Über Berge Richtung See

Zugegeben mit obigem Titel assoziiert man nicht unbedingt Berlin.
Über solche Berge kannst du als Schweizerin ja nur lachen, sagt Irgendlink. Dennoch keuche ich ein bisschen, was allerdings weniger am Prenzlauer oder am Kreuzberg denn am Fahrrad liegt. Bis auf den Kreuzberg fahre ich außerdem mit viel zu tiefem Sattel. Ich sitze auf einem roten Damenrad mit Rücktritt und ein paar wenigen Gängen, die sich allerdings und leider kaum voneinander unterscheiden lassen. Die Reifen sind sehr klein, was mehr Umdrehungen bedeutet, um voran zu kommen. Doch was will ich jammern? Dem geliehenen Stahlroß sollte frau nicht ins Maul schauen. Nachdem wir bei einem Kreuzberger Radladen den Sattel höher gestellt haben, fährt es sich zum Glück schon viel besser, nur wird davon leider der Sattel nicht bequemer.

Unterhalte dich selbst!
Unterhalte dich selbst!

Mit Frau Freihändig essen wir vietnamesisch – lecker, günstig und vegikompatibel – und freuen uns alle sehr über dieses längst fällige Wiedersehen. Später radeln wir übers Bahndreieck am Kreuzberg (heißt das so?) Richtung Norden und lernen dabei den neuen Radweg Berlin-Leipzig kennen. Schön zum Radeln, frisch geteert, keine Autos, Naturschutzgebiet und so. Wieder so eine tolle und notwendige Initiative, die dem Stadtleben mehr Qualität verleiht.

Später gelangen wir in eine Gegend, die ich als sehr künstlich empfinde. Neue Überbauungen, Spielplätze, Sitzgelegenheiten … Nicht hässlich, durchaus mit einer gewissen Ästhetik gebaut. Künstlich empfinde ich, dass hier nichts dem Zufall überlassen worden ist, dem Leben, den normalen Menschen, die nicht mit am Reissbrett stehen. Der gemainstreamte Mensch hat gefälligst hier zu spielen und dort zu hocken, da drüben ist dies und dort jenes … Auch die Natur ist bloß ein weiterer Faktor, der in diesem Konzept seinen fixen Platz zugeordnet bekommen hat.

Wie es wohl in zehn Jahren hier aussieht?

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Unterwegs auf dem brandneuen Radweg Berlin-Leipzig: Eine neue Siedlung wird aus dem Boden gestampft …

Weiter gehts, weiter, weiter, die Zeit drängt. Über den Alexanderplatz zurück auf den Prenzlauer Berg, denn wir sind mit Irgendlinks altem Mainzer Freund J. und seiner kleinen Familie verabredet. Länger als wir dachten, dauert die Fahrt. Rushhour. Und ich kurz vor dem Kollaps. Der Po tut von unten weh. Der Lärm tut von außen weh. Dazu ständig rot und grün. Stop and Go.

Am S-Bahnhof Anhalter
Am S-Bahnhof Anhalter

Endlich vor der Kita. J. stellt uns seine Partnerin A. und sein rotgoldiges Töchterlein M. vor. Nur noch kurz einkaufen und weiter gehts. Zu fünft an den Weißensee. Es regnet. Die Kleine quängelt im Rad-Anhänger, will laufen. Rushhour noch immer. Ich fühle mich kaputt. Erschöpft. Die Tour auf den Gotthard ist ein Klacks, sage ich, gegen einen Tag in einer Großstadt wie Berlin, Radfahren in der Stoßzeit, Autoabgase, Lärm … Drinnen, in der gemütlichen Wohnung, erhole ich mich zum Glück schnell. Wir genießen das Zusammensein, die köstlichste Kürbissuppe der Welt und das süßeste Mädel Berlins.

Nachts dann, vom Weißensee durch die nun ruhigere Stadt zu radeln – es hat sogar zu regnen aufgehört – macht richtig Spaß. Ja, wirklich, ich mag diese Stadt. Sehr. Sehrsehr sogar. Aber leben, nein, leben möchte ich hier doch nicht, Landei ich. 🙂

Wo Prinzessinnen in den Himmel wachsen

Frau Freihändig schreibt uns gestern, dass wir uns die Prinzessinnengärten auf dem Kreuzberg anschauen sollen, wo wir doch schon in Berlin sind. Ihre Tipps waren bisher immer goldrichtig. Außerdem ist es vom Prenzlauer Berg aus, wo wir residieren, nicht weit dahin. Sogar zu Fuß gut machbar. Ich surfe auf der Webseite der Gärten und bin sofort hell begeistert. Der Liebste füttert unser Navi derweil bereits mit den Daten, denn er will das Teil mal im Nahkampf, sprich in der Stadt, zu Fuß, austesten.

Urban Artwalk ist wirklich eine tolle Sache, doch die Bilder, die ich gestern unterwegs geschossen habe, müssen warten. Heute widme ich meinen Rückblick auf den vergangenen, gestrigen Tag einzig dem Prinzessinnengarten. Er ist es wert.

Schaut selbst, was Menschen anrichten können, wenn sie die Welt ein bisschen lebendiger, wohnlicher, lebenswerter machen wollen: Aus einem Stück Brachland ist in nur fünf Jahren ein Idyll mitten in der Stadt gewachsen. Man vergisst dort drin, dass drauße der Verkehr rollt und die Menschen eilen.

Ach, ich freu mich so. Heute treffen wir endlich mal wieder die gute Frau Freihändig. Was für ein Tag. Inklusive Vollond und Mondfinsternis und so.

Ach, und morgen? Echt verrückt! Morgen gehen wir in die Kino-Premiere, des neuen Pfälzer Tatorts Blackout. Im Kino Babylon an der Rosa-Luxemburg-Straße. Gratis. Mit in einer per Verlosung gewonnenen Karten!.
Manchmal darf man ja auch Glück haben, meinte Irgendlink, als er die Mail losschickte, mit der er sich um die Karten beworben hat. Und ich fange langsam an zu glauben, dass es das Leben gut mit uns meint. Oder so.

Ach, und auch bei Irgendlink drüben gibts prinzessinnenhaftes Lesefutter.

Berlin

Jetzt sind wir also da. Eine ausgesprochen stress- und staufreie Fahrt hatten wir, obwohl uns die Zeltnachbarn am Sonntag gewarnt hatten. Mag sein, dass es an unserm Umweg über Lüneburg lag?

Auch den Tipp, Lüneburg zu besuchen, haben uns unsere Campingplatznachbarn gegeben. Es sei einfach so schön dort. Hätte uns das nicht schon misstrauisch machen sollen? Okay, Lüneburg war schön, stimmt. Schön, nett, ein wenig schief, aus schönen Backsteinen, die es nur hier gibt, gebaut … Aber es war mir persönlich doch fast ein bisschen zu sehr scheinbar heile Welt, als dass ich es als bleibende und unverzichtbare Erinnerung abbuchen müsste. Sorry, liebe LüneburgerInnen.

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Immerhin waren die belegten Brote wirklich köstlich, die wir uns in einer Pizzeria bauen lassen haben.

Ziemlich weit vom Schuss ist es auch, doch auf dem langen Weg zur Autobahn fanden wir schließlich einen Baumarkt und konnten dort eine neue rechte Scheinwerferbirne erstehen. (Ach, das wäre schon eine Geschichte für sich. Mal schauen, ob ich darüber mal berichte. Oder Irgendlink. So viel sei schon verraten: Es gibt manchmal Menschen, die toppen jede Fiktion und jedes Klischee. Und wir haben vorne rechts wieder Licht.)

Auch die Futtervorräte stockten wir unterwegs, in Aussicht auf einen Berliner Kühlschrank, wieder auf.

Klasse übrigens, dass wir ein Navi dabei haben. Was ich früher immer belächelte, macht süchtig. „Folgen Sie der Straße für 22 Kilometer“-Sprüche vermitteln Sicherheit, die ich zu schätzen gelernt habe. (Danke Journalist F., falls du das liest, für das tolle Geschenk!) 🙂

So fanden wir unsere Berliner Bleibe auf Anhieb. Eine Kleinanzeige hat uns hierher gebracht. Günstige, temporär leerstehende Studentenbude, Altwohnung, gemütlich, für wenig Geld. Dazu zwei Fahrräder zur freien Benutzung. (Danke, Sebastian!)

An der Wand hängt eine Karte der DDR, die mich an Emil denken lässt und sein Herz bestimmt höher schlagen ließe.

Bilder gibts noch keine. Außer von unterwegs.

Wildgänse?

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Heute ist es bedeckt, kühl … eine Radtour in den Prinzessinnengarten wäre fein? Mal schauen …

Gegenüber, im Aufbauhaus, gebe es eine große Versuchung für KünstlerInnen-Herzen: Eine Art Kunstzubehör-Baumarkt. Gefährlich! 🙂

Wörterstiche

Die Wörter flattern in meinem Bauch herum und furzen sich frei. Man riecht’s. Aber nur, wenn ich die Decke lüpfe. Sie wecken mich um halb acht, obwohl ich bis eins gelesen habe (im schwedischen Thriller Letzter Gruss von Marklund/Patterson***). Es gähnt mich und der Schlaf wacht hinter den Lidern, um mich nochmals rumzukriegen. Er weiß es nicht und ich weiß es nicht, ob ich jetzt aufstehen oder mich noch einmal drehen soll. Ich bin noch so müde. Andererseits gibt es heute viel zu tun, so dass es gut wäre, jetzt aufzustehen. Weil ich sonst nicht um sechs Uhr abends reisefertig sein werde.

Nervös? Ja, das bin ich ein wenig. Wie immer, wenn ich eine Reise ins Unbekannte mache. Und meistens auch vor Reisen ins Bekannte. Heute Abend fahre ich ja erstmal zum Liebsten aufs Einsame Gehöft. Morgen geht’s dann zu zweit weiter nach Hamburg, bevor es dann am Montag weiter nach Berlin geht. Ick freu‘ mir.

Und ja, ich bin nervös, angespannt, ein bisschen aufgekratzt. Man kann ja nie wissen. Bin auf Vorrat nervös sozusagen. Und auch ein wenig fremdnervös – ganz klar – stellvertretend für die Lesenden. Drei Bloggende lesen nämlich am Fraitagabend in Hamburg aus ihren Texten. Andreas Glumm, dessen Blogs ich schon lange lese, Sabine Wirsching, die ich inzwischen auch ab und zu auf ihren Blog besuche und und Candy Bukowski. Candys Texte hauen mich immer mal wieder fast um, so authentisch sind sie. Geschichte aus dem vollen Leben geschöpft – so nahe dran, so schmerzhaft nahe.

Ja, ich bin sehr gespannt auf diese drei. Glumm und Sabine kenn ich von Bildern, Candy nicht. Sie ist auch die einzige, die sich hartnäckig mit einem Synonym* vor allzu aufdringlichen Blicken schützt.

Doch was ist schon das Bild eines Menschen gegen das echte Leben, gegen den echten Menschen? Ach ja … Am Freitagabend werden noch andere Bloggende vor Ort sein, die ich bisher nur – wenn überhaupt – aus der virtuellen Welt kenne. Ich bin echt sooo gespannt. Und ja, eben nervös und angespannt..

Enttarnungen mag ich, ich mag das Echte, das, was unter und hinter Papieren und Tüchern und Vorhängen zum Vorschein kommen kann, wenn wir es zulassen. Enttarnungen sind ein bisschen wie Geburtstagsgeschenke. Wie damals, als Irgendlink und ich uns – richtig: zwecks BloggerInnenenttarnung! – in Bern kennenlernten. Vor über fünf Jahren. Enttarnt war das Pseudonym (* ja, so heißt es natürlich richtig) – dahinter zwei Menschen aus Fleisch und Blut. Doch ist ein Pseudonym, ein Nickname, nicht eher noch ein Synonym, wie ich es gerne nenne? Auch wenn ich als Sofasophia ein klein bisschen mutiger und frecher bin als in echt, ist sie dennoch ich; und ich bin sie. Und die andern Schreiberlinge? Wie ist es bei denen? Sind sie so, wie sie schreiben, ähm, will natürlich heißen, wie ich sie als Schreibende wahrnehme?

Ja, meine Anspannung bezieht sich auch auf die lange Fahrt von der Pfalz in den Norden. Sieben oder acht Stunden im Auto. Nicht dass das neu für uns wäre. Wir waren schon zusammen am Polarkreis und so. Aber eben: Es ist immer wieder herausfordernd. Dann der Zeltplatz im Süden Hamburgs – hoffentlich finden wir ihn auf Anhieb. Ach, Sofasophia, mach dir doch nicht so viele Sorgen und Gedanken. Das kommt schon gut … Das wird gut.

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Privat – oder so …

Wird es? Wird es bestimmt. Sage ich. Glaube ich. Hoffe ich.

So, und jetzt bin ich sogar endlich wach genug, um aufstehen zu können. Schreiben ist fast wie Kaffeetrinken, obwohl … da kann ich ja nicht mitreden, denn den trinke ich ja schon lange nicht mehr, weil er mich hyperig macht. Das kann ich ganz gut allein, auch ohne Kaffee.

Welcher Tag ist heute? Muss ich gleich mal zählen. Ach, schon Tag sechs. Fünf Tage ohne Nikotion sind geschafft, juhu … Ja, ich hatte einen Rückfall. Etwa zwei Wochen lang. Und das nach über fünf Jahren! Doch nun ist schon Tag sechs. Der erste Tag, an dem ich nicht mehr dieses Ziepen in der Brust, diese raue Gefühl in der Kehle habe. Der körperliche Entzug war diesmal echt hart. Aber ich wollte es so. Und ich will es so.

Heute waren es Wörter, die mich wachgeküsst haben. Wörter, die wie Mücken um mich herum geschwirrt sind. Wörterstiche können auch jucken. Und dabei kommt dann sowas raus. Blogartikel sind – sag es laut, Sofasophia!: – BLOGARTIKEL sind manchmal einfach nur Wörterstiche, nicht mehr und nicht weniger. Da hilft kein Kratzen, da hilft nur Schreiben.

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*** Oh weh, was für grottenschlechte Kritiken! Da bin ich mal gespannt. Bin erst am Anfang.