Homo non sapiens

Es mag ja unanständig sein, dass ich jetzt und hier über mich und mein Leben nachdenke. Als wäre es wichtiger als das, was geschehen ist. Aber ich denke dennoch über mich nach. Ich denke mich im Kontext mit all dem, was geschieht, was geschehen ist, was geschehen wird. Ich bin mittendrin, Teil des Ganzen, nehme all die Wellen auf, die Wellen der Ereignisse um mich herum. Ich reagiere. Manchmal agiere ich sogar. Meistens bin ich Beobachterin, immer seltener Handelnde. Immer aber Mit-Denkende und Mit-Fühlende.

Und ja, ich denke also nicht nur über mich nach; fast ständig denke ich auch über unsere Welt nach. Über unsere Welt wie sie mehr und mehr zerbricht und auseinanderfällt. Ja. So, wie alles eines Tages auseinanderfällt. Vielleicht war das schon immer die Bestimmung der Welt. Vielleicht hat auch die Welt ein organisches Ende, nicht nur einen Anfang. Und vielleicht gibt es wirklich keine Hoffnung mehr für den Homo non sapiens, den unwissenden Menschen.

Ich weiß ja, andere rufen dazu auf, bloß nicht in der Chor der Hoffnungslosen einzustimmen, sondern jetzt – besonders auch nach dem Unglück in Berlin – erst recht nicht alle Hoffnung zu verlieren, jetzt erst recht zusammenzustehen, jetzt erst recht mutig für Freiheit und für das Miteinander einzustehen.

Ja, auch das entspricht meiner Sicht der Dinge, auch wenn ich langfristig für die Menschheit wenig Hoffnung habe. Zumal ich nicht so genau weiß, worauf ich hoffen sollte. Die erwähnten Maßnahmen helfen dennoch dabei, das Unerträgliche zu ertragen. Im Großen ebenso wie im Kleinen helfen sie, und gesellschaftlich gesehen ebenso wie persönlich betrachtet. Ich denke an den Sinn des Apfelbaums, den wir auch angesichts des Weltuntergangs pflanzen sollen.

Sisyphos oder der Versuch, nicht durchzudrehen.

Ja, es ist schrecklich, was vor zwei Tagen in Berlin und gestern da und heute dort passiert ist. Und ja, ich bin traurig, sehr, ich bin in Gedanken am meisten bei denen, die Angehörige verloren haben und bei denen, deren Angehörige im Krankenhaus liegen.

Mein erster Gedanke, als ich am Montagabend vom Unglück in Berlin hörte, galt meinen Freundinnen und Freunden, die dort leben. Und meinen dortigen Bekannten aus der virtuellen Welt. Später fragte ich mich, was es ändern würde, wenn jemand, den ich kenne, betroffen ist. Wie anders Schrecken sind und werden, wenn wir selbst jemanden verlieren. Persönliche Betroffenheit macht aus abstrakten konkrete Erfahrungen. Deutschland ist näher als Aleppo.

Schrecklich ist es immer und überall, wenn Menschen aus welchen Gründen auch immer für andere Menschen Schicksal spielen. Schlimm und abstoßen, wenn die einen Menschen willkürlich und mit destruktiver Absicht die Leben anderer Menschen beeinflussen.

Doch wo und wann genau fängt diese Willkür eigentlich an?

[Spekulationen gibt es von mir nicht.]

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Einsehen oder aussehen?

Seltsame Vorstellung, dass ich heute Abend in meinem Schweizer Bett schlafen werde. Noch sitze ich am Schreibtisch in Irgendlinks Künstlerbude. Das Einsame Gehöft hat uns seit gestern Abend wieder. Nach einer staufreien Fahrt, wenn man mal vom kleinen Berliner Stau am Anfang absieht.

Die Dichte von Ereignissen, die Geschwindigkeit des Lebens überrollt mich immer wieder. Gestern noch in Berlin aufgewacht, vorgestern mit den Rädern mitten durch die Metropole – am Holocaustdenkmal vorbei – nach Kreuzberg geradelt, nun hier, bald dort.

Was ist das Leben anderes als Dinge von A nach B zu bewegen. Vielmehr noch sich selbst. Stetiges Geschiebe. Stetige Mobilität.

Wozu nur? Netzwerke knüpfen ist meine erste Antwort, Beziehungspflege. Nein, ich bin weniger wegen Hamburg nach Hamburg gereist und auch nicht wegen Berlin nach Berlin. Es waren die Menschen. Die Bloggerinnen und Blogger, die Freundinnen und Freunde. Die Begegnungen.

Wie wir vorgestern Nachmittag mit Frau Freihändig ein vorläufig letztes Mal auf den Stufen des Kreuzbergdenkmals hockten und nach Norden guckten, wurde die Welt in mir drin auf einmal klitzeklein und bestand auf einmal nur noch aus uns drei Menschen, stellvertretend für die ganze Menschheit. Eine Welt aus Menschen, die sich mögen, die Sorgen und Freuden teilen, die sich aufeinander verlassen, die miteinander in dieser Zeit durch diese Zeit unterwegs sind und am einen oder andern leiden. Da zählt auf einmal nichts anderes mehr. Und diese Verbundenheit ist es, die zählt. Die nährt. Diese Sein.

Berlin1
Wasserkunst in Berlin

Sein und Schein … jaja, total abgelutschte Wörter, sorry, dennoch nachdenkenswert. Ich habe mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich dieses Städte – Hamburg, Berlin –, diese geschichtsträchtigen und berühmten Orte und seine Menschen, auf Echtheit abgeklopft habe (wie ich es eigentlich ständig und überall tue). So vieles tut so als ob. So viele tun so als ob. So oft tun wir alle als ob. Zeigen uns größer als wir sind. Leben lauter als uns lieb ist, schneller als wir eigentlich können, hektischer als uns gut tut. Über unsere Verhältnisse sozusagen, und das eben nicht nur finanziell …

Die Sehnsucht nach dem Echten, nach dem Dahinter und Darunter ist es, die mich im Leben immer wieder innehalten lässt. Dann brauche ich ein echtes Lächeln. Augen, die mich als Menschen sehen, nicht als potentielle Käuferin. Ein Lächeln nährt mich, ganz im Gegensatz zu all dem Glitzerklimbim und Lärm. Beides gibt es. Überall.

Den Menschen auf dem Land täte es gut, ihre Herzen mit städtischer Toleranz zu weiten. Den Menschen in der Stadt täte es gut, ihre Herzen der ländlichen Naturverbundheit zu öffnen.

Ach, ich sentimentaler Sack! … wie gerne würde ich Brücken bauen zwischen den Welten. Und vielleicht tue ich es ja immer wieder ein bisschen? Bloggenderweise?

Auf einem engen Radstreifen in Berlin Mitte auf einmal die immer wieder neu atemberaubende Erkenntnis, dass dies alles ein und dieselbe Welt ist. Die selbe Welt, durch die wir im Sommer geflussundbergwandert sind. Die selbe Welt, auf der gekriegt, geliebt, gefoltert, gefüttert, gemordet, getanzt und gelacht wird. Und gehofft. Alles verbunden. Alles vernetzt.

Ewiger Wasserkreislauf.

Heute nichts …

… außer einer kleinen ToDo-Liste?

– Packen
– Putzen
– Wäsche waschen und aufhängen
– Reifenloch im Gästefahrrad reparieren (Irgendlink)
– Auto beladen
– Autobahn finden
– südwestwärts fahren
– …

On the road again … schon bald. Und ich Landei freu mich echt richtig fest auf Daheim (zuerst bei Irgendlink), morgen dann bei mir.

Über gestern schreib ich also nicht heute, sondern morgen. 🙂

Noch mehr Berlin

Gestern Nachmittag trafen wir uns mit dem Fotografen und Blogger Florian Fritsch, der viel über seine Heimatstadt zu berichten wusste. Kurz vor acht lud er uns vor dem Babylon Kino ab, wo wir uns die Premiere des neuen Pfälzer/Ludwigshafener Tatort, der Ende Oktober im Ersten ausgestrahlt wird, angucken durften. Persönlich anwesend waren Lena Odenthal/Ulrike Folkerts und Mario Kopper/Andreas Hoppe und andere Mitwirkende der Filmcrew. Die neue Tatort-Serie überrascht mit witzigen Dialogen und einer sehr dichten, nahen Kameraführung. Über den Plot verrate ich natürlich nichts, Ehrensache!

Statt weiteren Worten lasse ich heute Bilder sprechen …

Noch mehr Berlin gibts drüben bei Irgendlink.

Bilder: iPhone und Nikon (gemischt)