Aus den Soso’schen Geheimarchiven

Katzen- & Alienfreund Blogger Irgendlink beim Planen seines nächsten Karriereschrittes:

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Siehe auch: Über das Leben diesseits und jenseits der Katzentüre I
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Bild: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Über das Leben diesseits und jenseits der Katzentüre

Es war einmal eine Katze (die so tat, jedenfalls, als wäre sie eine). Plötzlich war sie dagewesen und tigerte seither scheu und wild in der Nähe des einsamen Gehöfts herum. Niemand hat sie kommen sehen. Niemand kannte sie. Die Spuren, die wenige Tage vor ihrer Ankunft im nahen Maisfeld gefunden wurden, gaben zu wilden Spekulationen Anlass. Mangels wirklicher Alternativen gehen wir deshalb von einem gelandeten UFO aus.

Irdische Katzen-Tigerstreifen sind eine gute Tarnung, doch ich habe die Katze längst durchschaut. Und sie weiß es. Keine irdische Kurzhaar-Katze verliert das ganze Jahr Haare. Mir ist allerdings ihre Botschaft, ihre Mission sozusagen, noch nicht ganz klar geworden. Okay, sie zähmt die Menschen, gut, doch wozu? Wird sie eines Tages wieder abgeholt und wann? In der ersten Zeit tat sie so, als ließe sie sich von uns Menschen zähmen. So hat sie zum Beispiel meinen Liebsten dazu gebracht, ihr täglich zweimal Futter hinzustellen. Und Milch. Und neuerdings auch Wasser. Dies allerdings nur, wenn sie sich in der Wohnung aufhält, in der Künstlerbude, wo es dank Holzfeuer so warm ist, dass selbst (außerirdische) Katze durstig werden. Cheers. Zugegeben, zuweilen setze ich den Alien*, der sich als Katze getarnt hat, auf den Boden. Spätestens dann, wenn das Fell des Tieres sich schon beinahe mit meiner Kleidung verwoben hat. Genug ist genug. Darum nennt mich der Liebsten, wenn er mit der Katze über mich redet, hinfort die „böse Frau aus der Schweiz“.

Blogge „Über das Leben diesseits und jenseits der Katzentüre“!, bat Irgendlink, Katzenmann, Künstlerbude-Bewohner Nr. 1 und mein Lebensliebster in Personalunion. Du weißt es doch: Tu immer das, was dein Irgendlink dir sagt. Denn so lautet unsere Spielregel.

Gut. Die Katzentüre. Sollst du haben.

Wenn es im Leben eines Prokrastinatikers wie meinem Liebsten (nur so als Beispiel) etwas gibt, was man Achillesferse bezeichnen könnte, ist es dieses vermaledeite Ding namens Katzentüre. Vor über drei Jahren, bei meinem ersten Aufenthalt auf dem einsamen Gehöft, stand es bereits da, das Teil, und steht es immer noch. (Wie) frisch gekauft, jedenfalls noch immer originalverpackt. Ablaufdaten haben so Dinge leider nicht, sie laufen ja nicht davon und so wurde die Aufschiebebank lang und länger und hat längst die längste Bank der Welt in Rendsburg getoppt.
Die bau ich im Winter in die Türe ein, sagte Irgendlink damals lässig. Wenn es kälter wird. Damit die Katze selbst rein und raus kann. Obwohl … ich weiß gar nicht so recht, ob ich sie drinnen haben will. Sie ist eine wilde Katze.

Wie es so ist mit Unschlüssigkeiten. Sie wachsen wie Unkraut und Efeu. Vorletzten Winter, als der Liebste in den kältesten Wochen des Jahres den Jakobsweg bis Santiago wanderte, war die Katze immer draußen und die lieben Nachbarn haben sie gefüttert. Ihr scheint es, außer an Streicheleinheiten, an nichts gemangelt zu haben. Auf dem Hof gibt es viele Nischen, wo sie vor den Unbilden der Witterung geschützt ist. Soweit so gut. Eigentlich ist so eine Katzentüre etwas für Sisyphos.
Klappert so eine Türe, und erwacht man nachts, wenn das Tier herein oder hinaus geht? Werden fremde Katzen (oder Marder? Füchse? Igel?) sich ebenfalls Einlass verschaffen? Ähnlich, wie sie mit der Katze – ja, sie hat einen Namen, natürlich, wie konnte ich das bloß vergessen! – den Futternapf teilen. Die Probleme dies- und die Probleme jenseits des Futternapfes, ähm der Katzentüre, sind so vielfältig wie das Leben selbst. Ist das Boot voll – zum Beispiel.

Die oberste Priorität jedes Katzenmannes und auch jeder Katzenfrau muss lauten: Wie kann ich meine Katze glücklich machen und was kann ich für sie tun, damit sie gedeihen und gesund leben kann? (Sie muss dafür noch nicht mal etwas tun, nur ein wenig schnurren, und ja, wenn wir schon dabei sind, ein bisschen weniger stark Haare verlieren).

Nun ja, wir sind ja auch nur Menschen. Mit eigenen Bedürfnissen. Katze auf der Eckbank geht ja. Katze auf dem Sofa auch (zumindest wenn sie immer am gleichen Ort liegen und nicht überall ihre Haare verteilen würde). Eigentlich wäre eine Katzentüre wirklich nicht schlecht. damit würde das allmorgendliche Türöffnen wegfallen. Das Lass-mich-raus-ich-muss-pinkeln-Miauen. Andererseits. Bei näherem Überlegen … Ständig tauchen neue Probleme auf. Was, wenn die Katzenklappe ein Wurmloch in ein anderes Universum ist? Außerdem ist ganz und gar nicht klar, wo die Katzenklappe überhaupt am besten eingebaut werden soll. Im Schrank? Im Ofen? Im … (Fortsetzung folgt.)

Ob es eine Rolle spielt, ob ich eine Rolle spiele?, sagt die Katze. Mietze genannt.

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* Das Königinnentreffen einiger lokaler Bloggerinnen wurde auf nächste Woche vertagt, doch ein kleiner Besuch bei Königin Canela hat trotzdem stattgefunden. Bei dieser Gelegenheit lernte ich Canelito (7) kennen und weiß seither alles über die Aliens. Alles!

langsam, langsam …

Anachronismus war eins unserer Lagerfeuerthemen dieser Tage. Mit Gästen diskutierten wir über Filme und das Filmemachen. Wie gut es wäre, wenn die neuen Filme wieder langsamer würden, sagte ich. Wir werden täglich so vielen Bildern (in Worten ebenso wie in Pixeln) ausgesetzt – und dies alles in höchster Geschwindigkeit –, so dass es eigentlich toll wäre, es würden wieder andere Filme gemacht. Langsamere. Und ganz allmählich würden wir uns wieder an eine langsamere Art zu leben gewöhnen. Natürlich stimmt es, dass wir wählen können, was wir uns zuführen. Doch dass wir alleinverantwortlich im Sinne von „selbst schuld“ dafür sind, wenn wir an dieser Dauerhektik und ihren Nebenwirkungen krank werden, bezweifle ich. Die Verantwortung liegt bei uns allen, die wir diese Gesellschaftsform bewusst oder unbewusst füttern indem wir im Alles-haben-wollen-Strom mitschwimmen. Subtile Manipulation zu erkennen, ist eins, gegen diesen Strom zu schwimmen, etwas ganz anderes, denn so wie es ist, ist es ja gut und wer gibt schon freiwillig auf, was er hat? Alles. Immer. Sofort. Woher sollten wir auch wissen, wie der Rückweg geht? Unserer Gesellschaft fehlen diesbezügliche Vorbilder.

Wir  MittvierzigerInnen, die wir mit Unsre kleine Farm und den Waltons groß geworden sind und mit deren ganzer Langsamkeit, haben den Tempoanstieg gar nicht wirklich bemerkt. Wie der Frosch im Wasser nicht merkt, dass sein Badewasser im heißer wird. Bis es eines Tages zu spät ist. Und dann ist es zu spät.

Viele von uns haben sich vom Strom formen lassen. Schnell, laut und schrill sind sie geworden. Und ja, das sind genau jene, die mir sehr schnell auf den Geist gehen. Insbesondere, wenn sie sich dazu noch unreflektiert verhalten, bei allem was sie selbst betrifft. Zwar reden sie über alles Mögliche, als wüssten sie Bescheid (tun sie vielleicht sogar) über Dinge, über Politik, haben dies und das gesehen, da und dort mitgemacht, ab und an und überall ein Wort aufgeschnappt und mitgeredet und sie stehen im schönsten Licht da. Dass die andern nicht bewundernd sondern genervt schweigen, merken sie nicht. Und noch etwas können sie nicht: Still sein, hinschauen, innehalten, zuhören – wirklich meine ich –  mit dem Herzen, mit allen Sinnen.

Schnitt.

Weißt du eigentlich, dass „ein so richtig deutscher Typ“  in der Schweiz eine Art Schimpfwort ist? Wohingegen ein „untypischer Deutscher“ als Kompliment zu verstehen ist!, sagte ich zu meinem Liebsten auf einer unserer Geocache-Wanderungen dieses Wochenendes. Nein, das habe er nicht gewusst, sagt er, überrascht. Wirklich?
Ja, echt wahr. Ich glaube, wir sollten uns mal Kompendien schreiben, lache ich, Gebrauchsanweisungen für die Schweiz und für Deutschland, damit wir unsere Codes besser verstehen. Obwohl du ja eh kein typischer Deutscher bist … (((Ob ich eine typische Schweizerin bin?)))

Oh, und dann müssten wir noch je ein Wörterbuch für all die unaussprechlichen Dinge verfassen. Für all die feinen Schwingungen, die wir Menschen aussenden, denke ich beim Weiterwandern. Ich bezweifle, dass das geht. Die Sprache der Gefühle lässt sich schwer in Worte übersetzen. Und wer wollte das schon lesen? Denn genau jene Menschen, die eigentlich eins bräuchten, würden es sich bestimmt als Letzte eingestehen.

Die Sache mit dem Lebenszeitkonto

Es war einmal, oder wäre es nur gewesen, wenn …? Konjunktiv mit Fragezeichen. Oder es ist vielleicht noch immer, ohne Anfang, ohne Ende? Egal eigentlich, denn im Grunde ist es weder relevant noch hilfreich, wenn ich weiß, ob es wirklich wahr war oder nur in unseren Köpfen. Als ob das in den Köpfen weniger wahr wäre als das Wirkliche, das Fassbare (und als das Unfassbare erst recht). Diese Sache mit der Zeit meine ich, die ja nicht nur ist, weil der Uhrzeiger sich dreht und nicht weniger wahr ist – falls sie das wäre -, wenn keine Uhr sich nach ihr richtet.

Wo etwas ist, kann auch etwas verschwinden. Verloren gehen. Wo Zeit ist, kann auch Zeit verloren gehen. Nein, verlieren ist kein aktiver Prozess. Vergessen auch nicht. Lebenszeitdiebe nennt Irgendlink jene Menschen, die ihm etwas von seiner kostbaren Lebenszeit wegnehmen (doch aktiv? oder eher passiv? warum lässt er es zu, und warum ich?), indem sie ihn volltexten, mit Bagatellen belästigen, etwas von ihm wollen …

Lebenszeitdiebstahl … seit Tagen grüble ich darüber nach, ob das Neueinrichten meines Laptops nicht Lebenszeitdiebstahl war, begangen an einem lieben Menschen, der gewiss besseres zu tun gehabt hätte.

Auf der Kehrseite des Lebenszeitdiebstahls stehen nämlich solche „besseren Dinge“. Sachen wie Radfahren, Fotografieren, Schreiben, Bilder bearbeiten, Malen, in der Aare baden und schwimmen, Tagträumen (nachts natürlich auch), die ganze soziale Palette selbstverständlich wie die Pflege von Beziehungen, guter 6, Ausflüge machen und Massagen, kurz alles was gut tut. Doch ist es denn umgekehrt so, dass das, was mich und meine Zeit bedroht, schädlich für mich ist?

Schauen wir doch mal hin, was mir meine Lebenszeit vergällt:
Mich mit Banalitäten volltexten lassen, auf andere, die sich ohne Grund und Information verspäten, warten, Tippfehler schreiben und korrigieren, sich am Telefon vertippen oder nicht für mich bestimmte Anrufen annehmen, etwas verlieren und nicht mehr finden, etwas fallen lassen und hinterher die Scherben wegwischen müssen (nein, nicht jedes Putzen ist Lebenszeitdiebstahl, nur das nach Missgeschicken), Misstritte mit Folgen, sich mit anderen vergleichen, sich ärgern über die eigene Unzulänglichkeit, Ameisen in der Wohnung, Mücken überall, Missverständnisse, Streit um Banalitäten, Powergames, Taschentücher in der Waschmaschine, Technik, die nicht funktioniert, Programme, die sich nicht selbsterklärend bedienen lassen, unverständliche Anleitungen – egal ob für Möbel oder für IT-Zöix, Ungeduld, Rushhour, vergessene Passwörter …

Beide Listen sind Momentaufnahmen. Beide Listen sind je nach Befindlichkeit mal länger, mal kürzer. Und beide Listen sind relativ. Außerdem unfassbar. Zeit ist unfassbar. Wer oder was kann mir überhaupt Lebenszeit stehlen? Ob die vermeintlich geklaute Lebenszeit nicht einfach aufs das Konto „Erfahrungen“ umgebucht wurde?

Der Mensch ist ein Risikofaktor. Der Mensch ist ein flexibles System, das sich ständig bewegt, wandelt und deshalb anfällig für Fehler, Pannen und Viren ist. Solche Dinge kosten Lebenszeit, ja, gut, doch unter dem Strich tauschen wir sie ein gegen Lebendigkeit. Wären wir perfekt, wären wir langweilig zum Abwinken. So will ich immer wieder neu JA sagen zu all diesen Unvorhersehbarkeiten des Lebens. Unwägbarkeiten, denn sind nicht alle Geschichten, die wir lesen, die Geschichten unvollkommener Menschen? Ob ich wohl deshalb so gerne lese? Inmitten all der fiktiven und realen Menschen in Geschichten, Biografien und Zeitungen finde ich mich wieder.

Ich lebe in verschiedenen Universen (du auch, vermute ich). Paralleluniversen. Jedes meiner noch unvollendeten Manuskripte ist eine Welt für sich, eins meiner Biotope. Jeder Film, den ich schaue. (Wenn ich im Schreibflow bin, an einer Geschichte schreibend, bin ich dann hier in meinem realen Leben oder dort im externen Universum? Sind meine Geschichten quasi die externen Datenspeicher meines Lebens, sozusagen meine vielen ungelebten Leben?)

Meinen „neuen Laptop“ habe ich wie ein neues Paar Schuhe so gut eingelaufen, das kaum mehr was drückt. Alles ist anders und doch ist alles gleich. Die gleiche Hülle, die gleiche Kunststoffkiste. Doch diese Kiste hat ein anderes, ein erneuertes Innenleben. Beinahe wünschte ich, mir selbst ein neues Betriebssystem verpassen zu können, das die gleichen und auch alle neue Inhalte transportiert. Eins, das gut und schnell läuft, nicht virenanfällig ist, nicht ständig wegen allem möglichen zickt, hängen bleibt oder gar abstürzt. Kurz: eins das perfekt ist und mir keine kostbare Lebenszeit klaut. Für die habe ich nämlich viel bessere Verwendungsideen.