Das Ding mit den Codes

Es dauerte lange, bis ich endlich damit anfing, die Welt ein bisschen besser als gar nicht zu verstehen. Länger als bei den meisten, vermute ich. Im Lernen bin ich, was vielleicht erstaunen mag, zuweilen eher langsam. (Schreit das jetzt nach einer Erklärung, weil ich einige von euch murmeln höre, dass sie mich genau gegenteilig einschätzen? Nun denn …)

Ich habe wohl eine schnelle bis sehr schnelle Auffassungsgabe und habe eine sicher ebenso schnelle Wahrnehmungs- und Beobachtunsgabe. Damit ist jedoch ein Inhalt, den ich lernen soll, noch lange nicht decodiert, verstanden und verinnerlicht, was für mich ‚etwas gelernt zu haben‘ heißt.

Eher war es bei mir als Kind und junge Frau so, dass ich meine Umwelt mit all den zu lernenden Dingen − Sachwissen ebenso wie soziales Verhalten − zwar sehr differenziert beobachtete und wahrgenommen hatte, dann aber mit all diesen theoretischen und oft genug abstrakten Inhalten, Beobachtungen und Erkenntnissen nicht weitergekommen bin. Weil ich sie nicht verstand und weil ich nicht wusste, wie ich sie anwenden sollte.

Warum verhielt sich dieser Mensch so, warum sagt jener Mensch das so und so? Was mir sehr lange fehlte, war eine passende Übersetzungsmethode für all diese Dinge zwischen den Zeilen der Zeilen. Ironie zum Beispiel verstand ich sehr lange nicht. Oder jedenfalls nur theoretisch. Darüber lachen oder grinsen konnten ich jedenfalls nicht. Wohl verstand ich die einzelnen Wörter, doch im Kontext, in dem sie standen, um ihren ironische Wirkung zu entfalten, bedeuteten sie mir nichts.

Fast alles auf dieser Welt ist irgendwie codiert, vielleicht von einem Kinderlächeln mal abgesehen. Jede Nation, jede Gesellschaft, jede Gruppe hat ihre Codes. Die meisten Menschen werden sehr früh in ihre spezifischen Codes eingeführt (»Guck, so musst du das machen!«) oder haben zumindest irgendwo in ihrer Werkzeugkiste jene Fähigkeit, die mir fehlt, diese Codes zu entschlüsseln. Manche lernen sie vermutlich einfach durch abschauen und nachahmen. Ich war wohl so um die dreizehn oder vierzehn, als ich langsam anfing, dazuzugehören, weil ich endlich die sozialen Codes zu imitieren gelernt hatte. Sie mir zu eigen machen, gelang mir allerdings nie wirklich. Jedenfalls nur sehr punktuell.

Weil, nun ja, weil ich Codes bis heute misstraue. Alles, was der Anpassung an eine Mehrheit dient, ist mir suspekt, weil es impliziert, dass eine Mehrheit ‚richtig‘ denkt und dass dieses Dazugehören wichtig ist. Doch wozu zum Beispiel soll es gut sein, dass alle die gleiche Art Schuhe und Frisuren tragen oder die gleichen Redewendungen benutzen? Kleidervorschriften für Männlein und Weiblein − wozu sollen die gut sein, (von den Modezaren und Supermodels mal abgesehen)? Auch der Sinn der Krawatte hat sich mir noch nicht erschlossen, ein Code, der sich mir nie, weder vom metaphorischen noch vom ästhetischen Standpunkt aus, zu erkennen gegeben hat. Kurz und gut: Jegliche Angleichung und jegliche Normierung an eine Mehrheit habe ich schlicht und einfach nie als für mich sinnvoll erkannt (obwohl sie vermutlich, zumindest evolutionsbiologisch gesehen, das Überleben der Spezies Mensch gewährleistet hat).

Mir fehlte und fehlt dazu etwas, das ich hier mal Übersetzungstool nenne.

Irgendwann fing ich dennoch an, zu ahnen, wie die Welt in sich selbst zusammenhängt, wenn auch nicht von innen heraus, dazu war ich nie genug innendrin. Über ein Ahnen bin ich vermutlich nie herausgekommen.

Ich schaue also heute in dieses Terrarium hinein, in welchem sich die Menschen tummeln. Ich schaue ihnen zu wie damals, als ich noch Rennmäuse hatte, denen zugeschaut habe. Alphatierchen waren und sind mir übrigens, nicht nur bei Mäusen, suspekt. Es sind die Omegatierchen, die mich interessieren, bei Mäusen ebenso wie bei Menschen. Jene Wesen eben, die die Codes nicht kennen, die − mutig oder naiv oder beides − den Konventionen den Rücken drehen. Die, deren geheime Superkraft darin besteht, sich selbst zu sein, weil sie nicht gut sind in Rollenspiel.

Während ich so über dieses mein (latent schwarzweißes) Denken nachsinne, fällt mir eine Aussage ein, die ich sinngemäß vor einiger Zeit von einer grünen Politikerin gehört habe: »Ich wünsche mir gar nicht, dass alle gleich denken wie ich, ich wünsche mir aber, dass wir alle dazu bereit sind, uns mit der Meinung und den Gedanken der anderen ernsthaft auseinanderzusetzen. Das ist meine Vorstellung von Demokratie.«

Ja, das ist auch meine Vorstellung. Nicht nur von Demokratie, auch von Lebendigsein. Es braucht diese Meinungsdiversität und es braucht die reife Auseinandersetzung mit den Problemen dieser Welt. Dazu braucht es keine Gleichmacherei durch Verhaltenscodes und -konventionen, die unter dem Strich eh immer mehr Menschen (und Mäuse) aus- als einschließt.

Und es braucht wohl auch die Erkenntnis, dass wir von den wenigsten Dingen wirklich etwas verstehen. Dass das meiste Wissen, das wir zu haben glauben, bestenfalls Halbwissen ist. Ich wünsche uns, dass Erkenntnis und Bereitschaft wachsen, uns ernsthaft mit den essentiellen Dingen auseinandersetzen zu wollen.

Eine ernste Auseinandersetzung mit einem Thema ist allerdings mehr als die meisten zu leisten bereit sind und ist mehr als eine kleine Suchmaschinenrecherche mit oberflächlichem Durchlesen der ersten fünf Zeilen der obersten drei Suchergebnisse. Eine ernste Auseinandersetzung bedeutet, sich mehrere Seiten zu einem Thema anzuhören, sich im Sinne des Worte auseinander − innerlich also auf verschiedene Stühle − zu setzen, das Thema aus verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten und sich dabei eine eigene Meinung zu bilden, die sich vielleicht sogar von der ersten, spontan gebildeten, total unterscheidet. Und die zu einem späteren Zeitpunkt – wenn die Dinge möglicheweise anders liegen – durchaus eine andere sein darf.

Werbeanzeigen

In den Pyrenäen #1 oder Weil ich Lust habe und Gratis-WLAN …

Gestern waren wir den ganzen Tag unterwegs in die Pyrenäen. Woran ich Tage zuvor nicht im Traum gedacht hätte. Beide sind wir eher knapp bei Kasse, ich noch mehr als er. Doch manchmal geschehen eben doch Wunder und Türen fallen auf, ohne dass wir den Schlüssel dazu haben.

Und auf einmal hatten wir eine winzige, herzige, saugünstige Wohnung gebucht. In den pyrenäischen Bergen, einer Gegend, die Irgendlink noch länger ins Herz geschlossen hat als ich, die mir aber in den letzten Jahren auch ein Stück Heimat geworden ist. Ich kann mein Glück kaum fassen. Ein Geschenk!

Am Abend des 23. Dezember ist fast fertig gepackt. Wir gehen spät schlafen, denn zuvor erledigen wir noch letzte Dinge im Internet in der sicheren Annahme, die nächsten zehn Tage offline zu sein.

Gestern früh ist es wirklich noch pervers früh, als wir aufstehen, das Auto laden und losfahren. Rauhreif das Land. Rauhe Weihe-Nacht. Das passt. Wunderbar halbleer sind die sonst vollen Schweizer Autobahnen und bald fahren wir bei Genf über die Grenze.

– Wieso fährst du eigentlich links, wenn es rechts Platz hat?, fragt der Liebste zwanzig Kilometer südlich von Genf.
– Warum sollte ich? Es hat ja auf beiden Spuren massenhaft Platz. Du weißt doch, ich bin keine von diesen nervenden Dauernd-die-Spur-Wechslerinnen.
– Aber du wusstest schon, dass es ein Rechtsfahrgebot gibt?
– Nö, never heard. … Was ist das denn? … Ein deutsches Gebot vermutlich? Aber wir sind ja hier nicht in Deutschland. Wir sind in Frankreich.
– Keine Ahnung, ob das in Frankreich auch greift, aber bei uns muss man immer rechts fahren, wenn die rechte Spur frei ist. Es ist strafbar, grundlos die linke Spur zu benutzen. Zumal man ja auch andere behindert, die noch schneller fahren wollen. Kurz: Man verwendet grundsätzlich den rechten Fahrstreifen.
– Wie jetzt? Du meinst, bei euch MUSS man rechts fahren?

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Musste ich nahezu 50 werden, um von einem solchen Gebot zu erfahren, nach über fünf Jahren regelmäßigem Autofahren in Germanien? Und auf einmal verstehe ich. Alles. Alle. Alle Deutschen. Denn mitnichten betrifft das Rechtsfahrgebot auf deutschen Autobahnen nur die Straßen.

Ein Land verstehen zu wollen, umfasst viel mehr als nur die Sprache einigermaßen zu verstehen und sprechen zu können. Da sind ganze gesellschaftliche Codes, die es zu verstehen gilt.

Das Rechtsfahrgebot zum Beispiel, so deklamiere ich südwärts fahrend, das Rechtsfahrgebot macht sich in allen Lebensbereichen breit. Es prägt euer Denken.

Heute Morgen, nach dem ersten Frühstück in unserm herzigen Studio in den Pyrenänen, schneide ich das Thema erneut an. Weil ich gegoogelt habe, ob ich womöglich viele Jahre ein Gebot, das auch in der Schweiz gültig wäre, ignoriert habe. Habe ich aber nicht. Sowas gibt es echt nur im Land der unlimitierten Höchstgeschwindigkeit. Ich lese Irgendlink vor, was Wiki zum Thema meint.

– Da siehst du mal, in was für einem restrikiven Land ich lebe!, moniert er.
– Erinnerst du dich an jenen Glaubenskrieg, damals, als wir über Spielregeln diskutierten, M (1), S, du und ich?, frage ich. Und uns nicht einigen konnten, weil wir alle verschiedene Grundregeln voraussetzen?
– Genau. Weißt du was? Daran geht die Welt zugrunde, dass wir alle verschiedene Spielregeln haben.
– Noch schlimmer: jeder meint, seine sei die einzig Richtige! Ist ja wie mit der Schrift auf dem Modem!
– Genau. Wer ahnt schon, dass das französische kleine r aussieht wie eine deutsche oder eine Schweizer Zwei.

Gestern schon hätten wir ins Gratis-WLAN einsteigen können, von dem wir nicht im Traum geahnt haben, dass es uns hier erwartet und das der Grund dafür ist, dass ich nun doch blogge. Gestern habe ich meiner Interpretation der französischen Buchstaben und Zahlen nicht getraut. Deshalb mussten wir bis heute warten. Bis uns der Wohnungsvermieter das handgeschriebene Passwort auf dem Modem per Mail entschlüsselte. Nur weil ich gedacht habe, ich kann das nicht, nicht mehr. Obwohl ich ja in Frankreich gelebt habe und obwohl ich französischen Handschriften normalerweise lesen kann. Aber eben. Doch wer schreibt schon ein 10 Zeichen langes Passwort in Schreibschrift? Na ja, schlimm wars ja nicht, das Offline-sein, zumal Irgendlinks Tagespass ja noch lief, aber es zeigt mal wieder, wie ich manchmal meinem Können misstraue (und obwohl ich alle Buchstaben und Zahlen – wie sich herausstellt – richtig gelesen habe). Und es zeigt, wie sehr ich den Spielregeln anderer misstraue. Da war noch was banales: Unklar war, als wir daheim unsere Sachen packten, ob es Bettwäsche habe in der Wohnung oder nicht. Für einmal beschlossen wir, die Zeile „Bettwäsche geliefert“ wörtlich zu nehmen. Dennoch folgte ich einem Impuls, bevor ich meine Wohnung abschloß, und nahm kurzentschlossen den alten schweren wunderbar warmen Riesenschlafsack, der schon ewig zum eigentlich baldigen Verstau auf dem Dachboden herumstand, mit.

Als wir nun in der Ferienwohnung eingetroffen waren und vom Hauswartspaar in die Wohnung eingeführt wurden, erkannte ich, dass es keine Bettwäsche hatte. Für einen kleinen Aufpreis konnten wir zwar welche bekommen, kein Problem, dennoch begriff ich einmal mehr, wie unterschiedlich Ländercodes und Sätze zu interpretieren sind. „Geliefert“ bedeutete in diesem Fall nicht Standard sondern Möglichkeit. Irgendlink schläft nun also unter einem Leintuch und zwei Wolldecken und ich unter meinem zur Decke geöffneten, warmen Schlafsack. Gut also, wenn man auf seine Intuition hört.

Nun sitze ich hier, in der gemütlichen Wohnung, blicke auf das herzige Bergdorf heraus, das recht hügelig in einer hügeligen, lieblich-kargen Landschaft klebt und hacke diese Zeilen, derweil der Liebste das Dorf erkundet. Später werden wir es gemeinsam erforschen, es uns vertraut machen.

Während die einen sich Orte so vertraut machen, indem sie die kürzesten Wege zum Laden, zur Bäckerei, zur Tanke und zur Apotheke suchen, suchen andere Wege zu schönen Aussichtsorten, wieder andere suchen den kürzesten Weg aus dem Dorf in den Wald. Manche hören auf mit Weitersuchen, wenn sie die wichtigen Wege kennen und bewegen sich dann nur noch in diesen Bahnen, wieder andere versuchen, neue Wege zu finden. Immer wieder andere.

~~~

Und du? Wie machst du dir deine Umgebung vertraut?

__________

Link zum Blogartikel betreffend Spielregeln: https://sofasophia.wordpress.com/2014/02/16/kleiner-glaubenskrieg-am-spieltisch/
Auch Irgendlink wird über unsere Ferientage in den Pyrenäen wieder live bloggen. Der erste Artikel findet sich hier: http://irgendlink.de/2014/12/25/strasse-je-taime/
Auch seine Tweets sind sehr lesenswert: Twitter-Account
Was Wiki zum Rechtsfahrgebot meint: http://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsfahrgebot
Unser Domizil hier: http://www.france-voyage.com/frankreich-ferienhauser/location-appartement-vernet-les-bains-79032.htm