Denkfutter

Oke, zu Anfang ein kleiner unbezahlter Werbespot, doch gleich danach gibt es Denkfutter für jene, die sich gerne damit auseinandersetzen, wie wir Europäer:innen kollektiv auf die Pandemie reagiert haben. [Spoiler: Mit Gekränktsein. (Und ja, das darf natürlich. Reflexion finde ich dennoch wichtig.)]

Vor einem Jahr ungefähr habe ich das virtuelle Republikmagazin entdeckt und lese es seither regelmäßig. Das unabhängige, crowdfinanzierte Magazin publiziert nicht nur täglich um 19 Uhr einen kostenlosen Covid-Newsletter, es veröffentlicht auch laufend gut recherchierte und mit Herzblut verfasste Texte zu innen- und außenpolitischen, gesellschaftsrelevanten, kulturellen sowie gesundheits- und sozialpolitischen Themen. Die Artikel und Kolumnen erscheinen gut aufbereitet und mit größtmöglicher Transparenz. Und Demut. Und Humor trotz allem. Bequem sind sie nicht immer, aber immer lesenswert.

So, jetzt aber fertig Werbung. Lest selbst. Am 4. Januar 2021 schrieb Republik-Journalistin Marguerite Meyer im 19 Uhr-Newsletter :

Manchmal gibt es Texte, die bei der Konkurrenz gedruckt werden, welche man gerne selber publiziert hätte. Ein solcher ist am Wochenende bei der NZZ erschienen. Das Gute ist: Wir können hier darauf verweisen – mit einer Leseempfehlung an Sie. Der Autor Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Professor an der Universität Wien, geht einem spannenden Gedanken nach. Die Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft macht, sei falsch formuliert, sagt er: «Richtig müsste Sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung?»

Mit einer Kränkung, so Liessmann weiter. Die auf technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft glaube, sie sei unverwundbar. Umso erstaunter sei sie, wenn die Pandemie dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung mache, schreibt Liessmann. Die Seuche wirft uns zurück – am besten funktionieren archaische Massnahmen wie Isolation, Kontaktvermeidung, Desinfektion. Das Virus habe «unser zur Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl empfindlich verletzt», argumentiert er. Wir reagierten – aus der Kränkung heraus, dass uns schon nichts passiere – mit Trotz und Wehleidigkeit. Und da sei sie auch schon flöten gegangen, die gerne als modische Tugend viel gepriesene Resilienz.

In der Moderne sei Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden müsse, sagt Liessmann. Und so überwögen für manche Mitglieder der Gesellschaft die texteigenen unmittelbaren Bedürfnisse – das Skifahren-Müssen, das unbedingte Weihnachtsfest, die Fernreise. Der Verzicht darauf tut nicht primär deshalb weh, weil man die Tätigkeiten an sich vermissen würde, sondern – folgt man Liessmanns Argumentation – weil man regelrecht empört ist ob der Unvorstellbarkeit des Verzichts.

Und somit zeigt sich das Dilemma einer Gesellschaft, in der sowohl Glück als auch Probleme individualisiert werden: «Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht.»

Quelle: republik.ch

Hier nun einige nicht so bequeme Zitate aus dem oben erwähnten Artikel von Konrad Paul Liessmann (Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien) über die gekränkte Gesellschaft:

Corona zerlegt unser modernes Mindset

Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.

Die oft gestellte Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft, in der wir leben, macht, war immer schon falsch formuliert. Richtig müsste sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung? Eine naheliegende, aber selten gegebene Antwort wäre: Wir sind gekränkt. All das, was die moderne Gesellschaft im vergangenen Jahr durchmachen musste, war in ihrem Fortschrittsprogramm nicht vorgesehen. Dieses orientierte sich an Parametern wie Wachstum, Beschleunigung, Optimierung, Sicherheit, Offenheit und Austausch. Seuchen gab es höchstens in Weltgegenden, die weder die europäischen Hygiene- und Gesundheitsstandards noch das unbedingte Vertrauen in eine aufgeklärte Wissenschaft kannten.

[…]

Die gekränkte Gesellschaft ist eine ungeduldige Gesellschaft. Sie kann nicht warten. Und sie hat schon lange auf den Verzicht verzichtet. Vorübergehende Einschränkungen werden deshalb nicht als Unannehmlichkeiten wahrgenommen, sondern als dramatische Einschnitte. Bei der ersten Gelegenheit macht man dort weiter, wo man aufgehört hat, und verlängert damit genau diejenige Misere, der man entkommen möchte.

Von der gerühmten Resilienz, die vor der Corona-Pandemie als neue Modetugend propagiert worden war, ist kaum etwas zu spüren. Eher macht sich Wehleidigkeit breit. Während die Tausende von Toten, die das Virus in nahezu jedem Land bisher forderte, lediglich in der Statistik aufscheinen, ohne dass die damit verbundenen Leidensgeschichten spürbar würden, häufen sich die Berichte über Jugendliche, die schweren seelischen Schaden nähmen, weil sie ein paar Monate auf Präsenzunterricht und Partys verzichten müssten.

[…]

Die Kränkung der gekränkten Gesellschaft sitzt so tief, dass manche die nun angebotene Impfung als Zumutung und weiteren Angriff auf ihre Freiheit interpretieren – so, als wollte man der Forschung und der Pharmaindustrie diesen Triumph einfach nicht gönnen. Zwar werden die Vakzine nicht alle Probleme mit einem Schlag lösen, doch manches liesse sich endlich wieder unter einer anderen Perspektive sehen. Aber auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, was die Dinge mit uns, sondern was wir mit den Dingen machen.

[Weiterlesen]

Quelle: nzz.ch

Vorsätze und Sehnsüchte

Die Vorsätze waren ziemlich gut gewesen. Endlich wieder fiktiv schreiben wollte ich. Mehr jedenfalls. Geschichten. Weil ich mich nach diesem Erlebnis sehnte, hatte ich mir sogar extra ein Spiel ausgedacht. Ich hatte richtig was vor. Ich hätte Spaß haben können. Aber nein. Der Alltag kam dazwischen.

Es will nicht so recht fließen, das fiktive Schreiben. Überhaupt ist alles verlangsamt. Und ich mir hinterher.

Da ist gerade so ein großes Viel-zu-Viel in mir, so ein Lärm, so ein Überfließen, dazu das wieder schriller gewordene Geläute vom Tinnitus obendrauf. Doch weil es mir ja immer noch schlechter gehen könnte – und weil es mir schon wirklich deutlich schlechter gegangen ist –, sage ich auf Nachfrage: Es geht mir oke. Dabei halte ich es im Grunde schlecht aus, dieses Aushalten, Ausharren, Warten. Auf andere Zeiten. Nein, nicht das Normal von vorher. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Corona uns nicht mehr so sehr gefährdet wie jetzt. Noch ist erst ein kleiner Teil der Bevölkerung immun, die Kurve ist zwar flacher geworden, zum Glück, aber die Gefahr ist noch lange nicht gebannt. Ein Narr, wer das behauptet.

Es ist schwierig. Für alle. Für manche mehr, für andere weniger. Aber auch für die, denen es leichter fällt als anderen, ist dies nicht die Zeit für Leichtsinn.

Es tut mir weh, wenn ich Menschen zuhöre oder sehe, wie sie die Pandemie klein reden. Menschen, die so zu tun, als sei alles nur halb so schlimm, als wären die Maßnahmen übertrieben, nur weil sie selbst nicht direkt betroffen sind und weil sie niemanden kennen, der schon Corona hatte und es überlebte oder – wahlweise – daran (fast) gestorben ist. Wie kann man so egoistisch sein?

Das macht mich wütend. Aber vielleicht verbirgt sich hinter ihr ja auch nur meine Angst, dass diese aus meiner Sicht leichtsinnigen Menschen an Corona sterben könnten?

So oder so. Das hier ist die hohe Zeit der Absurditäten, der Über- und Unterreaktionen. Vernüftig geht anders. Wie gesagt, ich finde die Maßnahmen unserer Regierungen grundsätzlich in Ordnung. Die Pandemie ist mit größtem Respekt zu behandeln, keine Frage. Es hapert allerdings jen- und diesseits von Landesgrenzen immer wieder beim Herunterbrechen der Beschlüsse in den Alltag.

Wo ich hinschaue, sehe ich fragende Gesichter.

Ja, auch ich habe Fragen: Warum  zum Beispiel dürfen sich binationale Paare ohne Trauschein nicht treffen, während es solche mit Trauschein inzwischen (via BaWü) dürfen? Die beiderseitige Ansteckungsgefahr zwischen Paaren ist doch mit Grenze nicht größer als ohne, und so ein Trauschein macht ja auch nicht covidimmun so viel ich weiß? Kann mir das bitte jemand erklären, lieber Bundesregierungen?

Eine internationale Petition läuft übrigens seit einer Weile, und wie gesagt, können sich binational Verheiratete zumindest in der Schweiz wieder treffen. Na also. Geht doch. Aber warum, zum Geier, gilt diese Regel nur für Angetraute?

Wie wäre es, wenn Paare an der Grenze zum Beispiel mittels einer Liste mit Referenzpersonen drauf –  die Hausärztin von mir aus oder sonstwie Bekannte – nachweisen, dass sie tatsächlich jenseits der Grenzen einen Liebsten, eine Liebste haben? Und diese:n unter den üblichen Sicherheitsmaßnahmen, die im jeweiligen und im eigenen Land gelten, besuchen dürfen?

Heute ist Tag 39 ohne den Liebsten. Ich finde, das reicht. Wir leben seit Wochen in sorgfältiger Selbstquarantäne und werden das auch weiterhin tun. Weil es sinnvoll ist. Aber ohne einander? Dafür fehlt mir das Verständnis.

»Es ist halt jetzt nun mal so!«

Es ist wie fotografieren. Im Moment ist zoomen angesagt, heranziehen, vergrößern, genau hinschauen. Details, kleine Dinge des Alltags, die wir gar nicht beachteten, werden auf einmal wichtig und groß. Wie Kieselsteine im Schuh oder wie das Lied der Amsel auf dem noch immer kahlen Apfelbaum.

Und nein, ich spreche nicht vom ausverkauften Klopapier, eher denke ich an Dinge wie ein Lächeln da und dort oder die Erkenntnis, dass die liebe Freundin noch alleiner ist als ich. Die Kräfte haben sich verschoben. Niemand weiß wirklich, wie es weiter gehen wird. Und es zeigt sich jetzt auch, ob die von uns gewählten Volksvertreter*innen uns wirklich vertreten – oder eben nicht.

Improvisation ist gefragt. Gemeinschaftssinn. Zusammenstehen, miteinander … Worte, die zurzeit inflationär aus unseren Mündern purzeln. Dürfen sie, sollen sie – solange sie echt gemeint sind.

Krisen lassen sich jedenfalls gemeinsam besser ertragen und durchschreiten.

Nun ja, die wirklich schlimmen Krisen waren bisher immer weit genug weg von uns hier im satten Mitteleuropa. Im Mittelmeer zum Beispiel, oder im Osten irgendwo oder im Süden oder noch weiter weg.  Und wenn doch bei uns, dann irgendwo am Rand. Fast unsichtbar für alle Nicht-Betroffenen. Wir haben ja schließlich unsere Grenzen.

Dieser Tage denke ich wieder einmal viel über Grenzen nach und stelle fest, dass ich je länger je weniger an Landesgrenzen glaube.  Nicht nur, weil ich gern und oft der Liebe wegen im ’großen Nachbarkanton’ weile, wie wir hierzulande Deutschland gerne nennen, und weil mir diese Grenzen zu überschreiten aktuell verwehrt ist. Aber das soll heute nicht das Thema sein.

Es gibt aber auch Grenzen, die Fakten abbilden. So gibt es Grenzen die ein Vorher und ein Nachher definieren. Das Vorher, welches wir bis vor zwei, drei Monaten gelebt haben und zu kennen glauben, wird (wahrscheinlich) nie mehr sein. Nicht mehr so. Manches ist für immer vorbei und vergangen, manches wird sich neu formen. Wir stecken mitten in einem umwälzenden Prozess, der existentiell ist und schmerzhaft und der Chancen in sich trägt. Wir stecken mitten gemeinsam in einem ’Stirb und Werde’-Prozess.

Hannah C. Rosenblatt fragt in ihrem gestrigen Blogartikel zu Recht, was “der Kampf gegen COVID-19” mit kollektiver Trauer zu tun hat. Auch denkt sie über den Begriff Kampf nach. Ähnlich wie ich stört sie sich an manchen Wortkonstrukten, die zurzeit die Medien fluten. Mich zum Beispiel stören Begriffe wie ’Kontaktsperre’ oder ’soziale Distanz’. Nein, bitte nicht!

Wir brauchen soziale Nähe, immer, jetzt vielleicht noch mehr denn je. Zurzeit aber halt nicht physischen Kontakt, weil das im Moment nicht geht. (Es lebe das Internet!)

Trauer also. Ja, wir trauern. Kollektiv.

Wenn ich meine ganz persönlichen Erfahrungen der letzten zwei bis drei Wochen betrachte, erkenne ich, dass ich wirklich genau den Weg zurück gelegt habe, den ich zurücklege, wenn jemand stirbt, der mir nahe steht. (wenn auch in einem etwas anderen Tempo).

Ich zitiere Rosenblatt, die unsere kollektiven Trauerreaktionen wie folgt auf die Coronakrise übersetzt hat:

»Ich weiß, dass es jetzt darum geht zu trauern. Dass jetzt ein Prozess einsetzt, der alle bekannten 5 Stadien der Trauer beinhaltet.
+++ Leugnung – „Es wird mich nicht betreffen.“
+++ Wut – „Ich will mich nicht wegen so eines Virus einschränken!“
+++ Verhandeln – „Okay okay, also wir bleiben schön zu Hause und kaufen andern Leuten keine Nudeln weg und dann wird alles gut, ja?“
+++ Traurigkeit – „So viele Menschen sind krank und sterben – und niemand weiß, wann es enden wird.“
+++ Akzeptanz – „Es ist wie es ist, wir werden sehen, wie wir da durchkommen.“« (Zitat Ende)

+++

Ich war heute kurz einkaufen. Die gewünschten Paprikachips für jene mir unbekannte Frau, die mir eine Viertelstunde später ihre alte Zweitnähmaschine schenken würde. Ein symbolischer Tausch. (Hätte es Klopapier gehabt, hätte ich bestimmt noch eine Packung gekauft und ihr vor die Haustür gestellt.)

An der Ladenkasse saß eine freundliche ältere Dame. Diesmal waren deutlich mehr Leute im Laden als letztes Mal und diesmal war nach mir ein älteres Paar dran, das viel zu schnell aufschloß und weder zu ihr noch zu mir den geforderten Mindestabstand einhielt. Nicht aus bösem Willen, sondern aus – so vermute ich – fehlendem Gefahrenbewusstsein. Sie steckten – so vermute ich weiter – noch in der Leugnungsphase (siehe oben). Denn nicht alle haben wir das gleiche Tempo. (Was in dieser konkreten Situation nicht ganz ungefährlich ist.) Die Kassiererin bat sehr kompetent um mehr Abstand, zu ihrem und zu meinem Schutz und sagte dann lächelnd in die Runde:
»Es ist halt jetzt nun mal so!«

Vielleicht mit das Klügste, was ich heute gehört und gelesen habe.

Weil es jetzt halt nun mal so ist, werde ich morgen anfangen, Atemschutzmasken aus Stoff zu nähen. Ein paar bekommt die Frau, die mir ihre alte Nähmaschine geschenkt hat. Wer eine braucht, soll eine bekommen. Das ist, was ich tun kann. Nach einer Anleitung von Youtube. (In meinem PDF hier ist die Quelle genannt). Ich glaube nämlich, dass diese Dinger bald zu unserem Alltag gehören werden. Eine Frage der Gewohnheit. Und eine Frage des Respekts. Um andere zu schützen. Im Bewusstsein, dass es nicht alles ist, eine Maske zu tragen, dass es aber mehr ist als nichts.

Ja, es sind oft die kleinen Dinge, die in einer Krise helfen, sie zu ertragen.

Notizen am Rande #5

Hast du Angst vor dem Virus?

Nun ja, vor dem Virus, respektive davor, die Viruserkrankung selbst zu bekommen, habe ich eigentlich noch immer keine Angst, auch wenn ich hoffe, sie nicht so bald zu bekommen. Weil ich – wie wir alle – eine potentielle Multiplikatorin bin und eine Person treffen könnte, die zur Risikogruppe gehört, versuche ich, so hygienisch wie möglich zu leben. Gesunder Menschenverstand und so.

Wovor ich aber wirklich in den letzten Tagen immer ein bisschen mehr Angst bekommen habe, ist vor der Menschheit.

Mir fiel ein Gespäch ein, dass ich vor etwa zehn Jahren mit dem Liebsten geführt hatte. Es war an einem Wochenende bei ihm, wir hockten am Ofen und philosophierten über die Welt. Ich hatte die These formuliert, dass die Menschen zu Tieren werden und nur an sich selbst und ans eigene Überleben denken würden, sollte es irgendwann hart auf hart kommen. Irgendlink hoffte, dass wir alle aus der Geschichte gelernt hätten und rechnete darum mit einem gewachsenen Solidaritätsbewusstsein. Gerne hätte ich damals seine Hoffnung geteilt, aber mit Hoffen tat ich mich ja schon immer eher schwer.

Dieses Gespräch haben wir wie gesagt vor etwa zehn Jahren geführt. Vor dem ’Erstarken der neuen Rechten’ in vielen westlichen Ländern, aber auch vor dem Erwachen der neuen Willkommenskultur und bevor dieselbe wieder wegpolitisiert wurde. Es war vor der weltweiten Klimakrise und es war vor allem vor dem flächendeckenden Smartphone-Zeitalter. Die Welt war, mit Verlaub, damals noch ein klein bisschen humaner. (Oder vielleicht waren wir auch einfach noch ein bisschen hoffnungsvoller?)

In unserm Gespräch überlegten wir uns verschiedene Krisen-Szenarien und wie wir damit umgehen könnten. Wir sprachen – so erinnere ich mich – vor allem über Kriege, Lebensmittelknappheit und darüber, selbst aus irgendwelchen Gründen flüchten zu müssen. Ich glaube, weder Klimakrise, Erderwärmung noch Pandemien kamen in unseren Überlegungen vor. Warum auch immer. Zwar war ich politisch immer klar positioniert – sprich: rot-grün –, aber damals dachte, las und verfolgte ich deutlich weniger mit, was auf der Welt so alles geschieht und geschehen könnte, als ich es heute tue. Und daran ist definitiv das Handy schuld. Socialmedia. (Ich gestehe, dass ich mir in besonders dünnhäutigen Momenten diese ’Unschuld’ zurückwünsche.)

Wir sprachen damals am Holzofen darüber, was wir tun würden, wenn. Wir sprachen über Humanität und Solidarität.

Heute geschieht das alles unmittelbar vor unser aller Augen. Kriege tobten immer schon, doch gab es noch nie so viele Kriegsherde weltweit wie aktuell. Und auch im Netz herrscht vielerorten Krieg. Im eigenen Land geht der Hass um, er ist alltäglich geworden. Dazu sind wir Zeuginnen und Zeugen einer schon bald nicht mehr aufhaltbaren Klimawandels, der menschliches Leben auf der Erde in wenigen Jahren unerträglich machen wird.

Mittenhinein nun diese Krankheit – ausgelöst durch ein neues Virus –, die aktuell ungefähr zehnmal so viele Todesopfer wie eine normale Grippe fordert. Ja, schlimm, sehr schlimm. Klar. Aber schlimmer, viel schlimmer ist für mich, wie wir mit alldem umgehen. Die Verhältnismäßigkeiten. Oder besser die Unverhältnismäßigkeiten. Wenn ich Richtung Lesbos blicke, wo EU-Beauftragte Menschen erschießen, deren einziges Verbrechen darin besteht, dass sie sich ein Leben in Sicherheit wünschen, wird mir schlecht.

Wie geht Liebe in Zeiten von Corona? Besteht (Selbst-)Liebe in Zeiten von Krisen aller Art darin, Desinkfektionsmittel zu klauen, Vorräte zu hamstern, sich mit dem Verkauf gehamsterter Schutzmasken eine goldene Nase zu verdienen? Ich könnte kotzen. Und schreien. Und um mich schlagen. Das alles macht mich so wütend.

Nein, ich habe keine Angst vor dem Coronavirus, ich habe Angst vor dem Virus Egoismus, gegen den es nie eine Impfung geben wird. Ich habe Angst vor dem Virus Mensch.

Doch wie sagt Irgendlink, der noch immer hofft? »Wenn wir dem leidenden Nächsten so viel Aufmerksamkeit schenkten wie einem Virus und noch ein Schuss Anteilnahme beigäben, könnte die Welt in Ordnung kommen.«


Herzliche Leseempfehlungen:

»Stellen Sie sich vor, Solidarität wäre der allerhöchste gesellschaftliche Wert, und wir wären statt auf Egoismus darauf trainiert, immer die Schwächsten zu schützen. Und – stellen Sie sich vor, das würde nicht alles so wahnsinnig naiv und utopisch klingen. Das wär was.«
-Margarete Stokowski
Quelle: www.spiegel.de

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»Die Geschwindigkeit, mit der es ein Virus vom einen Ende der Welt ans andere schafft, gehört zu unserer Zeit. Es gibt keine Mauern, die es aufhalten könnten. In früheren Jahrhunderten passierte das genauso, nur etwas langsamer. Allgemein ist das größte Risiko in solchen Situationen […] ist die Vergiftung des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Beziehungen, die Barbarisierung des zivilen Umgangs.«
-Alessandro Volta
Schulleiter des Mailänder Liceo (übersetzt von Andrea Dernbach)
Quelle: christachorherr.wordpress.com

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»In Wahrheit leben wir immer noch wie die Maden auf dem Grabhügel des Verschweigens. Einen Schlussstrich kann man nur dort ziehen, wo Schluss ist. Hier ist aber kein Schluss, weder im Großen noch im Kleinen.«
-Andreas Maier
Quelle: www.zeit.de