Empathie ist mehr

Ja, Freundin K. hat recht. Natürlich ist meine kleine Darstellung von Empathie, die ich neulich hier teilte, ziemlich einseitig herausgekommen. Empathie ist nämlich auch die Fähigkeit zur Mitfreude. Während Neid, Vergleich zwecks Besserdasteherei, Ab- und Ausbgrenzung ihr Gegenteil sind und Mitfreude verhindern.

Irgendwo stehen wir empathischen Menschen also immer mittendrin, mitten zwischen Mitfühlen & Mitleiden und Mitfreuen & Mitjauchzen. Das ist manchmal ganz schön anstrengend.

Den meisten empathischen Menschen, die ich kenne, fällt zudem geben leichter als annehmen. Mir auch. Doch dieses Jahr lehrt will mich so langsam dieses Annehmen zu lernen – materiell ebenso wie in Form von Fürsorge. Auch wenn es sonst mehrheitlich ein schweres Jahr für mich war, schaue ich doch dankbar dadrauf zurück. Und dass ich Menschen kennen darf, die bereit sind, mir ganz praktisch zu helfen, wenn ich nicht mehr weiterkomme.

Ihr – du, du, du und du – ja, auch ihr seid solche Menschen. Ich danke euch.

Glückwunschkarte mit halber Baumnuss in Herzform in Nussknacker, seitlicher Text mit Glückwünschen.

Hebet’nech Sorg!

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Empathie

Die Fähigkeit des Mitfühlschmerzempfindens als Zeichen von Empathie finde ich wunderbar. Ich bin froh, dass um jeden Menschen, der diese Fähigkeit hat. Obwohl ich – wie paradox – ganz besonders bei meinen Liebsten ja nicht will, dass ihnen irgendwer irgendwie weh tut und ihnen irgendwas antut. Empathie ist ein Fluch. Empathie ist ein Segen. Von ihrem Vorhandensein hängt das Wohl einer Gesellschaft ab.

In Bezug auf mein Leben macht es mich sehr dankbar, dass ich Menschen kennen und lieben darf, die meinen Schmerz mitfühlen können. Und die ihren Schmerz mit mir teilen, damit ich ihn mitfühlen kann.

Wenn ich selbst intensive Schmerzphasen habe – seelische oder körperliche –, fliehe ich zuweilen in die Schmerzen anderer, fliehe ich in Bücher, in Filme.

Anderer Mensche Schmerzen kommen mir aber oft sehr nahe – zu nahe? –, so nah als wären sie eigene. Oder sie mischen sich mit den eigenen.

Das sind jene Phasen, wo einfach alles nur weh tut. Das ganze Leben. Diese Fluchten in die Ablenkung sind in diesen Fällen missglückt. Oder auch nicht. Denn manchmal ist Schmerz unausweichlich. Manchmal ist er einfach auch nur Scheiße.

Andere, besonders allerliebste Menschen, mit meinem Schmerz, Teil meiner Geschichte, zu belästigen, zu belasten, lässt mich an Entjungferung denken, an das Ende ihrer Unschuld. Nur in traurig statt in schön. Etwas, das war und nie mehr so sein wird wie vorher.

Vielleicht wird man so zynisch. Bitter. Pessimistisch. Hoffnungslos.
Vielleicht wird man so lebendig. Liebesfähig. Stark. Hoffnungsvoll.
Vielleicht ist der Konjunktiv der Anfang aller Veränderung.

Da und dort, die Welt und ich.

Ich nehme vieles persönlich. Zu persönlich sogar. Obwohl alle sagen und schreiben, dass das nicht gut ist (*), komme ich dagegen nicht an, zu denken, dass die leidenden Menschen im Gazastreifen mich meinen, wenn sie um Hilfe bitten – mich und dich, uns alle. Und ich komme auch nicht dagegen an, dass ich mich mitverantwortlich fühle, wenn ich über Hungernöte, Frauenhandel, Kinderarbeit und Working Poorness lese. Ich fühle mich mitverantwortlich für das kapitalistisch-imperialistischen und ausbeuterischen Konzept unserer westlichen Gesellschaft, in der ich groß geworden bin.

Nein, ich fühle mich nicht nur deshalb mitverantwortlich, weil ich bestimmt schon Jeans aus Asien gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen genäht worden sind, weil ich bestimmt schon technische Geräte gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen installiert worden sind und weil ich bestimmt schon Lebensmittel und Alltagsprodukte gekauft habe, die unter unmenschlichen Bedingungen geschaffen worden sind. Ich fühle mich wohl eher darum mitverantwortlich, weil ich weiß, wie sich Leid anfühlt und dem fremden Leid gegenüber zugleich hilflos bin und dennoch etwas kleines tun kann.

Neben den kleinen Spenden da und dort tue ich im Grunde ja nur dieses: Ich kann die Not nicht vergessen, ich kann sie nicht wirklich ausblenden, obwohl ich kaum Zeitung lese und noch weniger Tageschau gucke. Ich sehe sie trotzdem und ich fühle sie in mir und ich nehme sie persönlich. Ich leide mit den Menschen, die leiden, mit. Ich nehme fremdes Leid persönlich. Ich denke darüber nach wie die Welt sein könnte, sein müsste, wenn genau jene Menschen, die die Fäden ziehen, empathischer wären. Menschlicher. Wenn sie das, was sie achtlos/gewissenlos/emotionslos (?) tun, überdenken würden. Ja, du ahnst es: Ich fühle mich auch für deren Handlungen irgendwie verantwortlich, weil ich Teil dieser Gesellschaft bin, die solche gefühllosen Monster hervorbringt. Ja, ich weiß, dass das krank ist, es ist größenwahnsinnig irgendwie, aber dann denke ich: Ich bin es allen Leidenden schuldig, dass sie jemand wahrnimmt, dass sie jemand hört, dass jemand ihr Leid mitfühlt. Dass sie nicht verbittern und so ebenfalls zum Tätern werden.

Vielleicht, weil ich selbst erlebt habe, wie es ist, wenn man im Leid nicht allein ist. Wenn jemand da ist, der einem hört und sieht und mitfühlt.
Und vielleicht auch, weil ich als Mitfühlende glaube, ein bisschen kollektive Buße zu tun für das Unrecht, das weltweit geschieht und an dem ich eben indirekt, als Teil dieser ausbeuterischen Gesellschaft, mitverantwortlich bin.
Und weil ich mich als Mitfühlende so wohl auch ablenken kann und absehen vom eigenen Schmerz oder ihn zumindest relativieren.

Ich gestehe es, ich bin nämlich eine von denen, die, wenn sie wegen eines Unfalls die rechte Hand verlieren würden, zwar nicht als erstes, aber gleich als zweites oder drittes denke würde: Ich darf jetzt nicht klagen, andere verlieren ihr Bein oder gleich beide und die sind dann wirklich arm dran. Ich bin eine von denen, die erst, wenn sie keine Luft mehr bekommt, merkt, dass sie gleich ertrinken wird, wenn sie nicht sofort um Hilfe ruft.

Feuer6Das Problem an dieser Art Weltbild, sagte Freundin M. (1) vorgestern Abend, als wir nach dem Feuerritual noch zusammen saßen und uns austauschten, das Problem ist, dass du zu glauben meinst, wie andere sich fühlen, wie andere leiden, was andere brauchen. Weil du von dir auf andere schließt. Doch du kannst niemandem die Last abnehmen.
Aber sie ihm leichter machen vielleicht?, sagte ich.

Ja, im Grunde weiß ich natürlich, dass ich wenig ändern kann und ja, ich leide sehr an dieser Hilflosigkeit. Und manchmal fehlt es mir am Zutrauen, am Vertrauen daran, dass es je anders werden wird. Und dass andere mindestens so kompetent oder gar viel kompetenter darin sind, mit ihrer Not umzugehen. Wie wäre es also, wenn ich ihnen diesbezüglich mehr vertrauen würde? [Und womöglich ist das alles ja bloße Hirnwichserei einer Gutfrau?]

Aber womöglich auch nicht. Womöglich ist es auch richtig, mitzufühlen, wenn woanders im Gewebe der Welt ein Mensch einem andern Menschen (oder Tier) Leid zufügt um sich wie auch immer geartete Vorteile zu verschaffen. Macht. Geld. Gier. Eigennutz.

Und womöglich ist mein einziges Werkzeug dagegen der Buchstabe, das Wort, der Satz. Wörter helfen mir dabei, unerträgliches rauszuschreiben. Rauszuschreien. Schreiben ist wie schreien, wie duschen, wie abwaschen und wie scheißen; schreiben ist jener Prozess, der mir verstehen hilft, das Werkzeug, das Lebensmittel, die Lebensmitte, die mich mit mir, mit der Welt verbindet. Mein Innen mit meinem Außen. Mein Außen mit meinem Innen.

Das Leben nicht zumindest ein wenig persönlich zu nehmen, geht bei mir nicht. Aber ich kann daran arbeiten, es anders persönlich zu nehmen. Wie das geht, weiß ich zwar noch nicht so genau, doch ich hoffe, dass ich es herausfinden werde.

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* Der toltekische Weisheitslehrer und Schamane Don Miguel Ruiz bietet mit seinen Büchern einen ethischen Verhaltenskodex, der inzwischen das Leben von Millionen Menschen bereichert. Die Versprechen, die man sich selbst gibt, lauten:
1. Sei untadelig mit deinen Worten.
2. Nimm nichts persönlich.
3. Ziehe keine voreiligen Schlüsse.
4. Tu immer dein Bestmögliches.
5. Sei skeptisch, aber höre gut zu.