Ausgelesen #27 | Die wundersame Mission des Harry Crane von Jon Cohen

Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.
Buchcover zeigt auf einem dunkelblauen Hintergrund ein goldenes Blatt. In dunkelblauen Handlettering-Buchstaben steht darin der Titel des Buches. Unter dem Blatt sind in weißen Lettern Autor- und Verlagsnamen zu lesen. Auf dem blauen Hintergrund leuchten goldene Punkte, die an Goldmünzen oder Sterne erinnern.

Am Anfang von Jon Cohens Märchenroman sterben zwei Menschen. Doch keine Angst, trotz des traurigen Auftaktes ist Die wundersame Mission des Harry Crane keine traurige Geschichte. Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte? Auf alle Fälle lesenswert!

Wie schon oft finde ich persönlich den deutschen Titel übrigens ziemlich schlecht gewählt, zumal ich diesen Bandwurm-Titel-Trend eh nicht mag. Im Original heißt dieser Roman schlicht Harry’s Trees, was der Sache schon näher kommt. Harrys Bäume. Als Titel hätte mir auch Orianas Wald gut gefallen.

Was wäre, wenn über Nacht Wunder geschähen und die Probleme, die uns am meisten belasten, sich von selbst oder durch Zauberfeenhand gelöst hätten und unsere Welt beim Aufstehen eine andere wäre? Was wäre am Morgen anders?

Harry Cranes Antwort wäre vermutlich ziemlich einfach: Seine Zauberfee hätte über Nacht die Uhr zurückgedreht. So hätte er dieses eine Los nicht gekauft und seine Frau nicht an dieser gefährlichen Straßenecke warten lassen. Stattdessen wäre er mit Beth, seiner großen Liebe, wie geplant schnurstracks ins Kino gegangen. Der tödliche Unfall wäre nicht geschehen und Beth noch am Leben. Auch die zehnjährige Oriana müsste vermutlich nicht lange überlegen: Ihr wunderbarer Vater Dean wäre nicht gestorben.

So aber ist geschehen, was geschehen ist. Kurzum: wir brauchen ein neues Wunder. Harrys Wunder geschieht, als er einen Anruf von seinem Anwalt bekommt. Die Baufirma, die Beths Tod zu verantworten hat, zahlt sieben Millionen Schadenersatz. Geld allerdings, das Harry gar nicht will. Nur seinem großen Bruder Wolf zuliebe ist er mit zum Anwalt, der schließlich eine Schadenersatzklage angeleiert hatte. Harry will nicht das Geld, Harry will Beth. Die Schuld, die er sich an Beths Tod gibt, ist im Laufe des seither vergangenen Jahres nicht kleiner geworden. Nach dem anwältlichen Anruf setzt er sich darum in sein Auto und fährt los. Mitten in die Wälder Pennsylvanias, die erbisher tagtäglich von Berufs wegen verwaltet hat. Harry will nicht mehr leben. Mit Blutgeld schon gar nicht.

Derweilen ist Oriana davon überzeugt, dass ihr Vater Dean nicht tot ist, sondern sich in ein geflügeltes Tier verwandelt hat. Darum legt sie ihm im Wald seine Lieblingsleckereien hin. Überhaupt ist sie ganz oft im Wald. Mit oder ohne Bücher, die sie sich bei der betagten Bibliothekarin Olive in der Stadtbibliothek holt. Von ihr hat sie auch das handgeschriebene Märchenbuch des alten Grum, eine Geschichte, die sie schon viele Male gelesen hat. Ausgerechnet dieses Buch aber hat sie verloren. Vermutlich im Wald, an einem ihrer vielen schöne Leseplätze.

Oriana, die mit ihrer Mutter Amanda nach dem verlorenen Buch sucht, findet Harry, der beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, von einer maroden Mauer gestürzt ist. Drei Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern, lernen sich kennen – der Beginn einer großen Seelenfreundschaft. Amanda bietet Harry an, seine Beule zu verarzten, ist sie doch von Beruf Krankenschwester und von Natur aus sehr pragmatisch, ganz anders als ihre belesene und von Märchen besessene Tochter.

So kommt es, dass Harry für drei Wochen ins Baumhaus der Familie einzieht, um die Bäume zu zählen. Als Forstbeamter kommt ihm diese Ausrede gerade recht. Vielleicht kann er in dieser Zeit ja ein bisschen Frieden finden? Waren Wälder, waren Bäume denn nicht schon immer – schon als er ein Kind war –, seine große Leidenschaft gewesen? Auf ihren Ästen und in ihrem Blätterwerk hatte er sich versteckt, wenn ihn sein großer Bruder Wolf piesacken wollte oder die Eltern sich einmal mehr in die Haare geraten waren.

Schließlich beginnt er, den Wald und dessen Bäume zu erkunden und zu erklettern. Immer ein bisschen höhere. Immer ein bisschen mehr kommt Harry wieder zu Kräften. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen ihm und Oriana weicht allmählich Orianas Fixierung auf die Rückkehr ihres Vaters als geflügeltes Wesen auf. Gemeinsam wollen die beiden jetzt die Geschichte des alten Grum in die Wirklichkeit holen, der sein Glück gefunden hat, nachdem er all seine Schätze verschenkt hat. Harry fühlt sich in den Wäldern Pennsylvanias je länger je sicherer. Auch vor seinem Bruder Wolf, der einen Anteil von Harrys Schatz für sich beansprucht. Derweilen schlägt sich Amanda mit ihren Verehrern herum, die nach ihrem Trauerjahr anfangen, mit den Hufen zu scharren. Doch dann geschehen Dinge, mit denen niemand gerechnet hat.

Die Geschichte entwickelt nach und nach eine ihr eigene Dynamik, die sowohl märchenhaft als auch lebensnah ist. Jon Cohen webt eine weise und phantasievolle Geschichte, von der ich am Schluss nicht weiß, ob sie Märchen, Heldenepos, Weisheitsgeschichte, Liebesroman, Coming of Age-Geschichte oder Feelgood-Roman ist. Nun – sie ist all das. Und noch viel mehr. Liebevoll und warmherzig geschrieben ist sie pure Medizin für Menschen, die Bäume lieben, gerne teilen, gerne träumen und die Hoffnung auf ein menschlicheres Miteinander nicht aufgeben wollen.

Herzlichen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Jon Cohen | Die wundersame Mission des Harry Crane – Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

Erschienen: 02.10.2018
insel taschenbuch 4662 | Klappenbroschur, 536 Seiten
ISBN: 978-3-458-36362-0
Auch als eBook erhältlich

D: 15,95 € | A: 16,50 € | CH: 22,90 sFr

Suhrkamp

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Ausgelesen #26 | Into madness von A. K. Benjamin

Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.
Buchcover. Im Hintergrund laufen von oben nach unten abwechselnd gelbe und blaue Wellenlinien. Darauf zuoberst in weißen Großbuchstaben der Autorname, darunter in blauen Großbuchstaben der Buchtitel, kleiner der Untertitel, unten rechts der Verlag. Von unten links geht eine blaue Figur zum oberen Bildrand. Um sie richtig zu sehen, müsste man das Bild nach links drehen.

Ich kann dieses Buch nicht besprechen ohne vor ihm zu warnen. Weil es ziemlich verrückt ist. Und weil es verrückt. Weil es Sichtweisen verrückt. Weil es auf den Kopf stellt, was wir für unverrücktbar hielten. Weil es Geschichten erzählt, die vom Verrücktwerden und vom Verrücktsein handeln.

Ich mag das Buch, weil es nicht nur verrückt, sondern auch zurechtrückt. Es räumt zum Beispiel mit dem Märchen des omnipräsenten Arztes und der allwissenden Ärztin auf.

Der englische Originaltitel lautet Let me not be mad – A story of anravelling minds (Lass mich nicht verrückt sein – Eine Geschichte über das Entwirren des Verstandes) und wie so oft gefällt mir dieser besser als die für die deutsche Ausgabe gewählte Version.

Was sich am Anfang wie ein persönlich gefärbtes Sachbuch mit spannenden Fallanalysen liest, wird zunehmend zu einer Spurensuche, die, je länger wir dem Neuropsychologen Alasdair Benjamin, Ally, beim Leben zuschauen, desto verrückter wird. Irgendwann sind wir von Lesenden zu Mitfühlenden geworden, Teil seiner Gedanken, Teil seiner Suche, Teil seines eigenen Leids.

Er hatte uns gewarnt, ziemlich am Anfang des Buches. Er hatte erklärt, dass die Fallbeispiele aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verfremdet worden seien. Was einleuchtet. Erst kurz vor dem Finale des Buches wird klar, was Benjamin mit seiner Information meinte, dass er auch über seine eigenen Erfahrungen schreibe.

Eben noch hatte uns der auf Diagnostik und akute Rehabilitation spezialisierte Arzt einige klinische Begegnungen präsentiert. Wir hatten eine verwirrte ältere Frau namens Lucy kennengelernt, die Alzheimer hat – oder nicht. Und da war dieser merkwürdige Junge gewesen, dessen Aggressionen und Autoaggressionen die Eltern hatten den Arzt aufsuchen lassen und dann war auch noch jener fünfzigjährige Geschäftsmann, dessen schwere Hirnverletzung ihn zu einem exaltierten unberechenbaren Menschen gemacht hatte. Benjamin entgeht in seinem Beratungsraum in einem verschuldeten Londoner Klinikum nichts. Auch nicht die Schweißflecken, die sich über Lucys Kleid bewegen und einer animierten Landkarte auseinander driftender Kontinente ähneln. Benjamins Blick ist scharf und er findet Worte, um den Dingen Gestalt zu verleihen, für die weniger Sensiblen, weniger für solcherlei Reize Empfänglichen der Blick fehlt. Er trägt nicht nur das Herz, er trägt auch das Hirn auf der Zunge und es gelingt ihm problemlos, all die Widersprüche des wissenschaftlichen Betriebes mit all seinen Grenzen in der Diagnose und der immer vorhandenen Möglichkeit von Fehldiagnosen nebeneinander zu stellen. Dass Weißkittel auch nur Menschen sind, dass auch sie gute und schlechte Tage haben, wird klar, als bei Lucy, die nach der Diagnose Demenz alle Anzeichen einer Demenz entwickelt, obwohl sie klinisch gesehen gesund ist und die Diagnose de facto falsch war. Benjamin zeigt, dass das menschliche Bewusstsein ein beschränkter Ort ist, an dem selten alles so ist wie es anfangs aussah. Und sich eben auch Ärztinnen und Ärzte irren können.

Nach und nach verändert sich das Erzähltempo – zuerst schier unmerklich –, und schon bald sind die Sprünge auf der Zeitachse der Erzählung nicht mehr immer ganz einfach nachzuvollziehen. Auch die Andeutungen mehren sich, dass Benjamin selbst ein Seiltänzer und Gratwanderer ist, ähnlich seinen Patientinnen und Patienten. Sein Blick hinter den Vorhang des alltäglichen Horrors neurodegenerativer Erkrankungen gleicht mit viel gutem Willen einer schwarzen Komödie und oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Unberührt sein geht nicht. Längst bin ich mitten drin. Teil der Geschichten. Intelligenz, Weisheit und Wahnsinn wohnten schon immer nahe beieinander.

Nach und nach offenbart sich, wie es um Benjamin selbst steht. Die Beziehung zur Mutter seiner beiden Töchter ist zerbrochen, neue Liebschaften scheitern an seiner analytischen Vorgehensweise und spätestens als er für den britischen Ironman trainiert und diesen dann auch tatsächlich bestreitet, wird klar, dass auch Benjamin selbst psychisch krank ist. Dass er es wohl schon immer war. Während er mit seinem Rennrad durch die britischen Berge rast, denkt er über das Profil seiner Kunstfigur Brad76 nach, das er erschaffen hatte, um auf einer Datingplattform eine neue Partnerin zu finden. Ein Prozess, der ihn wahnsinnig gemacht habe. Kein Detail seines Profils hat er dem Zufall überlassen. Obwohl fast nichts der Realität entspricht. Manisch und getrieben versucht er, sein Leben, das mehr und mehr auseinander zu brechen droht, zusammenzuhalten, versucht, bei der Arbeit, professionell zu bleiben, was ihm immer weniger gut gelingt, und wird schließlich eines Tages vor die Wahl gestellt, selbst in die Therapie zu gehen oder mit der Arbeit aufzuhören. Längst arbeitete er da schon nicht mehr mit Patient*innen.

Augenzwinkernd erzählt der Autor von einem Syndrom, das vom Kollegium nach ihm benannt wurde: Dieses Benjamin-Syndrom handelt vom Impuls, Geschichten zu erzählen, die vordergründig witzig und selbstironisch sind, sich aber ungewollt gegen die Erzählenden selbst richten. Sein Buch ist das beste Beispiel für das besagte Syndrom, denn Benjamin erzählt schonungslos, schönt nicht, übertreibt aber auch nicht wirklich, nicht jedenfalls im Sinne einer inszenierten Übertreibung. Mich erinnert der Text übrigens streckenweise an Knausgård.

Das Erzähltempo nimmt weiter zu, Benjamins Verwirrung, durchwoben von analytischen und gesellschaftpolitischen und -relevanten Erkenntnissen, klugen Lebensweisheiten und seiner unüberlesbaren Sehnsucht nach dem Verständnis der großen Zusammenhänge mit den kleinen Details wird dichter und schließlich bleibt seiner Vorgesetzten nur noch eins: Ihm ein Sabbatical aufzunötigen.

So verlässt Benjamin seinen Arbeitsplatz im Krankenhaus und verbringt einige Monate in einem Meditationszentrum irgendwo im Fernen Osten, wo er sich der Selbstheilung und der Achtsamkeit widmet. Auch hier – vor allem zu Beginn – geschieht nichts ohne Selbstironie, trotz aller Ernsthaftigkeit. Und es ist keineswegs ein einfacher Prozess, den er da durchläuft. Im Gegenteil. Wer immer über das Leben nachgedacht und es analysiert hat, kann diesen inneren Lärm nicht einfach ausknipsen. Der Autor durchlebt eine schwierige Zeit und obwohl es eigentlich verboten ist, schreibt er immer mal wieder einige Erkenntnisse auf. Mal dienen diese eher der Forschung, der Selbsterforschung, mal eher dem persönlichen Heilungsweg. Wie soll man das auch trennen können?

»’Wahnsinn’, das Symptom des Festhaltens am Ich: unser Zwang, uns ständig selbst zu bestätigen. Es ist, als würde man den Vorhang beiseite ziehen und entdecken, dass der große und schreckliche Zauberer von Oz ein tatteriger alter Mann ist, der zugibt, dass er statt eines Herzens und eines Gehirns nur eine Uhr und ein Diplom geben kann. […] Nach Vorhang über Vorhang ist nur noch ein nackter Neunzigjähriger im letzten Alzheimer-Stadium übrig, der kaum mehr blinzeln kann. Bis nichts mehr hinter dem Vorhang ist. Lass mich nicht nichts sein.« (Zitat, S. 221, eBook)

Benjamin wäre nicht er selbst, wenn er das Buch mit weisen violett schimmernden Szenen und verklärten Erkenntnissen aus dem Meditationszentrum beenden würde. Im Gegenteil. In seinem letzten Kapitel sitzt er in einem Londoner Pub, überlagert ist diese Momentaufnahme mit einer Szene aus einem Trickfilm. Und auch Alkohol ist mit im Spiel. Leben ist eben mehr, als die einzelnen Teilchen an die richtigen Stellen zu fügen. Das Gesamtbild ändert sich laufend und hat eigentlich keine klaren Ränder.

Ich mag A. K. Benjamins Buch sehr. Es ist letztlich, unabhängig vom Genre, ein Hilferuf, ein Beitrag zur Aufklärung über psychische und neurodegenerative Erkrankungen und hat viele Leserinnen und Leser verdient. Mutige Menschen, die sich nicht scheuen, sich auf diese doch recht verrückte Geschichten einzulassen. Inzwischen lebt Benjamin (Pseudonym) übrigens in Indien, wo er eine Klinik für Kinder mit neurologischen Störungen aufgebaut hat.

Herzlichen Dank an den Ullstein-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Into Madness | Geschichten vom Verrücktwerden
Erzählendes Sachbuch, Memoir
Hardcover und eBook
Aus dem Englischen von Simone Jakob
288 Seiten
ISBN: 978-3-86493-067-6
D: € 20.00/19.99 | CH: Fr. 25.90/Fr. 21.–

Verlag: Ullstein extra

Ausgelesen #25 | Durch Feuer und Wasser von Camilla Grebe und Åsa Träff

So lange habe ich ewig nicht mehr für das Lesen eines Buches gebraucht. Mehrere Wochen knabberte ich an Durch Feuer und Wasser. Und das, obwohl ich mich sehr auf das neue Buch, den fünften Teil, der beiden schwedischen Krimiautorinnen-Schwestern, gefreut hatte, deren bisher erschienene Bücher der Serie um die Therapeutin Siri Bergmann ich letztes Jahr alle gelesen habe.

Buchcover von Durch Feuer und Wasser. Es zeigt eine Schneelandschaft mit einer roten Autospur, die von unten in die Bildmitte verläuft und am Horizont verschwindet. Darüber, in der oberen Bildhälfte, die Namen der beiden Autorinnen und der Buchtitel. Beides in schwarzen Buchstaben.

Doch dieses Buch konnte ich nicht so nebenbei lesen. Es forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Und das schafft längst nicht jedes Buch. Hier lag es zum einen daran, dass die beiden Schwestern schreiben wie sie eben schreiben und zum anderen am Thema.

Grebe und Träff schreiben sinnlich, authentisch und detailreich. So fühlbar, dass es mich zuweilen fast umhaut. Die beiden Autorinnen lassen mich immer wieder so unmittelbar an den Gedanken und Gefühlen ihrer Protagonist*innen teilnehmen, dass es mir zuweilen vorkommt, ich säße selbst mitten in der Runde der Ermittelnden.

Siri, die Psychotherapeutin und Hauptfigur der Serie, arbeitet seit einiger Zeit nicht mehr mit ihren Freunden in einer Gemeinschaftspraxis, sondern unterstützt die Kriminalpolizei Stockholm beim Erstellen von Täter*innenprofilen. Gleichzeitig versucht sie, Vergangenes aufzuarbeiten.

Auf einmal verschwinden kurz nacheinander das zehnjährige Mädchen Nova-Li und sein sechsjähriger Bruder Liam, die beide bei Pflegeeltern gelebt haben. Was hat es mit den Bildern auf sich, die die Ermittlungsgruppe kurz darauf von den beiden im Internet findet und wer ist die junge Frau auf den Bildern, die mit dem Mädchen Brot bäckt? Auch sie gilt als verschwunden und so langsam glaubt die Polizei nicht mehr, dass die labile und jähzornige Mutter der Kinder dahintersteckt. Aber warum hat diese versucht, beim Sozialamt an die fallrelevanten Unterlagen und Protokolle, die Auskunft über die Unterbringungsorte der Kinder geben, zu kommen? Und warum verschwindet eine zweite junge Frau, nachdem die Leiche der ersten jungen Frau gefunden wurde?

Merkwürdig ist, dass die beiden Kinder und die zweite junge Frau auf den Bildern glücklich aussehen. Doch warum wirken die Zimmer auf den Fotos, als wären die Szenen vor dreißig Jahren aufgenommen worden? Und wer ist überhaupt dieser Junge, dem wir als Lesende in datierten Rückblicken immer wieder über die Schultern blicken dürfen? Angefangen mit einem Brand, den dieser versehentlich gelegt hat und der sein Leben mit einer Nachhaltigkeit, die kaum zu überbieten ist, überschattet.

Parallel zur Aufklärung dieses vielschichtigen dramatischen Falls, der von ihr emotional alles fordert, gelangt Siri auch privat an ihre Grenzen. Sie versucht, ihre Ehe zu retten und der Beziehung zu Aina, ihrer ehemals besten Freundin, nach dem Treuebruch eine zweite Chance zu geben. Immer wieder bedrängt sie die Angst um das Leben der beiden verschwundenen Kinder, zumal Liam, der vermisste Junge, genau so alt wie ihr eigener Sohn, Erik, ist.

Die beiden Autorinnen erzählen erneut eine aufwühlende Geschichte, die weniger wegen Gewaltszenen als wegen ihrer sensiblen Themen unter die Haut geht und der ich auch diesmal wieder fünf von fünf Sterne verleihe. Übrigens unabhängig davon, dass mir der btb-Verlag das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanke.


Durch Feuer und Wasser, Psychothriller, Psychotherapeutin Siri Bergmann ermittelt (5)
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Taschenbuch, Broschur, 480 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-71724-8
10,00 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50 * (*empfohlener Verkaufspreis)
eBook epub
ISBN: 978-3-641-20282-8
9,99 [D] inkl. MwSt. |CHF 12,00 * (* empf. VK-Preis)

Verlag: btb

#wirsindmehr | Wie kommt der Krieg ins Kind von Susanne Fritz

Wenn ich unter #wirsindmehr innerhalb meines Blogs alles einschließe, was für eine widerständige Haltung gegen Rechts, gegen Rassismus und gegen Krieg steht, gehört das Buch Wie kommt der Krieg ins Kind von Susanne Fritz unbedingt hierher, bietet es doch eine Grundlage für den Dialog über Krieg aus rassistischen Gründen und über dessen Folgen und Auswirkungen auf die folgenden Generationen.

Das Buch fängt mit einem Fingerabdruck der fünfzehnjährigen Ingrid an und hört mit einem Passbild der neunjährigen Ingrid auf. Dieses junge Mädchen, das später die Mutter der Autorin werden wird, hat 1945 im polnischen zentralen Arbeitslager Potulice ihre Fingerabdrücke hinterlassen und danach drei Jahre ihres jungen Lebens als Gefangene gearbeitet. Was sie dabei alles erlebt hat, war prägend. Für sie selbst ebenso wie für ihre Verwandten und Nachkommen. Manches blieb für immer ungesagt, während anderes codiert in Worte und in Briefe verpackt wurde.

Gefunden hat die Autorin die Fingerabdrücke und das Bild ihrer Mutter auf ihrer Spurensuche in polnischen Archiven. Die Fotografie war dem Antrag zur Aufnahme auf die Deutschen Volksliste angeheftet, den die Familie im Jahr 1939 gestellt hatte. Als Deutschstämmige waren Ingrid und ihre Familie in Swarzędz/Polen zwar eine Minderheit, doch mit der östlichen Ausdehnung der deutschen Grenzen, war es für sie vorteilhafter, Reichsbürger und Reichsbürgerinnen zu werden und die arische Abstammung der ganzen Familie auf der Deutschen Volksliste beglaubigt zu wissen.

Einer zentralen These der Epigenetik zufolge schreiben sich traumatische Erfahrungen ins menschliche Genmaterial ein und übertragen sich so – möglicherweise – auf die nächste Generation. In Susanne Fritz’ Buch begegnen wir den Übertragungen von Traumata auf die nachfolgenden Generationen hautnah. Obdas über die Gene oder über das  Familiengedächtnis geschieht, bleibt dahingestellt; Fakt aber ist, dass die traumatischen Erlebnisse der jungen Ingrid im Internierungslager tiefe Spuren auch im Leben ihrer Kinder hinterlassen haben. Einem Fingerabdruck nicht unähnlich.

Jener erwähnte Fingerabdruck, gefunden auf einem über siebzig Jahre alten Dokument, war es schließlich, der die Spurensuche der Autorin angestoßen hatte. Im April 1945 war die vierzehnjährige Ingrid, die mit ihrer Familie auf der Flucht vor der Roten Armee war, von ihrer Familie getrennt und von der sowjetischen Geheimpolizei festgenommen worden. Zum Verhängnis geworden waren ihr zum einen ihre deutschen Wurzeln, zum anderen eben, dass sie sich mit ihrer Familie als neunjährige polnische Staatsbürgerin auf die Deutsche Volksliste hatte aufnehmen lassen. Damit war sie nach dem Krieg für die Polen eine Volksverräterin. Ihr Vater Georg, NSDAP-Mitglied und phasenweise Schutzpolizist, war kurz vor ihrer Gefangennahme auf dem Feld gefallen, die Mutter Elisabeth und die beiden Geschwister unterwegs auf der Flucht nach Deutschland. Nun wurde das halbwüchsige Mädchen also für die Gesinnung ihrer Eltern gebüßt. Vom Arbeitslager Potulice aus leistete sie drei Jahre Zwangsarbeit auf einem polnischen Staatsgut, bevor sie 1948 endlich entlassen wurde und ihre Familie wiedersehen durfte. Ihre Mutter Elisabeth, die Großmutter der Autorin, war schon vor der Flucht pflegebedürfig gewesen und die beiden Töchter und der Sohn waren nun, wieder vereint, auf vielerlei Hilfen angewiesen, um in der neuen fremden Heimat Fuß fassen zu können.

In ihrem sehr persönlichen Buch erzählt Susanne Fritz nicht nur vom Schicksal einer jungen Frau, ihrer späteren Mutter, und der eigenen Familie, das Buch spricht auch von einer intensiven Spurensuche in der Geschichtsschreibung zweier Nationen. Immer wieder zitiert sie historische Dokumente und beleuchtet damit nicht nur die eigene Familiengeschichte, sondern hinterfragt das deutsch-polnische Verhältnis über zwei Weltkriege hinweg. Ihr Buch ist sowohl eine biografische Erzählung als auch ein Geschichtsbuch – was es meiner Meinung nach zu einer geeigneten Lektüre für OberstufenschülerInnen prädestiniert.

Susanne Fritz gelingt es, ohne Schuldzuweisungen über die Geschicke ihrer Mutter und der ganzen Familie zu schreiben. Ihre eigene Betroffenheit und ihr immerwährendes Reflektieren geben ihrer Erzählung Tiefe. Fritz sucht nach Menschlichkeit und tastet sich gratwandernd an unterschiedliche Formen des Verrats heran. Ich spüre immer wieder ihr Ringen, und ihre Suche nach der eigenen Rolle und Identität inmitten ihres Erbes. Sie lotet als Beobachterin und Involvierte mit ihrem Talent für den sprachlichen Ausdruck aus, was an Ungesagtem und Unaussprechlichem zwischen den Zeilen alter Briefe und welche Geschichten hinter einer Fotografie stecken könnten. Dazu wechselt sie immer wieder den Blickwinkel und schlägt so Brücken zwischen damals und heute.

Streckenweise liest sich Wie kommt der Krieg ins Kind wie ein Dialog, den Susanne Fritz mit ihrer eigenen Vergangenheit führt. Es ist für mich auch ein Ringen um Verständnis für ihre Großeltern und ihre Mutter. Als wolle sie ergründen, wie sich all die Geschehnisse auf ihr eigenes Leben auswirken – und allenfalls auch, wie sich damit leben lässt ohne die geerbten Traumata weiterzureichen. Wie verhält es sich zum Beispiel mit dem Schweigegebot von damals? Was nicht ausgesprochen wird, hat keine Macht, dachte man damals. Und konzentrierte sich auf Vergessen und Verdrängen. Wird aber Unausgesprochenes, Unaussprechliches und Grausames nicht gerade weil es nie benannt wurde, übermächtig?

»Wo liegt die Trennlinie zwischen dem Erzählbaren und dem Unsagbaren, der unterhaltsamen, makaber-witzigen Anekdote und dem Erzähltabu, dessen Nichteinhaltung Panik zur Folge hatte?« Ja, auch die Autorin erlebt es: »Ich will etwas erzählen und darf es nicht.« Ihrer Mutter zuliebe hat sie lange geschwiegen.

Ich bin froh, dass sie nun – nach deren Tod – doch darüber geschrieben hat. Ihr Buch stimmt nachdenklich. Und versöhnlich. Trotz allem Schrecken.


Susanne Fritz
Wie kommt der Krieg ins Kind
Wallstein Verlag
€ 20,00 (D) | € 20,60 (A)
268 S., geb., Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8353-3244-7 (2018)
eBook: 978-3-8353-4244-6 (2018)