Reizwörter #2 – Leistung

Willkommen zur Fortsetzung
meiner unregelmäßigen Serie über Reizwörter.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

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Leistung

Du könntest mehr leisten, sagte der Lehrer. Du bist einfach ein bisschen faul. Eine Träumerin. Oder sagen wir es so: Eine Minimalistin. Wenn du wolltest, könntest du mehr.

Leistungsfach Mathematik versus Freifach Kunst.

Das leiste ich mir. Schließlich habe ich heute schon viel geleistet.

Diesen Fehler kann ich mir nicht leisten,
ich will ja nicht vor aller Welt das Gesicht verlieren.

Er hat zwar die Rekrutenschule abgeleistet, doch danach ging gar nichts mehr.
Er wollte nur noch eins: Da raus. Sein Arzt hat ihm ein Zeugnis geschrieben.

‚Wir honorieren die außerordentlichen Leistungen unserer erfolgreichen
Lehrlinge und Lehrtöchter mit außerordentlichen Geschenken.‘

Für mich ist der Gebrauch des Wortes Leistung ein Versuch, Menschen zu instrumentalisieren und in ein von außen bestimmtes Raster zu zwingen. Dadurch wird er messbar, kontrollierbar, manipulierbar …
Der Mensch ist in die Gesellschaft eingebunden.
Er ist ein Teil davon, er macht sie aus. Es sind nicht die Stromlinienförmigen, die eine Gesellschaft lebendig erhalten. Es sind die Herzlichen, ja auch die Schrägen, die Unangepassten.
Natürlich braucht es auch die Konformen, die für Stabilität sorgen. Aber wenn die Stabilität zu groß wird, stirbt das Leben dazwischen. Alles erstarrt und wird zu Beton und niemand ist mehr da, um den Klotz zu bewegen.
Ich glaube, dass jeder Mensch versuchen sollte, sich selber zu sein, so gut das geht. Das ist für mich der Lebenswert … das macht das Leben lebenswert.

(Zitat Beat | siehe Kommentarstrang Artikel Fallobst)

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Reizwörter #1 – Schuld und Scham

Ich beginne heute mit einer unregelmäßigen Serie mit Texten zu Reizwörtern.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

 
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Scham und Schuld

Etwas müssen wir uns doch von unserer ständigen Scham erhoffen, etwas müssen wir uns doch von unseren steten Bitten um Verzeihung versprechen? Würden wir uns ständig schämen, würden wir uns immerfort schuldig fühlen, wenn wir davon nichts hätten? Und das Fremdschämen erst, was erwarten wir uns davon?

Ich schüttle das Sieb, die Fragen darauf sind hartnäckig. Sie passen nicht durch die Löcher, verkleben sie nur, bleiben hängen, lassen mich ohne Antworten zurück.
Im Becken darunter die Leere.
Leere.
Leer.
Mein Becken.

Schuld? Ent-schuld-igung heißt doch Nimm die Schuld von mir, die ich mir aufgeladen habe.
Die ich glaube, mir aufgeladen zu haben.
(Wieso lasse ich mir etwas aufladen? Bin ich es gar selbst, die auflädt und wieso? Und wieso fühle ich mich dir gegenüber schuldig?)

All diese Dinge, für die ich mich schäme.
Weil ich nicht gut genug bin.
Weil ich eine falsche Entscheidung getroffen habe.
Weil ich etwas nicht weiß.
Weil ich etwas nicht kann.
Weil ich etwas kann.
Weil ich mehr weiß und mehr kann, als andere.
Weil ich etwas getan habe. Etwas gutes vielleicht sogar.
Weil ich die bin, die ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich.

Und dafür die Scham.
Die Schuldgefühle.
Dafür.
Deswegen.

Ich baue Schuldtürme aus Dingen. Aus Definitionen. Bald werde ich einen Kran brauchen.
Ich bin zu klein um die neuen Steine oben drauf zu legen.
Ich bin zu klein für meine Schuld.
Ich schäme mich dafür, dass ich so klein bin.
(Obwohl ich groß wäre, innendrin, aber niemand als ich weiß es.)
Ich schäme mich dafür. Darum ziehe ich schon wieder den Kopf ein. Wie immer.
Ich habe mich an die Scham gewöhnt.
Ich habe mich daran gewöhnt, an allem Schuld zu sein.
Ich lade mir die Schuld der Welt auf die Schultern. Immer mehr.
Ich breche zusammen.
Ich kann nicht mehr.
Endlich.
Ende der Schuld.
Scham stirb.

 

(Assoziatives Nachdenken über die Reizwortthemen Schuld und Scham)