Hier kommen wir nie wieder weg | #kursnord

Weil ich heute so gar keine Lust zum Bloggen habe, heute nur eine kleine Liste zur späteren Erinnerung. Wenn ich mal alt bin und so.

Ein Tag in Uskavigården:

Gemacht:

  • Kurzes Bad
  • Rumgammeln
  • Frühstück
  • Zwei Partien Minigolf (yesss, wat mutt dat mutt)
  • Gemeinsam entscheiden, dass wir noch eine Nacht hierbleiben werden
  • Auf den Steg gehen und schwimmen
  • Vor der Hitze in den Schatten wechseln
  • Der Platz füllt sich allmählich mit Wochenendwohnmobilen
  • Dösen
  • Lesen
  • Muffin essen
  • Wir bekommen nette Wohnwagen-Nachbarn mit Hund auf unserer Zeltwiese
  • Nach Nora fahren
  • Artwalk/Spaziergang durch den Ort  an vertraute Plätze (2015)
  • einkaufen
  • kochen (Backofenseidank gibts Pizza)
  • noch eine Partie Minigolf
  • wegen der relativen Kühle heiß duschen
  • ins Bettchen hupsen

Gedacht:

  • Das Leben kann auch mal schön sein

Gefühlt:

  • Mir geht es seit zwei Wochen richtig gut

Fotografiert:

1.) Hier bin ich vor drei Jahren vom Zug aus Örebro in den Bus nach Uskavigården umgestiegen
2.) Die Straßen von Nora
3.) Öffentlich Luftpumpe für Räder, Kinderwagen, Rollstühle etc.

Heute fahren wir weiter nach Örebro. Hoffentlich ist der Camping nicht allzu voll. Wegen Wochenende und so.

Zuhausegefühle, aber in schwedisch | #kursnord

Ljusdal ist größer als wir dachten, stellen wir fest, als wir gestern Morgen die Stadt wieder verlassen. Am Abend hatten wir noch überlegt, zwei Nächte zu bleiben, doch die Landstraße Nummer 84, die nah am Zeltplatz entlangführt, ist doch recht laut. Nicht unbedingt nachts, aber morgens ging es früh los. Zuerst jedoch galt es, endlich unser Minigolfturnier weiterzuführen. 

Vor drei Jahren hatten wir nämlich damit angefangen. Seither gilt: Keine Reise ohne Minigolf. Daheim spielen wir das ja nie, es hat also diesen herrlichen Geruch von Ferien an sich, dieses Spiel. 

Tagesformabhängig gewinne mal ich, mal gewinnt er. Gestern war er dran. Ich scheiterte vor allem an der letzten Bahn. Eine metallene Rampe, an deren Ende ein ballverschlingender Schlitz zu treffen war. Fast möchte ich das als Gleichnis für meine Angst vor finalen Schritten sehen.

Weiter Richtung Süd und Richtung West also. Über Landstraßen, über Schotterpisten. Die über dreihundert Kilometer, die auf einer Autobahn vielleicht in drei bis vier Stunden zu fahren wären, dauerten bei uns einen ganzen Nachmittag. 

Mit vielen Pausen. Fotopausen. Pinkelpausen. Einkaufpausen. Tankpausen. Und ja, gestern sogar mit einer längeren Badepause. Denn die Sonne knallte doch ziemlich aufs Autodach. Draußen waren es angenehme fünfundzwanzig Grad, plusminus, und wir fuhren inzwischen durch das Land der Seen – kaum hörte einer auf, fängt der nächste an –, der Wälder, der falunroten Gehöfte, die wie hingetupft in der löwenzahngelbgrünen Landschaft standen. Immer wieder mal Hinweisschilder zu Badeplätzen … und da: auf einmal tauchte der Richtige auf. Man merkt sowas. Ich wendete und fuhr ein paar Meter zurück. 

Herrlicher See, gemütlicher Platz. Wir allein. Zeit für ein Nickerchen. Wir haben schon eine Weile gedöst, als ein zweiter Wagen parkt und eine Familie aussteigt. Zuerst reden die Kinder laut, dann flüstern sie. Oh, sie haben gesehen, dass wir schlafen. Wie rücksichtsvoll!

Eine junge Oma, eine junge Mutter und zwei Kinder. Das Mädchen vielleicht elfjährig, der Junge vielleicht sechs oder sieben. Sie steuern sofort auf den Steg zu und setzen sich in Kleidern drauf. 

Mist, lache ich, grad wo ich ins Wasser wollte. (Ich bin da ja ein bisschen eigen und gehemmt, was meine Kaltwasserangst betrifft und brauche oft ganz lange, bis ich es wage, loszuschwimmen.) Wenn die es schaffen, dann schaffen wir es auch, sagen wir zueinander, und so ziehe ich mich um. Die sehen ja schließlich ganz nett aus und so. Auf einmal verlassen sie den Steg, gehen zur Umkleide und ich nutze die Gunst der Stunde und wate ins Wasser. Kühl, es ist kühl. Nicht kalt. Nein, einfach nur erfrischend kühl. Ein bisschen unter meiner Wohlfühlgrenze, ein bisschen über meiner Schmerzgrenze. Dennoch, es lockt. Gerade als ich das Wasser wieder zu verlassen entschieden habe, ist ja doch recht kalt!, kommt das Mädchen schrittweise über den Sandstrand ins Wasser. In ihrer Unterhose. Sie verhält sich ähnlich zögerlich wie ich. Wir grinsen uns verschwörerisch zu. Sie wagt es auch nicht. Inzwischen ist der Liebste erwacht und beschließt ebenfalls, sich umzuziehen.

Gemeinsam gehen wir ins Wasser, zögerliche Schritte der Angewöhnung. Nicht mehr draußen, noch nicht richtig drin, doch jetzt fühlt es sich nicht mehr so kalt an wie das erste Mal. Und auf einmal bin ich drin und es ist wunderbar und herrlich und erfrischend und ich möchte am liebsten nie mehr da raus.

Tue es aber natürlich irgendwann doch. Das Mädchen schaut uns staunend und ein bisschen neidisch zu, wie wir unsere Badegenussgefühle herausjubeln. Sie hat es noch immer nicht weiter als bis zu den Oberschenkeln geschafft.

Als wir uns an die Sonne, auf unsere Tücher, legen, schafft sie es. Ich bin richtig stolz auf sie, applaudiere ihr zu und sage zu Irgendlink: Vielleicht hat sie ja, wie wir, einen Deal gemacht: Wenn die es schaffen, gehe ich auch hinein. So machen wir doch alle irgendwie unser Tun von jenem der anderen abhängig. Na ja, nicht immer, aber manchmal. Oft unbewusst.

Schließlich fahren wir weiter und landen in vertrauten Orten. Falun, wo wir vor drei Jahren, als Irgendlink ans Kap geradelt war, ein Ferienhäuschen gemietet hatten. Später Ludvika, wo wir damals auf dem Weg von Örebro, unserem Treffpunkt damals, gezeltet hatten. Und auf einmal sind wir mitten in einer netzlosen Pampa und wollen doch einfach nur unseren Lieblingszeltplatz auf jener Reise von Örebro nach Falun, Uskavigården, wiederfinden. Einzig das GPS Kit weist uns in kartenlos die ungefähre Richtung, denn auf der Straßenkarte ist der Camping nicht verzeichnet. Doch plötzlich haben wir wieder Netz und auf einmal ist alles wieder vertraut. (Hier schrieb ich damals.

Dort haben wir eingekauft, weißt du noch?, schwatzen wir, und dort bin ich in den Bus gestiegen.

Und dann sind wir da. Unsere riesige Zeltwiese ist komplett frei. Nur ein paar andere Camper sind außer uns noch auf dem Gelände. Und da ist der See. Ähnlich warm wie der Badesee unterwegs. 

Warm ist es, als wir um zwanzig Uhr das Zelt aufbauen. Und die Nacht ist fast lau und am Morgen knallt uns die Sonne aus dem Zelt und jetzt, wo ich da sitze, liebäugle ich bereits mit einem erfrischenden Bad. Später. Erstmal frühstücken. Und Minigolf – die Revanche.

Vielleicht gegen Abend dann weiter nach Örebro, wo die Kunst lockt und das Spaßbad und der Campingplatz, an welchem wir mit Ray, unserm schottischen Freund, damals zusammensaßen. Mal schauen. Auch noch eine Nacht hierbleiben, läge drin.

Ach, und eigentlich wollte ich ja noch über uns Menschen und unsere Bedürfnisse, Schwächen und (Un-)Zulänglichkeiten schreiben, über die echten und über die uns von außen aufgenötigten und darüber, dass letzlich alle menschgemachte Infrastrukturen – Toiletten, Einkaufstempel, Krankenhäusere etc. – auf die einen aufgebaut sind (was ich okay finde), aber aus den anderen, den künstlich erzeugten – Sicherheits- und Jugendwahn zum Beispiel –, Profit schlagen.

Aber ach, die Schönheit dieses Augenblicks hier am See, am Tisch, inmitten all des Grüns, Wildgänsekrächzen im Hintergrund, macht. mich so gegenwärtig und die Versuchung, alles Mühsame einfach auszublenden, ist  unwiderstehlich.

Erstmal Tee trinken.

Tagesbildercollage

Kurs Süd, aber zögerlich | #kursnord

Jetzt kann ich es nicht mehr leugnen. Wir fahren südwärts. Vorhin haben wir die Rückreiseroute ausballdowert. Uskavigården und Örebro sollen am Weg liegen, zwei Orte, die wir vor drei Jahren lieb gewonnen haben, wollen wir wieder sehen. Das eine zum Übernachten, das andere um der Kunst willen. Dann weiter Richtung Vaberg, südlich von Göteborg, mit der Fähre nach Dänemark und von Skagen dann schließlich in die Südpfalz. So irgendwie. Aber vermutlich wird dann doch alles anders. Was würde mich doch das Korsett einer fix geplanten Reise einschnüren! Ich bin froh um unsere So-tun-als-ob-Freiheit, die wir uns beim Reisen nehmen. Freiheit, so hatten wir neulich sinniert, auf dem Spaziergang durch Militärsperrgenbiet auf Härnösands Halbinsel, Unfreiheit, Freiheitsentzug ist im Grunde der Entzug des Rechts auf persönliche Bedürfnisse. Und darauf, die Dinge so zu tun, wie ich sie tun will, die Wege so zu gehen, wie ich sie gehen will. (Sorry, das mag jetzt zynisch klingen für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen Dinge nicht so tun können wie sie am liebsten wollen würden. Kenn ich ja selbst in anderen Lebensbereichen.)

Vermutlich ist Freiheit eh in der Welt der Dinge eine Art Illusion, denn wir alle werden von so vielen Dingen beeinflusst und müssen auf so viele Dinge reagieren, dass Freiheit wohl letztlich nur in uns drin gedeihen kann.

Dennoch: Beim Durch-die-Lande-Gondeln fühle ich mich zumindest so frei, dass ich zuweilen vergesse, dass ich in zehn Tagen wieder im eigenen Bett schlafen werde. Fast kann ich mir die eigene Wohnung kaum noch vorstellen. Das Dorf. Die Schweizer Straßen. Alles sehr weit weg. Physisch gesprochen über zweitausend Kilometer mit dem Auto. Innerlich wohl noch weiter.

Wie wir gestern vor uns her prokrastinierend auf dem Campingplatz Norrfällsviken ausmisteten, rumräumten, bloggten, frühstückten, duschten, philosophierten und es nach zwölf oder später wurde, bis wir endlich wegkamen, realisierte ich, wie gerne ich noch im Norden geblieben wäre. Ja, ein Tag länger vielleicht, das wäre eigentlich schon noch gegangen. Aber. Aber die Rückreise soll nicht zu einem Rennen gegen die Zeit werden. Kein Stress. Kein Rückreisestress. Das würde dieser genialen Tour nicht gut stehen.

Irgendlink, der Gute, wie er gestern mit der Technik gehadert hat, als sein Notizbuch auf dem Handy seinen gestrigen Blogartikel verschlungen hat. Schreibst du ihn nochmals?, fragte ich ihn hoffnungsvoll. Er haderte. Es ist doch so: Sich selbst kopieren ist schwer. Nur schon einmal gedachte Gedanken, wenn du sie nicht genau so sofort aufschreibst, wirken hinterher, wenn du sie, ohne dich an die genaue originale Satzabfolge zu erinnern, zu rekonstruieren versucht, schal, abgestanden, unauthentisch, leblos, fad. Selbst wenn sie inhaltlich mit der originalen Version übereinstimmen, fehlt ihnen die erste Begeisterung. Verstehe das jetzt, wer will.

Jedenfalls schrieb er seinen Text dann doch ein zweites Mal. Diesmal, und das merkte ich erst hinterher – im Auto Richtung Süden -, klemmte es beim Publizieren. Sein Artikel war sogar nur lokal auf seinem Handy gespeichert. Müühsam das. Lange Rede kurzer Sinn. Von außen sieht manches einfacher aus als es ist. Die Bloggerei ist Arbeit, Herzarbeit, geliebte Arbeit, ja, das natürlich schon, aber Arbeit, die Zeit beansprucht. Und wie ich am Anfang dieser Reise schon schrieb: dennoch ist es irgendwie notwendig, um den vielen Gedanken, Erfahrungen und Erlebnissen ein Gefäß zu geben.

Ich bin heute jedenfalls froh, dass ich vor acht Jahren, auf meiner ersten gemeinsamen Skandinavientour mit Irgendlink, bereits live gebloggt habe. (Wobei es live ja nicht wirklich trifft, denn ich schreibe einen Tag ‚hinterher‘ über bereits Erlebtes. Ein bisschen mehr live sind wohl dann unsere Twittereien, die wir unter dem Hashtag #kursnord schreiben.)

Wie wir gestern also endlich, nach einem kleinen Spaziergang in einem Seltene-Orchideen-Garten in der Nähe vom Zeltplatz zuerst über Land und schließlich auf der Autobahn Richtung Süden fuhren, wurde es uns beiden schmerzlich bewusst: Der Norden ist nun wieder für eine ganze Weile Vergangenheit. Das tat fast physisch weh, als würde ich an einem starken Gummiband laufen, immer weiter weg, während sich das Band immer weiter spannt … und schließlich reisst. Ich glaube, mein Nordband riss irgendwo nach jener Brücke, jener genialen Autoseilbrücke, die den Beginn der Höga Kusten-Region einleitet. Dort schließlich hielten wir eine Siesta, machten Bilder, nahmen Abschied.

Richtung Sundsvall fuhren wir die gleiche Strecke wie auf dem Weg nach Norden, doch bereits einige Kilometer danach schoben wir uns von der Küstenautobahn weg ins Landesinnere.

Klimazonenwechsel. Vom Frühling in den Vorsommer katapultiert, von nördlicher Kargheit in grüne Opulenz. Lönnebergabilderbuchschwedische Bauernhöfe. Holperpisten.

Wir hatten uns nämlich kurz vor Sundsvall an jenen wunderbaren, ziemlich schrägen Zeltplatz erinnert, den wir auf ebendiesem Straßenstück vor acht Jahren fast zufällig gefunden hatten. Ob er noch existierte? Der Platzwart hatte ein Faible für schräge Sachen gehabt, durchaus wörtlich, denn das Badehaus stand ziemlich windschief in der Landschaft. Schon älter war der Mann gewesen, ein Jazzfan und Sammler, ein Mann mit vielen Geschichten. Der Platz war ziemlich überschaubar gewesen, direkt an einem See und wir durften gratis mit dem Ruderboot raus. Bergsjö.

Irgendlinks geografisches Gedächtnis ist beinahe fotografisch, während meins sich eher an Begebenheiten, Stimmungen, Sätze und Begegnungen erinnern kann. Doch auch mit diesen beiden Erinnerungsströmen im Doppelpack finden wir den Wegweiser zum damaligen Platz nicht. Dass er nur sehr unauffällig ausgeschildert war, wissen wir noch genau. Nun denn.

Fünfzig Kilometer weiter ist der nächste bereits offene Platz, den ich in unserm Campingführer gefunden habe. Und vielleicht gibt es unterwegs noch etwas, das nicht im Führer steht.

Über Land holpern wir weiter und erreichen kurz nach zwanzig Uhr Ljusdal Camping. Ein sehr schöner Platz mit auch noch reltiv wenig Gästen, aber hier ist deutlich mehr los als ein paar Breitengrade nördlicher. Vor allem die sehr nahe Landstraße brummt. Das Zelt ist schnell aufgebaut und eingerichtet und schon bald kochen wir uns etwas Feines.

Waren wir eigentlich bisher nachts immer an Gewässern?, frage ich mich. Hier ist nämlich auch ein See. Ein sehr schöner sogar. Ihm verdanken wir einen weiteren wunderschönen Sonnenuntergang, der allerdings auch bereits deutlich früher läuft und deutlich schneller als die Tage zuvor. Sogar eine Feuerstelle mit Bank finden wir und ein bisschen Feuerholz.

Die Nacht ist kühl, aber nicht kalt und jetzt knallt bereits die Sonne aufs Zeltdach. Es soll sommerlich warm werden heute. Glaub ich gern.

Collage aus Szenenbildern des Tages

Die Milch ist keine Milch | #kursnord

This way goes very beautiful to the things, ulken wir in wort-für-wort-übersetzendem Englisch, nachdem wir das erste eher flache Wegstück zur Slåttdalsskrevan, die uns letztlich nicht unwesentlich so weit in den Norden geködert hat. Die ersten vielleicht fünfhundert Meter gehen wir auf zweispurigen, schmalen Brettern, die auf Holzstammstücken aufgelegt und festgenagelt sind. Eben hatte ich noch gespottet: Was kommt als Nächstes? Rollbänder, auf denen man wie am Flughafen bergan geschoben wird?

Doch dann das: Bergan erwarten uns nicht etwa berneroberländische, lieblich mit Moos bewachsene Wanderwege, sondern karge Geröllhalden. Überhaupt: Der Slåttdalsberget ist eine einzige überdimensionierte Geröllhalde. Wenn auch eine wunderschöne Geröllhalde, zugegeben. Mein Schweizherz hatte am Morgen noch milde gelächelt, als mir Irgendlink vom höchsten Berg an der Hohen Küste erzählt hat. Um die 260 Höhenmeter über Meer sei er hoch. Und ja, dem Berg ist es gelungen mich zu überraschen, mich Demut zu lehren.

Auf solchen Geröllfeldern zu gehen ist buchstäblich ein Balanceakt. Eine Meditation. Auge, Fuß und Hirn arbeiten in absoluter Übereinstimmung. Das Auge sieht die nächsten Steine, die zur möglichen nächsten Schrittkombination taugen, meldet dem Hirn die gewünschte Fußauflageform – hinten, mittig, vorne – und schon, Zack!, ist in Sekundenbruchteilen der Schritt getan. Und ja, es sind viele Schritte. Weil wir hier nicht einfach geradeaus gehen können. Weil wir über die Steine, Felsen, Kieselsteine mäandern, mal kletternd, mal tänzelnd. Es geht zur Sache, really. It goes to the things. Und in die Knochen. Und Gelenke. Wir legen Pausen an der noch zaghaften Sonne ein, klettern uns bergan und schließlich finden wir die Pforte zur Schlucht, ein Durchgang zwischen Felsen. Die Schlucht selbst? Unbeschreiblich und auf all den vorher gesehenen Bildern von ihr längst nicht so imposant wie in echt. Boah! Dafür hat sie die Mühe gelohnt, die vielen Autokilometer. Die kalten Nächte. Die kargen Mahle. Wir überschlagen uns in der Aufzählung all der gebrachten (fiktiven) Opfer. Und aaahen und ooohen zum unzähligsten Mal auf dieser Tour. Vor der Schlucht verewigen wir uns im fleddrigen Gipfelbuch, picknicken, und klettern schließlich hinunter, über eine Holztreppe zuerst, dann über Geröll und Schneefelder. Kalt ist es in diesem Spalt zwischen den Felsen. Als ob ein Riese mit einem Handkantenschlag die Felsen zerteilt hätte. Der Weiterwanderoptionen sind viele: Auf einem ähnlichen Weg -allerdings über das Bergplateau – zurück zum Eingang Süd des Skuleskogen-Naturreservats, wo wir ein paar Stunden zuvor das Auto geparkt haben oder um die beiden Seen weiterunten oder um die Seen herum und dann auch noch auf die Insel. In reinen Kilometern nicht soo weit. Aber die Höhenmeter. Die Unwegsamkeit. Die Anstrengung. Nach der Schlucht, auf einem felsigen Plateau, findet uns die Wärme. Die Sonne hat die Felsen aufgewärmt und die Aussicht ist unglaublich. Weite. Die Seen unter uns. Dahinter, unter hellblassblauem Himmel das Meer. Darin unzählige Schären. Wachsende Schären, die sich nach den Lasten des Drucks von tonnenschwerem Eis über all die vielen Jahre nun wieder entfalten, nach oben wachsen.

Hier entscheiden wir uns schließlich für die Variante ‚Zurück über den Berg‘. Weil das deutsche Paar, dem wir vorhin begegnet sind, davon so geschwärmt hat.

Und ja, es hat sich gelohnt. Obwohl ich kurz davor war, aufzugeben (so müde Füße, so müde). Obwohl es sooo steil war. Aber sowas von steil. Eine nicht gerade ungefährliche Kraxelei. Aber der Berg. Wen er ruft, der kann nicht nicht folgen. Weitsicht auf einem felsigen Plateau.

Der Abstieg war erstaunlich moderat, vom Weg her ebenso wie von der Steigung/Neigung. Und irgendwann waren wir dann doch froh über die Bretterwege, denn, wie ich schon sagte, this goes very beautiful to the things.

Auf dem Rückweg kauften wir Tiefkühlpizze, die wir in der Campingküche backen würden. Überhaupt. Wir könnten ja eigentlich, es war ja dann doch wieder ziemlich kühl geworden, eh in der Küche essen. Die Heizung anwerfen.

Später, am Feuer, hält die innere Wärme an, gemütlich ist es. Wir philosophieren und twittern, als auf einmal ein Fuchs auftaucht. Er kommt immer näher, schnuppert, verhält sich wachsam, aber nicht irgendwie bedrohlich. Umkreist uns. Umkreist das Feuer. Schnuppert an der Tasche mit den Küchensachen. Findet nicht, was er erhofft hat. Guckt uns an, guckt das Feuer an. Kommt näher. Bleibt stehen. Ich sehe ihm in die Augen, sage, dass wir ihm nichts tun, und sage auch, dass er uns nichts tut Alles gut. Irgendwann zottelt er weiter.

Wie immer stellen wir vorm Ins-Zelt-Gehen die Sachen für die morgendlichen Heißgetränke, die wir im Zelt genießen, bereit. Trangia, Becher und Zutaten. Trangia muss eh da stehen, weil, wenn es kalt wir, können wir uns und das Zelt damit schnell ein wenig aufheizen.

Die Nacht ist kühl, aber nicht so frostig wie auch schon. Wir sind inzwischen ziemlich gut drin, solche Nächte unbeschadet zu überstehen.

Am Morgen kocht Irgendlink Kaffee und Tee für uns, während ich noch im warmen Schlafsack liege.

Die Milch ist keine Milch und den Tee hat bestimmt der Fuchs geholt, murmelt er. Das hier ist Blaubeersaft.

Oh nein, dann muss ich, als ich gemerkt habe, dass ich die Tetra mit dem Trinkjoghurt statt der Milch in der Hand hatte, den Tee auch gleich wieder zurückgestellt haben. Drei Tetra aufs Mal haben mich gestern Abend wohl schlicht überfordert, murmle ich zurück.

Später. Er: Du, da schwimmt eine Mücke in deiner Tasse.

Ich: Schnell: retten. Reanimieren.

Er: Ich glaube die ist tot.

Ich: Schnell: bestatten!

Und auch sonst haben wir es richtig toll.

Heute fahren wir weiter Richtung Südwesten. Ins Landesinnere. Richtung Dalarna. Auf den Spuren des Nordkapradlers von 2015.

Collage aus Bildern des Tages. Szenen sind im Text erwähnt.

Der Fuchs schleicht durch den Wald