Leerräume

»Mir fehlt Platz, leerer Raum im Kopf. Mein Hirn ist so voll bis zum Rand. Alle Lücken, die ich mir immer geschaffen hatte, sind nun aufgefüllt und ich bin jetzt wie alle anderen Menschen. Ich habe mein Natursein verloren.«

»Du meinst, so wie eine volle Festplatte, die man nicht mehr defragmentieren kann, weil es keinen Platz mehr hat, die Dinge hin und her zu schieben und so freien Platz zu schaffen? Oh, das kenne ich gut.

Diese Immer-mehr-leisten & konsumieren-Welt macht uns krank. Die einen früher, die anderen später.

Weißt du, ich glaube ja, dass so der menschliche Weltuntergang aussehen wird: Wir werden je voller wir werden desto kranker, verlieren immer mehr den Bezug zum eigentlich Gesunden, zum Natürlichen, zu den Buntbrachen unseres Seelenlandes; wir weichen immer mehr aus auf Ersatzhandlungen, Ersatzlebensmittel, Ersatzdinge und treiben so immer weiter weg vom natürlichen Menschsein.

Wir Menschen werden so krank, dass wir uns nicht mehr weiterverpflanzen wollen oder können und sterben eines Tages aus. Dann holt sich die Erde alles wieder zurück, was wir ihr weggenommen haben.«

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Herzgesponnenes

Sie: Wenn ein Tweet-Post so etwas wie eine Seifenblase ist und ein Facebook-Post eine Art Kurzfurz, was wäre dann ein Blogartikel? Ich sehe da eine Art Treppchen vor mir, klein, mittel, groß. Das Blog ist am gewichtigsten von diesen Dreien. Alle einzelnen Posts sind Kieselsteinchen, Steine oder Brocken, die ich ins Wasser werfe. Kurz gibt es Wellen, doch bald ist der Wasserspiegel wieder ruhig. Wozu also schreiben?
Er: Auf den einzelnen Eintrag bezogen, magst du mit deinen Bildern recht haben. Letztlich ist aber jedes einzelne unserer Posts Teil eines großen Gewebes. Teil deines persönlichen Archivs. Man muss es als Ganzes sehen. Alles hängt zusammen.

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Sie: Im Gegensatz zum Stein, der der Bildhauerin durch seine Form etwas sagen kann über seinen Wunsch, was er mal werden will, wenn er fertig gehauen ist, sagt mir das weiße Blatt Papier einfach überhaupt nichts. Ist das nun Freiheit oder Fiesheit?

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Sie (zwinkernd): Hast du die Uhren schon gerichtet?
Er (zwinkert zurück): Wo denkst du hin? Es heißt doch: Du sollst nicht richten!

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Sie: Wir wollen doch alle gesehen und gelesen werden. Und geliebt und so. Alle. Und dazu strahlen wir mit der Sonne um die Wette.
Er: Dabei ist die ja auch nur ein Stern. Ein Stern unter vielen. Wie wir.
Sie: Aber alle leuchten sie so schön. Und das ist wirklich ein Dilemma. Ich habe so viele gute Blogs abonniert, dass ich meine ganzen Tage mit Bloglesen verbringen könnte. Und dabei sind das noch nicht mal alle, die ich gerne lesen würde. Ich will keinen Artikel verpassen. Außerdem hat sie ja auch etwas familiär-rührendes, diese Welt der Mitbloggerinnen und Mitblogger. Unsere erweiterte Familie. Und das ist nun mein Dilemma: Setze ich meine Zeit für das Lesen all der tollen Dinge ein, die es schon gibt oder schreibe ich selbst ein paar Dinge, die vielleicht auch nicht schlecht sind?
Er: Die virtuelle Welt wird gemeinhin überbewertet. Ich würde mich wohl fürs Selbstschreiben entscheiden.

Sie
: Ich ja auch. Dann verliere ich jedoch das ganze Lesevergnügen. Das Leben ist ein einziger großer Kompromiss – und eins ist eh einfach nicht genug.

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Am Sonntag, unterwegs im Wald:
Sie: Schau mal dort, wie sich die Natur diesen Ort wieder zurückholt! Toll … ich wusste es: die Natur ist auf Anarchie angelegt. Sie lässt sich nichts vorschreiben. Hält sich an keine Grundstückgrenzen. Wenn man sie nur machen lässt.

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Sie: Kennst du das Gefühl auch, dass das, was du tust, nicht reicht, um ein so guter Mensch zu sein, wie du sein möchtest?
Er: Ähm? Nein …?
Sie: Ich trenne Müll, lebe so einfach wie möglich, verbrauche möglichst wenig Energie (gut, ich könnte noch viel weniger), ich handle politisch und gendertechnisch as correct as possible, ich ernähre mich relativ gesund, esse kein Fleisch, fahre so wenig Auto wie möglich (na ja, noch weniger wäre auch möglich, aaaber …) und so weiter. Und dennoch habe ich das Gefühl, es reicht nicht. Es ist immer zu wenig. Und dann denke ich voller Wut an all die andern Menschen, die sich über solche Dinge noch nicht mal einen winzigen Gedanken machen und so tun, als hätten wir noch irgendwo eine zweite Erde auf Vorrat. Ich denke dann sofort: Nein, so möchte ich nicht sein, nicht so wie die. Und dann denke ich: Es ist mein Denken, dass ich noch ändern müsste. Weil ich ja nicht so denken will. Und mich nicht vergleichen. Und dass ich das alles, was ich tue, ja für die Erde tue, nicht für die. Aber die gehören ja auch zur Erde, sind Teil von ihr. Ich denke vor allem an die Erde, an die Natur, an die Tiere. Und ja, auch an die Menschen, an die, die nach uns kommen. Was nun, wenn die auch alle so doof sind, wie die, die sich keine Gedanken über so Sachen machen? Dann kann ich es ja bleiben lassen … Die sind doch alle selbst schuld, wenn sie vor die Hunde gehen. Aber das sind ja dann auch wir. Das große Wir. Wir alle. Und dann denke ich, dass ich anders über die andern denken sollte. Mir zuliebe. Uns zuliebe.
Er: Über solche Dinge denkst du also nach?
Sie: Hm ja, du nicht?
Er: Hm, nein …

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Sie: Niemand sieht die Welt, wie sie wirklich ist. Alle haben wir unsere ganz persönlichen Filter: Drama. Ironie. Komödie. Zynismus. Schönfärberei.