Bilder einer Ausstellung #1

Die Bilder der iPhone-Ausstellung vom 4.-30. Juni in Venarey-Les Laumes sind bereits online: hier klicken

Zu meinen vier Bildern: hier klicken

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Von Schiebereglern und anderen Lebensnotwendigkeiten

Ich komme zu nichts. Das heißt eigentlich vor allem das: ich komme nicht zum bloggen. Dabei hätte ich so viele Ideen. So viele Dinge, über die ich schreiben möchte. Über das Leben zum Beispiel. Und über die Menschen.

Ihr müsst wissen: hier …, also genau da, wo die Pünktchen sind – so jedenfalls stellte ich es mir heute Morgen vor, als ich den Notizzettel, der jetzt neben mir liegt, geschrieben habe – hier wäre also ein Screenshot einer geöffneten App. Das Abbild meines iPhone-Bildschirmes, deutsch gesagt. Es würde die Mini-Schieberegler zeigen, mit denen ein Bild auf dem Display des iPhones bearbeitet werden kann. Links dunkel, rechts hell. Links keine Sättigung (sprich schwarzweiß), rechts übersättigtes Bild. Links wenig, rechts viel Kontrast. Und so weiter.

Das Bild habe ich nicht gemacht, ihr stellt es euch jetzt einfach mal vor.

Und stellt euch gleich auch die Menschen in eurem Umfeld vor. Sie alle haben Eigenschaften. Es gibt keinen Menschen ohne Eigenschaften. Nennen wir sie hier einfach mal Kontraste. Stellt euch weiter vor, dass es für jede der Eigenschaften einen Schieberegler gäbe. Links Antipathie, rechts Superempathie. Zum Beispiel. Oder Links sozialkompetent, rechts diktatorisch.

Nehmen wir mal die Generalin vom vorletzten Artikel: Ihr Schieberegler wäre beim letzten Punkt ganz rechts. Nur so als Beispiel.

So setzt sich jeder Mensch aus hunderttausendsiebenhunterdreizehn Nuancen zusammen und hier hinkt das Bild auch schon. Natürlich kann ein Mensch nicht mit Schiebereglern erfasst werden. Dennoch, um das Bild noch ein klein bisschen auszureizen, jeder Mensch hat eine absolut noch nie dagewesene Farbmischung, obwohl es doch nichts neues unter der Sonne gibt. Das Bild hat was!

Die zweite Schule übrigens, die ich gestern besucht habe, war ganz anders, als jene, die ich am letzten Donnerstag besucht habe. Die Verantwortliche war wohl ähnlich alt und auch relativ streng, doch – um unsere Regler zu zitieren – war ihre Strenge liebevoll-sensibel nicht diktatorisch. Sie nahm die Kinder ernst und ihr Umgangston war wohlwollend.

Ob ich das Bearbeiten von Bildern so mag, weil ich mir dabei die Welt nach meinem Gusto zurechtfärben und zurechtkontrastieren kann?

Apropos: Bei einer Ausstellungsausschreibung in Frankreich* zum Thema „schnelllebig“, wo ich vor ein paar Wochen Bilder einreichen konnte, habe ich offenbar überzeugt. Alle meine Bilder wurden angenommen. Eins davon wird sogar – mit neunzehn anderen – in Großformat ausgestellt. Dass Irgendlink ebenfalls im Boot ist, macht mich doppelt froh!

Ab Ausstellungsbeginn werden alle Bilder virtuell hier ausgestellt: klicken!

Leere inmitten

Panik auf dem Hühnerhof. Hahn und Hennen kreischen und gackern so laut, dass ich es sogar im Haus drin höre und hinüber renne. Gestern war es, um elf oder zwölf.

Minus ein Huhn. Das Federvieh flattert aufgeregt um ein Häufchen Federn herum, das am Boden liegt. Vermutlich ein Habicht, sagt J. und sucht den ganzen großen Hühnerhof nach weiteren Spuren ab. Er findet nichts auffälliges und die Hühner beruhigen sich allmählich.

Eine Stunde später fahren wir los. An eine Ausstellung nach Mainz. Und QQlka treffen, einen lieben Freund meines Liebsten. Auch J.s Eltern sind unterwegs. Das einsame Gehöft liegt verlassen.

Heute Morgen erfahren wir, dass drei Hühner und der Hahn fehlen. Der Fuchs war da, sagt J.s Vater.

Hätten wir doch bloß …!, sagt J. zerknirscht und auch ich fühle mich mitverantwortlich.
Hätten wir …? Was?

Schnitt.

Ein Satz klingt nach: Mut zur Leere in der Mitte des Bildes. Gehört letzten Montag an der Vernissage zu einer Ausstellung von A. B. über dessen Stil. Nicht das, was wir normalerweise tun. Üblicherweise füllen wir schleunigst die Leere. Verdrängen, was sich nicht fassen lässt.

Wie gut da ein Loch in der Mauer tut.

Schnitt.

Mut …

Bild: iDogma-Art
Mit ProCamera fotografiert, mit WordFoto weiterbearbeitet und via Laptop hochgeladen.

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn

Ich habe echt gemeint, solche Menschen seien ausgestorben!, sagte ich zu meinem Liebsten. Gestern Abend. Ich hatte mir tagsüber eine von zwei möglichen Arbeitsstellen angeschaut, die mir meine zukünftige Arbeitsgeberin, eine Stiftung im Bereich Jugendförderung, vorschlägt. Im August soll ich dort anfangen. Naiver Gedanke, das mit dem Aussterben dieser Spezies, dennoch hatte ich ihn gedacht, vielmehr gehofft, dass dem so sei.
Aussterben tun die nicht. Leider. Die wachsen nach. Wie Löwenzahn!, sagte J. pragmatisch. Nur dass Löwenzahn wenigstens schön ist.

Die Gruppe, die ich allenfalls ab August jeweils ab mittags mit betreuen soll, besteht aus neunundzwanzig Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren mit eher bildungsfernem und teilweisem Migrationshintergrund. In der Regelschule kamen sie nicht mit und besuchen darum entsprechende Förderklassen. Kleinklassen heißt das in der Schweiz, hieß es jedenfalls früher. Den Betreuungsteams obliegt die Nachmittagsgestaltung inklusive Aufgabenhilfe. Nicht grad mein Traumjob, doch immerhin ein Anfang.

So weit, so gut.

Wenn da nicht die Frau Generalin wäre, die der Gruppe vorsteht. Also eigentlich sind es ja zwei Frauen, wobei ich der anwesenden Kollegin nicht mal vorgestellt worden bin und von dieser nur ungefähr zwei oder drei Sätze gehört habe. Jeder Versuch, mit ihr Kontakt aufzunehmen, wurde „zufällig verunmöglicht“. Frau Generalin, um die fünfundfünfzig oder sechzig Jahre alt und ledig, wie die ringlose Hand zeigt, Frau Generalin also treibt dort nach allen Regeln der unpädagogischen Kunst ungebremst ihr Unwesen, ihre Machtspiele, und schwingt mit dem Zuckerbrot in der Hand die Peitsche mit der andern. Strubbelt den Kindern ungefragt über den Kopf oder packt sie hart am Arm um ihren Aufträgen Befehlen Nachdruck zu verleihen. Grundsatz 1: Misstrauen. Grundsatz 2: Feindbild Kind. Darum hat sie nie, aber auch wirklich nie!, einen normalen Gesprächston drauf, wenn sie mit den Kindern redet, sondern klingt immer latent fordernd, anklagend, beschimpfend, kritisierend. Schon am Telefon, als sie mir den Weg erklärte, war dieser Ton da. Dieser Ich-weiß-es-besser-Ton, den ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Pausenlos redete sie über die Wichtigkeit von guter Kommunikation und Harmonie im Team, widersprach sich aber laufend selbst, indem sie sagte, dass jemand den Karren schließlich schmeißen müsse.

Die meisten Kids kamen um dreizehn Uhr. Zum Essen. Verteilt auf Tische mit je vier Kindern wurde das Essen ausgegeben. Erst als alle ganz still waren, war Frau Generalin zufrieden. Dann musste eins der Kinder beten – *würg-argh* – und schließlich ging die Fütterung los. Wobei die kleineren Kinder im größeren Raum nicht reden dürfen, die größeren im kleineren Raum zwar schon, doch nur leise. KZ-Stimmung, sorry, liebe Leute, aber das habe ich gedacht. Nichts von Sinnlichkeit, Lebenslust und Lachen.

Kaum wechselte Frau Generalin den Raum, ging das Geknuffe, Gekicher, Geflüster und das Augenverdrehen los. Dampf muss abgelassen werden. Muss. Physik. Sonst knallt es. Je restriktiver Erziehung ist, desto mehr staut sich ungelöstes an. Hinter der Fassade. Zugegeben, die Fassade ist nett. Auswechselbar. Unpersönlich. Lieblos.

Beim Essen nahmen ein paar Kinder Blickkontakt mit mir auf. Ich las in ihren Augen Resignation und Frustration. Sehnsucht. Leid. Mit meinen Augen, ich durfte ja nicht reden, versuchte ich Mut zu geben. Keine Ahnung, ob er angekommen ist.

Ich war vor dem Eintreffen der meisten Kinder da gewesen, hatte mir ein paar einführende Worte von Frau Generalin angehört, stehend, ohne dass sie mir etwas zu trinken angeboten hätte, und hatte ihr anschließend ein paar Fragen zu Umfeld und Netzwerk, zur Zusammenarbeit mit der Schule gestellt, weil ich dieses Betreuungssystem von der Schweiz her nicht kenne. Sie meinte nur, in jenem ähnlichen Ton übrigens, den sie auch den Kindern gegenüber drauf hatte:
Das müssen Sie gar nicht wissen. Das braucht Sie nicht zu beschäftigen. Da müssen Sie nicht drüber nachdenken. Das geht Sie nichts an. Das betrifft Sie nicht.

Weil sie mich nicht irgendwie mit einer Aufgabe betraute oder sonst wie beschäftigte, war ich durch die Räume spaziert. Ich hatte die Bilder und Basteleien – stereotype Kreativität nach Vorlage – angeschaut, denn da alle schon anwesenden Kinder gut miteinander gespielt hatten, wollte ich mich nicht aufdrängen. Möglich, dass das keinen guten Eindruck machte. Mir egal, denn ich würde eh nie mehr hierher kommen. Lieber arbeitslos als hier zu arbeiten. Jedenfalls nicht mit Frau Generalin zusammen. Bloß weg hier!

Auf dem Klo, noch vor dem Essen war das, smste ich J. mein Dilemma. Worauf er sofort. anrief.
Dann muss ich also früher hier losfahren!, sagte ich laut ins iPhone, als die Frau Generalin auf dem Hof, auf den ich zum Telefonieren ausgewichen war, an mir vorbeiging. Später, wieder drin, sagte ich zu ihr, dass mein Freund, dessen Auto ich mir heute ausgeliehen hätte, weil meins in der Reparatur sei (was wahr ist), wegen eines Notfalls das Auto brauche (Notlüge, dafür muss ich hoffentlich nicht nach Santiago pilgern :-)).

Um zwei Uhr machte ich mich vom Acker. Im Auto hätte ich heulen können. Die armen Kinder!, dachte ich ständig, was wird nur aus ihnen!? Wenn nur ich schon, nach zweieinhalb Stunden, vom Zusammensein mit dieser Frau traumatisiert bin und nachts (das wusste ich allerdings damals noch nicht) Alpträume hatte, wie viel mehr muss dieser Umgang den Kindern das Leben erschweren? Dieses dauernden Bloßgestellt- und Angemotzt-Werden? Zum K… Und doch ist das hier gewiss kein Einzelfall.

Was wäre die Welt ohne Kinderlachen und Blumen, sagte ich zu J., am Abend, als ich unseren Blumen und Tomaten beim Wachsen zuschaute. Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist Kinderlachen kaputtzumachen.

Merke:
1.) In Deutschland gibt es nicht nur nette Menschen …
2.) … aber auch!!!