Ausgelesen #35 | Was ich im Wasser sah von Katharina Köller

Überleben. Das ist für mich die Essenz von Katharina Köllers erstem Roman Was ich im Wasser sah.

Hier geht es ums Überleben der Ich-Erzählerin Klarissa Grill zum einen, ums Überleben einer ganzen Inselgemeinschaft zum anderen. Und es geht darum, dass letztlich alles schwankt. Die ganze Welt.

Das Buchcover zeigt die sich über das ganze Bild ausdehnende Grafik zweier roter Fische. Der untere verschlingt den oberen. Der Hintergrund ist hellblau. Über das ganze Bild sind untereinander in weißer Schrift der Name der Autorin, der Buchtitel und der Name des Verlags zu lesen.
Buchcover

Vor ihrer Brustkrebsoperation hat Klarissa entgegen aller Empfehlungen entschieden, sich keine Silikonbrüste machen zu lassen. Stattdessen lässt sie sich eine Weile später einen Oktopus stechen. Dieses Tier würde es dem Krebs, der sie fast aufgefressen hatte, zeigen. Ihr Oktopus würde sie schützen und sie daran erinnern, dass sie überlebt hat. Mehr schlecht als recht schlägt sie sich – nach der Operation noch immer rekonvaleszent und depressiv – als Imbissverkäuferin auf dem Festland durch. Angestellt bei SUNFISH steht sie tagtäglich in ihrer Filiale und verkauft Burger und Cola.

Wer ist sie denn überhaupt noch, jetzt, so ohne Brüste? Ist sie noch die Filmerin, die Künstlerin von früher? ist sie überhaupt noch Frau oder eher Un-Frau? Sie beschließt, sich nichts mehr wegnehmen zu lassen, sich keine fremden Realitäten aufpropfen zu lassen und sich immer bewusst zu sein, dass sie eine Überlebende ist.

Eines Abends erwartet sie ihr Bruder vor dem Laden. Lange hat sie ihn nicht mehr gesehen, lange war sie nicht mehr zuhause, auf der Insel. Lange hat sie ihre Familie gemieden. Bill kommt mit schlechten Nachrichten, was Klarissa dazu bewegt, mit Bill in ihre WG zu gehen, ihre Sachen zu packen und ihn nach Hause zu begleiten. Auf ihre Insel.

»Nun kehrt sie zurück – zurück zur ’Schwankenden Weltkugel’, dem Gasthaus auf der Klippe, zurück zu ihrem Vater, dem wortkargen Meister der Fischkunst, zu ihrem gutherzigen Bruder Bill und ihrer Schwester Irina, die an jenem Tag zu ihnen stieß, als Klarissa fast im Meer ertrank. Irina, dieses seltsam-schöne Mädchen mit den kalten Fingern und goldenen Augen, von dem niemand weiß, woher es kam. Doch die Insel hat sich verändert: Fischerboote und Fischmarkt liegen brach, hoch in der Luft rotieren gläserne Windräder, und am Boden tummeln sich zeckenartige, metallene Gebilde, deren Funktion strengster Geheimhaltung unterliegt. Dann aber werden die Inselbewohner vom Großkonzern STARFISH, der über die Insel herrscht und als Vorreiter grüner Energie gilt, aus ihren Wohnungen verdrängt, der Pachtvertrag der ’Schwankenden Weltkugel’ aufgekündigt, und in ihrer Schwester gehen rätselhafte Veränderungen vor«

Quelle: Klappentext (FVA)

STARFISH verändert die Insel und ihre Menschen. Warum erzählt Bob, ein alter Kumpel, nichts von seiner geheimen Arbeit für STARFISH? Und warum darf Klarissa dort nicht filmen?

Klarissa erzählt in Rückblicken aus ihrer Kindheit und es wird bald klar, dass ihre Schwester Irina in dieser Geschichte die zweite Hauptrolle spielt. Die beiden verbindet eine tiefe Liebe, die immer kurz davor steht, erneut verloren zu gehen. Wie damals, als Klarissa mit ihrem heutigen Ex-Freund Robin zusammen auf die Insel gekommen war.

Köllers Sprache ist sinnlich und nüchtern zugleich. Die von ihr erzählten Ereignisse finden überall statt. Jetzt. Immer. Obwohl Köllers Figuren letztlich allesamt universelle Archetypen sind, versinkt ihre Erzählung niemals in Verallgemeinerungen. Die ganze Geschichte lässt sich als Metapher lesen, ist gleichsam eine Art surreales Märchen für Erwachsene und die Insel dient als universelles Mikrokosmos und ist letztlich eine weitere Hauptperson in dieser Geschichte.

Klarissas Welt ist ebenso surrealistisch wie alltäglich, wirklich wie unwirklich. Und bestimmt ist es nicht zufällig, dass Katharina Köllers Roman den Titel eines Bildes von Frida Kahlo trägt. Die Kahlo hatte es 1938 gemalt, als ihre Ehe mit Rivera in Auflösung begriffen war.

Und um Auflösung geht es auch in Klarissas Leben. Was war, löst sich auf und macht Neuem Platz. Neuen Beziehungsansätzen, neuen Perspektiven. Und neuen Verlustängsten. Alles was ist, kommt auf den Prüfstand.

Zwischen ihre Alltagserzählung schiebt Klarissa zehn nummerierte Texte in kursiver Schrift mit der Überschrift Was ich im Wasser sah ein. In diesen Texten geht es um Irina, um dieses Wesen, das aus dem Meer gekommen ist. Dieses Wasserwesen, diese unzähmbare Frau, die sich schließlich doch zähmen lässt und sich ab da immer mehr aufzulösen beginnt. (Hier drängen sich mir im Rückblick Verbindungen zu Andersens Meerjungfrau auf.)

Bei Köller geht es jedoch um mehr als nur um die fragilen Beziehungen zwischen ihren Figuren, um mehr als enttäuschte Freundschaft, verratene Ideale und unmögliche Liebe. Es geht auch und vor allem um das Wesen der Natur, um die Erkenntnis, dass es Wesen gibt, deren Mund zugleich ihr After ist, und die darum ihre Beute verschlingen können, indem sie sich selbst umstülpen. Wieder so ein Bild, das nachhallt.

Es wird klar, dass Unglück, das der Natur angetan worden ist, sich letztlich nicht ungeschehen machen lässt. In der Verantwortung stehen allerdings nicht nur die Täter:innen, sondern auch die Mitwissenden. Gift verströmt unsichtbar. Aber nicht unmerklich …

»Denn die Schachtel, die eine Büchse der Pandora war, die man aufmachen, aber nie wieder schließen konnte, trieb im Hafen und verstrahlte die Insel mit unglücklicher Liebe.« (S. 252)

Klarissas Alltagsdinge spiegeln die globalen Dinge. Das Große im Kleinen.

Schließlich spitzen sich die Ereignisse zu und auf einmal geht es um Leben und Tod. Um das Überleben. Und genau darum geht es letztlich immer.

Katharina Köllers Buch hat mich von der ersten Seite an berührt. Ich mag die Bildkraft und Sinnlichkeit ihrer Sprache, aber ich mag auch ihre Figuren und deren Vielschichtigkeit und Tiefenschärfe. Aus Klarissas Sicht erzählt, deren Blick der einer Filmerin ist, bekommen solche erzählerischen Qualitäten einen Doppelsinn. Kurz gesagt hat mich diese Erzählung von Anfang bis Ende überzeugt und ich empfehle sie herzlich zum Lesen.

Herzliches Dankeschön an die Autorin und die Frankfurter Verlangsanstalt für die aufwühlenden Lesestunden mit diesem Rezensionsexemplar.


FVA
320 Seiten
September 2020
Hardcover
ISBN 9783627002794
22,00 *
E-Book
ISBN 9783627022891
14,99 €

Ausgelesen #34 | Hope Hill Drive von Garry Disher

Ein Buch wie ein Song. Blues. Rock. Garry Disher ist ein Meister des Fading wie wir es aus der Musik kennen, denke ich, als ich das Buch zuklappe. Das Buch hört so leise auf, wie es angefangen hat.

In der unteren Bildhälfte ist die Stirnseite eines alten einstöckigen Gibelhauses zu sehen. Die Fassade desselben besteht aus zusammengestückelten ausgebleichten rotbraunen Holzflächen. Die zwei Fenster im Erdgeschoss sind zugemauert. Darüber, am blauen Himmel, stehen in schwarzer Schrift der Autorname, darunter in roter Schrift der Buchtitel und kleiner geschrieben das Wort Kriminalroman. Unter rechts der Name des Verlags.
Buchcover

Hochsommer. Das Land seufzt unter der Hitze. Ein Provinzpolizist, der eben noch bei einem Farmhaus, wo Brand gelegt und Kupferdraht gestohlen wurde, bei Feuerlöscharbeiten geholfen hat, findet auf dem Rückweg zum Revier einen abgemagerten Hund, auf den eine aktuelle Vermisstenmeldung passt. (Hier sich im Hintergrund ein einsames Saxophon vorstellen.)

Alltag im australischen Outback, wie ihn Paul Hirschhausen, von allen Hirsch genannt, kennt. Er mag seine neuen Aufgaben und geht ihnen mit einem herzlichen Engagement nach. Disher zeichnet seine Hauptfigur als unspektakulären Alltagsmenschen, was mir diesen sofort sehr sympathisch macht. Grummelige Superhelden ohne Privatleben gibt es schließlich genug. Wobei: Pauls Privatleben kommt in diesen zwei Wochen, von denen hier erzählt wird, auch eher zu kurz. Er muss sogar auf die eigentlich freien Weihnachtstage mit seiner Freundin Wendy und deren halbwüchsiger Tochter Katie verzichten. Zwischendurch sehen sie sich zwar, doch so richtig erholsam sind diese Tage nicht.

Der kleine Ort Tiverton bereitet sich auf das alljährliche Santa Claus-Event vor, bei dem diesmal Paul als offiziell gewählter Santa Claus hoch zu Ross allen Kindern Geschenke verteilen darf. Zugleich soll er, als Chef der örtlichen Polizeistelle, die Hausbesitzer:innen mit der schönsten Weihnachtsbeleuchtung küren.

Langsam bekomme ich als Leserin einen Blick und ein Gespür für den Ort, für die Menschen, für die Energie, die diesen Landstrich beherrscht. Zänkereien, Neid, psychische Krankheiten, Drogen und häusliche Gewalt gibt es auch in diesem Irgendwo im Nirgendwo. Hirsch gelingt es mit seiner empathischen und klaren Art, zu deeskalieren. Jedenfalls fast immer. Und fast immer sieht er, wenn die Menschen, die abdriften, einsichtig sind, von Strafverfolgung ab. So auch bei einer jungen Frau, deren Kind im geschlossenen Auto fast einen Hitzschlag erlitt, weil diese eine Minute zu lange für eine Besorgung gebraucht hatte.

Langsam nimmt die Lautstärke zu, der Rhythmus wird härter und schneller, der Sound wird dichter, und auf einmal findet sich Hirsch inmitten vieler einzelner Verbrechen, die so gar nicht an diesen Ort passen wollen. Tot gestochene Pferde zum einen, zum anderen zwei Leichen und zwei Mädchen auf der Flucht.

Verstärkung aus Sydney trifft ein und gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus den nächstliegenden Revieren gilt es die einzelnen Fälle aufzuklären. Weil Hirsch die Menschen hier am besten kennt, wird er – trotz seines niedrigen Rangs – immer wieder als Schlüsselfigur einbezogen. Und er ist es denn auch, der am Ende die Fäden aufdröselt und das Fade-Out schafft.

Auf einer Metaebene der Geschichte liest Paul immer wieder in einem alten Tagebuch, das er in der Schublade seines neuen Arbeitsplatzes gefunden hat. Das Tagebuch erzählt die Geschichte der Kolonialisierung Australiens aus der Sicht weißer Einwanderer, die den Anspruch hatten, sich alles zu unterwerfen. Ich höre ein Bassgitarre-Solo. Gestern und heute verweben sich in Hirschs Gedanken.

Jedes Dorf hat seine Gwynnes und seine Flanns, dennoch lässt sich Disher nicht auf stereotypisches Wiederholen von Klischees ein und selbst Nebenfiguren zeichnet er mit deutlicher Tiefenschärfe. Ich habe mich von Dishers Komposition mitreißen lassen und das Buch geradezu verschlungen.

Die bildhafte, sinnliche, unaufgeregte Sprache Garry Dishers hat mein Kopfkino inspiriert. Der Stoff eignet sich für eine Krimi-Serie, eine Mini-Serie, denn an Fäden, die es aufzuklären gilt, mangelt es nicht. Sogar den Soundtrack kann ich bereits hören.

Ich bedanke mich herzlich beim Autor und beim Team des Unionsverlages für die anregenden Lesestunden mit diesem Rezensionsexemplar.


Unionsverlag
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Erschienen im September 2020
Hardcover, 336 Seiten
€ 22.00, FR 30.00, €[A] 22.70
Gebunden
ISBN 978-3-293-00563-1
E-Book
€ 18.99
ISBN 978-3-293-31093-3 (EPUB)
ISBN 978-3-293-41093-0 (Kindle)
ISBN 978-3-293-61093-4 (Apple)

Ausgelesen #33 | Tagebuch meines Verschwindens von Camilla Grebe

Alles fängt mit einem Skelett an, das Jugendliche vor zwölf Jahren an einer Geröllhalde gefunden haben. Es ist das Skelett eines kleinen Mädchens. Eine dieser Jugendlichen ist die heutige Polizistin Malin, die inzwischen vom Fundort weggezogen ist. Sie wird zurück nach Ormberg geholt, als die für Ormberg zuständige Polizeistelle diesen alte Fall neu bearbeiten will. Auch Hanne und ihr Partner Peter, ein Ermittler der Stockholmer Kriminalpolizei werden an Bord geholt, da sie neulich bei der Aufklärung einer Mordserie so erfolgreich waren. Und wo Peter ist, darf natürlich auch Manfred nicht fehlen, ein guter Arbeitskollegen und Freund der beiden. Der junge Polizist Andreas vervollständigt schließlich das Cold Case-Team.

Buchcover zeigt vor schwarzem Hintergrund in der unteren Bildhälfte eine Frauenhand, die ein Medaillon umschließt. Darüber in großen goldenen Großbuchstaben der Autorinname und darunter in weißer Schrift der Buchtitel. Das Verlagssymbol am weiß auf rot am linken Bildrand.
Buchcover

Demenz, Rassismus in vielen Schattierungen, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Mobbing, Transgender. In der Tat ziemlich viele brisante Themen, die in diesem vielseitigen Roman behandelt werden. In einem Roman allerdings, der unter dem Untertitel den Hinweis Psychothriller trägt. Themen, die inzwischen alltäglich geworden sind.

Schon im ersten Band der Geschichte – Wenn das Eis bricht – ist mir die Psychologin Hanne, die der Stockholmer Polizei zuweilen als Profilerin zur Verfügung steht, ans Herz gewachsen. Noch stand sie im ersten Teil am Anfang ihrer fortschreitenden Demenz, im zweiten Band ist die Krankheit bereits umfassender, einschneidender und deutlich sichtbarer.

In ihrem zweiten Band – Tagebuch meines Verschwindens – lässt die Autorin Camilla Grebe erneut mehrere Ich-Erzähler:innen zu Wort kommen. Zum einen hören wir Jake, einem fünfzehnjährigen Jungen, zu, der gern Frauenkleider trägt, zum andern Malin, der erwähnten jungen Polizistin. Hannes Stimme hören wir aus ihrem Tagebuch und in einigen aus ihrer Sicht erzählten Kapiteln.

Hanne und Peter befinden sich auf Grönland, wo sie sich gemeinsam – vor dem vollständigen Verlust von Hannes Erinnerungen – deren alten Reiseraum erfüllen, als sie ins Cold Cases-Ermittlungsteam nach Ormberg gebeten werden.

Es ist Ende November, der Anfang eines kalten, schneereichen Winters in der Pampa von Mittelschweden, und die Voraussetzungen, den alten Fall lösen zu können, sind schwierig. Zwar sind die Ermittlungsmöglichkeiten inzwischen fortschrittlicher, doch ist seit dem Skelettfund viel Zeit vergangen.

Jake trifft auf einem seiner seltenen Spaziergänge in Frauenkleidern im Wald auf die vor einer Gefahr flüchtende Hanne, die er schließlich zur Landstraße begleitet, wo sie ein Auto anhalten kann um wegen Unterkühlung und Dehydrierung ins Krankenhaus gebracht zu werden. Sie hat keinerlei Erinnerungen mehr an die letzten zwei Tage. Auch weiß sie nicht, wo Peter abgeblieben ist und warum sie beide überhaupt im Wald gewesen sind.

Jake hat sich, nachdem er Hanne in Sicherheit wusste, im Wald versteckt, denn er möchte nicht in Frauenkleidern gesehen werden. Doch er hat Hannes Tagebuch am Straßenrand gefunden, das ihr aus der Tasche gefallen sein muss, bevor sie in das rettende Auto steigen konnte.

Seit Hanne immer mehr vergisst, ist ihr Tagebuch gleichsam ihr ausgelagertes Hirn. Sie hat es sich angewöhnt, alles akribisch aufzuschreiben, damit sie sich später wieder erinnern kann. Jake liest in den nächsten Tagen alles, was Hanne während der ersten Ermittlungstage erlebt und erkannt hat. Bis zu ihrem Verschwinden also, in der ganzen Zweideutigkeit dieses Wortes. Er weiß, dass er das Tagebuch der Polizei übergeben müsste, doch dann müsste er ja zugeben, dass er jene junge Frau gewesen ist, die die Polizei als Zeugin sucht.

Im Laufe der Geschichte erkennen wir als Lesende, wie sehr die Bevölkerung von Ormberg sich abschottet und Neuem gegenüber verschließt. Geschehnisse, die über fünfundzwanzig Jahre zurückliegen, wurden unter den Teppich gekehrt. Damals verschwanden eine Frau und ein Mädchen aus dem Flüchtlingszentrum, das damals am Ortsrand in einer alten, stillgelegten Fabrik untergebracht war, spurlos. Inzwischen ist das Flüchtlingszentrum wieder aktiviert worden, um Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Sehr zum Unmut der Bevölkerung vom Ormberg, die nach zahlreichen Schließungen von Fabriken durch Abwanderung geschrumpft ist.

Ein erster Erfolg für das Cold Case-Team ist die Identifikation des Mädchens. Es ist das damals verschwundene, wie die DNA seiner Tante offenbart, von seiner Mutter fehlt jedoch noch immer jede Spur.

Während das Ermittlungsteam mit der Unterstützung von anderen Polizeidienststellen weiträumig nach Peter sucht, wird eine weitere Leiche entdeckt. Die einer Frau. Erschossen am Wochenende von Peters Verschwinden. Und wieder ist der Fundort die Geröllhalde, nicht weit von da, wo das Mädchen vor zwölf Jahren gefunden wurde. Wie hängt das alles zusammen, wer ist die grauhaarige Frau, warum liegt sie ausgerechnet dort und wo ist Peter? Von ihm fehlt noch immer jede Spur.

Jake erfährt im Laufe der Geschichte immer mehr über die Hintergründe und gerät schließlich ganz unerwartet auf eine Spur, die letztlich zur Auflösung der Fälle führt, die alle irgendwie zusammenhängen. Den Prozess, den er durchläuft, zeichnet Camilla Grebe ebenso nachvollziehbar und glaubwürdig nach wie den Malins. Zurück in der alten Heimat wird diese mit vielen alten Geschichten konfrontiert und muss einiges aufarbeiten, um endlich herauszufinden, wer sie ist, was sie will und wohin ihr Weg führen könnte.

Auch Hannes Weg ist kein einfacher. Natürlich verläuft jede Krankheit anders und natürlich bin ich zu unerfahren, um mich mit Demenz wirklich auszukennen, doch weil die Schwester der Autorin Psychologin ist und die beiden ja in ihren gemeinsamen Krimis um die Therapeutin Siri Bergmann bereits ihre Kenntnisse über menschlichen Innenwelten offenbart haben, halte ich die Erzählungen über Hannes Krankheit für glaubwürdig.

Die Geschichte verdichtet sich gegen Ende je länger je mehr. Der Ausgang überrascht. Die Aussagen des Täters zu seinen Motiven lassen mit sprachlos zurück und ich verstehe auf einmal, warum der schwedische Originaltitel Haustier lautet.

Der Autorin gelingt, was ich sehr schätze: Sie erzählt eine von Anfang an dichte Geschichte, schreibt gut, flüssig, spannend, orientiert sich jederzeit an ihrem spannenden Plot und dröselt die offenen Fäden bis zum Schluss glaubwürdig auf. Ich mag ihren Schreibstil und hre Herangehensweise an die heiklen Themen dieser Geschichte, die zudem je nach Figur unterschiedlich interpretiert werden und mich zu eigenem Nachdenken inspirieren.

Im Nachwort schreibt Grebe: „Es sind mehr Menschen auf der Flucht als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. […] Mein Ormberg gibt es eigentlich nicht, aber es existiert trotzdem – überall um uns herum. Vielleicht wohnt du in Ormberg, ohne es zu wissen. [… ] Du könntest die sein, die vor Krieg und Hunger geflohen ist, sagt Andreas zu Malin. Und diese schlichte, aber zugleich wichtige Botschaft wollte ich mit diesem Buch vermitteln.“


btb
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Originaltitel: HUSDJURET
Originalverlag: Wahlström & Widstrand
Paperback/Klappenbroschur
608 Seiten
ISBN: 978-3-442-71881-8
Erschienen am 09. September 2019
Leseprobe

Ausgelesen #32 | Die Zukunft nach Corona von Matthias Horx

Angefangen zu lesen habe ich das Post-Corona-Buch des Zukunfsforschers Matthias Horx als George Floyd noch lebte. Nach dessen Tod habe ich es weitergelesen. Der Tod eines Menschen kann den Blick verändern. Die Umstände, unter denen wir ein Buch lesen, wirken sich auf die Leseerfahrung aus und verändern unsere Haltung.

Buchcover des besprochenen Buches. Digital anmutende, hellblaue grafische Linien im Hintergrund, im Vordergrund Autorname, Titel und Untertitel in dunkelrot und schwarz. Ganz unten Verlagsname.
Buchcover

Horx benutzt in seiner Vision von der Zeit nach Corona den Begriff Re-Gnose. Der Rückblick aus der vorgestellten Zukunft sozusagen. Vor zwei Monaten war ich diesbezüglich hoffnungsvoller, heute stelle ich fest, dass sich meine Re-Gnose in den letzten Wochen wieder verdüstert hat.

Höre ich Horx als Leserin zu, tue ich das als weiße Frau, geboren in einem der reichsten Länder der Welt, doch wie würde ich Horx lesen, wenn ich als dunkelhäutige Schweizerin geboren wäre? Und wie als Nigerianerin oder Chilenin? Und wie als Chinesin oder als Inderin? Gedanken, die ich mir in der letzten Zeit immer häufiger stelle. Nicht nur wenn ich ein Buch lese. Würde ich mich in den Szenarien, die der Autor hier entwirft, wiederfinden?

Ich verdanke den letzten Monaten ein wachsendes Bewusstsein für meine Privilegien, für die ich größtenteils nichts kann. Dass ich in einem Land lebe, dass die Verbreitung des Virus im Verhältnis zu anderen Ländern durch einen – wenn auch späten – Lockdown dimmen konnte, ist ein weiteres Privileg.

Am Anfang gefiel mir Horx’ visionäre Kopf-und-Herz-Reise in seine mental-psychische Dimensionen von Krise und Krisenlösungsversuch. Die Ansätze, die er entwirft, wollen Mut machen, die Welt besser zu gestalten. Wie wäre es, wenn ich in einigen Monaten, im Rückblick auf heute, auf April 2020, auf März 2020, lauter heilsame Erfahrungen aufzählen könnte, die von dort aus in die nahe und weitere Zukunft weiterwachsen? Wäre das nicht wunderbar?

Nein, Horx ist kein Phantast. Was er aufzählt, was er in Betracht zieht, wäre durchaus machbar. Theoretisch jedenfalls. Jedenfalls wenn wir Menschen nicht so wären, wie wir Menschen nun mal sind. Und ich glaube, das ist es schließlich auch, was mich immer mehr stört. Oder vielleicht beneide ich ja einfach nur Matthias Horx für seine Fähigkeit, sich die Welt so schön vorstellen zu können? Vielleicht bin ich neidisch darauf, dass jemand noch so viel Hoffnung auf eine bessere Welt haben kann?

Ich bereue es nicht, dieses Buch gelesen zu haben. Einige Gedanken haben mich sehr angesprochen, andere haben mich aufgewühlt, manches kam mir bekannt vor. Zum Beispiel habe ich mich in Horx’ depressiven Freund Ferdinand wiedererkannt. Dieser sei im Lockdown geradezu aufgeblüht.

»Bei Ferdinand hatte die Krise offenbar zwei Effekte gleichzeitig. Das, was er ständig prophezeiht hatte – dass alles zusammenbrechen würde –, war plötzlich Realität. Diesen Stimmigkeitseffekt hat bereits Charlotte Roche, die Autorin von Feuchtgebiete, beschrieben. Sie schilderte in ihrem Blog das Gefühl, in einer Welt aufzuwachen, in der all die Ängste, die man in sich trägt, plötzlich Wirklichkeit geworden sind. Roche hat ein schweres Trauma davongetragen, als ein Teil ihrer Familie bei einem Autounfall ums Leben kam. ’Jetzt ist das, was draußen passiert, im Gleichklang mit drinnen«, beschrieb Roche nun ihr Corona-Gefühl.’« (Zitatende)

Na ja, zwar bin nicht gerade aufgeblüht, aber das Phänomen, das Horx beschreibt, kommt mir doch bekannt vor. Da fürchtet man sich ständig vor Weltuntergängen und dann geht die Welt tatsächlich – jedenfalls gefühlt – ein wenig unter. Und – tada! – wir sind noch da, wir haben es überlebt. Corona-Syndrom nennt Horx das. Innen und außen im Gleichklang nennt es Roche.

Für mich, die ich aus Gründen eh sehr zurückgezogen lebe, fand noch ein weiterer Gleichklang statt, eine Art Angleichung an die Masse, denn auf einmal war mein Lebensstil die Norm. Und ja, das hat sich nicht mal so schlecht angefühlt. Auch die ungewohnte Ruhe da draußen, am Himmel, auf den Straßen, hat mir gefallen.

Wie gesagt: Vieles, was Horx schreibt, ist inspirierend, spannend, mutmachend. Doch da ist eben auch dieser so deutlich im reichen Westen verortete, satte Blick, der mich nicht wirklich davon überzeugt, dass wir Menschen in der Lage zu solch grundlegenden Wandlungen sind. Wir sind zu konsumgewohnt, zu träge, zu satt, zu gierig. »Mit den Schlüssen, die er aus dieser Erkenntnis zieht, bleibt er jedoch in der Mitte wohlhabender Industrienationen, in denen die Menschen sich um ihre innere Entwicklung kümmern können, um einen inneren Sinn fernab von Wachstum und Konsum zu finden. Ein sanfter Wandel, der das System nicht gefährdet,« schreibt auch Elke Engelhardt (hier) über Horx’ Aufsatz.

Selbstverständlich ist Horx’ langes Essay weder Anleitung, noch Prophezeiung noch Lehre, sie ist eine Möglichkeit, ein Versuch, die Welt anders zu sehen. Sie ist ein Spiel mit den Möglichkeiten. Ich lese von viel Hoffnung, viel Vertrauen und vor allem von viel Konjunktiv.

So oder so: Wenn wir etwas verändern wollen, braucht es viel Bewusstsein und den Mut, genau hinzuschauen. Auf uns. Wie wir leben, was wir wollen, wohin die Reise gehen soll.

Herzlichen Dank an den Autor und den Econ-Verlag für die anregenden Lesestunden.


Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona.
Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert.

Econ
Hardcover
144 Seiten
ISBN 978-3-430-21042-3
Erschienen: 29.05.2020
€ 15,00 [D]
€ 15,50 [A]
Fr. 22.90