Neues von der Männleinfront

Was bin ich müde! Mein junger Nachbar – StammleserInnen erinnern sich? (hier klicken) – hat mal wieder bis spätnachts seine Potenz erprobt. Nachdem ich um halb zwei den Besen zu Hilfe genommen und an die Wohnzimmerdecke geklopft habe, wurde noch zweimal – und nicht eben kurz – geduscht. Von ihr und von ihm. Obwohl morgens um neun, als ich noch geschlafen hatte, bereits jemand von beiden mindestens eine halbe Stunde geduscht hatte. Okay, folgere ich, da oben ist es also ziemlich dreckig. Doch das geht mich ja nichts an. Nicht, dass ich Männlein nicht sein buntes Leben gönne …

Aber ich gönne auch mir ein buntes Leben. Und das geht nur, wenn ich nachts genug schlafen kann. Doch hier habe ich scheinbar nicht nur das Recht auf Nachtruhe, sondern auch gleich auf regelmässige Nachtruhestörung mit im Vertrag. Rücksicht scheint fürs Männlein ein Fremdwort zu sein. Zwar hat er inzwischen die Fernbedienung und seinen Verstärker ein ein bisschen besser im Griff, dennoch ist da oben – sobald dieser Mensch im Haus und in der Wohnung ist – immer etwas zu hören. Außer vielleicht zwischen halb drei Uhr nachts und sieben Uhr morgens. Ansonsten hört man immer seine relativ hohe, überdurchschnittlich laute Stimme, bei der ich zwar nicht den Gesprächsinhalt mitbekomme (zum Glück!), doch höre ich klar, ob er französisch oder schweizerdeutsch spricht. Seine Musik (wenn auch meistens in moderater Lautstärke) läuft von morgens bis abends. Seine Schritte, das Schranköffnen und -zuklappen: alles immer laut. Wenn schon, denn schon.

Kleine Frage: Wenn einer nachts nach mahnenden Klopfsignalen, laut zurück klopft und die Lautstärke kein bisschen drosselt, könnte das nicht den Schluss zulassen, dass das Ganze pure Schikane ist? Was anderes kann das bedeuten, wenn einer laut lacht und weiter lärmt ? Oder werde ich bloß paranoid?

Ich gestehe, dieser Mensch weckt in mir nicht eben meine Schokoladenseiten. Mitten in der Nacht stelle ich auf einmal fest, wie ich ein gewisses Verständnis für Menschen aufbringe, die durchdrehen. Meine natürliche Kontrollbarriere, die zwischen Denken und Handeln hängt, funktioniert zum Glück sehr gut und hält mich davon ab, diesem A… die Reifen aufzuschlitzen. Ich würde mich eh ganz schön Scheiße fühlen, wenn ich so was tun würde und unterlasse es in erster Linie mir zuliebe. Auch weil es ja diesen Satz gibt, dass alles, was wir andern tun, auf uns zurückfällt – im Guten wie im Schlechten. Ob der Satz stimmt, weiß ich nicht, aber falls er stimmt, dann will ich mir doch lieber mein Instantkarma nicht mit solchen kindischen Schlammschlachten verdrecken. Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas je passieren könnte, doch sag niemals nie. Auch wenn du nicht James Bond heißt. Doch sogar der würde wohl irgendwann mürbe, wenn er immer wieder halbe Nächte wachläge, weil das Männlein im Stock obendrüber rumlärmt und keine Rücksicht auf ihn nimmt. Was er wohl tun würde?

Ich gestehe es, ich wünsche ihm ein paar nicht wirklich tolle Dinge an den Hals. Aber auch nicht allzu schlimme. Nur Dinge, die seiner Erkenntnis dienen. Zum Beispiel ein bisschen Tinnitus. Ein bisschen die eigene laute Stimme verlieren (oh jaaa!). Ein bisschen chronisches Kopfweh. Ein bisschen Schlaflosigkeit. Nur so zum Ausprobieren. Und auch nur eine Zeitlang. Und nur damit er weiß, wie das ist, wenn man nicht normal belastbar ist. Ob es nützen würde?

Manchmal macht mir die Zukunft Angst. Ich sehe eine Gesellschaft junger Menschen – siehe das Männlein in der Wohnung über mir – heranwachsen, denen die Eltern alle Steine (zumindest die materiellen) aus dem Weg räumen und geräumt haben. Denn ihre Kinder sollen es ja mal besser haben. Zuweilen verhindern Eltern ein Training für das Leben. Die Eltern sind mehr ab- als anwesend, auch wenn sie neben dem Kind sitzen, das auf dem Computer spielt. Sie delegieren die Probleme der Erziehung auf die Schule und wenn die Lehrpersonen auf den Tisch klopfen und dem Kind vielleicht ein bisschen auf die Finger, schützen sie ihre Kinder vor böser Kritik. Ja, natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall, wo die Lehrkräfte spinnen und die Eltern begreifen. Doch wo, bitteschön, lernen junge Menschen heute natürliche Frustrationstoleranz? Wird sich langfristig in den Generationen nach uns die Empathiefähigkeit zurückbilden? Ja, ich weiß, ich male zuweilen dunkelschwarz.

Da fällt mir ein Gespräch mit Irgendlink ein. Drei oder vier Jahre ist es her. Winter war’s und wir saßen nach dem Essen an seinem Holzofen. Ich stellte uns die Frage, was wäre, wenn die Ressourcen auf einmal so knapp wären, dass wir tatsächlich ums Überleben kämpfen müssten. Ob die Menschen sich weltweit miteinander solidarisieren oder ob alle nur für sich selbst und ihre Angehörigen schauen würden. Vermutlich hat Irgendlink recht, wenn er das zweite als Regel vermutet. Zumindest im ersten Schock würde ich wohl genauso handeln, ich gestehe es. Dass der Mensch edel sei und den Quatsch, dass Leid edelt, glaube ich nur sehr bedingt. Unsere Wahl ist entscheidend. Wir haben alle das Zeug zum Pychopathen, zur Mörderin, zum Ketzer irgendwo in uns drin. Ebenso wie das Zeug zur Heldin und zum Helden.

Vielleicht darum hoffe ich noch immer, dass sogar das Männlein in der Wohnung über mir nicht unheilbar an Rücksichtslosigkeit erkrankt ist.

(((Warnung: Das hier ist eine Realsatire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Bloggerin.)))

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Étagère

Das wird eine Étagère, sagt die Frau vor mir. Sie deutet auf einen großen, einen mittelgroßen und einen kleinen Teller, aufeinandergeschichtet auf dem Rollband. Designergeschirr beim orangen Riesen. Mir gefällt‘s auch. Ah, eine Étagère, denk ich, gute Idee, doch die Verkäuferin versteht Bahnhof.
Eine was?, fragt sie die Kundin. Die beiden duzen sich. Kennen sich. Lachen zusammen.
Eine Étagère, sagt die Kundin nochmals. Die Verkäuferin fragt die Kassiererin an der Kasse nebenan, ob sie wisse. Es hat nicht viele Leute. Alle hören mit. Mit ist es ein bisschen peinlich, wie dumm die Verkäuferin ist. Oder vielleicht, dass sie sich ihrer Dummheit nicht schämt. Hm. Ich schäme mich mal wieder fremd, sozusagen. Dass es die zweite auch nicht weiß, macht das Ganze wohl ein bisschen weniger peinlich. Ich nicke der Kundin wissend zu, die auf ihrem iPhone nach Étagèren sucht, um der Verkäuferin ein Bild zu zeigen. Oder auch nur das geschriebene Wort. Étagère kommt von Étage, hört man doch. Weiß man doch. Von Stock. Von Brett. Von Absatz. Von Stufe. Von was auch immer. Dinge übereinander halt. Sie schwatzen und lachen noch immer. Zwei Nichtwissende sind weniger schlimm als eine. Und wenn mehr Menschen etwas nicht wissen als wissen, gilt es schon als normal.

Was ist normal?, fragte ich Freundin T., mit der und ihrem Mann P. ich essen war.
Alle meinen, nur die anderen sind es. Niemand fühlt sich wirklich normal oder zugehörig, sagt T..

Alles eine Frage der Deutung, grüble ich auf dem Rückweg. An Deutung und Bedeutung, deute ich rum, schon wieder, seit gestern schon, oder immer vielleicht. Weil Peter Stamm da was geschrieben hat in seinem relativ neuen Buch, Seerücken heißt es, das ich lese. Wie da eine junge Frau in einer der Geschichten im Wald lebt, erzählt er. Drei Jahre lang lebt sie da. Sommers wie winters. Wie sie über das Wesen des Waldes nachdenkt und über die Welt, erzählt Stamm. Und wie alles miteinander zusammenhängt. Oder eben nicht. Wie sie sich Fragen stellt über das Dasein. Fragen, wie ich sie gedacht habe. Immer schon. Als Kind im Bett vor dem Schlafen. Nach dem Gutnachtgebet mit meiner Mutter. Ein Sprüchlein nur, ein nettes, wo es um den lieben Gott ging, und ich mich hinterher, solange bis der Schlaf mich einholte, fragte: Wer hat eigentlich Gott gemacht? Was war vorher und dahinter, darunter und darin, in Gott. Und wieso Gott. Wer hat dieses Wort gemacht? War es vor Gott da? Und wer ist Gott überhaupt? Die Sache mit Rauschebart und Wolke war mir schon als Kind suspekt.

Wie schon beinahe immer schickte mir Irgendlink auch heute Morgen seinen Blogtext, damit ich ihn redigieren und auf sein Blog hochladen kann. Über den Urknall schrieb er. Und über das Schaf. Ein Text, der mich anrührte. Nicht, dass wir ähnliches nicht auch schon diskutiert hätten, früher, nicht gestern oder jüngst, aber oft. Doch wenn etwas geschrieben ist, ist es anders. Es ist bedeutungsvoller. Als wäre etwas, das geschrieben ist, wirklicher und wichtiger.

Ist es nicht letztlich das, was wir alle wollen? Etwas bedeutungsvolles tun. Ist nicht fast jedes menschliche Streben von der Idee motiviert, eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen? Eine bedeutungsvolle Spur im Sand des großen Nichts. Oder nennen wir es das große Etwas, das aus dem großen Nichts geworden ist. Worüber, wie gesagt, Irgendlink, heute gebloggt hat. Bedeutungsvoll. Was für ein Wort! Doch, so frage ich mich, wer macht, wer sagt, wer ist es, der sagt, was bedeutungsvoll ist? Dieser Liebegottmitrauschebart mit Sicherheit nicht. Doch wenn es nur – nur! – wir selbst sind, die die Bedeutung von bedeutungsvoll definieren, ist es dann nicht egal, was das Wort bedeutet? Ich meine, so – von uns allen gefüllt – ist es beliebig geworden. Wertlos und bedeutungslos. (Ist das nicht wie Kunst ohne jegliche Qualitätseinschränkung? Ein Thema, worüber ich längst bloggen wollte.)

Womit wir bei der Deutung wären, jener Vieldeutigen, Undeutbaren, großen Unbekannten, die alles entscheidend ist, denn sie sagt uns, was ist und was wird. Mein Zustand, von mir gedeutet, wenn ich am Morgen das Bett verlasse, entscheidet über den Verlauf des Tages, zumindest der ersten Stunden. Ich deute, also bin ich. Ich deute alles. Das Wetter ebenso wie die Zeilen einer Mail und erst recht das, was zwischen ihnen hängt. Alles. Deuten ist filtern ist bewerten. Doch eigentlich will ich mich jetzt als Deutende mit dir als Deutendem auf die gleiche Stufe stellen. Unsere Deutungen sind sich gleichwertig. Gleichwertigkeit ist eine schöne Theorie, die aber nur geht, wenn wir zwei die gleichen Kompetenzen haben.

Absolut gesehen geht so was nicht, denn absolut gibt es nicht. Nicht mal in der Mathe. Relation, sag ich da nur, und: denk an Einstein. Alle sogenannten Beweise sind immer nur relativ.
Immer.
Gemessen an.
Im Vergleich zu.
Auf der Annahme beruhend, dass.

Weil eben alles immer von irgendwo an- und ausgedacht werden muss. Dieser Punkt ist der große Schwachpunkt. Vielleicht der Urpunkt. Und hier kommen nun der Mensch und sein Selbstbild ins Spiel. Der Mensch, der tut als sei er das Maß aller Dinge. Im (genialen) Schafskrimi Glennkill, den ich letzte Woche gelesen habe, diskutieren die Schafe über die Seele des Menschen.
Nein, der Mensch kann keine Seele haben, sagen sie, die schlauen Schafe, die gemeinsam auf der Suche nach dem Mörder oder der Mörderin ihres Hirten sind.
So schlecht wie der Mensch riecht und seine Umgebung wahrnimmt, nein, da kann er keine Seele haben. Außer, vielleicht, eine ganz ganz kleine.

Was wissen wir schon über all die anderen Dimensionen, die noch unerforschten? Nur drei sind uns halbwegs vertraut. Halbwegs. Und auch über uns selbst wissen wir nur verdammt wenig. Wissen? Nein, ich strebe nicht nach Wissen, wenn ich mich nach mehr Lebensfülle sehne, auch nicht nach Trost, wenn ich nicht mehr weiter weiß, nicht einmal danach verstanden zu werden, wenn meine Gedanken mal wieder Loopings tanzen, denen niemand folgen kann. Nein, ich sehne mich einfach nur nach Erkenntnis. Danach, die ganz großen Zusammenhänge zu verstehen. Den Sinn dahinter. Den wirklichen. Nichts weniger als das, bitte schön, und dann geb ich endlich Ruhe. Ja, ich leide am Nichtverstehen.

Ständig zerreißt mich das Leben, das ich lebe, entzweit mich immer wieder mit mir selbst. Die eine Hälfte sagt: Egal, wie alles zusammenhängt, Hauptsache mir geht’s gut und ich lebe glücklich vor mich hin. Doch die zweite Hälfte sagt: Ich will verstehen, warum dieser Mensch so und so ist und ich will wissen, warum dies und das dazu geführt hat, dass jetzt dies und das heute so und nicht anders ist. Ist es überhaupt so, oder meine ich das nur? Oh, und schließlich ist noch jene Hälfte zu erwähnen, die – ach, nein, das wollt ihr gar nicht wirklich wissen.

Warum brauchen andere keine Antworten?, frage ich mich. Weshalb könne andere ohne Erkenntnisse leben? Wieso gelingt es andere, ohne dass sie die Zusammenhänge verstehen ihren Alltag zu meistern? Falsche Fragen allesamt. Müßige auf jeden Fall. Was muss es mich denn schon interessieren, wie andere leben, leben können? Warum erliege ich ständig und schon wieder der Versuchung, mich zu messen, mich zu vergleichen? Selig sind die, die solche Probleme nicht kennen, ihnen gehört – ja was? Der Himmel? Heißt es im Buch der Christlichkeit.

Schnitt.

Selig, glückselig zu sein – ist es denn nicht das, was wir uns alle wünschen? Für uns, für alle. Ohne diese rosarote Langeweile allerdings, die wir üblicherweise mit dem Himmel assoziieren. Schöne, friedliche, spannende, lustige, lebendige Glückseligkeit. Zufriedenheit. Ganzheit.

Deute diese Worte für dich. Kannst du alles haben. Jetzt.

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EDIT:
Anmerkungen:
– Das Wort Étagère ist in Deutschland praktisch unbekannt, anders in der Schweiz, wo es recht verbreitet ist (zumal ja hier (fast) alle französisch lernen).
– Dieser Text, vor allem der Anfang, spaziert ein wenig durch satirische Gebiete.

Oh, da fehlt ja der Titel

Homestorys von Stars – Hand aufs Herz – wer liest sie nicht (gerne vielleicht sogar), zumindest ab und zu? Natürlich würden wir sie NIE selbst kaufen, diese hochglänzenden Magazine, in denen höchstens ein Viertel des Inhalts aus Text besteht. Und davon nicht wirklich viel Wahres. Der Rest besteht aus Bildern, mit viel Haut meistens. Oft heimlich fotografiert. Nein, wir kaufen sie nicht, diese Blätter mit Namen, die Glück suggerieren, Reichtum und Zugehörigkeit. Aber wir gucken sie uns an. Gut, ob ihr auch, weiß ich nicht wirklich, aber ich, ja, ich gucke sie mir an. Selten zwar, aber wenn ich irgendwo warten muss, und es gibt nur Hochglanz um die Zeit totzuschlagen, dann nehme ich schon mal so ein Ding zur Hand. Es sind wohl die Freuden und Dramen im Leben der Promis, die fesseln. Wenn berühmte Persönlichkeiten auch nur ganz normale menschliche Probleme haben, insbesondere Beziehungsprobleme, ist die Welt doch gleich ein bisschen erträglicher. Ja, Beziehungsprobleme, insbesondere Seitensprünge, werden in Publikationen dieser Art am liebsten breitgetreten. Gewürzt mit ein paar Konjunktiven wird die Wirklichkeit, die die beste Freundin der Prominenz ausgeplaudert hat, eingeköchelt und mit bunten Bildern teuer verkauft.

Schnitt.

Meine regelmäßig-unregelmäßiger Spaziergänge durch die Blogosphäre unternehme ich immer mit einer gewissen Portion wohlwollender Neugier. Nicht nur will ich nämlich anderswo gute Texte lesen, Texte, die etwas in mir auslösen oder die mich inspirieren, sondern ich will auch zwischen den Zeilen lesen. Lesen, Lücken übersetzen, hin spüren, herausfinden, wie es Bloggerin X heute geht und was Blogger Y dieser Tage beschäftigt. Ich will wissen, ich will ahnen, ich will spüren, ich will berührt werden von den Geschichten anderer, Voyeurin ich.

Ob ich selbst vor oder nach dem Blogspaziergang blogge (und ob überhaupt), hängt von vielerlei ab. Von der Tagesverfassung vor allem. Manchmal schreibe ich gleich nach dem Starten des Rechners einen Entwurf und gehe erst anschließend blogspazieren. Später kehre ich zu meinem Artikel zurück, um ihn nochmals zu lesen, bevor ich ihn publiziere. Manchmal schläft ein Artikel also viele Stunden als Entwurf. Schönheitsschlaf nenn ich das.

Oft genug verpasse ich die Gelegenheit, die Gunst der Stunde, meine Ideen gleich zu Beginn meiner Session am Rechner aufzuschreiben und gehe gleich im weiten Netz spazieren. Hinterher ist die vage Idee, die ich zuvor hatte, verwässert oder bereits verschwunden.

Doch das beantwortet meine mich immer wieder umtreibende Frage nicht, warum ich überhaupt blogge. Warum ich dieses doch relativ exhibitionistisch anmutende Medium Blog überhaupt für die Veröffentlichung eines Teils meiner Texte gewählt habe. Zu antworten, um mich schreibenderweise warm zu halten, greift zu kurz. Stimmt aber.

Frau Horchert, Journalistin der Reisezeitschrift Geo, fragte Irgendlink unlängst in ihrem Telefoninterview, ob er es denn möge, beim Reisen beobachtet zu werden. (Zum Hören des Intervies bitte hier klicken). Ich übersetze: Mag ich es, beim Leben beobachtet zu werden? Meg Ryan würde in When Harry met Sally sagen: Diese Frage muss ich dir nicht beantworten. Ich sage nur: Vielleicht.

Vor allem mag ich es jedoch, schriftlich nachzudenken. Wenn dabei ein Text herausschaut, der andere womöglich ansprechen könnte – wie es mir jedenfalls meine Statistik vorgaukelt – wieso soll ich meine Texte denn nicht teilen? Zumal a.) mitlesen freiwillig ist und b.) ich ja auch gerne bei anderen mitlese.

Ach, die Statistik! Die Sucht nach noch mehr Klicks wächst mit der Anzahl Klicks. Beobachte ich bei mir. Höre ich von anderen. Vor acht Jahren, zu Beginn meiner Webtagebuch-Zeit und unter anderen Pseudonymen, interessierten mich diese Zahlen kaum, heute guck ich jeden Tag bestimmt einmal nach ihnen. Ist die Zahl dreistellig, ist alles gut, ist sie – an warmen Tagen kommt das manchmal vor – zweistellig, zweifle ich bereits leise an meinen Texten. Diese Zahl ist der Sold der Bloggerin, ihr Zahltag sozusagen.

Doch weit wichtiger als diese Zahl, ist mir der Austausch mit den Lesenden und anderen Bloggenden auf deren Blogs. Diese virtuellen Gespräche haben schon oft meinen Tag gerettet. Daher bewundere ich andere AutorInnen, die keine Kommentarfunktion aktiviert haben. Souverän finde ich das. Oder vielleicht ist es einfach nur überlebenswichtig? Autorinnen wie Luisa Francia und Cambra Skadé wären wohl den ganzen Tag mit dem Beantworten der Kommentare beschäftigt. Dass so bekannte Autorinnen überhaupt Blogs betreiben und ihr Leben damit so sichtbar und transparent machen, finde ich toll. Und dass alle andern – Nonames und Names – diese Möglichkeit haben, ebenfalls.

Das Blog ist das Glücksblatt der kleinen Frau und des kleinen Mannes, war der erste Satz auf dem Block, auf den ich heute Morgen diese Zeilen hier gekritzelt habe. Im Blog haben wir selbst in der Hand, was wir schreiben. Über uns. Über die Welt, wie wir sie sehen. Wir entscheiden, was wir sichtbar machen wollen. Und dass diese Sicht ein bisschen näher an der Wirklichkeit ist, als wenn es in der Glückspost stehen würde, ist definitiv ein weiterer Pluspunkt für die Bloggerei.

Die eigene Homestory schreiben. Denn wenn schon Darstellung, dann selfmade.

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(((Anmerkung: Ich kokettiere bewusst mit dem missverständlichen Begriffen Exhibitionismus/Voyeurismus. Dieser Text ist satirisch gemeint, nicht nur, aber auch.)))

Gib laut, Männlein!

Dass Hunde ihr Gebiet markieren müssen, ist hinlänglich bekannt. Dass das Männer ebenfalls tun, nun ja, ist vermutlich ebenfalls durch wissenschaftlichen Studien nachweisbar. Ob oder ob nicht, ist eigentlich egal, Tatsache ist es auf jeden Fall. Spannend für allfällige Nachweise und Studien ist die Beobachtung, von Männern, die aufeinander treffen. Wie es zu und her geht, wenn nur Männer zusammen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht aus erster Hand. Doch zu beobachten, wenn Männer, vor allem solche, die sich noch nicht kennen, in befrauten Räumen aufeinander treffen, ist immer wieder faszinierend. Wie Hunde beschnüffeln sie sich. Testfragen gehen hin und her. Reaktionen werden beobachtet. Stimmen werden lauter. Andere leiser, verstummen gar. Analog zu Rüden, die sich vor dem Alphatierchen auf den Rücken legen. Waren früher Muskelkraft und Jagderfolg Hauptkriterien zur Erlangung des Alphastatus unter Männern, entscheiden heute unter anderem Unterhaltungswert, Schlagfertigkeit, berufliche Stellung und Leistung über den Platz in der Hackordnung. Und Lautstärke.

Ein Studienobjekt der Spezies „Lautes Männlein“ wohnt in der Wohnung über mir. Als lärmempfindlicher Mensch habe ich mich gefreut, dass mein Vormieter mir das Haus als leise empohlen hat. Na ja. Da er nur abends hier war und die Wochenenden in der Ostschweiz bei seiner Familie verbrachte, ist er leider keine wirklich zuverlässige Referenz. Und vielleicht schwerhörig.

Mein Nachbar B. ist knapp dreißig, eher jünger, fährt einen weißen, schnittigen Wagen, den er sogar nur bis zum Briefkasten oder was weiß ich braucht. Und er telefoniert gern. Seinen lauten Bass habe ich bereits persönlich angesprochen. Der hämmert nämlich gerne und oft drauf los. Seine Reaktion auf meine freundliche Kritik war ebenfalls freundlich, entschuldigend. Ich werde mich arrangieren müssen. Und ich werde ab und zu etwas sagen. Nur: ob das etwas bringt?

Als Studienobjekt für das Phänomen „Männlein“ (so nennt mein Liebster diese Untergruppe der Spezies Mann) eignet sich mein neuer Nachbar perfekt. Das Markierverhalten lässt sich an ihm hervorragend analysieren. Spricht er am Telefon, redet fast nur er, redet und lacht laut, leicht hysterisch. Dabei geht er meistens durch die Wohnung, so dass ich nirgends vor seiner Stimme sicher bin. Ja, er weiß, wie man sich seinen Raum nimmt. Nicht mal im Schlafzimmer, wenn ich mein Yoga machen will, bin ich vor seiner Stimme sicher. Okay. Tief durchatmen.

Ob ich mit ihm mal über Zimmerlautstärke diskutieren soll? Kann sich ein Mensch von rücksichts- respektive gedankenlos in Richtung aufmerksam verändern? Ja, ich weiß, so Menschen gibt es überall. Darum würde ich oft am liebsten die ganze Welt verändern. Sensibler und aufmerksamer sollten sie sein, meine Mitmenschen, jawohl.

Zurück zum Objekt meiner Studien: „das Männlein“. Markieren war das Wort. Dieses Objekt hier tut es besonders durch Lautstärke, wie gesagt. Durch Laut geben, wie ein Hund. Statt bellen nimm Musik und Stimme. Hört her, ich bin da. Seht her, das ist mein Auto. Was dahinter steckt – bei ihm, bei Männern? Minderwertigkeitskomplexe? Potenzprobleme, wie ein Freund von mir immer behauptet hat?

Ach du, Studienobjekt Mensch, du bist mir je länger je mehr ein großes Rätsel.! Und du, Studienobjekt Mann, erst recht!

(((Warnung: Das hier ist eine Satire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage.)))