In einem Zug zu lesen #19 – Der Fall Kallmann von Håkan Nesser

Mit Der Fall Kallmann legte der vielseitige schwedische Autor Håkan Nesser eine Sozialstudie der etwas anderen Art vor. Wir befinden uns in einer kleinen Stadt im mittelschwedischen Binnenland, die K. genannt wird, und schreiben das Jahr 1995.

Eugen Kallmann unterrichtete an einer Gesamtschule Schwedisch und galt in seinem Kollegium als Einzelgänger, doch seine Schülerinnen und Schüler verehrten ihn. Einzig Igor, einem Lehrer für Mathematik und Physik, sowie Ludmilla, der Beratungslehrerin, gelang es hin und wieder einen kleinen Einblick in Kallmanns Gedankengänge zu bekommen. Doch auch diese blieben sehr fragmentarisch. Eines Abend im Mai findet der Schüler Charlie seinen Lehrer Kallmann am Fuße der steilen Treppe eines verlassenen Hauses tot auf.

Zum Weiterlesen bitte → hier klicken.

Advertisements

In einem Zug zu lesen #18 – Neues aus der Schweizer Krimiküche

Die beiden Autorinnen Mitra Devi und Petra Ivanov haben sich zusammengetan und den Psychothriller Schockfrost geschrieben.

Schockfrost

Die Londoner Psychiaterin Frieda Klein, erschaffen vom Autorenpaar Nicci French, hat jetzt eine Schweizer Kollegin. Sarah Marten. Wie Frieda behandelt Sarah ihre PatientInnen in der eigenen Praxis und erarbeitet daneben Gutachten für die Behörden. Ebenfalls wie Frieda hat auch Sarah diesen einen Klienten, der sie vor der Welt beschützen will. Doch hier hören die Ähnlichkeiten auch schon auf, denn Sarahs neuer Klient leidet immer wieder an paranoiden Psychosen. Seine Ängste richten sich auf ein manipulatives Netzwerk, das – wie wir im Laufe der Geschichte erfahren werden – nicht nur aus der Luft gegriffene Grundlagen hat.

Zusammen mit ihrem fünfzehnjährigen Sohn Dave lebt Sarah Marten am Stadtrand von Zürich. Ihren neuen Klienten verdankt sie Kaspar, ihrem Exmann, der an einer Klinik als Psychiater praktiziert. Über seine wahren Gründe für die Überweisung schweigt er sich allerdings aus.
[weiterlesen …]
+++

Zeitgleich ist von Petra Ivanov Erster Funke – Wie alles begann erschienen. Für Fans ein Muss!

Erster Funke | Petra Ivanov

Mit Erster Funke hat Petra Ivanov ein Prequel vorgelegt, das die Fragen beantwortet, wo und unter welchen Umständen sich ihr Ermittlerduo Regina Flint und Bruno Cavalli kennengelernt haben.

Dass sich Regina und Cavalli – niemand nennt ihn Bruno – vor ihrem ersten gemeinsam gelösten Fall schon mal getroffen haben, wird im ersten Roman Fremde Hände, der 2005 erschienen ist, angedeutet. Auch in späteren Büchern wird diese Begegnung in den USA hin und wieder erwähnt. Doch was ist damals wirklich geschehen?
[weiterlesen …]

In einem Zug zu lesen #17 – Crimson Lake von Candice Fox

»Sechs Minuten braucht es nur, um das Leben von Detective Ted Conkaffey vollständig zu ruinieren. Die Anklage gegen ihn wird zwar aus Mangel an Beweisen fallengelassen, doch alle Welt glaubt zu wissen, dass einzig und allein er es gewesen ist, der Claire entführt hat. Um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, zieht er nach Crimson Lake, eine Kleinstadt im Norden Australiens. Dort trifft er Amanda Pharrell, die ganz genau weiß, was es heißt, Staatsfeind Nr. 1 zu sein. Vor Jahren musste sie wegen angeblichen Mordes ins Gefängnis. Nun ist sie Privatdetektivin und braucht bei ihrem neuen Fall ausgerechten seine Hilfe …«. So viel zum Klappentext. Ich bin gespannt.

Auf der ersten Buchseite watschelt eine siebenköpfige Gänsefamilie durchs Bild. Eines Tages hält sie beim Ich-Erzähler Ted Einzug. Als er schon fast nicht mehr daran zu glauben gewagt hatte, dass sein Leben je wieder lebenswert sein könnte. Seine Frau glaubt nicht an seine Unschuld, seine Tochter darf er nicht mehr sehen und das baufällige Haus, das er gekauft hat, ist leer. So leer, wie er selbst sich fühlt. Bis die Gänse auftauchen. Einige Tage später lernt er die von Kopf bis Fuß tätowierte Amanda kennen, die wegen Mordes eine Haftstrafe abgesessen hat, sich nun als Privatermittlerin betätigt und ihn in ihr Ermittler-Boot holt. Diese Wende tut Ted zwar gut, doch immer wieder überfallen ihn heftige Panikattacken, die auch nicht davon besser werden, dass kurze Zeit später sein Inkognito auffliegt und der Mob ihn zu terrorisieren beginnt. Bürgerwehren wollen ihn, den vermeintlichen Kinderschänder, nicht in ihrer Stadt. Auch aus der Familie des Schriftstellers, die Amanda und ihm den Auftrag erteilt hat, den verschwundenen Ehemann respektive Vater – einen Bestseller-Schrifteller – zu finden, schlägt ihm unerwartet kalter Wind entgegen.

Fast aussichtslos scheint es, diesen Fall zu lösen. Die Widerstände sind groß und unsere beiden Ermittler kämpfen nicht nur um die Lösung desselben, sie kämpfen auch gegen ihre eigenen Dämonen. Ted weiß um seine Unschuld, doch niemand will ihm glauben, bis eine unbestechliche Gerichtsmedizinerin schließlich einige Ungereimtheiten entdeckt und so eine junge Journalistin in neue Denkbahnen schubst. Parallel zu den Ermittlungen am Fall versucht Ted das Geheimnis um Amandas Mord an einer anderen jungen Frau zu verstehen. Amanda ermittelt ebenfalls parallel, sie versucht Licht in Teds Fall zu bringen.

Candice Fox zeichnet ihre Figuren sehr anschaulich. Sie wachsen mir sofort ans Herz. Ted mit seiner Sehnsucht nach seiner Tochter, die er nicht sehen darf, obwohl er aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde; Amanda mit ihrer schroffen, schrägen Art, die hinter dieser Fassade sehr zerbrechlich ist und nur ganz wenigen Einblick hinter ihren Vorhang gewährt. Beide mit einem ganz besonderen dunkelgrauen Humor und einer tiefen Sehnsucht danach, wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können.

Fox erzählt nachvollziehbar, lebending, packend und öffnet immer wieder neue Türen, neue Abgründe und am Schluss ist alles anders. Schon jetzt bin ich gespannt, wie es mit den beiden weitergeht.


D: 15,95 €, A: 16,50 €, CH: 22,90 sFr
suhrkamp taschenbuch 4810, 2017,
Klappenbroschur, 380 Seiten
ISBN: 978-3-518-46810-4

In einem Zug zu lesen #16 – Tod in Winterthur von Eva Ashinze

Apropos Frauenkrimi: Vor einigen Wochen ist Eva Ashinzes zweiter Krimi erschienen, der, wie schon sein Vorgänger, in Winterthur spielt. Offenbar ist auch in dieser Zürcher Kleinstadt mit der angeblich höchsten Wohlfühlqualität aller Schweizer Städte nicht alles Gold was glänzt. Auch hier wird gemordet und auch hier werden auf offener Straße Menschen überfallen.

Buchcover Tod in Winterthur Am gleichen Tag wie Moira van der Meer, Rechtsanwältin und Ich-Erzählerin, den Auftrag bekommt, das Geheimnis dreier verlorener Eizellen in einer teuren Kinderwunsch-Klinik zu lüften, stirbt ihre erste große Liebe Jan, der mit seiner Frau Norah im Kunstgeschäft tätig war. Nun ja, Jan starb nicht nur, er wurde ermordet. Mit drei Schüssen. Von seiner Frau Norah, weiß Moira eigentlich nur, dass sie früher die beste Freundin ihrer seit vierundzwanzig Jahren verschollenen kleinen Schwester Maria war. Dennoch erklärt sie sich bereit, Norah moralisch und juristisch zu unterstützen. Während sie offiziell am Fall der verschwundenen Eizellen arbeitet, schaut sie aus persönlichem Interesse dem Ermittler Guido Béjart und der Staatsanwältin Kummer bei deren Ermittlungen über die Schultern. Sie will, dass Jans Mord unbedingt bald aufgeklärt wird.

Bald ist auch schon ein mutmaßlicher Täter gefunden, doch Moira zweifelt an seiner Schuld. Manches passt einfach nicht zusammen; oder zu gut. Jan und Norah seien ein Traumpaar gewesen, sagen alle der Befragten. Die Witwe trauert exzessiv und behauptet, ohne Jan nicht mehr leben zu wollen, doch warum sind denn beide Ehepartner ganz offensichtlich fremdgegangen? Und wie passen Jans Kompagnon Paul und Norahs beste Freundin Rebecca ins Bild?

Willy, Moiras rüstiger Nachbar und Vermieter, hilft beim Rätseln ebenso mit wie Moiras bester Kumpel Asim, der das asiatische Restaurant Alibaba führt. Und dass Moira im gleichen Aufwisch endlich auch das Rätsel um ihre verschollene Schwester Maria lösen will, interessiert natürlich nicht nur ihre Freunde, sondern auch Celina, Moiras alkoholkranke Mutter, und Moiras Vater, der schon vor vielen Jahren nach Nigeria zurückgekehrt ist. Besonders letzterer ermutigt seine Tochter in Telefongesprächen immer wieder nicht aufzugeben. Unsere Heldin durchlebt im Laufe der Geschichte ein Wechselbad der Gefühle, erleidet von jetzt auf gleich eine Panikattacke, spricht Alkohol und Nikotin mehr zu als gut für sie ist und stößt auch mal den einen oder anderen Menschen ziemlich vor den Kopf. Dennoch lässt sie sich nicht beirren und findet schließlich – nicht zuletzt dank eines Zufalls – für beide Fälle die entscheidenden Puzzleteile, die zur Aufklärung führen.

Ashinze zeichnet mit Moira eine sympathische junge Frau, die engagiert und gradlinig ihre Ziele verfolgt und ihrem Bauchgefühl traut. Sie ist alles andere als eine Superfrau, der alles in den Schoß fällt. Im Gegenteil. Beide Fälle gehen ihr sehr ans Eingemachte und wühlen sie auf. Dass das Verschwinden ihrer Schwester auf einmal wieder in den Vordergrund gerückt wird, überfordert sie fühlbar. Doch das und auch ein Überfall in der Winterthurer Innenstadt, bei dem sie verletzt wird, halten sie nicht auf. Zum Glück hat sie ein paar richtig gute Freunde, die ihr zur Seite stehen. Auch diese sind glaubwürdig gezeichnet.

Ashinzes Schreibstil überzeugt mit zumeist glaubwürdigen Szenen, Bildern und Dialogen. Sie verfolgt einen durchdachten Plot, der gut zum Umfeld und zu den gezeichneten Figuren passt. Dennoch stolpere ich über ein paar Kleinigkeiten. So frage ich mich zum Beispiel, warum Moira zur definitiven Aufklärung ihres Falles nicht ein seriöses Blatt hinzuzieht statt sich an die Boulevardpresse zu wenden. Und wieso muss es gegen Ende auf einmal so schnell gehen? Ein paar Zufälle, Ereignisketten und dramatische Lebensumstände weniger wären vielleicht fürs große Ganze glaubwürdiger gewerden. Ja, ich gestehe, dass manche Sequenzen und Umstände auf mich ein wenig konstruiert wirken. [Auch muss ich zugeben, dass die relativ vielen Fehler (Buchstabendreher & Co.) meinen Lesegenuß etwas getrübt haben. Da lässt meine Déformation professionelle als Korrektorin/Lektorin herzlich grüßen.]

Dennoch: Eva Ashinze hat mir ein tolles, spannendes Leseerlebnis beschert und meinen Einblick in den Alltag einer Schweizer Rechtsanwältin geweitet. Und ja, natürlich bin ich schon jetzt gespannt, wie es mit Moira weitergeht!

Buchinformation
Eva Ashinze, Tod in Winterthur
Orte Krimi
2017; 115×180 mm; 256 Seiten
ISBN 978-3-85830-222-9
CHF 26.00
Link zum Buch