Reiseerinnerungen | #nordwärts im Rückspiegel – Teil 4

Schon seit unserem Besuch bei Freunden in Itzehoe geisterte die Idee in unseren Köpfen, dass wir eigentlich auf dem Rückweg aus dem Norden in Kiel ankern und uns Manuel Zints Ausstellung Nawodo anschauen könnten. Die Einladungen dazu hatte er uns bei unserm Treffen anlässlich einer Ausstellung in Itzehoe in die Hand gedrückt.

Dass diese Ausstellung an unsere Erlebnisse auf dem Broager Friedhof anknüpfen würde, ahnte ich natürlich nicht.

Ehrenmal für die gefallenen MännerAuf dem Broager Friedhof in Südjütland haben wir nämlich ein Denkmal der etwas anderen Art gefunden. Dieses Ehrenmal gedenkt der Gräuel und der Opfer des ersten Weltkrieges.  Noch kein sogenanntes Kriegsdenkmal hat mich je so berührt wie dieses.

Auf einem Hügel sind neun? einige Eichen gepflanzt worden. Drum herum, in Gruppen, nach Gemeinden, stehen zig große Steine – je betroffene Familie einer – mit den eingravierten Namen der Gefallenen. Diese Steine haben Jugendliche der Gemeinden 1922 vom Strand geholt, nachdem dieser Landstrich endlich Dänemark angehörte. Wie ich die Steine mit den hundertneunzig Namen abschritt und mir das Leid in den Familien vorstellte, die im Krieg ihre Söhne verloren haben – manche davon zwei, drei, vier, eine oder zwei sogar fünf – konnte ich meine Tränen nicht mehr länger zurückhalten.

Die Unfähigkeit, adäquat mit Konflikten umzugehen und diese, statt konstruktiv in Lösungen in Gewalt umzuwandeln – diese Unfähigkeit ist Mitursache jeden Krieges, ob klein oder groß. Diese Unfähigkeit hat schon so viele Leben gekostet. Lange noch blieben wir auf der Treppe zum Hügel sitzen und sprachen über die Sinnlosigkeit von Krieg.

Zwei Tage später. In Kiel besuchen wir Manuel Zints Denkmal für den Untergang von Nawodo. Manuel Zint, ein Itzehoer Künstler, verwebt Fiktion und Realität wie kein Zweiter. Auf der Facebuuk-Seite zur Ausstellung steht: »Manuel Zint, Arrangeur nachvollziehbarer Parallelwirklichkeiten, zeigt in dieser Ausstellung das Schicksal der Südseeinsel Nawodo. Während des ersten Weltkriegs zerstörte ein deutsches Expeditionskorps die Stadt Nawodo auf der gleichnamigen Südseeinsel – heute Nauru. Ausgehend von dieser Begebenheit spannt die Ausstellung einen Bogen vom Verlust des Paradieses über die nachfolgende Gedenkkultur bis in die gegenwärtigen (inhumanen) Zustände der Ressourcen- und Flüchtlingspolitik der Industrienationen. In der Ausstellung werden die Phänomene von Deutungshoheit und Inszenierung behandelt; die ausgedachte Geschichte im Sinne einer fiktiven künstlerischen Feldforschung untersucht, interpretiert und angeordnet. Das daraus resultierende System fordert zur Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und Selbstwahrnehmung auf.«

Ein Teil der Ausstellung gilt (fiktiven) Ehren-, Mahn- und Denkmalentwürfen teils fiktiver, teil realer Künstler. Hier kommt Manuel Zints technisch-fachliche und kreative Vielseitigkeit voll zum Tragen. Nicht nur bildnerische Techniken (über Kohle und Aquarell zu Fotografie und Acrylgemälde) werden gezeigt, auch dreidimensionale Werke aus Papier, Kunst- und anderen Werkstoffen wie zum Beispiel Ton kommen zur Anwendung.

All das aber ist letztlich – in seiner ganzen Schönheit, Vielseitigkeit und technischen Finesse – doch nur Mittel zum Zweck. Die Botschaft ist unüberhörbar und passt an diesen nicht zufällig gewählten Ort, an welchem die Ausstellung noch bis Dezember stattfindet. Sie lautet: Krieg ist und bleibt sinnlos und destruktiv.

KriegsspielzeugbehälterDer Flandernbunker, in welchem diese Ausstellung gezeigt wird, ist schon für sich genommen ein Mahnmal – Mahnmal Kilian e. V. – und hat sich zur Aufgabe gemacht, Krieg und seine Gräuel zu thematisieren. In einer Glasbox vor dem Bunker können zum Beispiel Kinder ihr Kriegsspielzeug antikriegsgerecht entsorgen. (Leider ist die Box erst wenig gefüllt … da geht noch mehr!)

Ein Ehrenmal, ein Denkmal erinnert in der Regel an Menschen, die sich geopfert haben. In Kiel haben wir ein U-Boot-Denkmal gesehen, das den deutschen U-Boot-Soldaten, die ums Leben gekommen sind, gewidmet ist. Ich schlucke schwer. Denkmale für Menschen, deren Machthaber den Krieg angezettelt haben, lösen bei mir immer äußerst ambivalente Gefühle aus. Sind nicht auch sie letztllich Opfer und darum würdig geehrt zu werden? Wie viel haben sie gewusst? Hätten sie sich weigern können in den Krieg zu ziehen oder wollten sie es sogar?

Manuel Zint hat einem fiktiven Soldaten, der bei den Gräueln auf Nawodo dabei gewesen ist, eine spätere Kriegszeichner-Karriere angedichtet, da er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kämpfen konnte. Von diesem Soldaten stammt die (fiktive) Zeichnung eines toten Kindes am Strand, das für die spätere Anti-Krieg-Propaganda verwendet wurde (siehe Bilder).

Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen damals und heute verlaufen in dieser Ausstellung fließend. Kolonialismus und die Flucht in eine vermeintlich bessere, sicherere Welt sind heute so aktuell wie damals. Zint verwebt gekonnt und lässt mich betroffen, erschüttert, berührt zurück.

Die Bilder stammen teils von Irgendlink und teils von mir. Sie werden durch Draufklicken groß [Galerie].

Toter Winkel – Filmbesprechung

Gerne empfehle ich den Film Toter Winkel aus der ARD-Mediathek weiter. (Klick) Sowohl die Geschichte selbst als auch die schauspielerische Umsetzung aller Beteiligten haben mich überzeugt.

Bildscreenshot
KLick aufs Bild = Direkt in die Mediathek

»Karl Holzer sucht nach der Wahrheit über seinen Sohn Thomas, der offenbar unbemerkt zum rechten Terroristen geworden ist. Auf der Suche nach der Wahrheit hinterfragt er auch eigenes Handeln. Die Erkenntnis am Ende bleibt vielschichtig.« So beschreibt der Sender diesen subtil aufgebauten Film.

Es waren nicht einmal in erster Linie die intelligenten, natürlichen, glaubwürdigen Dialoge, die mich überzeugten, mehr noch war es all das Unausgesprochene, die Mimik, der Subtext. Visuelle Aussagen, die hinkommen, wo Worte es nicht hinschaffen. Stille Aufnahmen, ohne Worte. Bewegungen, Handlungen, die für sich sprechen.

Eben singt Opa Holzer, Dorffrisör, noch mit seiner Enkelin, während er ihre Haare schneidet, als auf einmal sie Lieder anstimmt, die ihm die Haare zu Berge stehen lassen. Bei der Auswahl des Kaninchens für den Sonntagsbraten erkennt Papa Holzer, dass sein Sohn die rassenbedingten Selektionsmerkmale, mit welchen er wettbewerbstaugliche von -untauglichen Kaninchen unterscheidet, offenbar auch auf Menschen zu übertragen begonnen hat. Holzers Ambivalenz wird körperlich fühlbar.

Die Handlung, die meistens sehr ruhig daher fließt, wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Wer ist mein Sohn wirklich?

Längst bin ich Holzers Kopf geschlüpft und suche mit ihm nach dem bimmelnden Handy in der Werkstatt des Sohnes, das ihn schließlich auf eine Spur bringt, die sein Leben auf den Kopf stellen wird.

»Aber das Wichtigste ist doch die Familie!«, sagt seine Frau, als er vor der Wahl steht hin- oder wegzuschauen.

Ihr aber schaut hin! Aber seid gewarnt, manchmal tut es weh.

Grenzenlos

Manchmal frage ich mich ja schon, wie das mit den Hühnern, den Eiern und den Menschen wirklich ist. Also wirklich, meine ich. Und ob da zuerst der unzufriedene Mensch war, der seine Gehässigkeiten in die Welt hinauswirft oder ob es vorher, zuallererst, dafür noch einen Grund braucht. Einen, der die folgenden Gehässigkeiten halbwegs nachvollziehbar macht. Und ich frage mich auch, wer für diesen Grund verantwortlich ist. Und wer wir sind, wir Menschen, dass wir uns alles erlauben. Dass wir uns alles erlaubt haben. (Ist ja nichts ganz neues.) Alles möglich gemacht, haben wir uns; alles, das möglich ist. Und ob das für uns eher gut ist oder ob es schlussendlich eher zerstörerisch wirkt. Dass wir alles können, heißt ja nicht, dass wir alles tun müssen, was wir könnten. (Na ja, fast alles.) Aber Fakt ist, dass alles möglich ist. In der Kunst ebenso wie im Alltagsleben. (Na ja, fast alles.)

Ist es, weil wir keine Definitionen mehr kennen, weil wir den Definitionen ihre Gültigkeit verboten haben, ihnen ihre Inhalte genommen haben?

Und wann eigentlich sind wir Menschen so krass extrem geworden? Hängt es damit zusammen, dass wir immer mehr Halbwissen und immer weniger wirkliches Wissen mehr haben?

Und weil wir nichts mehr wirklich wissen – wie auch, wo wir doch viel zu viele Quellen haben, um noch zu wissen, zu sehen, zu erkennen, zu schmecken, welche von ihnen gutes Wasser hat und welches Wasser uns schaden wird – trauen wir allem und niemandem mehr. Und selbst wenn jemand gründlich recherchiert (ja, das gibt es noch immer in dieser postfaktischen Zeit), ist der Wahrheitsgehalt letztendlich Vertrauenssache. In einer misstrauischen, sarkastisch-zynischen Welt.

Wer sagt, was geschrieben und gedruckt wird? Und wer, was verschwiegen wird und warum?

Wir leben zwar in einer (fast resp. theoretisch) zensurfreien Welt, hier im Westen, aber auch Selektion ist eine Form von Zensur.

Ob sie einer der Gründe für die heute fast alltäglich gewordenen Gehässigkeiten ist?

(Ach und gerade frage ich mich, sehr un|zeitgeistig allerdings, ob Grenzen wirklich so schlimm sind.)