Einmal reparieren bitte! | #notjustsad | #Depression

Wäre es doch so einfach wie bei einem Fahrrad! A. seufzt. Reparieren. Und gut ist …
Wir haben über unsere Krankengeschichten gesprochen, letzte Woche, auf dem Weg vom Parkplatz zum Arbeitsplatz. Beide sind wir IV*-Maßnahme-Teilnehmerinnen. Ziel solcher Maßnahmen ist es, festzustellen, ob womöglich eine Berentung angebracht ist oder um – primär – wieder fit fürs Hamsterrad für den Arbeitsmarkt zu werden. Dass ich dem ganzen Prozess inzwischen skeptischer als zu Anfang gegenüberstehe, hat mit den Erfahrungen der letzten Monate zu tun.

Eine GIF-Animation, bei welcher bunte Flächen erscheinen und wieder verschwinden.
Dinge kommen, Dinge gehen. | Die Kunst besteht darin, damit klarzukommen. | Scheitern erlaubt.

Ich stellte und stelle nämlich fest, dass es mir nicht gut tut, ständig unter Beobachtung zu stehen, ’ein Fall’ zu sein. Für mich ist das kein ideales Klima, um gesund oder zumindest wieder belastbarer zu werden. Obwohl ich zum Glück sehr engagierte Bezugspersonen habe, die mich eben nicht als Fall sondern als Menschen behandeln. Das ambivalente Gefühl bleibt dennoch.

Chronisch krank zu sein ist nicht schön.Anders, als wenn man einen Unfall hatte oder eine temporäre Krankheit und dabei immer weiß, dass die Knochen wieder zusammenwachsen werden und der Körper sich wieder erholen wird. Selbstheilkräfte greifen zwar auch bei chronischen Krankheiten, aber wie Herr Bock es in einem aktuellen Blogartikel so genial beschreibt: »Er zündet nicht richtig, zumindest nimmt er das Gas nicht richtig und holpert zwischendurch.« Kann sein, dass das am Druck liegt, unter dem wir in solchen Lebensphasen stehen. Rein biochemisch gesehen, verhindern Druck und Stress nämlich, dass wir all das, was uns  an Nährstoffen zugeführt wird, weniger gut aufgenehmen können. Und ja, das darf ruhig auch metaphorisch verstanden werden. (Ich sage nur Das Gesetz des Minimums.)

Wenn unsere chronischen Erkrankungen eher seelischer, mentaler, psychischer Natur sind und somit für die Umgebung praktisch unsichtbar, ist der Umgang damit – für die Betroffenen und für die Angehörigen – oft noch schwieriger als bei einer körperlich sichtbaren Einschränkung.

Lässt sich denn wirklich alles reparieren? Auch diese Frage müssen wir uns stellen und auch darüber denkt Herr Bock im erwähnten Text nach. Ebenso über die unterschiedlichen Aspekte und Stadien des Kaputtseins, Kaputtgegangenseins, Kaputtgemachtwordenseins. Ursachen. Wirkungen.

Wer ist die Mechanikerin in meinem Leben? Ich? Meine Therapeutin? Wir zusammen als Team? Ich weiß längst, dass ich nicht alles Kaputte an und in mir selbst reparieren kann. Wie beim Auto. Mir fehlen Wissen und Können. Dennoch bin ich die Einzige, die schlussendlich sagen kann, ob eine Reparatur funktioniert hat. Und ich bin die, der bei all den unreparierbaren Stellen die Aufgabe überlassen bleibt, herauszufinden, wie sich am besten damit leben lässt.

»Alles was ich selbst brauche? Ist Zeit. Zeit, damit ich einen Weg für mich finde, die Fehler identifizieren und reparieren kann. Nach und nach. Immer mal wieder testen, probieren, schrauben, weiterlaufen. So läuft das wohl. Dieses Leben«, fasst Herr Bock sein Essay, die Metapher mit der Autowerkstatt, zusammen.

Zeit? Ja. Und Geduld. Und die Unterstützung lieber Menschen. Und Liebe, Selbstliebe. Die vor allem.


Zitate aus »Ab in die Werkstatt« von Markus Bock

*sprich: IiVau = Invalidenversicherung. Schweizer Sozialversicherung für Behinderungen aller Art.

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Genug ist nicht genug | #Depression | #notjustsad

»Das Minimumgesetz, von Carl Sprengel 1828 veröffentlicht, besagt, dass das Wachstum von Pflanzen durch die im Verhältnis knappste Ressource (Nährstoffe, Wasser, Licht etc.) eingeschränkt wird. Diese Ressource wird auch als Minimumfaktor bezeichnet.« Sagt Wiki. Eine Lektion unseres Biologie-Lehrers, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Besteht also Mangel an einer oder mehrerer Ressourcen, ist es ganz und gar wirkungslos, wenn eine der bereits reichlich vorhandenen Ressourcen aufgefüllt wird. Gut gemeint, sorry, aber wirkungslos.

Die Minimumtonne mit zwei angeschriebenen Dauben. Auf der kürzesten steht Selbstwertgefühl, auf einer langen Partner- und Freundschaftsliebe
Quelle: Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Minimum-Tonne.svg)

»Jeder Boden ist anders mit Nährstoffen versorgt und benötigt eine spezielle Behandlung. […] Ich will euch etwas für das Thema Düngen sensibilisieren und euch helfen, Düngefehler zu vermeiden. Falsche Düngung belastet die Umwelt und unsere Gesundheit. Das Thema ist komplex, ich habe jedoch versucht, mich kurz zu fassen. Warum düngen? Unser Gemüse verbraucht im Laufe des Jahres einen gewissen Teil der Nährstoffe im Boden. Wenn wir das Gemüse auf den Beeten verrotten lassen würden, wäre alles ok und wir müssen nicht düngen.* Aber wir essen es ja auf und entnehmen so dem Boden die Nährstoffe. Und genau diese entnommenen Nährstoffe müssen wir durch Düngung nachfüllen.« Diese weisen Zeilen lese ich auf parzelle94.de, einer Seite für Gartenspaßhabende.

Der Garten und das Gärtnern sind für mich ja schon immer gute Metaphern für das Leben gewesen. Setzen wir nämlich im zitierten Text für Boden das Wort Mensch ein und für Düngen das Wort Fürsorge oder Selbstfürsorge, liest sich der Text fast wie ein Artikel aus einer psychologischen Fachzeitschrift.

In obiger erlaubterweise auf Wiki abgekupferten Grafik habe ich zwei der Dauben meiner Selbstbeobachtung entsprechend beschriftet. Heute Morgen, unter der Dusche, hatte ich nämlich auf einmal die Erkenntnis, wie treffend doch das Gesetz des Minimums sich auch auf meine Psyche übersetzen lässt. Ich empfange zurzeit nämlich viel freundschaftliche Unterstützung und Ermutigung, kann sie aber kaum annehmen. Irgendwie logisch, denn solange jene Dauben – die mit der Selbstwertschätzung und mit der Selbstliebe – noch immer so kurz sind, kann ich alles andere gar nicht fassen. Folglich lecke ich, ich tropfe, ich laufe aus.

Mutmachendes tut natürlich trotzdem gut. Gestern habe ich zwei ermutigende Blogartikel gelesen, die ich gerne hier verlinke.

Den ersten hat Herr Bock geschrieben, über die gutbürgerliche Fassade, die es zu wahren gilt. Dafür gehts → hier lang.

Den zweiten schrieb Nora Fieling. In ihrem Text »Depression: Denk doch mal (NICHT) positiv …« erzählt sie, wie uns Betroffene all das Gutgemeinte, was andere Menschen uns um die Ohren hauen an Tipps mit auf den Weg geben, erdrücken kann. Die wiederkehrende Floskel Denk halt positiv! in ihrem Text lässt sich gut mit Sätzen wie Du musst nur genug glauben!, Bete zu Gott (oder wem auch immer)! oder Meditiere halt mehr! einfügen. Kurz gesagt alles, was mit der inneren Haltung zu tun hat – mit unserer aktuell aus der Sicht der anderen falschen inneren Haltung, wohlverstanden –, setzt uns nur zusätzlich unter Druck, statt zu helfen. (Das Wort Depression kommt vom Wortstamm her aus dem Lateinischen. Deprimere bedeutet niederdrücken.)

Natürlich hat eine Depression mit einer bestimmten inneren Haltung zu tun und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass wir an dieser Haltung arbeiten (bis sie uns nicht mehr von innen her auffressen kann), wenn es uns dazu gut genug geht. Und ja, ich finde Verhaltenstherapie eine gute Sache. Aber …

Wenn wir nämlich aus Gründen bereits in der Scheiße hocken, ist eben dieses Du musst nur genug an dich (wahlweise an die Positive Kraft, an Gott, an Whatever) glauben, dann geht es dir bestimmt bald wieder besser! nicht einfach nur wirkungslos, sondern auch immer mal wieder kontraproduktiv. Weil es, wie gesagt, noch mehr Druck aufbaut, Leistungsdruck, Heilwerdeleistungsdruck.

Vermutlich versteht man das wirklich nur, wenn man selbst schon (mehr als einmal) richtig schwer depressiv war. Übrigens: Etwas mehr als 11% aller Menschen sollen, so sagen die Statistiken, einmal im Leben einen leichten bis schweren depressiven Schub erlebt haben/erleben. Davon werden allerdings zum Glück nur etwa die Hälfte chronisch depressiv.

Wir alle sind eben wie Gartenböden, die je nach Pflanzen, die auf ihnen gewachsen sind (mit oder ohne unseren Einfluss), unterschiedlich ausgelaugt werden. Und nicht alle haben es von Natur aus so mit der Selbstfürsorge …

Von einmalig an Depressionen Erkrankten und Geheilten geht zuweilen der Anspruch aus, dass dieses Einfach-wieder-Heilwerden doch gar nicht soo schwierig ist. Für chronisch Depressive sind solche Erwartungshaltungen aber wie Ohrfeigen und setzten uns massiv unter Druck.

Ich will damit niemandem zu nahe treten, der gerne gute Erfahrungen teilt. Gewiss nicht. Denkt einfach daran, dass gute Erfahrungen nicht ungefragt ausgeteilt werden sollten. Bitte fragt vorher nach.

Was Betroffenen denn am meisten hilft? Eine Frage, die mir immer mal wieder gestellt wird. Und natürlich kann ich sie nur für mich selbst beantworten:

Alles, was mein Vertrauen in mich und in mein Leben – mein Handeln, meine getroffenen Entscheidungen, meine Gedanken – stärkt, hilft mir. Alles mit entgegengebrachte Vertrauen. Alles, was mir den eigenen Wert vermittelt. Alles mit folgendem Subtext: Ich höre dich, ich sehe dich, ich nehme dich ernst. Ich fühle mit (ohne dabei mitleidig, überheblich, besserwisserisch zu sein).

Statt Probier doch dies und das aus!,
besser Ich glaube, du weißt selbst am besten, was du brauchst und was dir gut tut!

So kann die zu kurze Fassdaube aus der obigen Grafik vielleicht langsam ein bisschen länger und stärker werden.


* Es lebe die Buntbrache …!

Über Panikattacken und wie wir sie (vielleicht) loswerden können

Ich hörte und las mich die letzten Tage intensiv durch die Erkenntnisse Klaus Bernhardts, der mit seinen Ansätzen die Angsttherapie revolutionieren will. Was er lehrt, ist mir auf der theoretischen Sachebene nicht neu, von den ganz konkreten Übungen einmal abgesehen, auf die ich nachher noch eingehen werde. In einem früheren Leben, in einer sehr sehr suchenden Zeit, habe ich nämlich zig Selbsthilfebücher rauf und runter gelesen, esoterische ebenso wie (küchen-)psychologische. Und bereits vor zwanzig Jahren habe ich bei Luisa Francia die Kunst des positiven Formulierens gelernt und vieles anderes, das nun offenbar auch endlich in der wissenschaftlichen Welt im Allgemeinen, bei den Hirnforschenden im Speziellen, angekommen ist.

Vor zwanzig Jahren hätte Klaus Bernhardt aus all den gesammelten Erkenntnissen vielleicht einen schönen Roman geschrieben, heute aber wollen wir Rezepte. Anwendbares. Lifehackzöix. Bernhardt erfüllt uns diesen Wunsch und reichert das Gesammelte mit Erkenntnissen, Forschungsergebnissen und Erfahrungen aus seiner eigenen Praxis an. Sein ausgewiesenes Spezialgebiet ist, sagt er, die schnelle Behandlung von Angsterkrankungen. Und ehrlich, ja, ich glaube, mit seiner Rezeptur tut er vielen, auch mir, einen großen Dienst. Er hat nämlich für uns die Wirkstoffe aus all dem vielen schamanischen, esoterischen und wissenschaftlichen Wissen extrahiert, bekömmlich aufbereitet und in handliche Flaschen abgefüllt.

Den Fehler, seine Erkenntnisse als Allheilmittel mit Sofortheilversprechen zu verkaufen, begeht er nicht. Er punktet mit deutlichen, klaren Anleitungen, erklärt gut nachvollziehbar seine Theorien, die er mit Beispielen unterlegt, leitet methodisch zu konkreten Übungen an und zitiert zufriedene Ex-PatientInnen. Und seine Therapie wirkt offensichtlich. Obwohl ich auch die manipulative Kraft hinter seinen Worten und den Zahlen, die seine Heilerfolge belegen, spüre, will ich nichts mehr, als erleben, dass das Rezept funktioniert. Auch bei mir.

Ich habe mir vorgestern gleich, wie im Buch beschrieben, zehn Sätze aufgeschrieben, die mein ideales Leben beschreiben, und ab heute will ich täglich einen von ihnen durch meine fünf Kanäle geben und Kraft meiner Vorstellungskraft meine Neuronen neu verlinken. Für jeden meiner Sinne – Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen – installiere ich also in meiner Vorstellungskraft einen eigenen Kanal.

Womöglich sind ja unsere Neuronen die Schnittstellen zur spirituellen Wirklichkeit?

Die Theorie, dass wir durch unsere Gedanken ständig neue Neuronenvernetzungen schaffen um damit Abläufe und Reaktionen wo immer möglich zu automatisieren, leuchtet mir ein. Dass ich mit meinen düsteren, negativen, ängstlichen, depressiven Gedanken ganze Netzwerke an schädlichen Automatismen geschaffen habe, ebenfalls. Und auch, dass es not-wendig und heilsam ist, diese Netzwerke durch neue, positive neu zu schreiben. Das geschieht zum Beispiel eben mit Übungen wie der erwähnten Zehn-Satz-Methode. Doch anders als bei der klassischer Affirmationsarbeit kommt hier die sinnliche Komponente hinzu. Wird jeder Satz nämlich auf jedem der fünf Kanäle dem jeweiligen Sinn entsprechend wahrgenommen, entstehen ungleich mehr neue Knoten im neuronalen Netz als wenn wir nur den gemeinhin üblichen auditiven Kanal mit unseren Affirmationen füttern. Das ist eine der eher langfristigen Techniken. Doch im Werkzeugset gibt es auch Sofort-Stopp-Techniken. Eine ist etwa das Verschieben negativer Bilder, Sätze und Wahrnehmungen von der einen in die andere Hirnhälfte. Oder die Slowmotion-Technik, bei welcher wir uns potentielle Gefahren statt blitzartig uns diese in Zeitlupe vorstellen. Mit der Pitching-Technik wird die Stimmlage der Stimme, die uns vor vermeintlichen Gefahren und potentiellen Ängsten warnt, verändert – wie bei einer Comicfigur redet sie also zum Beispiel gaaanz langsam oder viel zu schnell und wird so ihres Ernstes beraubt. Und damit auch ihrer destruktiven Macht. Weiter kommt Embodiment zum Einsatz, die Verkörperlichung innerer Haltungen: Wer lächelt, wer sich in eine Chef- respektive Powerpose setzt, vermittelt seinem Körper nämlich auch eine Botschaft. Ich bin hier die Chefin, zum Beispiel. In Chefpose – Beine auf dem Tisch, Hände hinterm Nacken – steigt innert weniger Minuten der Testosteronspiegel messbar, während der Cortisolspiegel sinkt. Diese Übung habe eine sehr unmittelbare Wirkung auf unsere Stimmung. Sagt Bernhardt. Und ja, ich habe diese Übung sofort getestet. Es stimmt. Selbst wenn vielleicht nur, weil ich es will. Doch vielleicht geht es ja genau darum? Diese Neuprogrammieren hat immerhin damit zu tun, sich das Leben neu zu denken, es sich anders zu denken.

Soweit so gut. Aber jetzt kommt mein persönliches Aber. Keins zur Therapie, eins zum Leben. Bei alledem geht es nämlich um Eigenverantwortung. Ich kann meine Heilung nicht delegieren. Trotz aller Rezepte bin ich es, die das hier tun muss, die die Übungen umsetzen soll um etwas zu verändern. Auch die Suche nach den Punkten, die verändert werden wollen.  Eine Panikattacke sei ein Liebesdienst des Körpers, sagt Bernhardt. Einer, der uns dringend, psychosomatisch, sagt, dass wir endlich etwas verändern müssen. Dass wir zum Beispiel endlich ernst machen sollen mit der neuen Ausbildung, eine Beziehung beenden oder aber, wie bei mir, endlich eine Perspektive entwickeln sollen. Endlich wieder große Ziele fassen. Endlich.

Niemand anders als ich ist hier, bei diesen Grundsätzen, gefragt. Ich bin die einzige Therapeutin, die mich heilen kann.

Also werde ich ausprobieren. Und hoffen. Neu anfangen. Immer wieder. Und mir endlich erlauben, große Ziele haben zu dürfen, Perspektiven zu benennen, anfangen groß zu denken.

Depression zwischen Buchdeckeln #2 – Depression abzugeben von Uwe Hauck

Vor etwas über drei Jahren habe ich meine erste Buchrezension über ein Buch zum Thema Depressionen gebloggt. Kathrin Weßling hat mich damals mit ihrem biografisch eingefärbten Roman Drüberleben mehr als nur tief berührt. Auf hohem literarischem Niveau erzählt sie in Romanform über eigene Erfahrungen. Doch es muss kein Roman sein, denn über erlebtes Leid zu schreiben, über  Depression zu schreiben, wirkt zum einen selbsttherapeutisch zum andern ziehen auch andere Menschen – Betroffene ebenso wie Interessierte – heilsamen Nutzen aus solchen Büchern.

Depression ist noch immer eine Krankheit, die nur bedingt heilbar ist und oft freitödlich endet, obwohl die Möglichkeiten, Depressionen zu therapieren, gewachsen sind. Depression ist eine Art Krebsgeschwür, das in der Seele wuchert – oft heilbar, manchmal auch nicht – und darum ist es wichtig, darüber zu sprechen, zu schreiben, zu lesen. Für Betroffene, um ernst genommen zu werden und mehr Lebensqualität zu finden; für Nichtbetroffene, um besser zu verstehen.

Auch die Möglichkeiten, sich über Depression auszutauschen, sind dank sozialer Medien gewachsen. Zum Beispiel auf Twitter. Mit Hashtags, also Schlagwörtern, wie #notjustsad oder #ausderklapse.

Cover Buch von Uwe HauckDen zweiten dieser beiden Hashtags hat Uwe Hauck kreiert, als er sich nach seinem Suizidversuch vor bald zwei Jahren entschied, mit Hilfe von Klinikaufenthalten den Weg zurück ins Leben zu wagen. Zu twittern, so schreibt er wiederholt, sei Teil seiner Therapie gewesen.

Gleich zu Anfang seines sehr persönlichen Erfahrungsberichtes stellt er seinen erfolglosen Versuch, sich das Leben zu nehmen. In Rückblenden zeigt er uns, wie es soweit kommen konnte. Dabei taucht er mit uns Lesenden sowohl in seine Kindheit als auch in sein berufliches Umfeld ein.

Als ebenfalls von der Krankheit Betroffene beeindruckt es mich, ihm bei seinem rasanten Wechsel der Perspektiven zuzuschauen. Damit meine ich weniger seine Sprünge auf der Zeitachse als die Erzählperspektiven, die er fliegend wechselt. Eben noch der rational denkende Mensch, der sich selbst analysiert, versteht, auswertet, taucht er unvermittelt in Grauzonen ein, in diesen Raum zwischen rationaler Auswertung einer Situation und emotionaler Bewertung und Beurteilung derselben. Oft genug Verurteilung. Blitzartig wachsen aus Selbstverurteilung düstere Wahrnehmungen, Interpretationen, Misstrauen, die in von Schmerz gesteuerte Gedanken, Worte und Handlungen münden. Hoffnungslosigkeit und Hoffnung auf der gleichen Schaukel, mal die eine oben, mal die andere.

Wir erleben an seiner Seite mit, wie er zuerst in der geschlossenen, später in der offenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik den Weg zurück in einen lebbaren Alltag angeht, unterstützt von seiner Frau und seinen drei Kindern. Auf diesem Weg macht er auch in einer Tagesklinik an seinem Wohnort Station und erlebt eine Rehaklinik von innen. Sein Erzählton wechselt von persönlich, herzlich und betroffen fließend zu ironisch und augenzwinkernd, bitterböse. Eben noch hat er sich mit Floskeln selbst Mut gemacht als ihn auch schon eine neue Panikwelle überflutet. Galgenhumor wechselt sich ab mit kostbaren Erkenntnissen, die er in seinem Tagebuch festgehalten hat. Diese ganze Palette eben von Angst und Unsicherheit, gepaart mit Hoffnung und dem Mut des Verzweifelten.

Zwar ging er die Sache mit dem Aufenthalt in pychiatrischen Einrichtungen sehr unbedarft an, dennoch kleben am Anfang viele Vorurteile an ihm, die er sich mit seinen persönlichen Erfahrungen teils bestätigt, teils aufhebt. Mich berührt, wie er die Kollegialität unter den Patientinnen und Patienten und ihre Natürlichkeit im Umgang miteinander und mit den eigenen Krankheiten  seiner Abteilung erlebt.

Kritik am Ärzteapparat, an der Ressourcenknappheit, an Maßnahmen und Therapien und an der Betreuungsstrategie an sich kommt in eher leisen Tönen daher, teils pauschal, teils differenziert. Doch Hauck benennt auch die erfreulichen Seiten, insbesondere das Engagement der Betreuenden.

Alles in allem macht Uwe Hauck (Twitter: @bicyclist) Mut, sich selbst nicht aufzugeben. Ich schließe darum mit einer herzlichen Leseempfehlung und einigen Zitaten aus dem Buch.

Über die Depression:

Was immer man erlebt, wird erst durch einen Filter gejagt, das Positive entfernt, und was dann im Verstand ankommt, ist eine grauschwarze Melange von Trostlosigkeit und Katastrophenvorahnungen. Dazu noch diese Angst, dass eine der Katastrophen eintrifft, die man sich in aller Konsequenz ausmalt.

Man will ja nicht tot sein. Man möchte nur das Leben nicht mehr, das man zu dem Zeitpunkt führt.

Die Gedanken werden wieder zu Selbstläufern.

»Aber ich fühle mich gar nicht krank. Traurig, ja, aber so richtig krank nicht wirklich«, erwidere ich.
»Bist du aber, sehr schwer, fast todkrank.« Sie blickt mich an und nickt.
»Schon, aber wenn ich mir ansehe, was hier sonst zum Teil für Schicksale behandelt werden, dann geht es mir doch verdammt gut.«

@bicyclist Depression ist wie ein Gefängnis für gute Gedanken. Nur sind die guten Gedanken ausgesperrt. #notjustsad #ausderklapse

In mir rumort es, ich spüre, wie sich mein Magen verkrampft und meine Glieder kribbeln, als wollten sie einen Marathonlauf zurücklegen. Dieses Gefühl hasse ich, weil ich es nicht kontrollieren kann. Und weil ich dann nicht für meine Reaktionen garantieren kann. Erst als ich mit meinen Medikamenten befüllt im Bett liege, komme ich langsam runter und zu mir.

Über das Leben in der Klinik:

Überhaupt, das wirst du bald merken, sitzen hier keine Dummköpfe, die nix im Kopf haben, sondern lauter Leute, die eher zu viel im Kopf haben, zu viele Gedanken, Ängste, Sorgen, Traurigkeiten(, sagt ein Mitpatient.)

»Aber es gibt da draußen doch auch sogenannte normale Menschen, die keinen Dachschaden wie wir haben. Wie haben die das hinbekommen?«, fragt Laura.
»Na, die hatten zum Beispiel keine Scheißkindheit. Die haben nicht allen möglichen Mist ertragen müssen.« Zum ersten Mal merkt man Elke die versteckte Wut an.

Zusammenfassend sei gesagt …

»Kauen Sie auf einer scharfen Peperoni«, rät sie mir. Funktioniert, stelle ich mir aber mitten in einem Meeting im Büro durchaus lustig vor, genauso wie den Druck auf einen Schmerzpunkt an der Hand: Das daraus resultierende schmerzverzerrte Gesicht könnte falsch gedeutet werden.

Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: Wenn ihr schwarze Gedanken habt, am Sinn eures Lebens zweifelt oder Panik und Angst euch immer wieder lähmt, sucht euch Hilfe. Ihr seid nicht schwach, wenn ihr euch Hilfe holt. Ihr seid klug und so mutig, eure Dämonen zu bekämpfen. Das ist ein Zeichen sehr großer Stärke.
Das alles wird mir nie wieder passieren, ganz sicher …
Hör auf, du lügst ja schon wieder.
@bicyclist Dein Leben ist ein Roman, für dessen Happy End du selbst verantwortlich bist.