Genug ist nicht genug | #Depression | #notjustsad

»Das Minimumgesetz, von Carl Sprengel 1828 veröffentlicht, besagt, dass das Wachstum von Pflanzen durch die im Verhältnis knappste Ressource (Nährstoffe, Wasser, Licht etc.) eingeschränkt wird. Diese Ressource wird auch als Minimumfaktor bezeichnet.« Sagt Wiki. Eine Lektion unseres Biologie-Lehrers, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Besteht also Mangel an einer oder mehrerer Ressourcen, ist es ganz und gar wirkungslos, wenn eine der bereits reichlich vorhandenen Ressourcen aufgefüllt wird. Gut gemeint, sorry, aber wirkungslos.

Die Minimumtonne mit zwei angeschriebenen Dauben. Auf der kürzesten steht Selbstwertgefühl, auf einer langen Partner- und Freundschaftsliebe
Quelle: Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Minimum-Tonne.svg)

»Jeder Boden ist anders mit Nährstoffen versorgt und benötigt eine spezielle Behandlung. […] Ich will euch etwas für das Thema Düngen sensibilisieren und euch helfen, Düngefehler zu vermeiden. Falsche Düngung belastet die Umwelt und unsere Gesundheit. Das Thema ist komplex, ich habe jedoch versucht, mich kurz zu fassen. Warum düngen? Unser Gemüse verbraucht im Laufe des Jahres einen gewissen Teil der Nährstoffe im Boden. Wenn wir das Gemüse auf den Beeten verrotten lassen würden, wäre alles ok und wir müssen nicht düngen.* Aber wir essen es ja auf und entnehmen so dem Boden die Nährstoffe. Und genau diese entnommenen Nährstoffe müssen wir durch Düngung nachfüllen.« Diese weisen Zeilen lese ich auf parzelle94.de, einer Seite für Gartenspaßhabende.

Der Garten und das Gärtnern sind für mich ja schon immer gute Metaphern für das Leben gewesen. Setzen wir nämlich im zitierten Text für Boden das Wort Mensch ein und für Düngen das Wort Fürsorge oder Selbstfürsorge, liest sich der Text fast wie ein Artikel aus einer psychologischen Fachzeitschrift.

In obiger erlaubterweise auf Wiki abgekupferten Grafik habe ich zwei der Dauben meiner Selbstbeobachtung entsprechend beschriftet. Heute Morgen, unter der Dusche, hatte ich nämlich auf einmal die Erkenntnis, wie treffend doch das Gesetz des Minimums sich auch auf meine Psyche übersetzen lässt. Ich empfange zurzeit nämlich viel freundschaftliche Unterstützung und Ermutigung, kann sie aber kaum annehmen. Irgendwie logisch, denn solange jene Dauben – die mit der Selbstwertschätzung und mit der Selbstliebe – noch immer so kurz sind, kann ich alles andere gar nicht fassen. Folglich lecke ich, ich tropfe, ich laufe aus.

Mutmachendes tut natürlich trotzdem gut. Gestern habe ich zwei ermutigende Blogartikel gelesen, die ich gerne hier verlinke.

Den ersten hat Herr Bock geschrieben, über die gutbürgerliche Fassade, die es zu wahren gilt. Dafür gehts → hier lang.

Den zweiten schrieb Nora Fieling. In ihrem Text »Depression: Denk doch mal (NICHT) positiv …« erzählt sie, wie uns Betroffene all das Gutgemeinte, was andere Menschen uns um die Ohren hauen an Tipps mit auf den Weg geben, erdrücken kann. Die wiederkehrende Floskel Denk halt positiv! in ihrem Text lässt sich gut mit Sätzen wie Du musst nur genug glauben!, Bete zu Gott (oder wem auch immer)! oder Meditiere halt mehr! einfügen. Kurz gesagt alles, was mit der inneren Haltung zu tun hat – mit unserer aktuell aus der Sicht der anderen falschen inneren Haltung, wohlverstanden –, setzt uns nur zusätzlich unter Druck, statt zu helfen. (Das Wort Depression kommt vom Wortstamm her aus dem Lateinischen. Deprimere bedeutet niederdrücken.)

Natürlich hat eine Depression mit einer bestimmten inneren Haltung zu tun und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass wir an dieser Haltung arbeiten (bis sie uns nicht mehr von innen her auffressen kann), wenn es uns dazu gut genug geht. Und ja, ich finde Verhaltenstherapie eine gute Sache. Aber …

Wenn wir nämlich aus Gründen bereits in der Scheiße hocken, ist eben dieses Du musst nur genug an dich (wahlweise an die Positive Kraft, an Gott, an Whatever) glauben, dann geht es dir bestimmt bald wieder besser! nicht einfach nur wirkungslos, sondern auch immer mal wieder kontraproduktiv. Weil es, wie gesagt, noch mehr Druck aufbaut, Leistungsdruck, Heilwerdeleistungsdruck.

Vermutlich versteht man das wirklich nur, wenn man selbst schon (mehr als einmal) richtig schwer depressiv war. Übrigens: Etwas mehr als 11% aller Menschen sollen, so sagen die Statistiken, einmal im Leben einen leichten bis schweren depressiven Schub erlebt haben/erleben. Davon werden allerdings zum Glück nur etwa die Hälfte chronisch depressiv.

Wir alle sind eben wie Gartenböden, die je nach Pflanzen, die auf ihnen gewachsen sind (mit oder ohne unseren Einfluss), unterschiedlich ausgelaugt werden. Und nicht alle haben es von Natur aus so mit der Selbstfürsorge …

Von einmalig an Depressionen Erkrankten und Geheilten geht zuweilen der Anspruch aus, dass dieses Einfach-wieder-Heilwerden doch gar nicht soo schwierig ist. Für chronisch Depressive sind solche Erwartungshaltungen aber wie Ohrfeigen und setzten uns massiv unter Druck.

Ich will damit niemandem zu nahe treten, der gerne gute Erfahrungen teilt. Gewiss nicht. Denkt einfach daran, dass gute Erfahrungen nicht ungefragt ausgeteilt werden sollten. Bitte fragt vorher nach.

Was Betroffenen denn am meisten hilft? Eine Frage, die mir immer mal wieder gestellt wird. Und natürlich kann ich sie nur für mich selbst beantworten:

Alles, was mein Vertrauen in mich und in mein Leben – mein Handeln, meine getroffenen Entscheidungen, meine Gedanken – stärkt, hilft mir. Alles mit entgegengebrachte Vertrauen. Alles, was mir den eigenen Wert vermittelt. Alles mit folgendem Subtext: Ich höre dich, ich sehe dich, ich nehme dich ernst. Ich fühle mit (ohne dabei mitleidig, überheblich, besserwisserisch zu sein).

Statt Probier doch dies und das aus!,
besser Ich glaube, du weißt selbst am besten, was du brauchst und was dir gut tut!

So kann die zu kurze Fassdaube aus der obigen Grafik vielleicht langsam ein bisschen länger und stärker werden.


* Es lebe die Buntbrache …!

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Leerräume

»Mir fehlt Platz, leerer Raum im Kopf. Mein Hirn ist so voll bis zum Rand. Alle Lücken, die ich mir immer geschaffen hatte, sind nun aufgefüllt und ich bin jetzt wie alle anderen Menschen. Ich habe mein Natursein verloren.«

»Du meinst, so wie eine volle Festplatte, die man nicht mehr defragmentieren kann, weil es keinen Platz mehr hat, die Dinge hin und her zu schieben und so freien Platz zu schaffen? Oh, das kenne ich gut.

Diese Immer-mehr-leisten & konsumieren-Welt macht uns krank. Die einen früher, die anderen später.

Weißt du, ich glaube ja, dass so der menschliche Weltuntergang aussehen wird: Wir werden je voller wir werden desto kranker, verlieren immer mehr den Bezug zum eigentlich Gesunden, zum Natürlichen, zu den Buntbrachen unseres Seelenlandes; wir weichen immer mehr aus auf Ersatzhandlungen, Ersatzlebensmittel, Ersatzdinge und treiben so immer weiter weg vom natürlichen Menschsein.

Wir Menschen werden so krank, dass wir uns nicht mehr weiterverpflanzen wollen oder können und sterben eines Tages aus. Dann holt sich die Erde alles wieder zurück, was wir ihr weggenommen haben.«

Mein Minitraumhaus und was die Gehirnforschung erkannt hat

Anders zu leben hat mich immer interessiert und auch immer auszuprobieren gereizt. Vielleicht weil ich schon als junge Frau gemerkt habe, dass ich mir vom Leben mehr erhoffe als Arbeiten zu gehen um Dinge zu besitzen (auch wenn sich das durchaus gut anfühlen kann und uns eine Art Sicherheit vermittelt, die uns eben ein gutes Gefühl gibt).

Immer aber hat mich das, was hinter dem Vorhang ist, mehr interessiert als das Offensichtliche.

Das vermeintlich Offensichtliche, Vordergründige hat mich sogar oft eher verwirrt und überstimuliert als genährt. Fassaden, Maskeraden und Verkleidungen stossen mich geradezu ab. Warum das so ist, kann ich aber nicht genau sagen. Möglicherweise weil ich in meinem Leben bereits viele krasse Diskrepanzen zwischen Außen und Innen, zwischen Aussage und Handlung gesehen habe.

Nun ja, mit Diskrepanzen lebe ich ja selbst. Obwohl ich ein gewisses Maß an Comfort nicht missen, träume ich zuweilen dennoch davon, noch einfacher zu leben als ich es bereits tue. Und seit es Tiny Houses gibt – seit sich die Minimalismusbewegung auch aufs Wohnen ausgebreitet hat –, verfolge ich diese Trends aufmerksam. Obwohl ich ja wenig von Trends und Hypes halte.

Tiny Houses? Das sind, wie der Name sagt, kleine Häuser, oftmals auch mobile, die – ähnlich wie Wohnwägen – auf kleinstem Raum alles bieten, was wir zum Leben brauchen. Das Spannende daran: Diese Bewegung fokussiert immer mehr die Entwicklung autarker Kreisläufe (Wasser- und Strom-Kreisläufe, die sich selbst erhalten) und eine immer natürlichere Bauweise (zum Beispiel hier → klicken).

Innenraum eines Minihauses

Obwohl ich also manchmal von ganz viel Platz träume, sehne ich mich manchmal auch nach Reduktion. Vielleicht auch, weil ich weiß, dass ich mit dem Luxus von sehr viel Raum nicht gut umgehen könnte. Nicht solange so viele andere Menschen zu wenig von allem zum Leben haben. Was vielleicht auch einer der Gründe ist, warum mich anders zu leben schon immer angesprochen hat. Anders leben heißt für mich unbedingt auch nachhaltiger und bewusster zu leben, den eigenen ökologischen Fußabdruck klein zu halten, innen und außen mehr in Übereinstimmung zu bringen. Zufriedener werden, im Bewusstsein, dass es eben nicht die Dinge sind, nicht der Besitz, nicht das Haben, nicht das Wollen ist, das uns glücklich macht. Im Gegenteil sei sogar das Habenwollen eine Folge von Unzufriedenheit. Sagt jedenfalls Hüther sinngemäß in einem Interview, das ich auf Utopia gefunden habe. In diesem Text erklärt Dr. Gerald Hüther – ausgehend von der Gehirnforschung, der er sich ausgiebig widmet –, wie unsere innere Haltung unser Verhalten beeinflusst. Zwar geht es in diesem Text vordergründig um Nachhaltigkeit und um unser Verhalten im ökologischen Kontext, doch letztendlich plädiert er vor allem für eine positive innere Lebenshaltung – basierend auf unserem Selbstbewusstsein von Würde. Von einem respektvollen Umgang mit uns selbst in Würde.

Weil: Wer glücklich ist, kauft nicht.

 

Mein Sommer war groß

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viele Brombeeren gegessen habe wie diesen Sommer, wilde Brombeeren meine ich, aus dem Wald. Brombeeren, die niemand gesät hat und die nicht für mich gewachsen sind, auch nicht für sonstjemanden. Sie wuchsen einfach so. Weil es in ihrer Natur liegt.

Collage mit Fotos aus Tomaten, Zucchini, Brombeeren und ApfelkuchenUnd wann habe ich je so viele Tomaten gegessen wie in den letzten Wochen? Und Zwetschgen? Und Zucchini? Und ach, die Äpfel darf ich nicht vergessen!
Und wann habe ich je so viel gebadet, in Flüssen, Seen und einmal auch in der Nordsee? Wann habe ich so oft an einem gemütlichen Feuer gesessen und die Sterne am Himmel betrachtet? Ich fühle mich von diesem Sommer reich beschenkt. Offenbar war ich oft genau dort, wo das Wetter genau so sommerlich war, wie ich es am liebsten mag (nun ja, zuweilen war es sogar mir zu heiß). Wenn andere über Regen klagten, war ich oft genau dort, wo es sonnig war.

Kurz und gut: Ich hatte einfach Glück. Und was noch besser ist als Glück zu haben: Zu merken, dass ich Glück habe. Hatte. Habe.

Vielleicht geht es mir auch einfach grad so gut, weil ich endlich akzeptieren kann, dass ich im Grunde nichts anderes als eine menschliche Buntbrache bin.

Buntbrache? Buntbrachen sind Landstriche, die nichts anderes zu tun haben als da zu sein und das, was wächst, wachsen und in sich leben zu lassen. Alle – Pflanzen, Tiere und die Erde – haben etwas davon.

Auf einer Webseite über Buntbrachen las ich soeben:

»’Weisst du, wenn ich die vielen Blumen und Insekten, besonders den Schwalbenschwanz (Schmetterling) sehe, dann sind das für mich Ferien!’ Das war die erste Buntbrache, die in unserer Region angesät wurde. Damals wurde die junge Bauernfamilie belächelt oder negativ kritisiert. Dies in der Meinung, man kann doch nicht wertvolles Ackerland so ’vergammeln’ lassen.«

Quelle: Naturregion.ch

Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr von dieser Buntbrachenmentalität verinnerlichen. Um Platz für all die Dinge zu schaffen, die Raum brauchen, und vielleicht könnten wir alle so wieder ein bisschen mehr Biotope für Ideen sein.