In einem Zug zu lesen #12 – Sterbenskalt von Tana French

Ich lese seit ein paar Tagen ein weiteres Buch von Tana French. Sterbenskalt heißt es. Ein Thriller. Irish noir. Der Protagonist und Ich-Erzähler Francis Mackey, Undercoverbulle, ist in einem der heruntergekommensten Familien in einem der heruntergekommensten Quartiere Dublins aufgewachsen. Gewalt und Alkohol beim Vater, Gehässigkeiten vom Morgen bis zum Abend von der Mutter. Mit neunzehn abgehauen, untergetaucht, hat er sich gerappelt und ist Polizist geworden.

Dinge sind geschehen – vor fünfzig Jahren, vor zweiundzwanzig Jahren –, die im Laufe der Geschichte nach und nach erkannt und vor meinen Augen zusammengesetzt werden. Dinge, die anders gelaufen wären, wenn damals andere Dinge, frühere Dinge, anders gelaufen wären. Wenn doch bloß damals. (Und ja, hier geht es unter anderem um die Folgen einer katholischen Doppelmoral.)

Nun muss Francis also zurück an den dunklen Ort seiner Kindheit, an den Faithful Place, um den Tod seiner früheren Freundin Rosie, von der er glaubte, dass sie damals ohne ihn weggelaufen ist, aufzuklären. Als Tage später sein kleiner Bruder Kevin unter unklaren Umständen stirbt, geraten Dinge in Bewegung, mit denen niemand gerechnet hat.

Ich gestehe es nur ungern, aber obwohl er ein ziemliches Arschloch ist, mag ich diesen Francis irgendwie, den das Leben so gebeutelt und ihm seine Liebste genommen hat. Wobei ich im Laufe der Geschichte einige Schritte von meiner spontanen Sympathie wegrücke. Damals hätte vieles anders, besser laufen können. Auch was jetzt getan wird, hat Auswirkungen auf alles, was später sein wird, doch Francis ist nicht in der Lage, jene Dinge, die damals falsch gelaufen sind, mit einem empathischen, verzeihenden Blick zu betrachten – nicht die Verfehlungen seiner Eltern, nich die Schwächen seiner Geschwister, um den Schalter gleichsam umzulegen. Ohne es zu merken, wird er seinen Eltern, die er zutiefst verabscheut, in ihrer Gewaltbereitschaft immer ähnlicher. Wenn auch reflektierter. Er schaut sich selbst dabei zu, wie er auf den Abgrund zusteuert. Unaufhaltsam.

Was hindert ihn daran, auszusteigen, die Dinge gut sein zu lassen und das Ganze aus einer übergeordneten Warte zu betrachten? Ist es sein Ruf nach Gerechtigkeit? Persönliche Rache?

Über all den die Mordermittlung betreffenden Passagen, beschäftigt sich Francis mit dem Wohlergehen seiner neun Jahre alten Tochter Holly, die er über alles liebt und die seit der Scheidung vor zwei Jahren bei ihrer Mutter Olivia lebt. Nur die Wochenenden verbringt sie mit ihrem Vater Francis. Dieser versucht seiner Tochter die Realität in gut verdaulichen Häppchen zu präsentieren und bewahrt sie in einer Heile-Welt-Blase. Zweiundzwanzig Jahre lang hat er sein Elternhaus gemieden und auch seiner Tochter kaum etwas von seiner Familie erzählt, um ihr den als Kind und Jugendlicher erlebten Wahnsinn zu ersparen. Nur mit der jüngsten seiner Geschwister, seiner Schwester Jackie, hatte Francis wieder Kontakt aufgenommen. Als er im Laufe der Geschichte erfährt, dass seine Exfrau und seine jüngste Schwester seine Tochter bereits seit einem Jahr – auf deren ausdrücklichen Wunsch hin – mit den Großeltern bekannt gemacht haben und regelmäßig besuchen, wird er unglaublich wütend. Alles, was er vermeiden wollte, ist eingetroffen. Und es wird immer schlimmer, als die kleine Holly, die sich mit den aufgeschnappten Häppchen über den Mord an Rosie nicht zufrieden geben will und nach Zusammenhängen fragt; anfängt, heikle Fragen zu stellen und Geheimnisse zu bewahren.

Ein Buch über die Macht der Manipulation, über Moral und ihre Grenzen, über Doppelmoral, Übergriffigkeiten und seien sie noch so subtil und über die Sehnsucht nach dem ganz persönlichen Glück.

Ein weiteres genial geschriebenes Buch von Tana French, meiner Meisterin der Milieustudien. Der irischen Mentalität. Des Irish noir.

Manchmal so

Manchmal kommt Manchmal bei mir vorbei.
Manchmal spiele ich mit Manchmal.
Draußen oder drinnen – manchmal so, manchmal so.
Manchmal Himmel und Hölle, manchmal Stille Post.

Und ja, manchmal wäre ich gerne wie Manchmal.
Und manchmal wäre ich gerne anders anders.
Manchmal wäre ich zum Beispiel gerne so wie X.
Und manchmal lieber so wie Y.

Manchmal aber bin ich gerne so wie ich bin.
Immer öfter – jedenfalls manchmal.

Fast wie Brote

Wären wir Brote, entspräche das Mehl unserer Herkunft, sagte ich. Dinkel, Roggen, von mir aus auch Weizen. Vollkorn oder fein gemahlt, gemischt oder pur, mit Nüssen und Kernen womöglich. Dazu kämen weitere genetische Veranlagungen – Hefe, Sauerteig, Backferment, was immer dem Mehl Auftrieb gibt, damit es nicht verklebt, sondern sich entfalten kann. Und natürlich Wasser und Salz, beides unabdingbar. Maß und Qualität sind dabei entscheidend für ein gutes Ergebnis. Geknetet wird das Ganze neun BrotMonate im Mutterbauch. Schließlich wird das Ganze einige Jahre mit oder ohne Backform gebacken, bevor der junge Mensch irgendwann auf eigenen Füßen in die Welt hinausziehen kann.

So sinnierte ich, als wir auf Irgendlinks Zug warteten, der ihn nach den gemeinsamen Tagen bei mir heimwärts fahren würde.

Klar, sagte ich, das Bild hinkt. Im Gegensatz zum Brot kann sich ja ein Mensch, selbst wenn er ein Leben lang das Format seiner Backform mit sich herumtträgt, weiterhin entwickeln. Das Hirn verändert sich schließlich laufend, nichts muss bleiben wie es ist. Wir sind nicht auf Gedeih und Verderb Gefangene unserer Prägungen.

Ich seufzte. Theorie ist eins, aber praktisch ist es so einfach nicht wirklich, das Ding mit dem Sich-Selbst-Verändern. Der Vorsatz zum Beispiel, hinfort glücklich zu leben, wird ein Vorsatz bleiben, wenn ich ihn nicht nach und nach auf eine zu mir passende Weise integriere. Ein bisschen ist es ja wie mit der geschrumpften Gelenkkapsel in meiner frozen shoulder. Immer wieder muss ich die Gelenke ein wenig über die harten Schrumpfungsgrenzen hinausdehnen, damit meine Schulter als Ganzes langsam wieder beweglicher wird.

Notwendig gewordene oder auch ersehnte und gewünschte Veränderungen umzusetzen ist vielleicht eine der größten Herausforderungen des Menschseins. Immer wieder geht es dabei darum, unsere Grenzen zu weiten; Grenzen, die aus Gründen der Bequemlichkeit und der Gewohnheit gewachsen sind. Grenzen, die wir möglicherweise gezogen haben, um unsere Ruhe zu haben.

Um Grenzen geht es auch bei Irgendlinks neuer Reise, auf welche er sich dieser Tage machen wird. Um Identifizierung, Orte, Geschichte. Sein Reisealltag bildet das Rankgerüst dieser neuen reiseliterarischen Studie, die sich mit dem kollektiven Wir-Alltag einer europäischen, globalisierten Gesellschaft vermischt. Heute, also am 8. März, interviewt ein Fernsehteam des SWR Jürgen Rinck zu seiner Tour, denn seine Reise wird in eine Doku über das Land Rheinland-Pfalz integriert.

Immer wieder bricht er – brechen wir, brechen Reisende – aus Gewohnheiten aus. Immer wieder brechen wir alte Grenzen auf und machen uns daran, Neues zu erkunden, doch wie viel Gewohnheit, wie viel Neues für jede und jeden gut ist, können wir nur selbst entscheiden.

Hey, diese Metapher mit dem Brot? Auch wenn sie hinkt, sie gefällt mir, sagte Irgendlink zwischen dem dritt- und viertletzten Abschiedskuss. Und, weißt du was? Wenn wir alt, sprich altbacken, geworden sind, werden wir einfach zusammen Torta di pane (Brottorte).

Romantisch? Kann er.


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