Schnittstellenbabel

Samstagabend. Ich sitze am Ofen in meiner Künstlerinnenhöhle. Das Feuer singt und glüht vor sich hin, während ich diese Zeilen hier in die Tastatur haue. Seit heute Nachmittag bin ich, Irgendlinkseidank, drahtlos mit der weiten Welt verbunden. Ein langes Kabel macht es möglich.

Kabel. Stecker. Steckdosen. Router.

Seit Tagen ein wiederkehrendes Thema. SchweizerInnen wissen: Elektrogeräte zwischen Genf und Romanshorn haben, wie das hübsche Bildchen zeigt, meistens drei Stifte in den Steckern, während die deutschen Stecker jedoch immer nur zwei Stifte haben. Diese sind allerdings nicht länglich-schmal wie jene Schweizer Zwei-Stifte-Stecker angeordnet, die es ja ebenfalls gibt, sondern rundlich, so wie die früheren in der Schweiz. Kurz gesagt: ich habe das Babel der Schnittstellen betreten.

Ein bisschen fühle ich mich wie eins meiner Elektrogeräte – Getreidemühle, Mixer, Verlängerungskabel ecetera – das dieser Tage mit einem neuen Stecker versehen wird. Neukonfiguration allerorten.

Jedes Mal, wenn ich einen Schweizer Stecker abschneide, tut es ein klein bisschen weh. Anschließend schäle ich die drei im Kabel verborgenen Kupferdrähte blank und führe sie in den neuen deutschen Stecker aus dem Baumarkt ein, wo ich sie festschraube, damit sie mir auch hier, dank Strom aus der Dose, zu Diensten stehen können.

Gut verkabeln und dann einfach einstecken?

einfach zwei Bilder

tot oder lebendig?

Warme Decke …

Bilder: iDogma-Art
Das erste habe ich mit den Kameras Hipstamatic (Hintergrund) und ProCamera (Vordergrund) aufgenommen und mit Juxtaposer montiert.

Das zweite habe ich mit CrossProcess fotografiert, mit HDR Library, Diptic, und Grungestastic bearbeitet.
Beide habe ich vom heimischen Rechner aus hochgeladen.

haben und sein

Am liebsten würde ich jetzt, genau jetzt, am Feuer sitzen. Oder als Option an der Sonne. Ich würde Reichlin lesen. Die Sehnsucht der Atome. Aber nein, darf ich nicht. Keine Zeit. Im Kopf diese Ruhelosigkeit. Verzettelung. ToDo-Hamsterrad. Sogar hier, auf dem einsamen Gehöft, wo sich Fuchs und Hase Guten Morgen zuflüstern. Allerdings sind die ToDos hier oben auf dem Berg selbstgestrickt. Bis zum Antritt meiner neuen Stelle im August zumindest. Ein einfaches ruhiges bescheidenes Leben. Alle Zeit der Welt. Jeden Tag wie er grad kommt.

Endlich Muße zum Schreiben.  Eigentlich. Wie jetzt. Ich sitze zum ersten Mal an meinem neuen Arbeitsplatz. Auf der großen weißen Schreibplatte, die Irgendlink herbeigezaubert hat. Unter dem Dachfenster. Blick auf den Wald. Auf den Grat. Ich schreibe auf meinem alten Laptop und noch bin ich in meiner Künstlerinnenhöhle nicht mit dem weltweiten Netz verbunden. Noch schiebe ich Texte via USB-Stick von Rechner zu Rechner, denn das drahtlos-weltweite Netz von Irgendlink reicht nicht bis zu mir. Technik nur und alles eine Frage der Zeit.

Zeit. Zeit haben für … Keine Zeit haben, um …

Ja, ich möchte bereits fertig eingerichtet sein, fertig ausgepackt, doch da ist jeden Tag so viel anderes, das mich beschäftigt. Und eilen mag ich nicht. Zuviel Stress hatte ich in den Monaten zuvor. Alles hier hat eine andere, eine neue Wichtigkeit. Genau jene, die ich ihm, allem einzelnen, gebe. Der Wäsche, die ich wasche ebenso wie dem Brot, das ich backe. Doch vor allem schiebe ich endlich die Kunst in den Vordergrund. Das Fotografieren. Überall Sujets, die sich mir in den Weg stellen. Ebenso wichtig ist mir das Bearbeiten der Bilder und die Pflege meiner Bilddateien und der Kontakte innerhalb der iPhoneart-Community.

So weit so gut, doch am allermeisten geht es um Spurensuche: Wohin bin ich unterwegs? Was ist das Ziel meiner Kunst, meines Ausdrucks? Was habe ich zu erzählen, wenn oder falls ich denn etwas von allgemeinem Interesse zu erzählen habe? Und wer – hier kommt nun die alles entscheidende Frage – wer bitteschön sagt, wo die Linie zwischen Kunst und Nichtkunst verläuft?

Mal losgelöst von unseren künstlerischen Stoffwechselprodukten* und deren diskutierbarer Qualität: Ist Kunst, was mehr als einem oder einer gefällt? Nein, ich will keine neuen Definitionen, darum muss die Frage anders lauten: Wer definiert Kunst? Die Mehrheit? Eine kleine, bestimmende, (ein)gebildete Minderheit?

Muss ich die Antwort kennen, um meine Kunst kreieren zu können? Werde ichweiterhin meinen Weg gehen oder werde ich mich anpassen?

Was will ich überhaupt mit meinen Bildern? Anerkennung? Auch so ein Thema … Wer will sie nicht? Ich gestehe, dass mir die kürzlich erfolgte Ernennung zur Künstlerin des Tages Rückenwind gegeben, mir gut getan hat. Ja, Anerkennung tut gut, aber sie raubt dir auch die Unschuld. Sie schraubt die Messlatte höher und nun darfst du keinen Schrott mehr liefern.

Schrott? Zuweilen, wenn ich mich durch die laufend neu eingestellten Bilder auf der Gallerie von ipa, unserer Bilder-Community, klicke, schlucke ich leer ob der vielen leeren Bilder. Wo verläuft gleich noch die Linie zwischen Kunst und Nichtkunst und welche Kompetenzen habe ich, das zu beurteilen? Ich brauche Bilder, die mich berühren. Die mag ich und die inspirieren mich. Der entscheidende Punkt ist das Maß der Berührung. Geist und Seele atmen auf, sie freuen sich über Stimulation, über ästhetische Herausforderung, die Kopfgrenzen auch mal kitzeln oder ins Einstürzen bringen darf. Doch sind Kreationen, die uns berühren, nur schon deshalb Kunst?

Beim Schreiben habe ich mich immer wieder mit ähnlichen Themen beschäftigt. Besonders innerhalb meiner nicht-virtuellen, höchst inspirierenden Berner Schreibgruppe. Der Stil von A. ist einfach unnachahmlich. Dicht. M.s Figuren haftet stets dieses leicht absurde an, während S. immer einen Touch Grusel in seine Texte einpackt. Muss ich deswegen nun auch gruselig, absurd, dicht oder sonst wie schreiben? Muss ich nicht. Entweder jemand mag meine Schreibe – was mich natürlich freut – oder er oder sie mag meine Schreibe nicht. Damit kann ich leben. Wie wichtig ist dennoch der Austausch? Wie wichtig ist, dass ich mich vernetze, dass ich die Werke anderer anschaue, lese, betrachte, mich inspirieren lasse?

In unserer Bilder-Community kann man sich durch Kommentare schreiben und Favoriten wählen, vernetzten. Worüber Irgendlink und ich zuweilen scherzen. Wer von uns beiden hat mehr Fans? Bei wem wurden mehr Bilder als Favoriten ausgewählt? Ich schleime mich ein, du schleimst dich ein, wir schleimen uns ein? Ist die Quantität der Kommentare ein Hinweis auf die Qualität der Bilder?

Sind meine Bilder anders geworden, verkrampfter, seit ich neulich Künstlerin des Tages sein durfte? Sind meine Bilder anders, seit ich herausgefunden habe, was andern besonders gut gefällt?

Ich muss auf einmal an meinen Deutschlehrer im Gymnasium denken. Er stand auf dramatische Texte, also schrieb ich dramatische Texte. Nein, damit habe ich weniger meine Seele verkauft als mir bewiesen, dass ich nach Auftrag schreiben kann. Könnte.

Doch am liebsten beschreibe und fotografiere ich, was ist. Was ich sehe. Was mich beschäftigt.

Und noch lieber lese ich jetzt gerade ein paar Seiten Reichlin.

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* eine ältere Wortkreation meines Liebsten

(verfasst heute Nachmittag)