Ausgelesen II. #7 – Die Analphabetin, die rechnen konnte

Ohne angefangenes Buch fühle ich mich nur als halber Mensch. Die Zeit zwischen zwei Büchern finde ich immer irgendwie schwierig. Wie ohne Krücken, wenn ich den Fuß gebrochen hätte. Oder wie kurz vor einer Zigarette, als ich noch rauchte. Nun habe ich also wieder dieses gefährliche Stadium erreicht, denn heute Nachmittag habe ich die Analphabetin ausgelesen. Was wohl als nächstes kommt? Ortheil?

die-analphabetin-die-rechnen-konnte_coverVon Jonassons erstem Roman hatte ich viel gehört. Wie toll er sei und wie phantastisch. So habe ich mich nun auf diesen seinen zweiten Roman eingelassen und ihn wirklich mit Genuss gelesen. Ja, mit Genuss. Mit viel Genuss sogar. Dennoch auch mit höchst zwiespältigen Gefühlen.
Apartheid, Aufrüstung, Abrüstung und Flucht sind heikle Themen. Jonassons Erzählton ist flapsig, vereinfachend, humorvoll und immer mal wieder sarkastisch. Geht das zusammen – darf man das?

Dennoch – ich mochte die Hauptfigur, das Mädchens Nombeko, von der ersten Minute an. Wie sie allen Widrigkeiten zum Trotz ihr großes Talent für Mathematik lebt und damit immer wieder für Verblüffung und Überraschungen sorgt. Wie sie sich in temporär unabänderliches schicken kann, um dennoch laufend nach Lösungen von Missständen Ausschau zu halten. Und wie sie schließlich in Schweden landet, eine Atombombe, die übrig geblieben ist, im Gepäck und dort dafür sorgt, dass diese Bombe keinen Schaden anrichtet, ist schon verrückt. Und genial. Eine schwarzhäutige Pippi Langstrumpf. Eine Heldin.

Und natürlich ist alles ein Märchen. Und wenn wir das Buch genauso lesen, mit dem Wissen, wie viel Wahres doch in Märchen steckt, ist das Buch wirklich genial. Dass es nur ein Abklatsch seines Vorgängerbuches („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) kann ich nicht bestätigen, weil ich jenes noch nicht gelesen habe. Werde ich aber. Denn mir gefällt Jonassons Sprache. Mir gefällt die Verrücktheit seiner Menschen. Wie alles schief geht und wieder ins Lot kommt. Ein Buch, das trotz aller Ironie, auch viele Denkanstöße gibt. Ein Buch über Fanatismus und was dieser anrichten kann. Und auch ein Buch über grenzenlose Freundschaft.

Ein Video-Interview mit Jonas Jonasson: Hier klicken.

Einen ganz anderen Roman habe ich früher ebenfalls hier vorgestellt und heute erneut aus dem Regal geholt. Einen Roman von Linus Reichlin. Das Leuchten in der Ferne. (Und hier habe ich über das Buch geschrieben.) Dass Reichlin in B. aus diesem Buch vorliest, fünf Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt, habe ich zufällig auf einer Plakatwand gelesen. Die Lesung, eine Matinée, war genial. Sehr gut moderiert, mit interessanten Publikumsfragen gewürzt und dazwischen drei tollen Lesebeiträgen von Reichlin. Wer das Buch noch nicht kannte, hat nur genau so viel darüber erfahren, dass er es lesen will. Und jetzt steht also ein Reichlin mit Widmung und Signatur in meinem Büchergestell … 🙂

Ohne Leine

Ich lasse mich von der Leine. Ich werde darum eine Weile offline sein. Gut so. Ich freue mich drauf. Vielleicht werden die zwei Wochen genügen, damit ich nachher nicht mehr zurück an die Leine, heißt online, gehen will? Wer weiß.

Ferien nennt sich das bei uns in der Schweiz. Urlaub hier in Deutschland, von wo aus wir morgen nordwärts fahren. Nach Süddänemark. Nach Haderslev. Ferien heißt zwei Wochen nicht arbeiten. Zwei Wochen nicht früh aufstehen müssen. Zwei Wochen nicht und nichts müssen. Nur tun, was ich will. Am Manuskript weiterschreiben und -feilen vielleicht. Womöglich mal wieder einige Bilder aufnehmen? Mal sehen.

Nur tun, was wir wollen. Nichts müssen. Nichts sollen. Nicht mal meinen, bloggen zu müssen.

Und mich erholen. Die Migräne gestern Abend war ein deutliches Zeichen meines Körpers. Mich wieder mehr nach innen wenden, soll ich, sagt er mir. Nicht immer rennen. Nicht immer Erwartungen erfüllen. Nicht immer nett sein. Nicht immer die andern zuerst …

Darum habe ich mich heute ruhig verhalten. Erholung und Alleinsein statt mit Irgendlink und den andern der Col Art-Kunst zu frönen. Und ein gutes Buch lesen.

ewigdeincoverEwig Dein habe ich gelesen. Wäre da nicht die Empfehlung Emils gewesen, der zwei Bücher des Autors Daniel Glattauer gelesen und im Blog empfohlen hat, hätte mich der Titel wohl in die Flucht geschlagen.

Im Supermarkt lernt Judith, Mitte dreißig und Single, Hannes kennen. Kurz darauf taucht er in dem edlen kleinen Lampengeschäft auf, das Judith, unterstützt von ihrem Lehrmädchen Bianca, führt. Hannes, Architekt, ledig und in den besten Jahren, ist nicht nur der Traum aller Schwiegermütter – auch Judiths Freunde sind restlos begeistert. Am Anfang empfindet Judith die Liebe, die er ihr entgegenbringt, als Genuss. Doch schon bald fühlt sie sich durch seine intensive Zuwendung erdrückt und eingesperrt. All ihre Versuche, ihn wieder aus ihrem Leben zu kriegen, scheitern – er verfolgt sie sogar bis in ihre Träume …

(Quelle: www.hanser-literaturverlage.de)

Ein Buch, das unter die Haut geht. Eine Geschichte, die ich sicher nicht so schnell wieder vergessen werde. Und eins ist sicher: Sobald ich die andern beiden Bücher von Glattauer in die Finger bekomme, werde ich sie ebenfalls verschlingen. Der Autor versteht es vorzüglich, seine Figuren so dreidimensional, menschlich und glaubwürdig zu malen, dass ich beinahe damit rechne, ihnen auf der Straße zu begegnen.

Auf dem Rückweg von meinem sonnigen Waldspaziergang kann ich darum der Sitzbank nicht wiederstehen, die – von zwei Birken umrankt – mich geradezu nötigt, die letzten Seiten des Buches zu verschlingen. Books are a girl’s best friend!

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LIebe Leserinnen und Leser, ich sage jetzt auf Wiederlesen bis irgendwann im Oktober oder so und winke euch herzlich zu.