Nicht angeleint

Letzten Montag um Mitternacht lief mein WLAN-Abo aus, das ich vor einem Jahr, um Geld zu sparen, abgeschlossen hatte, nicht ahnend, wie viele Zusatzkosten ich mir damit an Land geholen würde. 

Mein neues Abo läuft allerdings erst ab nächsten Dienstag. Bis dahin improvisiere ich mit einem mobilen Router mit Datenkarte und dem Prepaid-Guthaben auf meinem Handy. 

Ohne Fixnetz (nur die Combox läuft weiterhin) und allzeit bereitem Netz zu leben, fühlt sich ein bisschen wie Ferien an – trotz der latenten Angst, nicht wirklich gut erreichbar zu sein. Nun ja, auf Reisen praktizieren wir ja diese reduzierte Online-Anbindung regelmäßig, doch daheim ist es doch sehr ungewohnt.

Und ausgerechnet letzte Woche spülte mir das Schicksal ein Lektorat ans Ufer. Thema: Panikattacken. Lektorieren geht offline problemlos, klar, doch die fertig bearbeitete Arbeit zu verschicken, die auf der offlinen Festplatte liegt, stellte mich heute Morgen vor einige Probleme, zumal die Datenkarte … Nein, lassen wir das.

Abhängigkeit. Mir wird bewusst, wie schnell ich mal eben ein Wort in Suchmascinen nachschlage, auf Twitter, Blogs oder Instagram ein Bild hochlade, dies und das über Laptop, Tablet und Handy recherchiere. So ganz selbstverständlich und ohne darüber nachzudenken. Aber auch, wie oft ich mich virtuell mit anderen verbinde, wird mir dabei klar. Verbundensein. ja, denn gerade auch das erlebe ich dank Internet.

Gewss, ich sehe auch Vorteile in dieser unfreiwilligen Offlinephase: Ich surfe bewusster. Ich schaue weniger Filme (Mediathek, TV hab ich ja keinen) und ich lese noch mehr Bücher als sonst. Mit dem Liebsten gemütlich auf dem Sofa abhängen, wie gestern Abend, macht mit Büchern statt Filmen noch mehr Freude. Nein, nicht mehr, eher einfach anders.

Apropos Freude: Da ist auch Vorfreude mit dabei. Auf morgen Abend. Da sind wir in Langnau am Patent Ochsner-Konzert. Meine Lieblingsband ist auf Tournée. Hach.

Fazit: Das Leben außerhalb des weltweiten Netzes lebt sich durchaus angenehm. Und wenn ich, wie nachher, mit dem Liebsten Pizza backen werde, kommt kein Tweet und kein Blogartikel mehr mit.

{Dennoch: Ich freue mich darauf, bald wieder bei euch mitlesen und kommentieren zu können.}

Gedankensplitter

Wieso ist eigentlich Reden im Zug erlaubt? Jedenfalls vor halb neun morgens? Heute ist es lauter als vorgestern. Die Ferien haben begonnen. Eltern mit Kindern machen Ausflüge – so früh schon sind sie munter unterwegs und wollen den Tag auskosten. Zwei Männer plappern viel zu laut über Nichtigkeiten, so dass ich mich in ein weiter entfernteres Abteil setze. Mein mp3-Player ist nicht laut genug, all diese Geräusche zu übertönen. Zumal ich heute ziemlich starken Tinitus habe und nur auf halber Lautstärke hören mag. Ich sehne mich nach meinem Bett. Habe nachts wachgelegen. Kopfkino. Möchte die Decke über den Kopf ziehen, schlafen, Morgenmuffelin ich. (Ob die Depressiven dieser Welt tendenziell morgens eher lieber länger schlafen und die LangschläferInnen dieser Welt tendenziell depressiv sind?)

All diese Gerüche in meinem Zugabschnitt. Muss man Menschen mögen um gerne mit ÖV zu reisen? Rechts von mir Handcrème. Weiter hinten etwas Saures, das an Salatsauce erinnert und gelbgrün riecht. Vor dem Fenster die typischen Emmentaler Häuser mit ihren hohen tiefen Dächern. Nur Häuser und Land. Grün und braun. In den Ohren Red Hot Chili Peppers. Ich träume mich nach Kalifornien. Alles besser als hier im Zug zu sitzen. Warum eigentlich? Weil mir schlecht ist vor Müdigkeit und ich Bammel habe vor all dem Neuen? Kinderlachen dringt durch den Musikschutzmantel. Glücklicher Familienausflug. Soo früh schon.

Wenn neue Leute einsteigen, hilft es, einen Hustenanfall zu haben (ein bisschen übertreiben dient der Sache durchaus). Das Abteil gehört mir allein.

In der Büropause blättere ich im Magazin der Tageszeitung. Von einem jungen Mann lese ich, der sich selbst – weil suizidgefährdet – in die Psychiatrie eingewiesen hat. Dort hat er doch einen Suizid versucht und ist nun zeitlebens behindert. Wie sicher ist die Psychiatrie?, wird gefragt und ein paar Seiten weiter lese ich, dass unsere Gesellschaft an einem kollektiven Heimatverlust leidet. Eine ganze Gesellschaft Heimatloser. Leider fehlt mir die Zeit, den ganzen Artikel zu lesen.

Ich werde dieser Tage von verschiedenen Teammitgliedern in meine unterschiedlichen Arbeitsbereiche meiner neuen Stelle eingeführt. Damit ich die vielfältigen Prozesse verstehe. Notizen mache ich von Hand, begreife, dass ich lesbar schreiben muss, damit ich später lesen kann, was ich geschrieben habe. Nicht nur lesbar, sondern auch logisch.

Am Abend im Zug so viele Leute, dass kein Hustenanfall nützt, zumal ich diesmal die Zusteigerin bin. Dennoch ist es ruhiger als am Morgen. Alle sind allein unterwegs. Und die Parfümgerüche vom Morgen haben sich zum Glück auch im Laufe des Tages verflüchtigt. Direkt erträglich ist es. Ich lese im angefangenen eBook weiter und stelle fest, dass ich mit dem langen Arbeitsweg schon weniger hadere als vorgestern.

Lesen hilft. Immer. Irgendwie.

Nostalgia – Gedanken einer Heimatlosen

Sehnsucht und Heimweh … es gibt sie nur, weil es Liebe, weil es Heimat gibt, spreche ich unterwegs ins iPhone. Schreiben kann ich ja nicht beim Autofahren. Sehnsucht und Heimweh – zwei Schmerzen, die sind, weil wir Fühlende sind. Und warum tut Erinnern meistens weh? Bedeutet das, dass ich damals Fehler gemacht habe? Oder einfach, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist? Ich möchte das, was damals war, hier und heute nicht mehr in meinem Leben. Ich lebe jetzt.

Dennoch ist es da, dieses Heimweh, wann immer ich in der Region Bern, wo ich etwa zehn lange Jahre gelebt habe, unterwegs bin – ganz besonders wenn ich Richtung Oberland fahre. Ist es Heimweh längi Zyti, wie die BernerInnen so schön sagen? Muss man einen Weg nur oft genug gefahren, gewandert, geradelt und geschlendert sein, um ihn später als Heimat wiederzuerkennen? Muss man alle Nischen, Schleichwege und Abkürzungen einer Stadt oder eines Dorfes kennen, damit sie Heimat genannt werden dürfen? Müsste dann nicht auch meine aktuelle Wohnumgebung heimatliche Gefühle in mir auslösen – zumal ich ja hier in der Gegend aufgewachsen bin und immerhin etwa fünfundzwanzig Jahre gelebt habe, jedenfalls im Umkreis von etwa zehn Kilometern. Warum überfallen mich diese heimatlich-sentimentalen Gefühle vorwiegend im Kanton Bern? Nur dort wird mir das Herz auf diese ganz bestimmte Art weit und ich fühle mich als Nachhausekommende.

Nach meinem heutigen Recherche-Termin in Thun habe ich mir den Rest-Nachmittag freigegeben.
Du sollst morgen baden gehen!, habe ich gestern – im besten Scheffintonfall – zu mir gesagt. Und zwar sollst du zu deinem Lieblingsbadesee fahren. Und so packte ich, trotz der nicht so tollen Wettervorhersagen, heute meine Badesachen ein. Der Himmel schien sich zum Glück nicht wirklich an die Wettervorgaben halten zu wollen. Jedenfalls kein Regen in Sicht. Nur ein paar Wolken.

Gerzensee_sm

Kurz vor sechzehn Uhr. Ich und der See, allein zu zweit. Das Wasser zwanzig Grad. Wärmer als die Luft. Ich ziehe mich um und steige hinab. Wie schön es doch ist, mich auf dem Rücken zwischen den Seerosenblättern hindurch in die Mitte des Sees treiben zu lassen. Ich schwimme auf dem Rücken, die Ohren im Wasser, und lausche. Nur meine Schwimmbewegungen höre ich so. Wenn ich brustschwimme, höre ich nur die Kühe auf der nahen Wiese, die sich die Neuigkeiten des Tages erzählen, und einen Traktor am andern Ufer des Sees. Eine Stunde später spaziere ich erholt zurück zum Auto. Auf dem Weg zur Straße treffe ich eine Frau. Wir grüßen uns und grinsen uns wissend zu: sie geht dorthin, wo ich war. Der See ruft. Ich bleibe fünf Meter später stehen und drehe mich um. Aber … das ist doch … Im gleichen Augenblick hat sie sich ebenfalls umgedreht und sieht mich an.
Wir kennen uns! Du warst doch ein paar Jahre mit M. zusammen!, sagt sie.
Genau, und du, du bist … Moment, ich hab’s gleich, du bist H.!
Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, darum schwatzen wir ein wenig und dann geht jede ihres Weges. Noch im Auto grinse ich über diesen Zufall.

Wie ich durch Wichtrach fahre, kann ich nicht widerstehen. Ich halte an und überfalle den örtlichen Käseladen, während draußen die Kinder aus dem Schulhaus strömen. Fünf Uhr. Wochenende. Friedliche Dorfszene. Wie ich diesen Augenblick geniesse! Das Teeniegirl vor dem Laden, das, mondän gekleidet, an seinem Smartphone fummelt, will so gar nicht vor diesen altmodischen Laden passen. Bestimmt verflucht sie es, in einem solchen Kuhdorf zu leben.

Ich betrete schmunzelnd den kleinen Dorfladen, wo der Käse, aus der Gegend, noch offen zu kaufen ist, die Joghurts ebfalls aus der Region stammen, alles so kühl und frisch duftet und die Verkäuferinnen alle Zeit der Welt haben. Ich gebe mich als Heimwehbernerin zu erkennen, doch mein falscher Dialekt verrät, dass ich nicht wirklich von hier bin. Nein, konstatiere ich, wie ich Minuten später den Motor wieder starte, auch hier bin ich nicht zu Hause, aber auch dort nicht, wo meine Sprache gesprochen wird … Weder noch. Am einen Ort fehlt mir die richtige Sprache, am andern das richtige Herzklopfen.

Würde ich wieder in der Region Bern wohnen, hätte ich gewiss bald andere Dinge, Orte und Menschen, nach denen ich mich sehnte. So war es schon immer. Ankommen ist leichter gesagt als getan und das Leben ist eben nicht ideal, wie meine Freundin M. so schön sagt. Und wie sich ein Leben ohne Sehnsucht anfühlt, wage ich mir lieber gar nicht erst vorzustellen.

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Bild:
undogmatischer Appspressionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

Alea jacta est

Wenn ein Würfel fällt, zeigt er Zahlen, die wir uns vielleicht so, vielleicht anders gewünscht haben. Aber weil der Würfel eine klare Sprache redet, gehorchen wir ihm. In der Regel. Ähnlich wie wir der Ampel gehorchen (außer wir sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs und rennen oder radeln – auf eigene Gefahr – über die Straße). Wir gehorchen und vertrauen Dingen, die sich von uns nicht beeinflusssen lassen, ohne uns groß darüber den Kopf zu zerbrechen. Das Leben ist ja so schon kompliziert genug.

Darum vertrauen wir den andern Verkehrsteilnehmenden unterwegs. Anders könnten wir uns nicht angstfrei ins Auto, aufs Fahrrad, in den Zug setzen. Und wir vertrauen den andern Menschen auf der Straße, dass sie uns nicht auf offener Straße umbringen, sonst könnten wir das Haus nicht verlassen.

Worauf ich hinaus will? Das Leben setzt Vertrauen voraus. Anders ist es unerträglich. Vertrauen in unbeeinflussbare Bewegungen, Vertrauen in die Gezeiten des Schicksals,
Vertrauen in die Entscheidungen unserer Mitmenschen und ihr grundsätzliches Wohlwollen (gepaart mit ihren persönlichen Zielen).

Vertrauen wir also Mächten, die wir nicht kennen und nicht beeinflussen können?

Vertraue ich nicht letztendlich vor allem darauf, dass das Leben, das ich lebe, Teil eines großen Gewebes ist, das, wenn es fertiggewoben ist, ein Bild ergibt. Ein ganzes Bild. Mein Lebensbild. Zusammengesetzt aus Scherben, aus bunten Schnipseln, aus Mörtel, aus Blut- und Schweisstropfen, gewoben aus weichen und harten Stoffen … alles so, weil ich mein Leben so webe, wie ich es lebe – und lebe, wie ich es webe. Weil ich jetzt hier bin und weil ich jetzt diese oder eine andere Weggabelung wähle und dort diese eine oder andere Person treffe. Jeder Mensch, den ich treffe, liefert mir ein neues Teilchen, das ich einbaue. Auf meine Weise. So gesehen ist jedes Leben das Stoffwechselprodukt all seiner Prozesse.

(Ach, übrigens, ich habe bei Stelle zwei zugesagt. Die Würfel sind gefallen. Ab Anfang Juli werde ich mich also wieder in den Mahlstrom der Angestellten einspeisen. Ich freue mich auf mein neues Team und die vertraute Arbeitsgeberin und darüber, wie willkommen ich dort bin. Der Umstand, von ihnen angeworben worden zu sein, macht das Ganze noch stimmiger. Einzig an den langen Arbeitsweg werde ich mich gewöhnen müssen. Ein weiteres Stück Gewebe, das auch seinen Platz finden wird.)