blühen zum Beispiel

tulpenzwiebel

ganz erfüllt
mit allem
was du brauchst
alles da
in der erde
ruhend
ganz
bei dir
im frühling
brichst du aus
wer bist du
was über
oder
was unter
der erde
ist
beides
so verschieden
innen
außen
scheinbar
gegensätze
das alles
bist
du
ganz

Das hab ich vor zwölf Jahren geschrieben. Ein Wörter-Bild, das mir heute Morgen eingefallen ist. Es ist irgendwo aus einem Ordner in meinem inneren Ablagesystem gefallen und bei seiner Wanderung durch meine Hirnwindungen in einem meiner vielen Filter hängen geblieben. Zum Glück wird alles gefiltert. Filter ist eh alles. Und nichts. Auf der materiellen Festplatte war es schnell gefunden, das alte Ding. Ich würde dieses Poem heute wohl anders schreiben. Stetige Wandlung unseres Weltverständnisses. Unseres Geschmacks. Unserer Wahrnehmung und Auswertung. Dazu all die Inspirationen und Inputs von außen. Entwicklung. Wandlung.

Zum Glück gelingt mir abgucken und nachahmen immer nur kurz.

Beim Tanzen, zum Beispiel, spüre ich, wenn ich mich kurz umschaue, hin und wieder den Impuls, eine Bewegung aufzunehmen, die ich bei anderen sehe. Manchmal ist das störend, weil ich aus meiner eigenen Körperwahrnehmung falle. Manchmal jedoch passt es genau da hin, wo ich jetzt bin. Und wie. Ich nehme die Bewegung kurz auf, integriere sie und schon ist sie wieder vorbei und ich tanze wieder mein eigenes Muster.

Beim Malen bestaune ich womöglich bei anderen deren Pinselstrich, die Formgebung, den Umgang mit verschiedenen Themen, Materialien oder Stilmitteln. Ich habe anschließend Lust, auszuprobieren, ob das bei mir auch geht. Geht vielleicht sogar wirklich. Es ist und bleibt aber immer nur ein Impuls. Mehr nicht. Eine Inspiration, eine kurze.

Beim Fotografieren staune ich oft über die Bilder anderer. Wie er das wohl gemacht hat? Wie hat er es belichtet? Wie bearbeitet? Oder: Ihr Bild berührt mich so, dass ich Gänsehaut kriege, ich will das auch können. Und natürlich probiere ich aus.

Doch so wie ich mein Ding mache, kann das niemand. Ob gut oder schlecht: alle machen wir unser Ding so, wie nur wir es können. Handschriften kann niemand dauerhaft fälschen. Zum Glück auch nicht. Ob ich Kunst nenne, was ich kreiere, ist zweitrangig. Definitionen sind letztlich Schall und Rauch. Hauptsache, ich tue, was ich kann. Hauptsache, ich setze um, was in mir drin steckt.

Der Tulpenzwiebel ist es ziemlich egal, ob sie hier oder in der Schweiz in die Erde gesteckt wird. Hauptsache Erde, Licht und Wasser. Und Luft auch. So einfach. Das Verhältnis der einzelnen Elemente zueinander – mehr oder weniger Wasser zum Beispiel – macht, dass sie tiefer wächst oder weniger lang blüht.

Frühere Texte, frühere Bilder von mir sind mir zuweilen beinahe peinlich. Nein, die Tulpenzwiebel nicht, die ist soweit okay. Doch bei anderen dachte ich auch schon: Was? So schlecht habe ich früher geschrieben? So banal? So viele Füllwörter?

In zehn Jahren denke ich vielleicht, falls ich diesen Text hier in die Finger bekomme: Wie ich damals bloß geschrieben habe? So fad. So … (Wörter einfüllen erlaubt).

🙂

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Ein Ei #2

Und würde es eines Tages
schlüpfen, das Küken, aus
dem Ei, dem braunen – oder
weißen von mir aus –, könnte es
später
selbst neue Eier legen. Wenn
wir es nicht vorher kaputt-
machen und essen,
das Ei, wäre es denn
gebrütet worden.