Die Sucht nach dem ersten Mal

Zurzeit verdichten sich alle Fäden, die ich in die Hand nehme, zu einer einzigen Decke, die ich hier mangels besserer Idee meine Heimatdecke nennen will. Auf der Reise zum einsamen Gehöft, von wo aus ich mit Irgendlink morgen nach Boulogne-sur-Mer weiterfahren werde, sprudelten nur so die Ideen, was Heimat für mich ist. Und was nicht. Mit der Wahl des Themas „heimatlos“ als neues Zyklus-Thema auf Pixartix, dem Bilderblog, haben wir in mir drin wahrlich eine kleine Dominobahn losgestoßen.

Einer der vielen Fäden meiner Heimatdecke ist der eben fertig gelesene neue Roman von Linus Reichlin. Das Leuchten in der Ferne.

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Reichlin gehört seit ein paar Jahren zu jenen Autoren, von denen ich neu erscheinende Bücher unbesehen kaufe. Ich gestehe, dass ich zuerst leer geschluckt habe, als das Buch ausgepackt vor mir auf dem Tisch lag. Ich hatte gehofft, eine weitere Geschichte aus dem Leben des Ex-Polizisten Jensen zu lesen, der mir in den ersten drei Reichlin-Büchern ans Herz gewachsen ist. Doppelt enttäuscht war ich, als ich auf dem Umschlag von Afghanistan, Taliban und Krieg las. Oh weh, ein Kriegsbuch, dachte ich. Doch ich dachte mal wieder zu kurz. Denn, obwohl es zumindest übergeordnet um Krieg geht, geht es noch viel mehr um Heimat und Sehnsucht. Es geht um die S(ehns)ucht nach dem Thrill, um die Sucht nach dem ersten Mal, nach neuen Erfahrungen, nach Ausnahmezuständen, nach Abenteuer. Diese Süchte treiben den Kriegsreporter Martens immer wieder in die Welt hinaus, wo er schon fast alles, alles Schreckliche zumindest, miterlebt hat. Nein, in seiner Berliner Wohnung in Neukölln fühlt er sich nicht zu Hause. Er liebt das Unvorhersehbare. Der Stadtalltag ist ihm fremd, er findet alles, was sich mehr als einmal wiederholt, langweilig, und kann nicht verstehen, warum die meisten Menschen dieses Leben der Repetition ertragen oder gar mögen. Er ist sich bewusst, wie arrogant seine Haltung wirken kann und erträgt es oft genug selbst kaum, dass er so tickt.

„Die Kollegen, die Artikel gehen den Fluglärm schrieben, taten das Ihre, um die Welt ruhiger zu machen oder gerechter, was auch immer. Man tat sich keinen Gefallen, wenn man das gering schätzte, und vor allem nicht, wenn man andererseits die Gefahren verkannte, die der Kontakt mit dem Ungewöhnlichen, dem Schrecklichen mit sich brachte. Das Schreckliche verändert den Maßstab für die Bedeutung der Dinge. Alles, was weniger schrecklich war, wurde auch als weniger bedeutend empfunden, manchmal selbst die Liebe und das Vertrauen. Das Schreckliche nahm für sich in Anspruch, das einzig Bedeutsame zu sein, alles andere wurde als Vergleich dazu banal herabgestuft. Wenn man dem nachgab, war man verloren, es war der erste Schritt in die Obsession, in die arrogante Geringschätzung des Alltagslebens und der Arbeit der Anderen.
Fluglärm war wichtig.“ (Zitat S. 22)

Martens lernt auf dem Bürgeramt Miriam Khalili kennen. Schon bald bittet sie ihn um einen grossen Gefallen. Er soll mit ihr, der Fotografin, nach Afghanistan reisen, um dort eine junge Frau, die als Junge verkleidet aufgewachsen ist und heimlich unter den kriegerischen Taliban lebt, kennenzulernen und zu interviewen. Martens‘ Abenteuerlust ist geweckt. Er kann den Chefredakteur des Wochenspiegels überzeugen und bekommt einen großen Vorschuss. Die beiden reisen zusammen mit deutschen Soldaten nach Afghanistan, verlassen schon bald heimlich das Militärcamp in Feyzabad und treffen ihren Kontaktmann. Martens beginnt an Miriams Geschichte zu zweifeln. Als sie sich näher gekommen sind, gesteht sie ihm, dass sie seine Hilfe und den Vorschuss braucht, um einen Entführten freizukaufen. Die Geschichte hätte mit der Lösegeldübergabe enden können, doch die Talibangruppe wird in der Nacht vor der Freilassung von amerikanischen Fliegern beschossen. Um Miriam und den Entführten aus der Schusslinie zu bekommen, stellt sich Martens als Spion und Sündenbock hin und verspricht für sich, bei Freilassung, ein hohes Lösegeld.

Was sich bei dieser sehr unvollständigen Kürzestfassung wie ein Groschenroman anhört, offenbart sich beim Lesen als vielschichtige Gesellschaftsabrechnung. Sprachlich schöpft Reichlin streckenweise metaphernreich aus dem Vollen, nur um andernorts mit minimalen Bildern, Schnappschüssen gleich, zu zeigen, was Sache ist. Reichlin pflegt eine raffinierte, dichte Erzählweise, die dennoch nie konstruiert, sondern authentisch und unmittelbar bei mir ankommt.

Auch gelingt es Reichlin, ohne zu moralisieren, meine Denkmuster in Frage zu stellen. Er stellt meine Klischees auf den Kopf und bringt mich dazu, die Welt, das Leben, Mann und Frau für einmal aus der Sicht von Taliban zu betrachten, ohne dabei deren Leben und deren Grundhaltung zu bewerten oder gar zu schönen.

Martens, der in seinem Leben viel Schreckliches gesehen und erlebt hat und von gewissen alten Bildern wieder und wieder heimgesucht wird, lebt nun zum ersten Mal auf der andern Seite. Als Journalist war die Hotelbar immer der Ort, wo sich die Welten schieden. Hier die Journalisten, dort die Menschen, über die er schrieb. Nun, für die unbestimmte Zeit von vier Monaten auf der andern Seite, verändert sich seine Welt so grundsätzlich, dass er nach seiner Rückkehr in Berlin …

Aber halt, mehr darf ich nun wirklich nicht verraten.

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Damals, im Sommer …

Endlich ist es Frühling. Hier jedenfalls. Zögerlich erst. Der kühle Wind und die trotz Sonne kühlen Temperaturen verstärken meine Sommersehnsucht nur umso mehr.

Sommer ist für mich draußen sein. Ist Wald, ist schwimmen im See, ist Sonne am blauen Himmel, ist abends am Feuer sitzen und viel weniger Textilien auf dem Leib (keine Schals, Mützen, Stirnbänder, Handschuhe, keine warmen Schuhe, keine langen Unterhosen …). Sommer ist Salate, ist unterwegs sein, ist Lachen … Wieso im Sommer mehr gelacht wird? Bestimmt hat das mit der Sonne zu tun, die sich doch sehr direkt auf die Laune auswirkt.

Teil 1 meiner heutigen Buchbesprechung
Sommer kann aber auch ganz anders sein. Im jüdischen Viertel in Newark, es war im Sommer 1944, war die Hitze schier unerträglich. Seit Wochen über dreißig Grad und auch nachts kaum Abkühlung. Und genau hier fängt das Buch, das ich vorstelle an. Es wird in erster Person Singular erzählt. Die Erzählstimme gehört einem der zwölfjährigen Jungs, die ihren Sommer, mangels Ferienhaus am Meer, in der Stadt verbringen. Zwei Monate Schulferien. Was kann man da schon anderes tun, als, sich mit den andern Jungs täglich auf dem Sportplatz zu treffen und Baseball zu spielen? Trotz der Hitze. Dass es dafür eine Aufsicht braucht, ist den Schulen und der Stadtregierung klar. Der Junglehrer Bucky, 23 Jahre alt und wegen seiner starken Kurzsichtigkeit ausgemustert, übernimmt den Job gerne und mit größter Hingabe – er ist außerdem auf jeden Cent angewiesen. Aus armem Haus stammend lebt er mit seiner Großmutter, seiner letzten Verwandten, in einer winzigen alten Wohnung und spart für einen neuen Ofen. Auf dem Sportplatz bringt er den Jungs Werte wie Zähigkeit, Fairness, Ausdauer, Technik und die Notwendigkeit. Immer wieder Pausen einzulegen bei. Seine Freundin Marcia, Tochter eines Arztes und aus besserem Haus stammend, verbringt ihrem Sommer in einem Camp außerhalb der Stadt. in den Bergen Pennsylvanias. Die beiden vermissen sich sehr und telefonieren regelmäßig.

Die Geschichte beginnt damit, dass wir von vereinzelten Poliofällen in andern Quartieren Newarks erfahren, doch schon bald rückt die Epidemie näher. Da damals die Ursachen für Kinderlähmung noch weitestgehend unbekannt waren, konnte nicht wirklich effizient gegen diese schreckliche Krankheit und ihre Ursachen vorgegangen werden. Und natürlich gab auch gerade diese Unwissenheit allen möglichen Theorien zu Ansteckungswegen Vorschub. Als die ersten beiden Buben aus seiner Gruppe sterben, erträgt Bucky es kaum. Er besucht die Hinterbliebenen und fängt bei der Trauerfeier damit an, seinen Gott der Liebe zu hassen. Wie kann ein guter Gott so etwas schreckliches wie Krankheiten, wie diese Krankheit im speziellen, die Kinder umbringt oder zu Krüppeln macht, zulassen, erschaffen gar? Seine Fragen und Zweifel wachsen stetig, auch die Selbstvorwürfe, die vagen Schuldgefühle, die Frage, was er ändern, verbessern könnte.

Teil 2
Je weiter der Sommer fortschreitet, desto mehr Jungs werden krank. Bucky fühlt sich zusehends hilfloser, und als ihn Marcia überredet, den Job zu schmeißen und zu ihr ins Camp zu kommen, weil einer der Leiter in den Krieg eingezogen worden ist, lässt er sich – zwar gegen seine Gefühle – überreden, zu ihr zu fahren. Seine Großmutter überlässt er der Obhut lieber Nachbarn. Trotzdem fühlt er sich sehr gespalten. Seine Kündigung erscheint ihm wie Fahnenflucht und er fühlt sich wie der größte Feigling dieser Welt.

[Darf ein Mensch sein eigenes Glück, sein eigenes Leben über das Wohlergehen seiner Gesellschaft stellen?, frage ich mich im Fahrwasser von Buckys Gedanken zu seinem Aufbruch in die Berge. Als wäre das Wohlergehen der Gesellschaft von ihm allein abhängig? Ist das denn nicht maßlose Selbstüberschätzung? Und wie sieht es mit der Verantwortung für die allfälligen Konsequenzen aus, wenn wir uns für unser Glück entscheiden?]

Bucky schämt sich seiner Tat. Schon in der ersten Nacht beschließt er, zurückzufahren, sich der Stadt und den Aufgaben, vor denen er davongelaufen zu sein glaubt, zu stellen.

Er muss dorthin, wo er gebraucht wird. Er muss zurück, um sich wieder in die Augen schauen zu können.

[Ich frage mich, ob nicht beides einzig der Aufrechterhaltung des eigenen Selbstbildes – nenn es Egoismus – dient, oder könnte gar Altruismus so aussehen?]

Bucky bleibt im Camp und genießt mit äußerst ambivalenten Gefühlen die Arbeit mit den Jungs, den Schwimmunterricht, die nächtlichen Ausflüge im Kanu mit Marcia auf eine kleine lauschige Insel … Er genießt vordergründig diese beinahe paradiesische Welt, die er noch nie zuvor erlebt hat, derweil in seinem Kopf Peiniger am Werk sind, Ankläger, die aufs Gröbste auf sein Gewissen einreden.

Nach einer Woche erkrankt ein junger Betreuer an Polio. Das Paradies wird zerstört und Bucky ahnt schreckliches. Er lässt sich auf Polio untersuchen und trägt den Erreger tatsächlich mit sich herum. Wie lange schon, lässt sich nicht feststellen. Die Krankheit bricht bei Bucky allerdings erst nach einer Weile aus. Inzwischen sind auch andere, unter anderem Marcias kleine Schwester, im Camp erkrankt und es wird umgehend geschlossen.

Teil 3
1971 | Arnie, einer der jungen Baseballspieler, die damals an Polio erkrankt sind, ist inzwischen Architekt, glücklich verheiratet und hat Kinder. Er hat sich mit dem Leben versöhnt und baut behindertengerechte Häuser – eine boomende Branche in den frühen Siebzigern. Eines Tages erkennt er seinen ehemaligen Lehrer Bucky auf der Straße, woraus sich ein angeregter Austausch entspinnt. Bucky erzählt Arnie seine Geschichte so schonungslos es nur geht. Er lässt nichts aus. Nicht, dass er seine geliebte Marcia nicht geheiratet hat, obwohl sie ihn unbedingt und auch als Krüppel als ihren Mann wollte. Wie naiv! Das hatte er ihr doch nicht antun dürfen. Sie gehörte an die Seite eines gesunden Mannes.

So versagte Bucky sich damals, aus Liebe zu ihr, die Liebe seines Lebens. Glück gibt es in Buckys Welt nur für die andern, schließlich war er doch schuld am Tod seiner Jungs, er war schuld daran, dass sich viele angesteckt und reversible Schäden davongetragen hatten. Er allein …

Die Hölle ist in seinem Kopf. In unseren Köpfen.

Doch Arnie, der Atheist, fordert Bucky, den Gotthasser heraus:
Ist nun Gott schuld oder Sie?, fragt er ihn zum Beispiel sinngemäß. Manchmal klagen Sie darüber, dass Gott nicht Liebe sein kann, wenn er diese Krankheit geschaffen hat. Er habe an allem Schuld, sagen Sie. Dann wieder, dass allein Sie schuldig sind …

Buckys Verhalten – sein Hader, seine Fragen, seine Anklagen, seinen Blick auf das Leid der Welt und die Bürde, die er sich aufgeladen hat, um alle andern reinzuwaschen – ist mir nicht fremd. Seine Bitterkeit macht mich betroffen und ich kann sie nachvollziehen.

Selbstanklage entspringt einer Allmachtsphantasie, blitzt es durch mein Hirn. Die Schuld, das Leid, den Schmerz der Welt zu tragen, kann niemand (nein, auch Jesus nicht). Weil alles ganz anders zusammenhängt, anders als wir denken, ahnen, spüren, wissen, zu wissen meinen. Und ich, nein, ich weiß es natürlich auch nicht. Und nein, ich wage keine Spekulationen. Aber an Gerechtigkeit glauben, nein, das kann ich schon lange nicht mehr – nicht an die von uns definierte und erhoffte jedenfalls. Doch ob der Weg, für den sich Bucky entschieden hat, dieser Weg der Selbstbestrafung, wirklich das Wahre ist? Und wie ist das gleich mit Schuld? Ist eigentlich – um mal die „real-fassbare Schuldfrage“ abhaken zu können – die Ansteckung dieser vielen erkrankten und gestorbenen Menschen wirklich auf den noch nicht ausgebrochenen Virus in Buckys Körper zurückzuführen? War er nicht einfach einer der vielen, die infiziert worden sind? Die Inkubationszeit ist ja bei Polio sehr unterschiedlich und es gibt immer wieder Träger ohne Symptome – er ist also gewiss nicht der Einzige, bei dem die Krankheit erst verzögert ausgebrochen ist. Für Argumente wie diese ist Bucky allerdings nicht empfänglich. Wie auch, es hätte ja sein destruktives Selbstbild zerstört. Und sein ganzes Selbstbestrafungskonzept wäre sinnlos geworden …

Wie gesagt, an Gerechtigkeit mag ich nicht mehr glauben. Nicht an menschliche jedenfalls, nicht an irdische. Aber wer weiß …? Ob wohl deshalb das von mir vorgestellte Buch den Namen einer griechischen Göttin trägt, jener, die für Gerechtigkeit und Rache verantwortlich ist? Und der Autor, wer kennt ihn?

>>> Bitte im Kommentar nur Andeutungen auf die Antworten machen. Lösungen gerne per Mail an mich, damit möglichst viele mitraten können … Ich verlose mal wieder eine kleine Überraschung … <<<

Rupert oder warum wir sehen, was wir wollen

Neulich habe ich den fünften Band der Galaxis-Trilogie von Doug Adams in die Finger bekommen und verschlungen. Das letzte Buch der Serie: Einmal Rupert und zurück. Das erste habe ich schon vor einiger Zeit gelesen und die drei mittendrin noch gar nicht. Was ich aber sicher nachholen werde.

douglas-adams-einmal-rupert-und-zuruck

Nein, warum Doug Adams‘ Bücher Kult sind, muss nicht erklärt werden, nur warum ich diese Geschichten so mag. Mich begeistert die geniale Mischung aus traditionellem englischem Lebensstil inklusive dazugehörigem knochentrockenem Humor, einem großen Quäntchen Lebensweisheit und diesem genial-schrägen Mix voller Außerirdikum. Einem sehr schrägen Mix, der mir außerordentlich gut gefällt – und das mir, die ich mit dem üblichen Sciencefiction-Kram sonst nichts am Hut habe.

Arthur Dent sucht im ersten Drittel des 5. Buches mal wieder seinen verschollenen Heimatplaneten und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Universum durch. Er landet schließlich auf einem der Erde ähnlichen Planeten, wo er, so verheißt es der Reiseprospekt, bei einem der vielen Weisen seinen persönlichen Ratschlag erhalten kann. Er findet nach einiger Suche eine alte Frau, die in einer stinkenden Höhle lebt und sich mit Fliegenklatschen die Zeit vertreibt. Alles stinkt und wäre Arthur nicht so sehr auf einen Tipp angewiesen, wie er den Rest seines Lebens irgendwie und irgendwo gut und sinnvoll leben kann, hätte er wohl aufgegeben. Er spricht sie zögerlich an. Sie bittet ihn – im Gegenzug für einen Ratschlag – darum, ihr dabei zu helfen, ihren Solardrucker aus der Höhle an die Sonne zu tragen. Danach druckt sie einen längeren Text für ihn aus und überreicht ihm diesen.

„Das wäre, ähm, wäre dann ihr Rat, ja?“, sagte Arthur, unsicher in den Kopien blätternd.
„Nein“, sagte die alte Dame. „Das ist meine Lebensgeschichte. Um die Qualität irgendwelcher Ratschläge, die man von irgendwem kriegt, richtig beurteilen zu können, muss man nämliche wissen, wie der Lebenslauf des Ratgebers aussieht. Also, beim Durchblättern dieser Unterlagen werden Sie sehen, dass ich alle bedeutenden Entscheidungen unterstrichen habe, um sie hervorzuheben. Sind außerdem alle in einem eigenen Verzeichnis ausgeführt und mit Kreuzverweisen versehen. Sehen Sie? Und ich rate Ihnen grundsätzlich nur Entscheidungen zu treffen, die das genaue Gegenteil von denen sind, die ich getroffen habe, weil sie dann wahrscheinlich Ihren Lebensabend …“ Sie verstummte kurz und füllt ihre Lungen mit Luft, um ordentlich brüllen zu können. „… nicht in einer stinkenden alten Höhle wie der hier verbringen müssen!“

(S. 112/113)

Später überlebt Arthur einen Raumschiffabsturz und wird Sandwichmacher auf einem Planeten, der ungefähr dem evolutionären Level unseres Mittelalters entspricht. Eines Tages, Arthur hat sich gut eingelebt, erscheint Trillian, die Weltraumjournalistin, die er bereits im ersten Band kennengelernt hat. Sie stammt ebenfalls von der verschwundenen Erde und bringt ihm, aus Sicherheitsgründen, ihre gemeinsame Tochter, von der Arthur Dent keine Ahnung hatte. Wie auch, denn das Mädchen hat Trillian mit Samen aus der Samenbank gezeugt, wo Arthur Dent – um seine vielen Raumschifffahrten bezahlen zu können –, argolos Samen hinterlegt hatte. Nun soll er seine Vaterpflichten erfüllen, denn bei ihm ist das Mädchen sicherer als bei der immer reisenden Mutter. Natürlich ist es dem Teeniegirl Random, von ihrer Mutter verlassen worden und bisher an Space und Speed gewohnt, im mittelalterlichen Dorf sehr bald langweilig. Eines Tages findet sie ein Paket, das ihr Vater Arthur für seinen alten Kumpel Prefect Ford aufbewahren soll. Sie packt es heimlich aus und findet darin eine neue, von den Vogonen hergestellte und manipulierte Version des guten alten interaktiven Reiseführers durch die Galaxis, den wir bereits im Band 1 kennenlernten. Der neue Führer manifestiert sich als allmächtiger Vogel. Hören wir doch einfach einmal zu, wie die beiden nachts in einer abgelegenen Höhle miteinander diskutieren. Es regnet und der Vogel-Führer lässt Licht in die Tropfen strahlen.

„Und was siehst du jetzt?“
Das Licht ging aus.
„Nichts.“
„Dabei tue ich genau das gleich wie vorher, nur mit ultraviolettem Licht. Du kannst es nicht sehen.“
„Und was soll das für einen Sinn haben, mir was zu zeigen, was ich nicht sehen kann?“
„Nur den, dir eines begreiflich zu machen, nämlich selbst wenn man etwas sieht, bedeutet das noch keineswegs, dass es auch tatsächlich vorhanden ist. Und wenn man etwas nicht sieht, bedeutet das keineswegs, dass es nicht vorhanden ist. Du siehst lediglich, was deine Sinne dich erkennen lassen.“

S. 204/205

Viel Spaß beim Selbstlesen!

Schatten, Träume und die Wirklichkeit

Aktuell zeige ich auf Sofasophia appt die Welt grad eine kleine Serie zum Thema Schatten und Träume. Guck mal: Wie wirklich ist die Wirklichkeit wirklich?

Passt irgendwie ganz gut zum Buch, das ich aktuell lese: Andreas Eschbach, Ein König für Deutschland. Eschbach erzählt in seinem Politthriller von der Gutgläubigkeit der Stimmbürgerinnen und -bürger in den USA und in Deutschland und wie dank eines manipulierten Programms, das in Wahlcomputern eingebaut worden ist, Deutschland von heute auf morgen wieder zur Monarchie wird.

Zu den ziemlich schrägen Protagonistinnen und Protagonisten gehört eine Gruppe Computerfreaks, des Hackens kundig, die sich mit der Entwicklung und Vermarktung von Phantasyspielen, Onlinegames, Role Playing Games und so weiter beschäftigen. So klischeehaft, dass sie schon wieder glaubwürdig sind. 🙂

Simon betrachtete die Bilder auf dem Schirm, die grob konstruierte Krieger zeigen, angetan mit klobigen Rüstungen, ungeheure Schlagwaffen in den muskulösen Armen.
‚Da wächst eine Generation in einer Periode des Friedens auf, die in der Geschichte ohne Beispiel ist‘, sagt er, ‚und dann haben diese Menschen nichts Besseres zu tun, als sich in eine fiktive Welt zu begeben, in der unablässiger Krieg herrscht. Schon seltsam.‘
‚Das ist nur ein Spiel, Simon‘, sagte Bernd. ‚Fantasie. Den Leuten ist die Realität einfach zu langweilig geworden‘. (Zitat)

Simon Königs unehelicher Sohn Vincent lebt in den USA. Er hat das Programm für den ersten manipulierten Wahlcomputer geschrieben, wenn auch im naiven Glauben es handle sich um einen Prototypen, der die Machbarkeit von Manipulation demonstrieren soll. Alles verselbständigt sich. Die „Bösen“ klauen das Programm und setzen es erfolgreich in Hessen zur Wahlergebnisfälschung ein. Daraufhin wollen die „Guten“ den Schwindel – die Machbarkeit solcher Manipulation – aufdecken. Sie gründen eine monarchistische Partei. Vincents Vater, Professor für Geschichte an einem Gymnasium, soll, wenn alles klappt, der neue König von Deutschland werden. Aber natürlich nur zu Demonstrationsszwecken, wie gesagt.

Was ist Wirklichkeit? Das ist in diesem Buch ein wiederkehrendes Thema. Saugut geschrieben. Wenn man Thriller mit politischen Aspekten und einen Einblick in die Computerwelt mag, ist dieses Buch genau das richtige für lange Winterabende.

Lange Winterabende kann man aber auch in Bern verbringen. Auch Nachmittage. Und auch auf Bahnhöfen. Lesend wartete ich gestern Nacht auf dem Bahnhof Bern auf meinen Zug, der zehn Minuten Verspätung hatte. Weil es zu kalt zum Sitzen oder Stehen war, wandelte ich – wie damals die Nonnen im Kreuzgang ihrer Klöster – mit meinem Buch auf und ab. Las, schielte über den Buchrand um niemanden zu rammen und reiste in der Phantasie nach Stuttgart, wo die Geschichte zurzeit spielt.

Sieben auf einen Streich hatte ich geschlagen. Zuerst ein Besuch auf dem Friedhof. So viel Schnee war hier noch nie. Nicht in den letzten zehn Jahren jedenfalls, seit ich regelmäßig hier zu Gast bin. Nur noch die Kreuze und Steinspitzen schauten heraus, alles andere weiß. Farblos. Trüb.

Mit dem Bus zurück in die Stadt. Ein paar Kleinigkeiten kaufen. Tolle Verkäuferin im Bürohandel, die mir die neue Mine gleich in den Stift einlegt. Tolle Apothekerin, die mir nicht nur Indischen Blasentee abfüllt, sondern ein paar Tipps mitliefert. Wie solche Leute mir doch immer wieder ein Lächeln in die Augen zaubern können!

Am Loebegge treffe ich C. (1), meine ehemalige Hoffrisörin. Was für ein schönes Wiedersehen! Wie wir uns gegenseitig aus unserem aktuellen Leben erzählen, dabei heiße Schokolade schlürfen, lachen und scherzen, begreife ich: Wir kannten unsere Gesichter bisher vor allem über das Spiegelbild. Und das schon viele Jahre.

Später mit meinem Ex-Scheff im Domino. Was für ein tolles Gespräch! Wir brauchen keine fünf Minuten, um die alte Vertrautheit – nach fast zwei Jahren Abstinenz (von einigen Mails abgesehen) – wiederherzustellen. Lachen, mitfühlen, nachfragen, zuhören, erzählen …

Schließlich fahre ich mit dem Tram Richtung Burgernziel und treffe meine Schreibgruppe im Punto. Zwar sind wir heute nur zu dritt, doch die Gespräche sind deswegen nicht weniger spannend. Auch die Arbeit an den Texten macht Spaß. Wir sprudeln förmlich über.

Wie ich Stunden später meine Wohnung aufschließe, ist mir, als wäre ich mindestens zwei Tage weggewesen. Die Zeit, die Zeit … wie wirklich ist sie wirklich?