Kaffeeflecken

Mal so …

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Oder lieber so?

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Zweimal das gleiche, eigentlich banale Sujet. Zwei Kaffeetropfen, auf dem Herd eingetrocknet.

Wie beim Schreiben sind es oft die Banalitäten, die – in den richtigen Kontext gestellt – die Basis einer guten Geschichte ausmachen. Die Kenntnis des Schreibhandwerks, angefangen bei der Grammatik bis hin zum Wissen über Satzbau und Stil, ist nichts anderes, als die Kenntnis einer iPhonografin ihre Apps betreffend. Oder jener des Kunstmalers betreffend seine Materialien. Jeder Hintergrund verlangt eine andere Technik des Farbenauftragens. Jedes Thema will von mehreren Seiten betrachtet werden. Jedes Sujet verlangt nach einer individuellen Behandlung.

Kenntnisse sind die Grundlage. Doch erst Inspiration, Übermut, Neugier, Phantasie, Experimentierfreude und der Dinge mehr machen aus dem Sujet dann das finale Werk.

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Bilder: iDogma-Art
Das erste habe ich mit ProCamera fotografiert, mit Dynamic Light, HDR Pro Library und Diptic bearbeitet sowie mit der WordPress-App gebloggt. Das zweite habe ich zusätzlich noch mit Tiny Planet auf- und durchgemixt.

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Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?

Dienstagvormittag. Kurz nach elf fahren J. und ich mit den Rädern in die Stadt. Er, weil er einige kleine Besorgungen machen und mich mental unterstützen will. Und ich, weil ich mich anmelden soll. Und ein Bankkonto öffnen.

Zuerst gehe ich, gut informiert wie ich dank Irgendlink bin, gleich aufs Ausländeramt. Obwohl ich ja AusländerIN nicht Ausländer bin. Aber lassen wir das. Gendersensibilität ist hierzulande ein Fremdwort. Diesbezüglich ist Deutschland ein Entwicklungsland. Mit viel Potenzial allerdings, hoffe ich.

Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt der nette Herr. Tonfall: ungläubig. So in etwa wie: Gibt’s doch nicht! Zur Kollegin: Hatten wir noch nie, nicht wahr? Nur immer umgekehrt! Und schon wendet er sich mir zu, nimmt meine Papiere in Empfang, macht Kopien, erzählt mir von Freizügigkeitsabkommen und dass ich in den nächsten neunzig Tagen mit Arbeitsvertrag und Krankenversicherungsausweis wiederkommen muss. Ein Gang auf die Botschaft bleibt mir zum Glück erspart.

Mit einem gelben Post-it am Pass gehe ich ins nächste Büro. Aufs Einwohnermeldeamt. Strenge Dame.
Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt sie, schielt über den Brillenrand. Mustert mich erstaunt. Wie kann die nur?, höre ich sie denken, und: was will die hier? Ich spiele mit dem Gedanken, zu sagen, dass ich nicht direkt aus der Schweiz, aber direkt aus dem warmen Bett komme, lasse es aber bleiben.
Unglaublich, nicht wahr?, sage ich, grinse schief, nicke und nun lächelt sie doch ein bisschen. Im Büro wird es ein paar Grad wärmer.

Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt zwei Stunden später auch die Dame auf der Bank. Zum dritten Mal krähte der Hahn. Neugierig fragt sie, bewundernd geradezu, so als sei es ein riesiges Opfer, dieses wunderbare Land zu verlassen. Ich nicke. Zum wunderbaren Land ebenso wie zu ihrer Frage. Sie hat eine Schwester in Zürich, sagt sie, und dass das Leben in der Schweiz teuer sei.
Na ja. Ist relativ. Die Löhne sind ja auch höher, sage ich, während sie meine Personalien aufnimmt und den Pass von hinten nach vorne blättert. Sie ist nett und erklärt mir alles gut. Wünscht mir zum Abschied gutes Einleben und lächelt. Ich stolpere das erste Mal nicht, als ich die Bank verlasse. Ein gutes Omen, wie ich hoffe, denn wann immer ich mit J. hier Geld ziehen gegangen bin, habe ich beim Herausgehen die Schwelle übersehen.
Später kaufe ich Gemüse auf dem Markt, fühle mich ein wenig wie zuhause und stelle fest, dass die Menschen überall gleich sind. Nett die einen, neugierig alle und immer gibt es auch die andern.

Willst du die Menschen eines Landes verstehen, sag ich später zu J., dann geh hin und eröffne ein Bankkonto. Und melde dich bei einer Krankenversicherung an!

Oke, das mit der Krankenversicherung ist noch nicht ganz ausgestanden, obwohl ich es bereits in der Schweiz aufgegleist habe. Weil ich noch kein Einkommen habe, werde ich nur freiwillig versichert. Minimaler Schutz. Wer kein Einkommen hat, zählt nicht wirklich. Da gibt es nichts zu verdienen.

woher?

Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, hätte dieser Artikel eigentlich heißen sollen. Eigentlich. Wenn ich ihn denn geschrieben hätte. Doch dazu ist es zu spät. Bin müde, vertröste drum auf mañana-mañana. Am Feuer waren wir heute Abend. Haben uns, das Grillen, die Grillen, das Abendbrot und das Abendrot genossen. Das ganz reale Leben eben. Den ganz realen Frühling. Heute.

Gestern Ämter und die besagte Frage nach meiner Herkunft.

Heute Kisten.
Umziehen ist vielschichtig, sinnierte ich, als ich die letzte Küchenkiste auspackte. Zuerst packst du Kisten ein. Du verdichtest deine Materie auf möglichst kleinen Raum. Entziehst den Dingen dabei ihren gewohnten Raum.

Dann kommst du an. Packst die Kisten wieder aus und gibst den Dingen einen neuen Raum. Der Raum und die Dinge und ganz besonders den Dingen und Räumen ihr Mensch müssen sich erst einmal an den neuen Zustand gewöhnen.

Nimm dir Zeit!
Zeit wohnt in der Kammer der Gewohnheit.

künstlich?

Über meine Bildbearbeitungsleidenschaft, die mit jedem Bild, das ich bearbeite, größer und größer wird, gäbe es viel zu erzählen. Die Appsucht ist, wie jede Sucht, etwas, das – trotz ihres in diesem Falle kreativen Potenzials – mich zwar vordergründig nährt, dennoch ab einem Zeitpunkt eine gewisse Leere und einen Schrei nach mehr in mir zurücklässt.

Nein, halt! Das stimmt so nicht. Eher ist es so, dass ich zwar erfüllt bin von der kreativen Arbeit auf dem Kleinstcomputer, doch irgendwann die Lust oder das Bedürfnis auf eine Erweiterung des Werkzeugkastens aufkommt. Zuerst nur ein leiser Gedanke: Es sollte doch eigentlich eine App geben, die dies kann, die jenes kann. Und schon geht die Suche los. Meistens finde ich bald, was ich suche.

Apps, wie die Bearbeitungsprogramme neudeutsch heißen, sind ja gut und schön. Aber letztlich hat Irgendlink recht, wenn er sagt, dass uns die beste App nichts nützt, wenn wir keine guten Bilder machen. Stimmt. Unbedingt. Allerdings kann ein gutes Bild alles sein. Auch das hässlichste Ding kann, im Bild ins richtige Licht gerückt, berühren, was ja eine der Ideen von Kunst ist.

Ist aber wirklich nur das gute Rohbild für die Qualität des Endbildes entscheidend und der auf ihm gewählte Ausschnitt vom Bild, das ja wiederum auch nur ein Ausschnitt von allem ist? Und ist nicht jedes einzelne Leben, jede individuelle Wahrnehmung letztlich nur ein Ausschnitt von allem? Doch darüber wurde allerorten schon viel philosophiert, drum lasse ich das besser.

Ich behaupet also, dass das Sujet nur eins der Teile ist, die über die Endqualität entscheidem. Letztlich kommt es darauf an, was wir aus dem Rohmaterial machen. Unsere rohen Bilder sind die Farben der Malerin und die Wörter des Schriftstellers. Manchmal schon fertig, manchmal ein Anfang.

Und so bearbeiten, verfremden und verändern wir also die Abbildungen dieser Welt, um genau diese Welt erträglicher, schöner, farbiger, verständlicher zu machen. Und wir schaffen – künstlich, mittels unseres Könnens – Kunst.

Ach, noch dies: Beim Fotografieren ist es, wie bem Malen, die Unperfektheit und die Asymmetrie, die einem Bild – die dem Leben und allem irgendwie abbildbaren – Lebendigkeit verleiht. Der Versuch, mein Gesicht mittels Spiegelung symmetrisch zu zeigen, bringt an Licht, dass ich nur ich bin und so aussehe, wie ich aussehe, weil mein Gesicht nicht aus zwei identischen Hälften besteht. So viel schon mal über jene App namens Diptic, die Montagen, Collagen und Spiegelungen ermöglicht.

Sie ist, wie jede App, eine geballte kleine große Lebensschule der besonderen Art.

Ich möchte grad am liebsten über jede App einen kleinen Text schreiben, sage ich halblaut vor mich hin.

Nur zu!, sagt J.

Wart’s ab, sage ich.