Immer mehr von immer weniger

Immer wieder gelange ich an Orte in mir drin, an denen ich das Bedürfnis habe, nichts teilen zu müssen/sollen/wollen. An denen ich nicht mehr das Bedürfnis habe, etwas teilen zu müssen/sollen/wollen. Nicht Dinge, keine Angst, ich schreibe von Gedanken, Erfahrungen, Innenansichten.

Aber so ganz stimmt es so auch wieder nicht, denn wenn ich in mir an diesen Orten bin, twittere, elloe oder instagrame ich dafür zuweilen mehr als sonst. Irgendwo ein Ventil nach außen brauche ich dann wohl doch. Aber vielleicht sind es von solchen Orten aus weniger die komplexen Gedanken, die nach außen wollen, eher so die Spitzen derselben, getarnt oder verpackt in einem Bild, einem kleinen Satz, in einer Flapsigkeit womöglich sogar.

Zu anderen Zeiten und an anderen Innendrin-Orten sind es komplexe Gedanken, sind es Geschichten, sind es Ärgernisse, sind es Alltagsfreuden, die ich nach außen tragen will/muss/soll.

Das Ventil. Ich nannte es hier neulich auch die Erlösung(en). Denn das ist es ja. Überdruck. Ein Zuviel im Innen, das nach außen schwappen will, damit ich nicht platzen muss. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass es anderen ähnlich geht und wir alle tagtäglich unser Zuviel, unsere Eindrücke, unsere Erlebnisse, unsere Erfahrungen ausspucken, Verzeihung ausdrücken wollen, müssen, können, wird mir manchmal ganz schwindlig. Es ist so viel. Alles. Zu viel. Ich nehme das Viele zuweilen auf, verarbeite es in mir drin weiter, doch dann ist ja wieder noch mehr in mir drin, was raus will.

Und so weiter und so fort.

Ein Kreislauf, den ich manchmal genial und manchmal total krank finde. Nicht, dass das früher total anders gewesen wäre, als wir Menschen noch nicht alle diese Möglichkeiten gehabt hatten, uns auf so vielen unterschiedlichen Kanälen auszukotzen, nur glaube ich, dass sich an unserer Haltung etwas geändert hat. Wir leben mit Selbstverständlichkeiten, die wir nicht mehr grundsätzlich in Frage stellen. Warum auch. Da wir die Möglichkeiten haben, nutzen wir sie auch. Angebot und Nachfrage.

Heute, als ich am Vormittag im Büro schuftete, kam der Chef kurz vorbei, um vor dem langen Wochenende noch ein paar Sachen zu klären. Als wir die geschäftlichen Dinge besprochen hatten, erzählte er noch kurz von seiner gestrigen Autopanne und sprang von dort auf das heutige Einkaufs- und Konsumverhalten.

In zehn Jahren, oder vielleicht schon viel früher, sagte er, wird es in den Läden keine Kassiererinnen mehr geben. Da werden wir unsere Einkäufe selbst scannen müssen, wir werden übers Handy bezahlen und die ganze Verantwortung liegt bei uns. Wir müssen dann sogar, obwohl die Geschäfte ja unser Geld wollen, noch selbst den Bezahlvorgang abwickeln, für die da arbeiten. Findest du das nicht auch ziemlich schräg?

Nun ja, du kannst gerne in einen teureren Laden gehen, wo du bedient wirst und mit dem Preis auch die Dienstleistung mitzahlst. Aber solange du dich für das Immer-billiger entscheidest, musst du eben auf die Dienstleistungen und auf die Menschen, die diese erbringen, verzichten. Wir können nicht Immer-billiger haben ohne den einen oder anderen Abstrich zu machen. Das ist es, was ich zuweilen total schräg finde an unserer Haltung als Konsumierende: Wir wollen für immer weniger Geld immer mehr geboten bekommen.

Es geht, denke ich jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, schlussendlich immer auf Kosten von jemandem. Wenn ich wählen kann, dann doch lieber auf Kosten von uns Wohlstandsverwöhnten als auf Kosten von BilligarbeiterInnen.

Das ist zum Beispiel so ein Ort in mir drin: Die Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten, von Ungleichgewichten. Ein Ort, an dem ich mich nicht gerne aufhalten, weil er mich verstört, weil ich mich darin hilflos fühle. Und dann, ich gestehe es, erlaube ich mir, die Türe zu diesem Ort hin und wieder zu schließen, mich an andere Orte mit einer weniger schmerzhaften Umgebung, zu begeben. Über Ungerechtigkeiten habe ich schon so viel geschrieben, geweint, nachgedacht, getrauert, dass ich es bisweilen für überflüssig halte, noch mehr darüber zu schreiben. Bringt ja eh nichts. Andererseits: Wenn wir sie nicht benennen, werden sich die Dinge auch nicht ändern.

Die Dinge nicht und auch die Gedanken einer Mehrheit von Menschen nicht, die nicht wirklich über Zusammenhänge nachdenkt. Und auch die Zusammenhänge werden sich nicht ändern. Es ist ja schon verflixt: Weil das eine das andere bedingt, auslöst, voraussetzt, können wir ja nicht einfach hingehen und es ändern. Denken wir.

Und ich frage mich, ob das wirklich stimmt. Was, wenn …

Und so frage ich mich jetzt, ob es etwas bringt, dass ich diese Gedanken hier veröffentliche. Klar, mir hilft das Schreiben beim Gedankenverdauen, beim Zur-Ruhe-kommen, doch muss ich sie deswegen veröffentlichen? Muss ich sie teilen? Muss ich Teil dieser Schaut-her-was-ich-denke sein? Will ich es? Brauche ich es?

Ist das da, was wir in den Blogs und sozialen Medien von uns geben nicht einfach Hirnwichserei? Und darum, nun ja, darum werde ich diesen Artikel nun doch veröffentlichen. Und weil es doch auf einen Text mehr oder weniger nicht ankommt. Ihr müsst ihn ja nicht lesen.

Eine Meinung zu haben

Die Sache mit der Eitelkeit habe ich nie so ganz begriffen. Vielleicht weil ich es bin? Vielleicht bin ich, ohne es je gemerkt zu haben, eitel? Nur weniger bei äußerlichen Dingen als bei Dingen, die ich erschaffe? Schreiben und Bilder kreieren. Vielleicht? Bestimmt!

Eitelkeit bremst Mut. Weil … Eitelkeit fragt: Was denken die andern. Und wenn ich das denke, tue ich womöglich nicht, was ich täte, wenn ich mich das nicht fragen würde. Oder wenn es mir nicht wichtig wäre. Dass mir noch immer so wichtig ist, was die andern über mich und meine Taten denken, stört mich.

Ich freue mich zum Beispiel über jeden einzelnen Follower bei Twitter und im Blog. Echt wahr. Ja, so eitel bin ich! Obwohl ich die Statistiken selten angucke … Ich freue mich vielleicht, weil ich mir so einbilden kann, dass das, was ich von mir gebe, irgendwie von Bedeutung sei. Für andere, meine ich, nicht nur für mich. Und dann fühle ich mich ein klein bisschen wichtiger als ich es in Wirklichkeit bin. Als ob das wichtig wäre. Das Sich-wichtig-fühlen, meine ich.

Denn in Wirklichkeit sind andere Dinge viel wichtiger. Dass sich etwas verändert auf der Welt. Dass wir näher zusammenrücken, dass wir uns solidarisieren mit Menschen, die leiden. Mit Menschen, denen Unrecht geschieht. Unabhängig von Rasse, Nation, Religion. Wie zum Beispiel diese Raumpflegerin, die ich nun schon eine ganze Weile kenne. Die von ihrem Arbeitsgeber ausgenutzt wird, aber nicht kündigen will, weil sie sonst nichts mehr hat. Außer drei pubertierende Kinder, die irgendwann keinen Strom und kein Essen mehr haben würden. Solche Unrecht meine ich, direkt vor der Haustür. Oder anderes Unrecht. Waffenhandel. Menschenhandel. Freiheitseinschränkungen. Charlie in Paris.

Meinung
Twitterpost von @wallnuss

Vielleicht darum haben wir in den letzten Jahren das Eine-Meinung-zu-allem-haben so unglaublich kultiviert? Und auch, weil es möglich geworden ist, technisch meine ich.

Ehrlich gesagt, manchmal weiß ich nicht, was für eine Meinung ich dazu haben soll, dass wir alle zu allem eine eigene Meinung haben sollen. Einerseits ist sie ja genial, diese Möglichkeit als solche. Ich meine, dass es sie gibt. Andererseits ist es verdammt verunsichernd, weil nun alle meinen – auch jene ohne Ahnung vom Thema-was-auch-immer-es-ist, Ahnung zu haben, weil sie doch auf fb oder sonstwo im Internet die Meinung von XYZ gelesen haben. Oder zumindest gehört. Doch es ist ja auch verdammt verwirrend, weil nämlich ABC gesagt hat, dass … Und sie hat ja auch irgendwie recht. Und so plappern wir nach, ohne wirkliche Ahnung und nicht wirklich mit eigener Meinung. Aber keine Meinung zu haben, geht ja auch nicht. Oderrr?

Es ist wie mit den Falten. Die bekommt man ja auch einfach, ob man nun will oder nicht. Die bei den andern, die mag ich sogar. Vor allem die Lachfalten oder die zwischen zwei Bergen, die man Täler nennt. Die Lachfalten erzählen davon, dass der Mensch viel gelacht hat. Hat er viel geweint, müsste er Rinnen haben, eigentlich, aber stattdessen bekommt er eine 20ab8ti-Schnurre*. Und das ist nicht schön. Finde ich. Ich mag diese Falten nicht. Nicht in meinem Gesicht. Nicht in meinem Leben.

Ja. Ich meine natürlich nein, vieles mag ich nicht. Aber es gibt auch vieles, das ich mag. Drauflos schreiben zum Beispiel. Ob das schon unter Eine-Meinung-haben durchgeht? Habe ich denn eine und wenn ja, wozu? 😉

Zur Écriture automatique auf jeden Fall. Es macht Spaß. Einfach drauflos hacken. Und auf einmal weißt du genau, was dich beschäftigt. Das nämlich, was deine Finger in die Tasten hauen. Und nein, das ist keine Satire, bestenfalls ein klein bisschen ironisch.

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* Wie kann ich das bloß übersetzen für meine deutschen LeserInnen? Stellt euch eine Uhr vor, die zwanzig Minuten nach acht Uhr anzeigt. Wie die Zeiger, so der Mund. Und die Falten sowieso -> so irgendwie:  😦

Und ja, ein bisschen habe ich den Text gekämmt, so eitel bin ich nämlich.

Über die Enden

Viele Enden habe ich schon in meiner Sammlung. Enden von Arbeitsstellen, letzte Tage in Wohnungen, letzte Tage von Ferienreisen, Enden von Beziehungen, Liebesgeschichten und Blumensträußen.

toteRose_wzDie letzten Tage naher Menschen auch – Mutter, Vater, Sohn. Dann die Enden von Büchern, Musikstücken und Filmen. Und von Texten, die ich selbst geschrieben habe.

Doch selbst nach so viel Erfahrung mit Enden bin ich immer zuerst hilflos. Nein, an Enden kann ich mich nicht gewöhnen, oder zumindest nicht an die Löcher, die sich jeweils mit ihnen in mir auftun. Löcher ohne Brücken.

Aber immer auf Vorrat Brücken mit mir herumtragen, nur damit ich im Notfall gewappnet bin, wenn das nächste Ende kommt, will ich nicht. So bleibt mir nichts anderes als warten, bis sie langsam zuwachsen. Ballast habe ich eh schon genug. Sogar (zu) viele Wörter schleppe ich mit mir herum. Wörter, die keinen Sinn ergeben, solange ich sie nicht ausgespuckt habe.

Ob sie danach noch immer Ballast sind, kann ich nicht sagen. Oder sind sie neue Anfänge, sobald sie aufgeschrieben sind – von mir, von andern? (Und spielt es überhaupt eine Rolle, wer die Wörter aufschreibt, an denen ich kaue?)

Dort drüben, jenseits der Brücke, die es mir diesmal aus Wörtern zu spinnen gelungen ist, lauern sie, die neuen Anfänge. Das weiß jedes Kind, denn jede Brücke ist eine Verheißung. Eine Verführung vielleicht. Drüben ist es anders, ist es drüben besser gar? (Was die Frage impliziert, ob ich über die Brücke gehen soll. Lohnt es sich, dieses Ende hier, so sehr, dass es den neuen Anfang rechtfertigt? Aber was sonst? Denn so weitermachen kann ich schließlich nicht, oder?)

Fragen wogen auf und ab. Wellen im Fragenmeer.
Flut. Ebbe.
Manchmal ertrinke ich.
Manchmal finde ich ein Stück Treibholz und ertrinke diesmal nicht.
Manchmal finde ich sogar ein Ufer.

Schon wieder ein neuer Anfang.

Ja, ich kann sie gut, die Enden, auch wenn sie mich hilflos machen. Und leer. Paradox, ja, und auch die Sache mit den Brücken ist suspekt. Vielleicht klappen sie, wenn ich mittendrin stehe, hoch und lassen zuerst einmal die Schiffe passieren, auf jenem Fluss unter meinen Füßen, der Anfang und Ende verbindet und den Weg zum Meer weiß, weil er ihn ist.

(écriture automatique, 3.6.14, überarbeitet)