Müll von seiner schönsten Seite

Vorher so …

Bild: Kehrschaufel mit Abfallprodukten von ein paar Windowcolor-Malereien

… nachher so …

Bild: Mit ein paar hochgradig süchtigmachenden Apps auf dem iPhone bearbeitete Windowcolor-Abfälle ins beste Licht gerückt.

Infos zum Bild: iDogma-Art
Mit ProCamera aufgenommen, mit PS Express, Diptic, Pro HDR und Dynamic Light bearbeitet. Hochgeladen über den heimischen Rechner.

Mehr Nebenerscheinungen meiner Sucht finden sich hier: www.iphoneart.com

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Grenzgänge

Die Zeit ist wie ein teures Lebensmittel, hat U. heute kommentiert. Eine Minute mit Schmerzen beim Zahnarzt ist länger als eine Minute am abendlichen Feuer. Zeit – so relativ und unfassbar. Eine halbe Stunde liebevolles Kochen in der neuen Küche, die schon fast fertig eingerichtet ist, ist um Längen köstlicher als eine halbe Stunde Abkratzen von Window-Color-Bildern, die mir meine Vermieterin gut meinend überlassen hat. Damit ich selbst entscheiden könne, ob ich sie behalten oder eben entfernen wolle.

Jeder Ton, den wir hier auf Erden erzeugen, setzt sich ins Unendliche im Universum fort, zitiert Freundin U. im Kommentar zu meinem gestrigen Artikel. Alles, was wir sagen, wird gehört. Jede Aktion erzeugt eine Reaktion. Während ich an den Fensterbildern rum mache, agiere, mich abreagiere, sende ich allerdings nicht sehr schöne Wellen ins Universum, muss ich gestehen. Denn die erwähnten Fensterbilder lassen sich leider, trotz Hilfe eines Putzmittels, nur mit brachialer Gewalt – will heißen durch intensivstes Kratzen mit dem Glaskeramikspachtel – entfernen. Ich spintisierte dabei über meinen Raum. Meinen neuen Wohnraum. Lebensraum. Lebenstraumtraum.

Landnahme. Wie wird ein Raum zu meinem Raum? Wie kann ich meinen Raum – ob gemietet oder gekauft ist für die persönliche Mentalität vermutlich zweitrangig – bewahren, im Wissen, dass ich überall nur Gast bin. Hier wie dort. Besucherin.

Und wieso muss ich mich bloß so ärgern über die Klebkraft dieser Fensterbilder? Je mehr ich mich ärgere, desto fester scheinen sie zu kleben. Hat mein Ärger mit der dabei verrinnenden Zeit zu tun, die mich reut? Mit meinen müden Füßen, die sich seit Tagen kaum mehr zu erholen scheinen? Oder weil ich lieber Kisten auspacken als farbverschmierte Fenster putzen würde? Ein Kopfproblem, sagt Irgendlink.

Die Zeit ist wie ein Lebensmittel. Wie wahr. Ein teures Gut.

Inseln schaffen. Wie die kleine Siesta im neuen Schlafzimmer mit den Dachfenstern, nachdem Irgendlink und ich mir einen wunderbaren großen Arbeitsplatz direkt unter einem dieser Dachfenster kreiert haben. Eine neue, größere Tischplatte und schon bin ich glücklich und sehe mich hier sitzen und an meinen Texten weben.

Mein (T)Raum: Wahren. Teilen. Bewahren. Grenzen weiten. Grenzen hüten. Ich bleibe dran.

Domino

Ein Gedanke, der mich seit Tagen verfolgt: Alle Entscheidungen haben Auswirkungen, die wir uns im Moment der Entscheidung nicht im geringsten vorstellen können. Ob wir nun ein Kernkraftwerk bauen oder – ganz banal – einen Umzug beschließen.

Wie hat doch J. neulich erst in seinem Blog geschrieben?

Kurzerhand räume ich den etwa 12 qm großen Raum im Haupthaus des einsamen Gehöfts leer – Anlass dafür: wenn in der Schweiz ein Sack Kleider umfällt – aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Sack Kleider fällt um. Er sucht sich einen neuen Platz. Einen neuen Schrank. Ein neues Land. Ein neues Leben.

Denk dir Domino. Oder dieses andere Spiel. Wie heißt es eigentlich? Da ist dieser Kunststoffrahmen, ungefähr zehn mal zehn Zentimeter groß. Darin, mit den Fingern verschiebbar, die Zahlen eins bis fünfzehn auf kleinen Täfelchen innerhalb von sechzehn Plätzen. Der sechzehnte Platz ist frei. In diese Lücke wird immer eine der Zahlentäfelchen verschoben um durch Schieben nach oben, nach unten, nach links und nach rechts die vorher vereinbarte Anordnung der fünfzehn Zahlen zu erreichen.

So ähnlich empfand ich meine Umzugsvorbereitungen und den Umzug selbst.

Wenn ich diese Person für jene Hilfeleistung frage, so wusste ich, hat das gewisse Konsequenzen. Für sie selbst. Für ihre Mitmenschen. Ein Stein fällt ins Wasser, erzeugt Kreise. Wie viele Personen in meinen Umzug direkt und indirekt involviert waren, kann ich gar nicht zählen. Hier wie dort.

Zum Kreis im Wasser gehören meine Freundinnen und Freunde. Jene, die unmittelbar mitgeholfen haben, doch auch jene, die immer mal wieder an mit gedacht und mir Mut gemacht haben.

Zum Kreis im Wasser gehören auch meine Nachmieterin und mein Nachmieter und deren Umfeld.

Zum Kreis im Wasser, zu den sachten Wellen, die er erzeugt hat, gehören meine Bloglesenden.

Alles ist mit mir – und mit allem – verbunden, sagen die Lakota, bevor sie in die Schwitzhütte kriechen. Immaterielles ebenso wie sämtliche Materie. Alles was lebt, Tiere, Pflanzen. Alle Menschen. Ob in der Schweiz, in Deutschland oder in Japan.

Kerne spalten sich, Zellen gehen ob der Spaltung der Kerne möglicherweise kaputt. Für immer. Die Auswirkungen auf unsere Leben kennen wir noch nicht. Kreise im Wasser, deren Wellen wir zwar hier nur sachte wahrnehmen, aber mit nicht ausdenkbaren Folgen.

Fortsetzung folgt …

Da ist Vorfreude auf das neue Kapitel in meinem Lebensbuch.
Be continued
, steht auf der letzten Zeile des Buches, das ich gestern, aus Bern wegfahrend, zugeklappt habe. À suivre.

Das neue Buch liegt bereit. Bereits sind die ersten Seiten skizziert …
Ideen, Pläne, Hoffnungen, Hirngespinste, Herzgewebe …

Doch halt, da gibt es ja gar keinen Plot, Leute!
Das hier ist richtiges, gelebtes Leben. Kisten, die auszupacken sind. Materie. Inhalt. Substanz. Leergut.

Zwar schreibe ich bei meinem Drehbuch mit, doch da sind so viele Miteinflüsse, über die ich keine Macht habe. Weder auf Gefühle, noch auf Fakten. Aufs Wetter und die Gezeiten ebenso wenig wie auf Stimmungen anderer, auf Straßenverkehr oder auf Mond- und Sternenkonstellationen. Alles steht ständig zu allem in einem Verhältnis. Sympathikus. Parasympathikus. Wechselwirkungen. Polare Bewegungen. Energie. Kernspaltung.

Vom Kleinen ins Große und zurück. Wieder ins Detail, wo – wie es heißt – der Teufel hockt.

Und wenn mir auch all die Menschen in Japan ganz und gar nicht gleichgültig sind und mir die Ohnmacht über allem oft genug den Atem raubt, packe ich doch jetzt und hier meine ersten Kisten aus.

Leben ist immer nur jetzt.