des Häkelns. Textilie. Text. Na? Ha!

Handgewobenes buntes Tuch, mit dem sich die Autorin verschleiert. Man sieht nur eine Hand und ein Haarbüschel.
In gewobenes Tuch eingesponnene Autorin

Und wie bin denn jetzt hierher gekommen und wie komm ich da jetzt wieder raus? Und darf man verwobene oder eingekochte Notizen aus dem Handynotizbuch löschen? (Ist das nicht ebenso so frevelhaft, wie wenn ich meine papiernen Notizbücher ins Altpapier oder ins Feuer legen würde?)

Na ja, die Geschichte mit den Pinseln habe ich ja noch lange nicht gschrieben, sie bleibt also im Notizordner. Punkt.

Ob sie womöglich jemand anders adoptieren will und wie ist das eigentlich mit Ideen, mit Geschichten? Sind sie frei und suchen sich, wie so Nistvögel, Orte aus, von denen sie hoffen, dass sie dort sicher sind und genug Nahrung zum Gedeihen finden?


Quellen der Inspiration:
Buddenbohm und Söhne | Maximilian Buddenbohm
Wald und Höhle | Andreas Wolf