Den Schlüssel umdrehen

Ein Quäntchen Unzufriedenheit fördere die Weiterentwicklung. Sagt man. Denn wäre alles immer gut, würden wir stagnieren. Zu viel Unzufriedenheit aber ist kontraproduktiv und lebensfeindlich. Und bei mir ist es schnell mal zu viel, da ich in meiner Selbstkritik oft nicht sehr freundlich mit mir umgehen. Mit anderen auch nicht.

Dass in mir ein ziemliches Quäntchen Wut ist, habe ich gestern gemerkt. Bei größter Hitze bin ich kurz vor eins, weil um eins die Bäckerei schließt, ins Dorf runter. Da ich noch Geld ziehen wollte, ging ich also zuerst zur kleinen Dorfbank. Als ich die Straße überquerte, fuhr ein Mann auf einer Vespa auf den Platz vor dem Bankomaten jenseits des Fußgängerstreifens. Er bockte seine Vespa auf, hob den Helm ab, kramte im Gepäckraum der Vespa und ließ dabei die ganze Zeit den Motor laufen.

Es gibt fast nichts, das mich im Alltag mehr nervt als ein unnötig laufender Motor. Diese dreifache Emission: gleichzeitig Lärm, Gestank und Benzinverschwendung. Meine Nase und meine Ohren sind wohl meine sensibelsten Sinne, und ich bin vermutlich eher überdurchschnittlich lärm- und geruchsempfindlich. Und ein bisschen sehr sparsam, da als Arme-Leute-Kind aufgewachsen.

Wie auch immer: ich nähere mich also dem Bankomaten und realisiere, dass dieser Mensch ebenfalls Geld ziehen will. Vor mir. Dass ich warten muss. Mein Frust ist groß, zumal ich an unser aller Hitze, zunehmend leide. Warten in der Hitze ist da schon mal schlecht. Ich frage also, um wenigstens einen Stressfaktor zu eliminieren, ob er nicht den Motor ausmachen könne. Er reagiert nicht, nestelt nur weiter an seinem Geldbeutel herum. Murmelt vor sich bin. Seltsamer Mensch.

Das Motorrad ist etwa anderthalb Meter hinter ihm vom Bankomaten entfernt. Nachdem er nicht reagiert hat, reagiere ich. Übergriffig. Was mir aber durch meine Wut gerechtfertigt erscheint. Ich drehe den Zündschlüssel seines Motors nach links. Aus. Ruhe. Der Mann, er ist wohl so zwischen fünfundfünzig und sechzig Jahre alt, dreht sich um und sagt mit drohender Stimme: Nicht anfassen, einfach nicht anfassen! Als wäre es eine Bombe, die gleich hochgehen wird. Oder er.

Ich flüchte mich in den nächstbesten Schatten. Um die Ecke. Außer Sichtweite. Sehe ihn nur in einer Autoscheibe gespiegelt. Höre, wie er vor sich hinbabbelt: Hat die mir doch einfach den Motor ausgemacht. Ich denke zuerst, dass er in ein Handy spricht, doch das tut er nicht. Das Handy holt er erst nachher raus, als er das Portemonnaie verstaut und ich mich am Automaten zu schaffen mache. Ich belausche ein Gespräch, weil ich da bin. Weil ich nicht weghören kann. Aber ich komme darin nicht vor. Er komme gleich, sagt er. Ist Mutter auch da. Er sei noch an der Bank. Blablablub.

Nun ja, mein Nacherziehungsversuch ist in die Hose gegangen. Im Grunde, ich gestehe es, wollte ich ihn ja sensibilisieren für Ruhe, für Motor-aus und so. Die meisten Menschen, die ich bitte, den Motor auszumachen, machen ihn aus. Oder sagen wir mal zwei Drittel ungefähr. Mit den andern führe ich oft sehr emotionale Diskussionen, die im Grunde nichts bringen.

Verschobene Wut? Ist da etwas von mir selbst, ein Quäntchen Wut auf mich selbst, auf meine ach so vielen Inkonsequenzen, die ich mit solchen Aktionen bloß nach außen verlagere und an andern Menschen, die auch nicht nett zur Umwelt sind, auslasse?

Oder war es sogar ein bisschen zivilier Ungehorsam, ein bisschen Zivilcourage?

Wäre es nicht hin und wieder sogar gut, ein paar Schlüssel umzudrehen?

Wieder da … oder doch noch nicht ganz?

Als ich  am Montagmittag durchs Dorf Richtung Arbeitsplatz radelte, ertappte ich mich dabei, wie ich die Leute auf der Straße ganz selbstverständlich mit Hej-hej grüßen wollte. Auf dem Weg zur Arbeit, kurz vor dem Büro, ein Anruf meines Chefs. Wann wir uns wo sehen zur Lagebesprechung und so, wollte er wissen. Morgen, elf Uhr?, frage ich. Wie immer? Erst als ich aufgelegt hatte, merkte ich, dass das meine ersten schweizerdeutschen Worte seit Wochen gewesen waren.

Alles wie immer?

Nein, wie immer ist es noch nicht. Wird es auch hoffentlich nicht so bald. Was dieses ‚wie immer‘ auch immer sein soll.

Und heute, im Büro, wie ich mit meiner Arbeitskollegin unser neues Büro fertig einrichte – den Tisch so? Oder doch besser so? Meinen Rechner da? Oder nein, so ist es besser! – spreche ich nach einer kleinen Pause auf einmal hochdeutsch mit ihr. Ganz automatisch. Immerhin nicht englisch.

Bin ich also wirklich schon da?

Schweden 4_Falun_54Genau heute vor einer Woche, um diese Zeit, saß ich mit dem Liebsten am See. Es war ein wunderbarer Abend, einer der schönsten unserer acht Tage in Falun-Udstiggen. Wehmut vor dem bevorstehenden Abschied wollte sich ein klein bisschen vor den Augenblick des Genießens schieben. Am Nachmittag hatten wir ein Interview geführt. Ich wollte ein paar Dinge über die Reise erfahren, die – so dachte ich mir – vielleicht auch andere interessieren.
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Wir hatten nach dem Abendessen einen Spaziergang in der nächsten Umgebung unternommen, im Quartier, am See, am Wald, der immer länger und länger wurde und einmal mehr merkte ich, was ich so sehr mag an Schweden, an Skandinavien. Und was ich eben manchmal in der Schweiz vermisse: Weite.

Mag sein, dass anderes das viel weniger brauchen als ich, doch für mich bedeutet Weite definitiv Lebensqualität.

Enge – im Denken ebenso wie in der konkreten Wirklichkeit des Raumes (wie wirklich diese auch immer ist) – bekommt mir schlecht.

Heute, im Büro, als wir kurzzeitig zu viert hin und her sprachen, Dinge klärten, hätte ich am liebsten gerufen: Seid doch alle mal still. Obwohl … da musste ich eben einfach durch.

Später hat meine Kollegin aus Versehen den Alarm ausgelöst, als sie die Nottüre entriegelt hatte. Was für ein schriller Ton, der doch glatt meinen Tinnitus übertönt hat. Gut, dass Kollege R. den Trick kannte und uns erlöste.

Wenn es so etwas wie Schreiasphalt gibt, über den Irgendlink heute getwittert hat, muss es wohl auch so etwas wie Kreischräume geben?

Schulhausflure zum Beispiel. Ich mag es, dass die Schule diese Woche noch fast leer ist. Nur wir zwei Verwalterinnen und die beiden Schulleiter waren am Morgen da, dazu ein paar Lehrpersonen, die im Laufe des Tages kamen und gingen. In einer Woche schon werden die Flure wieder Kreischflure sein. Nicht, dass ich mich nicht auf die Kids freue …
… aber Stille, Weite, Leerheit sind Qualitäten, die ich nie mehr missen möchte.

Apropos Schweden: Ich habe mit dem zweiten Buch der Knausgård-Biografie angefangen, Lieben,  das in Malmö, Schweden, geschieht. Nach einem zähen Einstieg bin ich nun wieder in diese wunderbar-bildreiche, berührende Sprache voll mit Knausgårds ehrlichen, selbstkritischen Beobachtungen eingetaucht. Und seiner Auseinandersetzung mit dem schwedischen Lebensstil, den er, als Norweger, seltsam findet.

Fremd und vertraut ist mir diese Welt hier. Die dort ebenfalls. Und manchmal frage ich mich, ob man wirklich je irgendwo, geografisch gesprochen, daheim sein kann. Oder ob das nicht eine der größten Illusionen überhaupt ist.

Hexen oder Heilige?

Dass es in meiner Wohnumgebung sehr schöne Ecken hat, entdecke ich je länger je öfter. Zwar bin ich hier in der Nähe ja aufgewachsen, doch meine Eltern waren – nicht zuletzt da wir kein Auto hatten – eben nicht so die Ausflügler-Eltern. Auch weil das Geld fehlte. Und die Zeit sowieso.

Im Grunde waren meine Kenntnisse meiner nächsten Umgebung sehr rudimentär, was ich viele Jahre später in der Fahrschule dann mit Erstaunen festgestellt hatte. Dazu kommt, dass ich zwar gut Karten lesen kann und mir alles, wenn ich eine Karte vor mir habe, bestens vorstellen kann, mich aber – sobald die Karte verstaut ist – weder Himmelsrichtungen noch die ganzen räumlichen Zusammenhänge wirklich in 3D vorstellen kann.

Auf der Gisliflueh zum Beispiel war ich als Kind zuletzt, dabei ist sie nur grad ein Katzensprünglein von meinem Heimatdorf und zwei Katzenhupser von meinem jetzigen Zuhause entfernt. Nun denn …

Dank Geocaching-Webseite stellte ich vor ein paar Tagen fest, dass auf der Gisliflueh ein paar Geocaches liegen. Und eigentlich wollten wir diese schon vor ein paar Tagen suchen …

Wie auch immer – wir sind erst heute los. Und zwar von der andern Bergseite als der mir bekannten.

Freundin L.-sei-Dank, die gestern nach ihrem Besuch etwas bei uns vergessen hatte, fuhren wir nämlich heute einen Umweg und näherten uns dem Berg von der Aaretalseite statt von der mir minim vertrauteren Seite, vom Schenkenbergertal. Neuland für Irgendlink und mich.

Warum also weit fahren, wenn man fast vor der Haustüre ein paar Berge hat, die ich erst dank Irgendlink entdecke?

Von Biberstein aus wanderten wir steil bergan. Dreihundertfünfzig Höhenmeter müssen es ungefähr gewesen sein, auf nur ungefähr vier Kilometer.

Steil zwar, doch die wunderbare, herrlich frühlingsgrüne Umgebung machte das längst wett. Ein erwachender Wald, magisch und bärlauchüppig.

Auf kleinen Trampelwegen stiegen wir bergan. So mag ich es, obwohl wir beide recht ins Schwitzen kamen. Und dies trotz des kühlen Windes, der uns je höher je mehr um die Ohren pfiff.

Wie währschafte Gipfelstürmer, die einen Viertausender besteigen, kamen wir schließlich oben an. Stolz und glücklich.

Dreihundertsechzig Grad-Rundsicht bis in die Ostschweizer, Innerschweizer und Berneroberländer Alpen. Ein kleiner Dunst verhinderte die perfekte Fernsicht zwar, doch auch so war es grandios.

Gisliflueh1

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panorama

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frischgeschlüpft

Hexe oder Heilige? Wem verdankt die Gisliflueh wirklich ihren Namen? Und wer war Gisela? Eine Kräuterfrau, eine Hexe, eine Weise?

Am Lebensrad drehen

Die Zeit, die Zeit, die Zeit … Eben hatte sie sich noch tagelang augebläht, ausgedehnt, Gummitwist mit uns gespielt … nun ist sie in sich zusammengesunken, wie ein Käsesoufflé, das ich zu früh aus dem Ofen genommen habe.

Gemeinsames Werk von neun Malenden
Gemeinsames Werk von neun Malenden (Col-Art)

Der Liebste sitzt jetzt wieder im Auto, fährt nordwärts. Ich bin nach elf gemeinsamen Tagen wieder allein. Seltsam leer ist die Wohnung. Seine Gegenwart ist immer so wohltuend, selbst dann, wenn wir alleine vor uns hin arbeiten und lesen … Erst recht, wenn wir etwas zusammen unternehmen. Wandern. Spazieren. Radfahren. Kunst (zum Beispiel gestern im nahen Schwarzwald an einer Col-Art-Aktion mitmachend, siehe die beiden Bilder.)

Fernbeziehung hat aber auch viele Vorteile. Was ich mir zuweilen vorbeten muss. Welche habe ich leider im Moment vergessen. Oder vielleicht diese? Ich kann mich länger auf etwas einlassen. Ich kann konzentrierter an etwas arbeiten. Ich kann.

Ich könnte.

Jetzt zum Beispiel könnte ich endlich meine Liste abtragen (siehe letzten Artikel). Bis 13 Uhr habe ich Zeit für meins. Dann Büro.

Wie gesagt: Ich könnte. Manchmal sind es ja die vielen Möglichkeiten, die machen, dass ich mich reich fühle. Und manchmal sind es gerade die zu vielen Möglichkeiten, die mich stressen.

Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun Malenden
Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun Malenden (Col-Art)

Heute Morgen verglichen wir Kalender, Termine und Freiräume. Planten ein bisschen. Er seine Reise ans Nordkap mit dem Fahrrad (→ hier mehr lesen) und ich, was ich derweilen (ohne ihn sozusagen) an tollen Dingen mit meinem Sommer anstellen könnte.

Ich miete mir in Mittelschweden ein günstiges Hüttchen an einem kleinen See, sage ich, mit Strom!, Und ich schreibe dort mein Buch. Wenig Komfort. Viel Natur. Das wäre was.

Ich fange an, diese Idee zu genießen, sehe mich auf dem Bootssteg am Tisch sitzend schreiben. Zwischendurch eine Runde Schwimmen oder Rudern und ab und zu mit dem Fahrrad, das zum Häuschen gehört, ins nahe Dorf fahren.

Kennt hier jemand, der jemanden kennt, die oder der jemanden in Mittelschweden kennt? Gegend Falun? Und der ein Hüttchen kennt. Und so. Tipps gerne an mich! (→ Kontakt).

Träumen ist doch fast so schön wie leben.