Tellerränder

»Was für ein Sommer, bei uns regnet es nur! Ich habe es ja immer gewusst, dieser Klimawandel ist doch nur eine Erfindung der Blabliblos*! Pure Angstmacherei.«

»Ähm, hast du schon mal geguckt wie es anderswo aussieht? In Grönland? In Bangladesh, Bhutan, Indien, Myanmar, Nepal oder Sibirien? Und glaubst du allen Ernstes, dass sich weltweit so viele Wissenschaftler:innen finden lassen würden, um bei einer weltweiten Lüge mitzumachen?«

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»Bei uns hat es keine Coronakranken mehr. Das beweist doch, dass alles übertrieben war. DIE wollen uns überwachen. Und überhaupt, Covid ist doch nur eine normale Grippe, die der Pharmaindustrie/der Blablubs* dient. DIE wollen doch nur, dass …!«

»Ähm, hast du schon mal geguckt wie es anderswo aussieht? In den USA? In Brasilien? In Schweden? In Südafrika? In XY? Und glaubst du wirklich, dass sich weltweit so viele Wissenschaftler:innen finden lassen würden, um bei einer weltweiten Lüge mitzumachen?«

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Was mich so stört an Sätzen wie den beiden violett eingefärbten oben?

Dass die Menschen, die sie aussprechen, den Blick nicht herumzuschweifen in der Lage sind. Dass sie das, was direkt vor ihrer Nase passiert als allgemein gültig interpretieren. Dass sie aus den Fakten das herausziehen, was ihrem Weltbild am ehesten entspricht.


*Bitte hier Feindbilder nach persönlichem Gusto einfügen

Ausgelesen #32 | Die Zukunft nach Corona von Matthias Horx

Angefangen zu lesen habe ich das Post-Corona-Buch des Zukunfsforschers Matthias Horx als George Floyd noch lebte. Nach dessen Tod habe ich es weitergelesen. Der Tod eines Menschen kann den Blick verändern. Die Umstände, unter denen wir ein Buch lesen, wirken sich auf die Leseerfahrung aus und verändern unsere Haltung.

Buchcover des besprochenen Buches. Digital anmutende, hellblaue grafische Linien im Hintergrund, im Vordergrund Autorname, Titel und Untertitel in dunkelrot und schwarz. Ganz unten Verlagsname.
Buchcover

Horx benutzt in seiner Vision von der Zeit nach Corona den Begriff Re-Gnose. Der Rückblick aus der vorgestellten Zukunft sozusagen. Vor zwei Monaten war ich diesbezüglich hoffnungsvoller, heute stelle ich fest, dass sich meine Re-Gnose in den letzten Wochen wieder verdüstert hat.

Höre ich Horx als Leserin zu, tue ich das als weiße Frau, geboren in einem der reichsten Länder der Welt, doch wie würde ich Horx lesen, wenn ich als dunkelhäutige Schweizerin geboren wäre? Und wie als Nigerianerin oder Chilenin? Und wie als Chinesin oder als Inderin? Gedanken, die ich mir in der letzten Zeit immer häufiger stelle. Nicht nur wenn ich ein Buch lese. Würde ich mich in den Szenarien, die der Autor hier entwirft, wiederfinden?

Ich verdanke den letzten Monaten ein wachsendes Bewusstsein für meine Privilegien, für die ich größtenteils nichts kann. Dass ich in einem Land lebe, dass die Verbreitung des Virus im Verhältnis zu anderen Ländern durch einen – wenn auch späten – Lockdown dimmen konnte, ist ein weiteres Privileg.

Am Anfang gefiel mir Horx’ visionäre Kopf-und-Herz-Reise in seine mental-psychische Dimensionen von Krise und Krisenlösungsversuch. Die Ansätze, die er entwirft, wollen Mut machen, die Welt besser zu gestalten. Wie wäre es, wenn ich in einigen Monaten, im Rückblick auf heute, auf April 2020, auf März 2020, lauter heilsame Erfahrungen aufzählen könnte, die von dort aus in die nahe und weitere Zukunft weiterwachsen? Wäre das nicht wunderbar?

Nein, Horx ist kein Phantast. Was er aufzählt, was er in Betracht zieht, wäre durchaus machbar. Theoretisch jedenfalls. Jedenfalls wenn wir Menschen nicht so wären, wie wir Menschen nun mal sind. Und ich glaube, das ist es schließlich auch, was mich immer mehr stört. Oder vielleicht beneide ich ja einfach nur Matthias Horx für seine Fähigkeit, sich die Welt so schön vorstellen zu können? Vielleicht bin ich neidisch darauf, dass jemand noch so viel Hoffnung auf eine bessere Welt haben kann?

Ich bereue es nicht, dieses Buch gelesen zu haben. Einige Gedanken haben mich sehr angesprochen, andere haben mich aufgewühlt, manches kam mir bekannt vor. Zum Beispiel habe ich mich in Horx’ depressiven Freund Ferdinand wiedererkannt. Dieser sei im Lockdown geradezu aufgeblüht.

»Bei Ferdinand hatte die Krise offenbar zwei Effekte gleichzeitig. Das, was er ständig prophezeiht hatte – dass alles zusammenbrechen würde –, war plötzlich Realität. Diesen Stimmigkeitseffekt hat bereits Charlotte Roche, die Autorin von Feuchtgebiete, beschrieben. Sie schilderte in ihrem Blog das Gefühl, in einer Welt aufzuwachen, in der all die Ängste, die man in sich trägt, plötzlich Wirklichkeit geworden sind. Roche hat ein schweres Trauma davongetragen, als ein Teil ihrer Familie bei einem Autounfall ums Leben kam. ’Jetzt ist das, was draußen passiert, im Gleichklang mit drinnen«, beschrieb Roche nun ihr Corona-Gefühl.’« (Zitatende)

Na ja, zwar bin nicht gerade aufgeblüht, aber das Phänomen, das Horx beschreibt, kommt mir doch bekannt vor. Da fürchtet man sich ständig vor Weltuntergängen und dann geht die Welt tatsächlich – jedenfalls gefühlt – ein wenig unter. Und – tada! – wir sind noch da, wir haben es überlebt. Corona-Syndrom nennt Horx das. Innen und außen im Gleichklang nennt es Roche.

Für mich, die ich aus Gründen eh sehr zurückgezogen lebe, fand noch ein weiterer Gleichklang statt, eine Art Angleichung an die Masse, denn auf einmal war mein Lebensstil die Norm. Und ja, das hat sich nicht mal so schlecht angefühlt. Auch die ungewohnte Ruhe da draußen, am Himmel, auf den Straßen, hat mir gefallen.

Wie gesagt: Vieles, was Horx schreibt, ist inspirierend, spannend, mutmachend. Doch da ist eben auch dieser so deutlich im reichen Westen verortete, satte Blick, der mich nicht wirklich davon überzeugt, dass wir Menschen in der Lage zu solch grundlegenden Wandlungen sind. Wir sind zu konsumgewohnt, zu träge, zu satt, zu gierig. »Mit den Schlüssen, die er aus dieser Erkenntnis zieht, bleibt er jedoch in der Mitte wohlhabender Industrienationen, in denen die Menschen sich um ihre innere Entwicklung kümmern können, um einen inneren Sinn fernab von Wachstum und Konsum zu finden. Ein sanfter Wandel, der das System nicht gefährdet,« schreibt auch Elke Engelhardt (hier) über Horx’ Aufsatz.

Selbstverständlich ist Horx’ langes Essay weder Anleitung, noch Prophezeiung noch Lehre, sie ist eine Möglichkeit, ein Versuch, die Welt anders zu sehen. Sie ist ein Spiel mit den Möglichkeiten. Ich lese von viel Hoffnung, viel Vertrauen und vor allem von viel Konjunktiv.

So oder so: Wenn wir etwas verändern wollen, braucht es viel Bewusstsein und den Mut, genau hinzuschauen. Auf uns. Wie wir leben, was wir wollen, wohin die Reise gehen soll.

Herzlichen Dank an den Autor und den Econ-Verlag für die anregenden Lesestunden.


Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona.
Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert.

Econ
Hardcover
144 Seiten
ISBN 978-3-430-21042-3
Erschienen: 29.05.2020
€ 15,00 [D]
€ 15,50 [A]
Fr. 22.90

 

Bist du schon einmal …

  • über eine Brücke spaziert?
  • auf einen Aussichtsturm gestiegen?
  • Karussell gefahren?
  • als Fahrerin oder als Beifahrer Auto gefahren?
  • Zug gefahren?
  • geflogen – womöglich gar über den Atlantik?
  • mit einem Segelboot über einen See gefahren oder mit einer Fähre über einen Fluss?
  • eine Treppe hochgestiegen?
  • Lift gefahren?
  • massiert worden?
  • in einer Apotheke gewesen?
  • getaucht, also mit Taucherausrüstung und allem, was dazugehört?
  • künstlich beatmet worden?
  • mit einem Scanner, Drucker oder Kopierer zugange gewesen oder gar mit einem PC oder einem Handy?
  • in einem Hallenbad oder Thermalbad gewesen, im Wasser und unter der Dusche?

Wenn du mehr als zwei Fragen mit bejaht hast, verzichte bitte in Zukunft darauf, die Wahrheit finden zu wollen; höre bitte auf, von auseinandergehenden Zahlen, widersprechenden Angaben und vor allem von entgegengesetzten Meinungen zu faseln. Vertraue dem Robert-Koch-Institut und vergleichbaren Institutionen Vertraue Forschung und Wissenschaft, vertraue jenen Menschen, die Ahnung haben, weil sie diese Materie gelernt haben, so wie du deinem persönlichen Duschmittel vertraust, richte dich nach den Anordnungen der Regierung und hab noch einen schönen Tag.

Danke.

(Inspiriert, weitergesponnen und teils abgekupfert mit freundlicher Genehmigung von Herrn Solminore [Quelle])

Gerne darf weitergesponnen werden.

Erzählen und Erzähltbekommen

Manuel, ein lieber Berner Freund, hat ein neues Projekt gestartet, das ich allen, die gerne erzählen und schreiben, ans Herz legen will. Aber lest und guckt selbst:

»Es ist nicht lange her, da diskutierten wir über die hässlichsten Kleider an der Oscar-Verleihung, wie man weite Hosen jetzt endlich richtig trägt und die zehn schlimmsten Make-up-Fehler vermeidet.

Und dann kam Corona.

Einige arbeiten plötzlich ohne Ende, andere gar nicht. Die Kinder sind zu Hause und werden dort unterrichtet, Auftragsvolumen brechen ein, der Staat pumpt Milliarden in die Wirtschaft um Konkurse zu vermeiden. Wie es uns trifft ist unterschiedlich – das Einzige, das uns allen gemein ist: es betrifft jede und jeden.

Cronica Corona ist eine Plattform für deine Erlebnisse und Gedanken mit einer neuen Realität. Sie dokumentiert diesen geschichtsträchtigen Moment aus der Sicht von Menschen wie dir. Vorab rein digital, sicher einmal als Buch und evtl. – wer weiss – auch in anderen Formen.

Machst du mit?«

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Und hier erzählt mein Lieblingsblogger (und Lieblingsmensch) von einem Spaziergang und was unterwegs passieren kann, wenn wir mit offenen Augen durchs Land wandern:

»Bei einer Ruhebank ein halber Hund
 
Wieviele Meter mögen das sein bis zu dem schlanken Stahlträger, auf dem die alte Bahntrasse ruht, der eine kleine Durchfahrt zu dem Gehöft außerhalb der Stadt überbrückt? Deutlich hört man das Surren der Fahrradketten und Elektromotoren. Ab und zu quietscht sich ein eben dem letzten Winter entsprungenes, sträflich ungeschmiertes, altes Fahrrad voran. Es ist mächtig was los an diesem sonnigen Tag, obwohl erst Freitag.

Wie oft bin ich da oben schon vorbei geradelt auf altbekannter Strecke und nun hier, kaum zwanzig Meter entfernt etwas tiefer, zu Fuß unterwegs.

Eine völlig andere Gegend durchwanderten wir in der letzten halben Stunde. Nachdem wir das Auto in der Klosterstadt geparkt hatten, folgten wir dem erstbesten Wanderschild, das zu einer Klamm zeigte. Hofkopfklamm. Über Wiesen, vorbei an Gärten, raus aus dem Dorf und einem Feldweg folgend. Kein Anzeichen von einer Schlucht oder auch nur einem Tälchen, das die Bezeichnung Klamm erfüllen würde. Bei einer Ruhebank ein halber Hund. Ich scherze vor mich hin, das sei mehr als ein halber Hund, was da an braunen Haaren verteilt in der Wiese liegt. Etwas angeekelt setze ich mich auf die Lehne der nicht sehr sauberen Bank, was sonst nicht meine Art ist, aber ein bisschen Egoismus in vorverschmutzter Welt darf auch sein. Oder besser gesagt, nein: dürfte nicht sein! Eigentlich sollte ich die Bank nun putzen, um die vorgefundene Welt ein bisschen besser zu hinterlassen. Es ist eine Richtungsfrage im Kleinen, die hier zur Debatte steht. Putzt du und machst es besser oder schmutzt du mit im kollektiven Dahindriften durch die kaputte Welt. [weiterlesen]«