Vinslöv – Tag 1

Auf einem Abendspaziergang bei Sonnenlicht- und Wolkenstimmung aus der die iPhoneografInnen-Träume sind, haben wir in der Nähe der Schule ein offenes WiFi gefunden. Jenes auf dem Campingplatz hat sich leider heute Vormittag in Luft aufgelöst. Offenes WiFi heißt für uns Livebloggende kostenloses Bloggen und Bilderhochladen. Ein Artikel ohne Bilder kostet immerhin sonst siebzehn bis vierunddreißig Cents.

Und einunddreißig Kilometer zeigte J.s Fahhradtacho heute Abend nach unserer Radtour an. Wie gut, dass wir die Räder mitgenommen haben!

Sind wir heute Richtung Osten geradelt, wollen wir morgen nach Westen, zum Beispiel nach Hässelholm oder zu einem See in der Nähe. Das Wetter soll morgen auch wieder gut sein, sagen die InternetwetterprophetInnen. Bis übermorgen haben wir für den Zeltplatz bezahlt. Der Ort ist so gut oder besser als manch anderer – warum also nicht bleiben?

Die Sonne und die wunderbaren Wolkenbilder des heutigen Tages waren Balsam für mich. Und schon lange haben wir beide nicht mehr so viele Bilder gemacht wie heute. Und so viel gelacht auch nicht.

Erstes Bild: Eisenzeitliche Grabsteine. Den Cache dort haben wir leider nicht gefunden.

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Zweites Bild: Abendspaziergang in Vinslöv.

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In Schonen

Ich schwitze. Im T-Shirt sitze ich auf dem Klappstuhl unter einer Birke. Auf dem Campingplatz Vinslöv. Irgenwo in der Nähe von Hässleholm in Skåne, besser bekannt als Schonen, Südschweden.

Gestern, in einem Waldstück zu Fuß unterwegs, habe ich gespürt, wie sich in mir ein Schalter umgelegt hat. Wie sehr ich dieses Schalterkippen mit dem Wetter verbinden kann, weiß ich noch nicht. Ein Schalterkippen wie ein Modusbefehl war es. Wie von Modus Kursivschrift zu Modus Normalschrift zum Beispiel. Mein Hirn hat eben seine eigene Programmiersprache, die mir allzuoft unverständlich ist.

Fakt ist, dass ich dort im Wald, der mit seinen moosbewachsenen Felsen etwas sehr magisches hatte, auf einmal wieder tief durchatmen konnte. Als ob die Schwere der letzten Wochen sich allmählich verabschieden ließe. Zwar noch keine Sonne in Sicht, doch den ganzen Nachmittag waren wir bei trockenem Wetter unterwegs. Ist doch auch was! Wir werden bescheiden.

Auf der Suche nach einem Geocache hatten wir die E22 Richtung Kristianstad verlassen. Wir fuhren querlandein immer nordwärts Richtung Hässleholm, das wir letztes Jahr auf dem Rückweg durchquert hatten. Schöne Landschaft, flach, Wälder. Grün so weit das Auge reicht, sozusagen.

Mein Herz entspannt sich und ich fühle mich wohl. Nach der Erschöpfungsphase von vorgestern Abend ist einfach nur Erleichterung in mir. Den Geocache lassen wir schlussendlich links liegen und folgen der E31 nordwärts, da sich uns diese Straße einfach so in den Weg legt und ein bisschen Schicksal spielt.

Auf einmal ein Campingplatz-Symbol mit Pfeil rechts ab. Ohne zu zögern blinkt J., während ich zeitgleich nach rechts deute. Eine synchron getroffene Entscheidung – eine wie schon viele zuvor.

Auf dem Campingplatz werden wir von einer älteren Dame herzlich willkommen geheißen. Schon bald steht das Zelt, doch die eingespielte Routine fehlt noch ein bisschen. Sie wird sich wieder einstellen, da bin ich sicher.

Ein Cache-Spaziergang durch den Ort tut gut. Zumal wir den Microcache auf Anhieb finden. Ich fühle mich wohl hier. Und auch schlafen lässt es sich hier gut. Wir bleiben eine zweite Nacht, beschließen wir beim Frühstück, denn das Preisleistungsverhältnis ist spitze. Elf Euro sind kaum schlagbar. Und das Stück blauer Himmel über uns ist schon beinahe unglaublich!

Öresund, hier sind wir wieder

Spontane Planänderung, während wir Richtung Norddänemark fahren und keine Aussicht auf Sonne besteht.

Wie wär’s mit Malmö? Heute?, überlegen wir. Und tun’s. An Odense vorbei (= Bodensee minus BErn) nach Kopenhagen und, schwupps: Öresund! Und nochmals zwinkern, schon hat uns Schweden wieder.

Die Suche nach einer trockenen und zahlbaren Unterkunft erspare ich euch. Das geniale Frühstück – will heißen der Lunch, da wir das Frühstück verschlafen haben – entschädigt für die gestrigen Strapazen und den Übernachtungspreis. In einem Golfhotel vor Hörby – huhu, Axel und Herby 🙂 – hängen wir im WiFi und schon bald geht’s weiter …

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verschlafen!

Verschlafen! Ich erwache, als J. um viertel nach zehn aufs Klo muss. Nicht mal auf dem einsamen Gehöft ist es sonntagmorgens so still. Bei offenem Fenster!

Wir konsultieren Wettervoraussichten auf unseren iPhones und schmieden den Plan, das Nordende von Dänemark zu finden und in den nâchsten Tagen von Fredrikshavn nach Göteborg per Fähre überzusetzen.

Unser Kinonachbar meinte gestern zwar, dass das Tiefdruckgebiet das gleiche Ziel wie wir habe: Schweden. Hm. Ab Mittwoch zeichnet sich angeblich eine Wetterbesserung ab und J. hat gestern geunkt, dass wir in einer Woche schon nicht mehr glauben können, dass wir heute mit drei bis vier Kleiderschichten herumlaufen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Apropos sterben: Im Internet wollte ich die Fortsetzung des Osloer Anschlages von Freitag erfahren. Und was muss ich da lesen? Ein Amoklauf auf einer norwegischen Insel, dem unzähligen junge linke PolitikerInnen zum Opfer gefallen sind, füllt die Schlagzeilen. Ich bin buchstäblich zutiefst erschüttert.

Ich habe überlebt, weil ich mich totgestellt habe!, wird eine Überlebende zitiert. Szenen von den Kämpfen um Hogwarts – aus dem letzten Film von Harry Potter, den wir uns gestern in 3D angeschaut haben – drängen in mein Bewusstsein. Gewalt und Machtdemonstration – was für eine Welt!

Bedaure nicht die Toten, bedaure eher jene, die leben, ohne geliebt zu werden!, sagt der verstorbene Dumbledore zu Harry, als dieser eine unfreiwillige Reise ins Jenseits unternimmt.

In meinen Träumen bin ich die halbe Nacht in Hogwarts gewesen und beim Erwachen wusste ich zuerst kaum, wo ich jetzt bin. Immer bei mir, aber wo?

Und wo wir wohl heute Abend sein werden? Na, wenn das unsere größte Sorge ist, wohl denn!