Ich suche (das Glück), also bin ich

Am Anfang war und ist die Suche. Nein, Stopp, falsch. Ganz am Anfang war und ist alles gut. Ganz und gut und gesund. Intakt. Unkaputt. Wir sind in uns selbst Ruhende. In engstem Bezug zu uns und zu allem, was in und um uns ist. Seiende.

Bis etwas dieses Ganz kaputt macht. Vielleicht nur ein bisschen. Oder aber sehr. Dennoch währte das Ganz am Anfang lang genug, damit wir uns ein Leben lang daran erinnern, uns nach ihm sehnen. Mal ist unsere Sehnsucht nach diesem Ganz eher ein Hintergrundrauschen, mal eine handfeste Suchaktion. Wir (ver)suchen, uns ihm auf alle möglichen Arten wieder anzunähern. Denn wir wollen Bezug nehmen; wir nehmen immer Bezug. Ohne Bezug zu nehmen, können wir gar nicht leben. Beziehen wir uns nicht letztlich immer irgendwie auf dieses Ganz, das ganz am Anfang war? Wir beziehen uns aber auch auf jene Dinge, die sich uns in den Weg stellen. Auf die Herausforderungen. Auf Ereignisse, auf die Umgebung, auf Menschen, auf Geschichten oder auf die Geschichte der Menschheit. Es gibt nichts, auf das wir uns auf unserer Suche nicht beziehen könnten, denn – wie gesagt – ohne Bezug zu nehmen können wir nicht leben.

Ich glaube – im Gegensatz zu den Aussagen der Bibel – nicht, dass es unsere (eigene) Sünde war, die uns aus unserm Ganz herausfallen lassen hat. (Dazu müssten wir eh erst einmal das Wort Sünde frei von jeglichem klerikalen Kontext definieren). Ich ahne, dass es eher eine Ur-Wunde ist, die uns aus der Geborgenheit im Ganz herausfallen ließ, ein Ur-Übergriff, ein Ur-Überfall.

Genau dort hat unser Suchen angefangen, unser Sehnen, unser Verlangen, die Verzweiflung auch, weil wir ab genau dort nicht mehr eins sind, sondern Getrennte, Un-Ganze, von uns selbst Losgelöste (Un-Erlöste). So machten wir uns auf den Weg. Und weil wir sind, wie wir sind, gehen wir auf dem Weg zurück zu uns, Umwege. Vielleicht, weil wir unterwegs den Rückweg vergessen haben. Vielleicht, weil wir vermuten, dass es da noch andere – womöglich sogar bessere – Wege geben könnte. Vielleicht aber auch, weil wir inzwischen vergessen haben, wonach genau wir eigentlich gesucht haben, als wir aufbrachen und wonach genau wir uns eigentlich sehnen. (Wann haben wir eigentlich verlernt zu wissen, was wir wirklich brauchen und seit wann leben wir eigentlich im Konjunktiv?)

Zu allen Zeiten haben wir Menschen uns auf die Suche nach Antworten gemacht. Nach Aufgaben. Unsere Seele und unser Verstand wollen begreifen. Wir wollen – wir müssen sogar! – verstehen, um uns als Teil des großen Ganzen fühlen zu können, wir müssen uns rückversichern, wir müssen uns in einen Bezug bringen – historisch ebenso wie gesellschaftlich –, um uns lebendig, dem Leben zugehörig, fühlen zu können. Denn wir wollen Bezug nehmen; wir nehmen immer Bezug. Denn ohne Bezug zu nehmen, können wir gar nicht leben, wie gesagt.

In den letzten vielleicht hundert oder hundertfünfzig Jahren kam zur Suche nach Antworten immer mehr auch auf die Suche nach dem kollektiven und persönlichen Glück dazu. In den Nachkriegsjahren sogar immer mehr mit dem Subtext eines berechtigten Anspruchs darauf. »Glück als moralischer Imperativ«, titelt die Autorin Katharina Herrmann einen Abschnitt ihres lesenswerten Essays¹ über zwei sehr unterschiedliche Bücher.

Das eine – The Happiness Fantasy von Carl Cederström – ist leider erst auf Englisch erhältlich. (Bis es auf Deutsch übersetzt ist, lese ich mich durch seine anderen Bücher, die sich der Selbstoptimierungssucht und dem Wellnesszwang widmen.) Das zweite Buch, das Herrmann auf 54books.de bespricht, heißt Hippie und ist von Paulo Coelho. Ein Buch übrigens, das vor der Autorin wenig Gnade findet. Was ich heute nachvollziehen kann. Früher, als ich jünger, unkritischer und leichtgläubiger als heute war, mochte ich Coelho. Seinen Alchimisten habe ich vor zweiundzwanzig Jahren geradezu verschlungen, doch beim näheren Hinsehen ist in seinen Büchern doch vieles, »holprig aneinandergeklatscht worden […] und – wenig überraschend – der esoterische Kitsch (ist) mit Händen zu greifen.«¹ Frau Herrmann hat es für mich auf den Punkt gebracht. (Und nein, ich werde Hippie nicht lesen.)

Es geht mir hier eh weniger um die Bücher als um das Thema. Um diese verflixte Suche nach dem persönlichen Glück. Oder vielleicht eher noch um die Suche nach Antworten auf die Fragen nach den Ursachen, nach den Zusammenhängen. Nach unserem Platz im großen Ganzen.

»Der Bergarbeiter bekommt eine kranke schwarze Lunge, sein Sohn bekommt es auch und dann dessen Sohn. Die meisten Leute haben nicht die Vorstellungskraft – oder was auch immer –, um die Minen zu verlassen. Sie haben ’es’ nicht.« So zitiert Cederström eine Selbstbeschreibung des aktuellen US-Präsidenten aus dem Jahr 1990. Dieser inszeniert sich ja selbst gerne als Selfmade-Mann und verschweige dabei die geerbten Millionen.

In den späten 1960er Jahren war die Rede immer mehr darauf gekommen, dass der Mensch einfach nur sich selbst finden und sein Potential entfalten müsse, um glücklich zu werden. »Glück ist hier zu einem moralischen Imperativ geworden: Gelungenes Leben ist glückliches, authentisches Leben in individueller Freiheit. Nach Glück hat jeder zu streben. […] Schon früh waren dabei auch Ratgeber der 1930er wie „Think and Grow Rich“ von Napoleon Hill oder „How to Win Friends and Influence People“ von Dale Carnegie von Bedeutung, schon in der Entwicklung von diesen Trainingsprogrammen war also die Verbindung von Idealen und kapitalistischen Motiven angelegt¹«, schreibt Herrmann (Hervorhebung durch mich). Muss man wirklich einfach nur genug erfolgreich oder wahlweise glücklich sein wollen, genug an sich selbst glauben – oder wahlweise an Gott –, um beispielsweise US-Präsident werden zu können? Oder zumindest um glücklich zu werden? Wurde uns das nicht sogar auf allen möglichen Kanälen so ähnlich eingetrichtert? In den Schulen, in den Kirchen, in den Selbsthilfebüchern?

Coelho schlägt in Hippie in die gleiche Kerbe: »Auch hier ist es also das einzelne Ich mit seinem Willen, das die Realität bestimmt: So deutet Paulo seine Entführung durch die brasilianische Polizei bereitwillig als „Strafe der Götter“, „[w]egen all der Traurigkeit, die er hervorgerufen hatte, musste er nackt auf dem Boden einer Zelle mit drei Einschusslöchern in der Wand sitzen.“ (Hippie, S. 50) Er hat sein Schicksal also selbst über sich gebracht – aber kein Problem, denn dann kann er es auch weiterhin steuern: So bemüht er sich während des Verhörs durch die Polizei um Selbstbeherrschung, denn „[n]egative Schwingungen ziehen negative Schwingungen an“ (Hippie, S. 59), und wenn man nur positiv genug herumschwingt, dann wird noch der größte Folterknecht handzahm.« (Katharina Herrmann, Zitat Ende¹; Hervorhebung durch mich)

Unter Zuhilfenahme unterschiedlicher vulgär-psychoanalytischer und schlicht psycho-manipulativer Techniken habe diese Idee schnell zur Herausbildung von Trainingszentren wie „est“ geführt, in deren natürlich kostenpflichtigen Kursen die Teilnehmer zuverlässig bis zum Nervenzusammenbruch zur psychischen Selbstentblößung gezwungen wurden – um ihre Angst zu überwinden, um frei zu sein, um ihr wahres Selbst zu finden und ihr ganzes Potential entfalten zu können. So fasst es Cederström – von Herrmann zitiert – sinngemäß zusammen. Ein zentraler Aspekt der Gegenkultur der 1960er sei es gewesen, dass Realität nicht außerhalb des Willens des Einzelnen existiere. Cederström zitiert eine Teilnehmerin im Zentrum „est“, die in ihrem Kurs gelernt habe, dass der Wille des Einzelnen allmächtig und das Schicksal völlig vorherbestimmt sei. Sie fühle sich weder schuldig noch schäme sie sich für das Schicksal anderer Menschen; die Armen und Hungrigen müssen sich das alles selbst gewünscht haben (sinngemäß zusammengefasst, siehe¹).

Wäre dieses Manifestieren von Erfolg und Glück wirklich so einfach wie die Gurus und Erfolgreichen auf der ganzen Welt behaupten, wäre die Welt heute eine andere. Dass im Umkehrschluss Unglück, Armut und Hunger ebenso selbstgestrickt seien wie Erfolg und Glück, ist geradezu zynisch. Wären gewonnene Erkenntnisse, wäre die Rückverbindung, die Bezugnahme zu uns, zu unserer Mitte, zu unserm Anfang, wo alles ganz und gut und gesund war, wirklich so einfach umzusetzen, wie es uns der eine oder andere sogenannt erfolgreiche Mensch vorgaukelt, würden wir doch nicht hier sitzen und uns mit Problemen wie Rassismus, Sexismus, Krieg und Flucht herumschlagen müssen. Ja, klar haben wir Macht, aber nicht im Sinn von Allmacht, und auch nicht so, als ob wir die Geschicke der ganzen Welt beeinflussen könnten. Ja, wir sind mächtig, eigenmächtig, und ja, wir tragen Verantwortung. Und das nicht nur ausschließlich für uns und für unsere persönliche Selbstverwirklichung und unser persönliches Glück. Auch die anderen Menschen gehen uns etwas an. Eine menschliche Gesellschaft funktioniert nur als Solidargemeinschaft.

Menschliches Verhalten, das auf verinnerlichten Glaubenssätzen – meist aus der frühen Kindheit – und auf epigenetisch vererbten Traumata fußt, lässt sich nicht einfach per Knopfdruck, umwälzender Erkenntnis, Erweckungserlebnis oder Gehirnwäsche ändern, überschreiben oder gar ausschalten. Auch nach derartigen Erfahrungen dreht sich die Erde weiter. Und wir … wir leben weiter mit unseren Fragen und suchen weiter nach Antworten, denn wir wollen die Auswirkungen unseres Tun begreifen, unsere Selbstwirksamkeit erfahren und letztlich Verbundenheit finden.

Womit wir bei Milena Mosers neuem Roman wären. In Land der Söhne erzählt die vor einigen Jahren nach New Mexico ausgewanderte Schweizer Autorin vom jungen Luigi, der mit seiner Mutter im zweiten Weltkrieg aus der Schweiz ohne den verschollenen Vater nach Amerika flüchtete und seine Oberstufenjahre in einem Outdoor-Internat in der Nähe von Santa Fe verbrachte. Moser erzählt auch die Geschichte seines Sohnes Giovannis – Gio genannt –, der mit seiner Mutter vor dem jähzornigen Vater Luigi, inzwischen The Big Lou genannt, in eine Hippiekommune in der Nähe von Santa Fe geflüchtet ist. Die dritte Protagonistin ist Sofia, Giovannis Tochter. Sofia, die Tochter zweier Väter, ist in der Schule ein Opfer von Cybermobbing. Und letztlich trägt auch ihr Cousin Nestor Narben. Alle verbindet die Tatsache, dass sie von übergriffigen Menschen teils böswillig und vorsätzlich, teils aus purer Dummheit schwer verletzt wurden. Auch sexueller Missbrauch kommt dabei zur Sprache, für einmal an Buben begangen, nicht an Mädchen oder Frauen.

In Mosers Roman sehen wir Menschen wie du und ich, Menschen mit Wunden. Milena Moser gelingt es durchgängig Menschen- und Geschlechterbilder zu zeichnen, die keine herkömmlichen Klischees bedienen. Im Gegensatz zu Coelho, der – gemäß Katharina Herrmann – sein Hippie-, Menschen- und Weltbild unverkennbar männlich-patriarchal zeichnet. Was sie in ihrer Rezension sehr pointiert titelt: »Männer finden sich selbst, Frauen finden einen Mann.« (Zitat Ende, siehe¹)

In Mosers Land der Söhne hat sich Gio nach dem Tod seines Vaters zusammen mit seiner Tochter auf die Suche nach seiner verschollen geglaubten Mutter gemacht, deren Adresse er erst kürzlich erfahren hat. Inzwischen leitet diese unter neuem Namen eine esoterische, exklusive und elitäre Frauenoase in New Mexico. Als Gio sie auf das Geld, das sie ihm seit seiner Kindheit schuldet, anspricht, fällt ihre Maskerade und sie beschimpft ihren Sohn, den sie vor vielen Jahren auf der Suche nach sich selbst verlassen hat. Von ihrer nach außen hin glänzenden Fassade bleibt nichts mehr übrig. Trotz der »… Sinnsprüche, die in Schönschrift an die Wände gemalt waren.
Erfolg wird in Strahlen gemessen.
Wohlstand ist eine Frage der Einstellung.
Weil ich es wert bin.« (Zitat Ende, siehe²)

Nein, Veränderung wird wirklich nicht durch Schönschriftglaubenssätze manifestiert. Veränderung und Heilung geschehen still und leise. Dort nämlich, wo wir zulassen, wo wir integrieren, wo wir akzeptieren, was ist, wie es ist. Dort, wo ich mir erlaube, eine Suchende zu sein. Quaero ergo sum | Ich suche, also bin ich. Eine Unfertige. Auf dem Weg zurück in mein Ganz, das mir eine Richtung gibt.

Am Ende von Land der Söhne sagt Gio zu seiner Tochter, zu seinem Neffen Nestor und letztlich auch zu sich selbst: »Das ist schlimm, keine Frage. Aber es hat nichts mit euch zu tun. Es ist nicht euer Problem. Stellt euch vor, ihr fahrt im Bus die Mission Street entlang und ein Betrunkener übergibt sich plötzlich. Ihr könnt nicht ausweichen, das Erbrochene trifft euch. Das ist widerlich, zweifellos, aber ihr denkt nicht darüber nach, ob ihr etwas falsch gemacht habt, ob es an euch liegt, ob etwas nicht stimmt mit euch. Nein, das ist allein das Problem des Betrunkenen. Und das, was euch passiert ist […], das, was uns passiert ist, ist genau dasselbe. Es hat nicht mit uns zu tun.« (Zitat Ende, siehe ²) Für mich die Schlüsselszene. Und nein, das widerspricht nicht meiner Überzeugung, dass alles mit allem zusammenhängt. Dieser Ansatz – dieses Es-hat-nicht-mit-uns-zu-tun – nimmt uns jedoch den Druck, dass wir uns angeblich kraft unseres Willens und unserer Gedanken alles, was uns geschieht und geschehen ist, selbst aufgeladen haben sollen. Und den Druck auch, dass alles, aber auch wirklich alles – sogar Schmerz und Wunden, die uns andere zugefügt haben –, einen Sinn haben und mir und/oder meinem Körper etwas sagen wollen. Denn unglücklich und un-ganz zu sein gehört eben auch zum Leben.

Ob es jenseits von Zeitgeistströmungen und deren Methoden überhaupt ein dauerhaftes Glück im Gefundenhaben und im Angekommensein, ein anhaltendes Zurück-ins-Ganz geben kann?


¹Quelle: Katharina Herrmann auf 54books.de
²Quelle: Milena Moser in Land der Söhne

Die erwähnten Bücher:

The Happiness Fantasy, Carl Cederström
ISBN: 978-1-509-52380-1
200 Seiten (englische Ausgabe)
erschienen im September 2018

Hippie, Paulo Coelho
ISBN: 978-3-257-07049-1
Hardcover Leinen
304 Seiten
erschienen am 26. September 2018

Land der Söhne, Milena Moser
ISBN: 978-3-312-01093-6
gebundene Ausgabe
420 Seiten
erschienen am 20. August 2018

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#wirsindmehr | Wie kommt der Krieg ins Kind von Susanne Fritz

Wenn ich unter #wirsindmehr innerhalb meines Blogs alles einschließe, was für eine widerständige Haltung gegen Rechts, gegen Rassismus und gegen Krieg steht, gehört das Buch Wie kommt der Krieg ins Kind von Susanne Fritz unbedingt hierher, bietet es doch eine Grundlage für den Dialog über Krieg aus rassistischen Gründen und über dessen Folgen und Auswirkungen auf die folgenden Generationen.

Das Buch fängt mit einem Fingerabdruck der fünfzehnjährigen Ingrid an und hört mit einem Passbild der neunjährigen Ingrid auf. Dieses junge Mädchen, das später die Mutter der Autorin werden wird, hat 1945 im polnischen zentralen Arbeitslager Potulice ihre Fingerabdrücke hinterlassen und danach drei Jahre ihres jungen Lebens als Gefangene gearbeitet. Was sie dabei alles erlebt hat, war prägend. Für sie selbst ebenso wie für ihre Verwandten und Nachkommen. Manches blieb für immer ungesagt, während anderes codiert in Worte und in Briefe verpackt wurde.

Gefunden hat die Autorin die Fingerabdrücke und das Bild ihrer Mutter auf ihrer Spurensuche in polnischen Archiven. Die Fotografie war dem Antrag zur Aufnahme auf die Deutschen Volksliste angeheftet, den die Familie im Jahr 1939 gestellt hatte. Als Deutschstämmige waren Ingrid und ihre Familie in Swarzędz/Polen zwar eine Minderheit, doch mit der östlichen Ausdehnung der deutschen Grenzen, war es für sie vorteilhafter, Reichsbürger und Reichsbürgerinnen zu werden und die arische Abstammung der ganzen Familie auf der Deutschen Volksliste beglaubigt zu wissen.

Einer zentralen These der Epigenetik zufolge schreiben sich traumatische Erfahrungen ins menschliche Genmaterial ein und übertragen sich so – möglicherweise – auf die nächste Generation. In Susanne Fritz’ Buch begegnen wir den Übertragungen von Traumata auf die nachfolgenden Generationen hautnah. Obdas über die Gene oder über das  Familiengedächtnis geschieht, bleibt dahingestellt; Fakt aber ist, dass die traumatischen Erlebnisse der jungen Ingrid im Internierungslager tiefe Spuren auch im Leben ihrer Kinder hinterlassen haben. Einem Fingerabdruck nicht unähnlich.

Jener erwähnte Fingerabdruck, gefunden auf einem über siebzig Jahre alten Dokument, war es schließlich, der die Spurensuche der Autorin angestoßen hatte. Im April 1945 war die vierzehnjährige Ingrid, die mit ihrer Familie auf der Flucht vor der Roten Armee war, von ihrer Familie getrennt und von der sowjetischen Geheimpolizei festgenommen worden. Zum Verhängnis geworden waren ihr zum einen ihre deutschen Wurzeln, zum anderen eben, dass sie sich mit ihrer Familie als neunjährige polnische Staatsbürgerin auf die Deutsche Volksliste hatte aufnehmen lassen. Damit war sie nach dem Krieg für die Polen eine Volksverräterin. Ihr Vater Georg, NSDAP-Mitglied und phasenweise Schutzpolizist, war kurz vor ihrer Gefangennahme auf dem Feld gefallen, die Mutter Elisabeth und die beiden Geschwister unterwegs auf der Flucht nach Deutschland. Nun wurde das halbwüchsige Mädchen also für die Gesinnung ihrer Eltern gebüßt. Vom Arbeitslager Potulice aus leistete sie drei Jahre Zwangsarbeit auf einem polnischen Staatsgut, bevor sie 1948 endlich entlassen wurde und ihre Familie wiedersehen durfte. Ihre Mutter Elisabeth, die Großmutter der Autorin, war schon vor der Flucht pflegebedürfig gewesen und die beiden Töchter und der Sohn waren nun, wieder vereint, auf vielerlei Hilfen angewiesen, um in der neuen fremden Heimat Fuß fassen zu können.

In ihrem sehr persönlichen Buch erzählt Susanne Fritz nicht nur vom Schicksal einer jungen Frau, ihrer späteren Mutter, und der eigenen Familie, das Buch spricht auch von einer intensiven Spurensuche in der Geschichtsschreibung zweier Nationen. Immer wieder zitiert sie historische Dokumente und beleuchtet damit nicht nur die eigene Familiengeschichte, sondern hinterfragt das deutsch-polnische Verhältnis über zwei Weltkriege hinweg. Ihr Buch ist sowohl eine biografische Erzählung als auch ein Geschichtsbuch – was es meiner Meinung nach zu einer geeigneten Lektüre für OberstufenschülerInnen prädestiniert.

Susanne Fritz gelingt es, ohne Schuldzuweisungen über die Geschicke ihrer Mutter und der ganzen Familie zu schreiben. Ihre eigene Betroffenheit und ihr immerwährendes Reflektieren geben ihrer Erzählung Tiefe. Fritz sucht nach Menschlichkeit und tastet sich gratwandernd an unterschiedliche Formen des Verrats heran. Ich spüre immer wieder ihr Ringen, und ihre Suche nach der eigenen Rolle und Identität inmitten ihres Erbes. Sie lotet als Beobachterin und Involvierte mit ihrem Talent für den sprachlichen Ausdruck aus, was an Ungesagtem und Unaussprechlichem zwischen den Zeilen alter Briefe und welche Geschichten hinter einer Fotografie stecken könnten. Dazu wechselt sie immer wieder den Blickwinkel und schlägt so Brücken zwischen damals und heute.

Streckenweise liest sich Wie kommt der Krieg ins Kind wie ein Dialog, den Susanne Fritz mit ihrer eigenen Vergangenheit führt. Es ist für mich auch ein Ringen um Verständnis für ihre Großeltern und ihre Mutter. Als wolle sie ergründen, wie sich all die Geschehnisse auf ihr eigenes Leben auswirken – und allenfalls auch, wie sich damit leben lässt ohne die geerbten Traumata weiterzureichen. Wie verhält es sich zum Beispiel mit dem Schweigegebot von damals? Was nicht ausgesprochen wird, hat keine Macht, dachte man damals. Und konzentrierte sich auf Vergessen und Verdrängen. Wird aber Unausgesprochenes, Unaussprechliches und Grausames nicht gerade weil es nie benannt wurde, übermächtig?

»Wo liegt die Trennlinie zwischen dem Erzählbaren und dem Unsagbaren, der unterhaltsamen, makaber-witzigen Anekdote und dem Erzähltabu, dessen Nichteinhaltung Panik zur Folge hatte?« Ja, auch die Autorin erlebt es: »Ich will etwas erzählen und darf es nicht.« Ihrer Mutter zuliebe hat sie lange geschwiegen.

Ich bin froh, dass sie nun – nach deren Tod – doch darüber geschrieben hat. Ihr Buch stimmt nachdenklich. Und versöhnlich. Trotz allem Schrecken.


Susanne Fritz
Wie kommt der Krieg ins Kind
Wallstein Verlag
€ 20,00 (D) | € 20,60 (A)
268 S., geb., Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8353-3244-7 (2018)
eBook: 978-3-8353-4244-6 (2018)

Sehen und sehen lassen – 3. Teil | #blindleben #barrierefreiheit #teilhabe

Heute folgt der dritte Teil meiner kleinen Informationsreihe mit Beiträgen über Teilhabe und Barrierefreiheit. Diesmal mit Neuigkeiten zu WordPress.

Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass ein Bild, das zwecks Vergrößung zu seiner eigenen Mediendatei oder Anhangseite verlinkt, eben nicht die Bildbeschreibung vorliest, sondern sagt, dass das Bild kein Bild, sondern ein Link sei, quasi ein Schalter.

Das ist aber nicht wirklich das, was wir wollen, nicht wahr? Darum verlinke ich also Bilder ab sofort nicht mehr, sondern lade Bilder ab sofort mit Bildbeschreibung unter Alternativtext, aber ohne Weiterleitung zu Bilddatei oder Anhangseite hoch.

Konkret sieht das dann so aus (klicken zum Vergrößern):

Überraschung!

Weil ich diesen Screenshot im Galerie-Modus gepostet habe, können ihn auch Sehende sehen, sprich durch Draufklick vergrößern, auch wenn der Mouse kein Link angezeigt und im Reader kein Link vorgelesen wird.

Ich habe euch nämlich bereits fragen gehört, wie es denn nun mit Galerien sei, und überhaupt: Bilder müssen doch vergrößert werden können … Ganz meine Meinung!

Wie gesagt: es geht! Ich werde ab sofort alle Bilder – ob einzeln oder in Gruppen – im Galeriemodus posten. Ja, das geht, wie oben bewiesen, auch mit Einzelbildern. So können meine Bilder weiterhin – obwohl sie keine Links mehr zu Anhangseite und Mediendatei haben – auch von Sehenden durch Anklick vergrößert, respektive bei mehreren Bildern, als Galerie angezeigt werden. (Guckt zum Beispiel ⇒ hier)

Mit den optimalen Galerieeinstellungen werde ich noch ein wenig experimentieren, aber diese Einstellungen hier sind doch eigentlich ganz okay, oder?

Hier ⇒ habe ich es umgesetzt: Link zu einem alten Blogartikel.


Hier nun noch etwas ausführlichere Infos zur Umsetzung von Teilhabe und Barrierefreiheit auf den unterschiedlichen Social-Media-Kanälen:

Diese Liste stammt aus folgender Quelle und ist zur Weiterverbreitung vorgesehen: Leitfaden zur digitalen Barrierefreiheit von Johannes Nehlsen und Wolfgang Wiese; zum Download des PDF⇒ hier klicken.


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  2. Teil: Teilhabe auf Facebook: hier klicken
  3. Teil: in diesem Artikel

Noch mehr sehen und sehen lassen | #blindleben #barrierefreiheit

Vor einigen Tagen schrieb ich über die Wichtigkeit von Bildbeschreibungen für Sehbeeinträchtigte und Blinde. Es geht mir dabei um Barrierefreiheit und Teilhabe.

Über FACEBOOK schrieb ich, dass es meines Wissens keine Tools für Bildbeschreibungen gebe, doch inzwischen wurde mir zugetragen, dass es auch dort eine gute Möglichkeit gebe, Bilder mit einem alternativen Text zu ergänzen. Eine sehr einfache sogar!

Klickt nach dem Hochladen eures Bildes auf den Stift zum Bearbeiten desselben, klickt dann das zweitunterste Menü Alternativtext und füllt das Fenster mit eurer Bildbeschreibung, die durchaus auch länger als die üblichen 100 Zeichen sein darf.

Screenshot Einstellungen bei Twitter
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Bitte helft mit, dass Menschen ohne Augenlicht an Bildern ein bisschen mehr teilhaben können.


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