Ausgelesen #28 | aufgeschrieben von Hannah C. Rosenblatt

Von der ersten Seite des Buches an ringe ich darum zu verstehen. Aber ist, so frage ich mich, Verstehen überhaupt möglich oder ist dieser Wunsch vielleicht – hier und allgemein – eine Anmaßung? Geht es denn für mich als Leserin überhaupt darum, zu verstehen, was Hannah C. Rosenblatt in ihrem Buch ’aufgeschrieben’ aufgeschrieben hat?

Buch auf Holztisch. Der eierschalenweiße leinengebundene Umschlag ist oben mit kleinen schwarzgeprägten Lettern bedruckt, die der Name der Autorin nennen, unten steht mittig in schwarzen Lettern in geprägter Handschrift der Buchtitel ’aufgeschrieben’.
Buch auf Holztisch. Der eierschalenweiße leinengebundene Umschlag ist oben mit kleinen schwarzgeprägten Lettern bedruckt, die der Name der Autorin nennen, unten steht mittig in schwarzen Lettern in geprägter Handschrift der Buchtitel ’aufgeschrieben’.

Hannah C. Rosenblatt ist eine junge nicht binäre Person mit Kindheitserfahrungen im Bereich organisierter sexualisierter Gewalt. Nachdem sie_r diesen Alltag aus Bedrohung und Ausbeutung endlich verlassen hatte, war sie_r in ein Hilfesystem geraten, das nicht nur half, sondern auch behinderte. Zu dieser Zeit war sie_r bereits viele, eine Traumafolge. Ihnen wurde eine DIS, also eine dissoziative Identitätsstörung, diagnostiziert, eine dissoziative Identitätsstruktur. Wie genau das aussieht und wie es sich anfühlt, kann nicht mir nicht wirklich vorstellen. Darum zweifelte ich schon sehr bald an meinem Anspruch, Hannah C. Rosenblatts Buch mit einer Besprechung auch nur annähernd gerecht werden zu können. Als Leserin fühlte ich mich immer wieder als Voyeurin. Und war zugleich eben so oft von der Schönheit der Texte tief berührt. Verwirrt auch und immer wieder neben mir, atemlos, erschüttert.

Obwohl der kleine Band nur 96 Seiten dick ist, brauchte ich lange, um ihn zu Ende zu lesen. Manches Lesen tut weh. Dieses Lesen hier, weil in den Texten die erlebte Gewalt thematisiert wird. Mal subtil mal konkret. Obwohl das Wort Gewalt nicht oft vorkommt, wird sicht- und fühlbar, was Gewalt an einem Kind bewirkt. Bewirkt? Ob dies das richtige Wort ist für das, was ich meine?

Auch das macht dieser Text mit mir. Ich schaue genauer hin. Ich betrachte Wörter, ich betrachte Begriffe aus einer anderen Perspektive. Sie haben neue Farben, neue Gewichte bekommen.

Hannah Rosenblatts Texte läsen sich, würde ich nur die Oberfläche betrachten, wie Momentaufnahmen aus zusammenhangslos scheinenden Dialogen und Monologen. Doch der erste Blick täuscht. Jedes Gespräch erinnert mich an ein Ringen um Klarheit, an ein Balancieren auf einem dünnen Seil.

Sind es die unterschiedlichen Ichs der Autorin, die da miteinander sprechen oder sind es Personen aus Fleisch und Blut, die da mit der Autorin am Küchentisch sitzen? In der Buchwerbung steht: ’Hannah C. Rosenblatt konnte nur aufschreiben, was sie ihren Eltern zu sagen hat.’

Ich nenne es für mich ein Kammerspiel, wobei sich der Wortteil ’-spiel’ ganz und gar falsch anfühlt. Wie begrenzt wir doch mit unseren Ausdrücken sind. Bestenfalls die Lücken taugen. Womöglich sind auch sie so etwas wie Protagonistinnen in Rosenblatts Texten?

Ich springe beim Lesen in meinen eigenen Innenräumen hin und her und kaue an einzelnen Brocken herum. Schwer verdauliche Kost. Aber weggucken zählt nicht. Und ich will das lesen.

Es geht um Vertrauen, es »geht um Vertrauen in eine Welt, der ich maximal entfremdet bin«, lese ich auf Seite 51. Ich nicke, denn manches verstehe ich. Verstehe ich jedenfalls irgendwie, auf meine Weise. Die gleichen Wörter, die in das eine bedeuten, bedeuten für die Rosenblatts womöglich etwas ganz anderes, vielleicht ähnlich, niemals gleich. Manchmal maximal entfremdet. Ja, das resoniert in mir. Wie Echokammern, geht es mir durch den Kopf. Wie Echos aus der Vergangenheit klingen Rosenblatts Gespräche in mir nach und hallen weiter. Und machen etwas mit mir.

Ist das hier Lyrik, Poesie, Essay?, frage ich mich zuweilen. Novelle, wie es auf dem Buch steht, passt aus meiner Sicht nur bedingt. So oder so: Hannah C. Rosenblatts Texte passen in keine Schublade.

Jeder Satz wie ein fließender Bach, ein Fluss, ein Turm. Etwas Geschaffenes, etwas Geschafftes, etwas Abgetrotztes – nicht künstlich, umso künstlerischer. Immer so, als wäre jedes Wort dort, wo es steht, genauso gewachsen. Wie ein Baum, der zu wenig Wasser bekommen oder nicht genug Platz hatte, und kaum Erde um die Wurzeln. Und dennoch ist er gewachsen. Allem zum Trotz ist er sogar schön gewachsen.

Glitzer auf Scheiße? Wären diese Texte und die Gründe, sie zu schreiben, nicht so scheiße, wäre das alles hier buchstäblich und wortwörtlich wunderschön. Ja, dieses Buch hier in meiner Hand ist wunderschön. Leinengebunden, ein haptisches Hach-Erlebnis. Schön und scheiße – so nahe beieinander. Auf die Hinterseite des Buches ist folgender Text tätowiert:

»Jede Gewalt trifft einen Körper.
Jeder Körper ist ein Raum.
Jeder Raum kann Versteck
und Gefängnis gleichzeitig sein.
Jeder Raum ist Zeuge.

Dieses Buch öffnet eine Tür.«

Die Alltäglichkeit, die Üblichkeit bildet den Rahmen der oft sehr kurzen Kapitel. Doch kurz ist nur das, was wir im ersten Moment sehen. Fangen wir zu lesen an, stellen wir fest: Das hier ist hochkonzentriert, das hier ist eine Essenz, das hier sind eingekochte Gedanken, die sich nicht einfach hurtig überlesen lassen.

Als Figuren in Rosenblatts Erzählungen treten neben den verschiedenen Innens unter anderem Kaffeetasse, Teller, Tiefkühltruhe, Spüle, Sofa, Wanderschuhe und Tresen auf. Sie alle nehme ich sowohl gegenständlich als auch metaphorisch wahr. Absicht oder nicht? Oder sie kommen einfach vor, weil sie da sind. Weil sie die Welt der autistischen Autorin bevölkern.

Da ist die Erinnerung an eine Beratungsperson, die über das Kind Hannah gesagt hatte, dass es das Gras wachsen höre. Und wie das Kind Hannah danach versucht hatte, dieses Wachsen zu erlauschen, zu unterscheiden, und wie es daran scheiterte, sich wegen seines Unvermögens schämte und erst viele Jahre später als Leserin diese Redensart endlich verstehen konnte.

»So viele Ichs, da kann kein Selbst mehr sein.« Darum springt die Erzählperspektive oft von ich zu sie zu er zu wir. Ich bin die Betrachterin, ich stehe außen und ich habe letztlich keine Ahnung, wie es innendrin ist, wenn man viele ist.

Hannah Rosenblatt handhabt die Wörter wie Plastilin, formt sie um, gestaltet sie neu. Ich sehe Wörter, die sich neu gebärden, neu geborene Aussagen entwerfen und ich ahne die Notwenigkeit dahinter. Da sind schließlich immer wieder andere Du, andere Gegenüber, wie sollte da die Sprache sich nicht mitwandeln dürfen?

Damals, als die Rosenblatts noch ein Kind waren, haben es alle gewusst. Und alle haben geschwiegen, auch die pädagogischen Erwachsenen. Obwohl es doch nicht zu übersehen war. Und doch ist da keine Anklage im ganzen Buch. Es war so. Es gab nichts anderes.

»’Ich hasse euch nicht.’
Sie stehen im Rahmen der Küchentür und schauen sie ein letztes Mal an.
’Nicht einmal das.’

Das Ende dehnt sich aus und berührt meine Füße.«

Die Texte lassen ahnen, wie schwierig es ist, ein Leben ohne die gewohnte strukturelle organisierte sexuelle Gewalt leben zu lernen. Ein normales Leben eben – ohne zu wissen, wie das gehen könnte. Ein Leben, das in die Leben der anderen hineinpassieren kann.

Im Nachwort nimmt mich Mai-Anh Boger in die Pflicht. Ich bin als Lesende zur Zeugin geworden, sagt sie. Ich kann nicht mehr wegrennen, nicht mehr weggucken. Nein, das will ich auch nicht. Immerhin entbindet mich die Nachwort-Autorin aber vom Versuch, verstehen zu müssen. Denn das, bei aller Liebe, kann ich nicht. Nicht wirklich.

Die Autorin selbst schreibt in ihrem Nachwort darüber, dass Schreiben ihr Tor zu sich selbst ist. Wie sie die Grenzen der Stille abschreitet und die abgebrochene Steine und Steinchen aufhebt und aufschreibt.

Ich wünsche ihr, dass sie nicht aufhört, diesen Weg zu sich selbst zu erforschen. Und weiter aufzuschreiben, was gut tut.

Wer über das Buch hinaus mehr von Hannah C. Rosenblatt lesen will, ist herzlich eingeladen, ihr Blog zu besuchen: Ein Blog von Vielen.

Ich bedanke mich bei der Edition Assemblage herzlich für das Rezensionsexemplar.


Hardcover
120x180mm
96 Seiten
15.00€
978-3-96042-053-8
Edition Assemblage
März 2019

Werbeanzeigen

#umsLand Bayern … jetzt gehts los

Gestratz, den 15. Mai 2019 – In dem winzigen Gästezimmer auf dem Prinzenhof wird es langsam warm. Die Heizung haben wir nachts ausgemacht.

Von der Fahrt in die allgäuischen Hügel unweit des Bodensee waren wir ziemlich müde gewesen, gestern Nachmittag, als wir gegen vier hier angelangt waren. Unsere kleine Picknickpause nach dem Einkauf in einem herzigen Dofladen unterwegs, in Opfenbach, hatten wir im Auto abhalten müssen, zu kalt der Wind, dazu immer mal wieder Regentropfen, garstiges Wetter.

Am Prinzenhof angelangt war unser Zimmer noch nicht bezugsbereit, so dass wir – zumal das Wetter sich gebessert hatte – uns zu einem langen Spaziergang zur Schweineburg und zurück aufmachten.

An der Schweineburg – einem Aussichtspunkt hier in der Nähe – hatte Irgendlink vor einem Jahr gesessen, mit Passant*innen geschwätzt, ein paar Bilder gemacht und schließlich kurz darauf seine erste Touretappe vollendet.

Auch wir machen ein paar Bilder. Gleich und doch nicht gleich. Wie schnell sich doch die Wolkengebilde verändern!

Ende und Anfang finden sich, es ist ein Wiederaufnehmen des Fadens.

Zurück auf dem Hof ist das Zimmer fertig hergerichtet und wir machen ein Nickerchen, bevor wir in die Badwirtschaft Malleichen gehen, um unsern Hunger zu stillen. Was hatte unsere Gastgeberin gleich noch gesagt? Sie hätten noch immer kein gutes Netz hier in der Gegend. Dafür gebe es auf den Dorfplätzen Hotspots. Nach dem Essen fahren wir auf Gestratzs Dorfplatz und – siehe da! – können (nur kurz, das Auto kühlt schnell aus) ein paar Nachrichten und Tweets absetzen.

Das Thermometer sinkt auf vier Grad, als wir zum Hof zurück fahren. Die Kalte Sophie ist in ihrem Element, macht ihrem Namen alle Ehre.

Heute gilts ernst. Auf dem Dorfplatz werden wir uns in ein paar Stunden verabschieden. Das Auto wird seine Schätze freigeben: Ein Fahrrad, ein paar Packtaschen voller Kleider, Lebensmittel, Schlafsack, Zelt, Matte, Kocher und so weiter.

Wo wird Irgendlink heute wohl entlang radeln? Wo sein müdes Haupt hinbetten? Zelt oder Gästezimmer? Wird er besseres Netz haben als hieroben auf dem Prinzenhof?

+++

Kurz nach zehn. Nach dem Schwätzchen mit der Gastgeberin sind wir nun wieder im Dorfplatz-Hotspot. Jetzt gehts ans Eingemachte. Ich bin nicht gut in Abschieden.
(Ob wir heute Abend genug Netz haben werden? Nun ja.)

Weiterlesen könnt ihr bei Irgendlink, der zeitgleich bloggt.

Weiterradeln ums Land Bayern: Was bisher geschah.

Es war der 5. September 2018, als Irgendlink den ersten Teil seiner #UmsLandBayern-Tour abschloss. In Lindau setzte er damals ein vorläufiges Semikolon; und in Lindau wird er ab nächster Woche seine Bayern-Geschichte weitererzählen.

Irgendlinks Reiseblog-Konzeptkunst beinhaltet nicht einfach nur hübsche Geschichten von unterwegs, die mit beliebigen Schnappschüssen illustriert sind, sondern sie ist ein weiser Mix aus klugen Texten und faszinierenden Bildern, die den Blick weiten.

Sein Konzept? Wenn er ein Land oder eine Region möglichst nahe an der Grenzen umradelt, schaut er über den Tellerrand und erhält dabei einen guten Einblick in die regionale Kultur, das Miteinander und die Themen, mit denen sich die Menschen, die auf der anderen Seite einer Grenze leben, beschäftigen. Ohne streng verfasstes Drehbuch, aber mit einer meist im Voraus festgelegten Route auf beschilderten Fernradwegen lässt er sich auf Land und Leute ein, nimmt als Reisender für eine kurze Zeit Teil am Alltagsgeschehen vor Ort und berichtet darüber in Bild und Text.

Wer sich warm lesen und wissen will, wie alles begann, klicke bitte hier.
Wer zur Auffrischung den Sprung von damals zu jetzt tun will, klicke bitte hier.
Und wer ab sofort virtuell mitreisen will, folge Irgendlink spätestens ab nächster Woche auf dem Blog-Gepäcktträger oder auf Twitter.

Zum Anfixen nun ein kleines Müsterchen vom zweiten Tag der letztjährigen Etappe.

Screenshot aus einem Blogartikel von Irgendlink. Textzitat und Bild. Zitat: "Unendlich langsam gibt die Senke ihren Inhalt preis und ja, da isser ja! Mein künstlich im Hirn geschaffenes touristisches Highlight. Synaptisch selbst generiertes Gold. Sieht klasse aus. Ein Glück, dass die Maisfelder schon geschreddert sind. Das verstärkt den Kontrast und gibt dem achtzehn Meter langen Flügel, der wie die Schwinge eines Teufelsrochens aussieht und der an einer Seitenwand eines Opels Manta festgeschweißt ist noch mehr Kraft. Wieder runter ins Kirnautal. Achwas, von Tal kann längst keine Rede mehr sein. Ich befinde mich in einem von der Hitze gedörrten Hügelland. Obstwiesen und Abgeerntetheit. Erreiche kurz vor Boxberg einen höchsten Punkt in der Nähe des Jüdischen Friedhofs außerhalb von Eubigheim. Unterquere die Autobahn. Lärm. Endlich Lärm und Normalität jenseits der ungewohnten Stille. Und ab geht die Sause ins Taubertal." (Ende Zitat) In der Mitte des Zitats das Bild der im Text beschrieben Skulptur eines Opel Manta auf kiesigem Boden unter blauem Himmel. Im Hintergrund gelbbraunes Ackerland.
Screenshot aus einem Blogartikel von Irgendlink. Textzitat und Bild. Zitat: „Unendlich langsam gibt die Senke ihren Inhalt preis und ja, da isser ja! Mein künstlich im Hirn geschaffenes touristisches Highlight. Synaptisch selbst generiertes Gold. Sieht klasse aus. Ein Glück, dass die Maisfelder schon geschreddert sind. Das verstärkt den Kontrast und gibt dem achtzehn Meter langen Flügel, der wie die Schwinge eines Teufelsrochens aussieht und der an einer Seitenwand eines Opels Manta festgeschweißt ist noch mehr Kraft. Wieder runter ins Kirnautal. Achwas, von Tal kann längst keine Rede mehr sein. Ich befinde mich in einem von der Hitze gedörrten Hügelland. Obstwiesen und Abgeerntetheit. Erreiche kurz vor Boxberg einen höchsten Punkt in der Nähe des Jüdischen Friedhofs außerhalb von Eubigheim. Unterquere die Autobahn. Lärm. Endlich Lärm und Normalität jenseits der ungewohnten Stille. Und ab geht die Sause ins Taubertal.“ (Ende Zitat) In der Mitte des Zitats das Bild der im Text beschrieben Skulptur eines Opel Manta auf kiesigem Boden unter blauem Himmel. Im Hintergrund gelbbraunes Ackerland.

Quelle: https://irgendlink.de/

Über das Weben von Geschichten | F wie Figuren- und G wie Geschichteentwicklung | Mein ABC des Schreibens

Stell dir einen Stück Wolle vor. Direkt vom Schaf. Roh. Ungewaschen. Ungesponnen. Braun. Weiß. Schwarz. Hellbraun. Das Stück Wolle als Gleichnis für dein Leben. Oder für das Leben einer Figur aus einer Geschichte.

Du fühlst, denn du fühlst genau hin!, du fühlst also, dass es an der Wolle noch Wollfett hat. Und Grassamen. Und kleine Ästchen, vielleicht sogar winzige Steinchen. Und Sand. All das ist Teil deines Lebens.

Um aus deiner Lebenswolle eine Geschichte stricken, häkeln oder weben zu können, brauchst du ein Spinnrad. Oder eine Spindel. Ohne spinnen geht nämlich gar nichts. (Außer du willst filzen. Das geht auch ohne zu spinnen.)

Eine Spindel* also. Was der Spinnerin die Spindel, ist übrigens der Schreiberin der Schreibblock. Die Spindel – bestehend aus einem stabförmigen Schaft und einem Spinnwirtel als Schwungmasse – macht nun durch entspanntes, dosiertes Drehen und Ziehen aus einem wilden Stück Rohwolle einen feinen (oder groben) Wollfaden. Fingerspitzengefühl braucht es dabei also schon ein wenig.

Sieh an! Das hier ist dein Lebensfaden. Du kannst ihm eine Farbe geben, wenn du willst. (Manche tun das.) Es ist dein Faden, deine Geschichte. Zwar konntest du das Material nicht selbst aussuchen und auch die Spinnerin nicht, aber ein bisschen kannst du jetzt mitbestimmten, wo dein Faden sich hin- und herschlängelt.

Vielleicht aber steht dieser Faden hier auch für die Geschichte einer Figur. Einer Figur, die du dir für deine Erzählung ausgedacht hast.

Und jetzt, da wir schon so schön dabei sind mit Bildern zu weben, stellen wir uns all die anderen Fäden vor. Andere Lebensgeschichten. Kannst du sie vor dir sehen? Kannst du sie fühlen? Manche Fäden sind glatt, andere eher flauschig, manche weich, andere rauh. Es gibt dicke, zähe, leicht reissbare, fast unsichtbare, glitzernde Fäden. Und es gibt solche, die ganz kurz und andere, die lang sind und auf große Knäuel gewickelt.

Sie fangen irgendwo an, diese Fäden, treffen aufeinnder, verweben sich miteinander, verbinden sich zu Zöpfen. Zu Zopfmuster, Lochmuster, Gewebe, Strickpullover, Häkelarbeit.

Egal wie … Faden liegt an Faden. Faden wickelt sich um Faden. Mal durcheinander und verknotet, mal ganz ordentlich.

Und jetzt willst du also die Geschichte dieses Gezöpfels, das da vor dir liegt, in Worte fassen? Nimm eine Schere. Erzählen erfordert eine scharfe Klinge.

Denn jetzt geht es darum, den Zopf sorgfältig auseinanderzuschneiden. Lege jetzt Fadenstück für Fadenstück hintereinander. So dass sich die Materialien abwechseln. So dass sie eine einzige bunte Spur bilden. Erzählen kann man nämlich immer nur nacheinander, immer nur eine Spur aufs Mal.

Achte gut darauf, kein Fadenstück zu verlieren.

Erzählen bringt es mit sich, dass die Choronologie der Geschichte nicht wirklich eingehalten werden kann, dass wir erzählend durch die Zeit reisen. Gleichzeitiges kann nicht gleichzeitig erzählt werden. Was aber geht, ist von dieser Gleichzeitigkeit zu erzählen. Worte können Fäden hin und her schieben.

Und nun hast du deine Geschichte fertig erzählt. Sieh mal! Jetzt ist der Zopf, der auseinandergeschnittene, wieder zusammengewachsen.

Erzählkunst versus Schere: Die Erzählkunst gewinnt. Immer.

Schere – Stein – Papier? Na, dann erzähl mal!


Das hier ist ein weiterer Teil meiner Serie Mein ABC des Schreibens. Ich teile hier in loser Folge persönliche Schreiberfahrungen  – mehr nicht. Aber auch nicht weniger.


*Wenn du spinnenphobisch sein solltest, bitte nicht Spindelbilder suchmaschinen, alle anderen bitte hier lang für mehrere Spindel-Bilder und hier gibts ein einzelnes Spindel-Bild.