Sommersonnwende: jetzt

Ullis kleiner Wetterzauber hat gewirkt. Kaum bei mir angekommen, drückte ich ihr mein Tablet in die Hand, das ich als neues Zeichnen-Spielzeug entdeckt habe.

Da, zeichne was!, sagte ich.
Hat sie. Das da. ↓

Sommersonnwende2015_1

Keine zehn Minuten später öffnet sich die Wolkendecke und auf der Fahrt nach Winterthur bedaure ich, dass die Sonnenbrille im Kofferraum liegt.

Mit Freundin M. (1) sowie vielen anderen Freundinnen und Freunden, kleinen und großen Menschen zwischen 10 Monaten und sechs Jahrzehnten plus ein paar Jährchen mehr wandern wir zum Ritualplatz über Winterthur.

Wir bereiten ein Ritualfeuer vor, über das auch Ulli ganz wunderbar in ihrem heutigen Blogartikel schreibt.

Loslassen. Wünschen. Beten. Sich eins sein im Lied, der Stille, dem Jubel und in der Lebensfreude. Danke, liebe Freundinnen und Freunde!

Und ja, ich habe mir auch für den Liebsten etwas gewünscht: Dass er gut reisen möge. Und wohlbehalten zurückkehren, wenn er seine Reise zu Ende gereist habe.

Das gemalte Feuer erinnert mich an unser Wintersonnwendefeuer vor einem halben Jahr, das ebenso hell loderte wie das gestrige, nur höher und schmaler. Jedes Feuer ist anders, jeder Mensch ist anders.

Das Bild mit dem Fuß? Ja, der Fuß gehört mir. Und ja, der gehört auch hier her. Denn nach dem Feuer und nach dem Essen, am frühen Abend, sind wir zurückgekehrt, zurück in Freundin M. (1)s Haus. Die drei größeren Kinder haben uns mit einem Konzert auf Djemben und anderen Rhythmusinstrumenten beglückt. Und da musste ich doch Autogramme haben, logisch!

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Eine kleine Philosophie des Feuers

Am Anfang war die Glut. Nein, falsch. Das Papier. Die Pappe. Ein paar Äste, aufgelesen in der Hühnerweide. A. schichtet in schönster Pfadfindermanier eine kleine Anbrennvorlage für ein großes Feuer zurecht. Entfacht das Bauwerk, fächelt Luft zu, freut sich an der großen Flamme, legt neue Ästchen nach. Tolles Feuer.

Wir sitzen am Tisch unweit der Grillstelle, schauen mal zum Feuer, mal einander in die Augen. Erzählen dies und das und auf einmal ist A. weg. Auf dem Feuer liegen inzwischen ein paar richtig fette Prügel, die auch schon da und dort ein bisschen kokeln und rötlich tun. Wir sitzen, reden, schauen. Die große Flamme wird kleiner und kleiner, mehr als ein bisschen Glut haben die großen Äste nicht gefangen.

Die Mittelschicht fehlt, sage ich. Wenn ich etwas ziemlich gut kann, dann Feuer. Mittelschicht wird beim Feuermachen unterschätzt. Mittelschicht braucht es, damit auch die Großen, die großen Holzstücke, Feuer fangen können. Doziere ich. QQkla bestätigt meine Theorien.
Ach, die Normalverteilkurve!, seufze ich. Wir denken, lebhaft unterstützt von den beiden Rs und T, darüber nach, ob es ethisch und pädagogisch vertretbar sei, dem Feuer, das nächstens auszugehen droht, auf die Sprünge zu helfen. Oder es ausgehen lassen. Lassen dürfen. Denn man darf doch einem andern Menschen nicht einfach so dreinfunken, sagen wir. Als Kunstschaffende ist das eh keine Frage. So diskutieren wir die Vor- und Nachteile, dass der Feuerlerneffekt für A. gleich Null sei, wenn jemand von uns in seiner Abwesenheit einfach „sein“ Feuer optimiere. … und überhaupt, wo käme man da hin, wenn sich alle immer und überall einmischen würden? Andererseits, wo kämen wir hin, wenn wir es täten. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
So funktioniert sie doch, die Welt!, sagt jemand. Alle gucken zu, wie sie vor die Hunde geht und niemand mischt sich ein. Niemand wehrt sich. Niemand legt Hand an.

Du meinst, sage ich, du meinst also, es ist womöglich doch besser, wenn ich nun aufstehe und das Feuer schüre? Ihm mittelschichtiges Holz füttere. Zwei-drei Handgriffe für eine bessere Welt. Die Runde nickt, doch da bin ich schon aufgestanden und schichte die Hölzer geringfügig neu, Heldin des Feuers ich. Nun fächle ich Luft dazu und schon brennt das Feuer wieder. Mittelschicht eben, die braucht es.
Ich habe die Welt gerettet!, sage ich, als ich mich wieder auf die Bank setze.

Schnitt.

Es ist eine halbe Stunde nach Mitternacht. Irgendlink, QQlka und ich haben uns abgesetzt. Das abendliche Konzert strapaziert unsere Gehörorgane ganz schön. Kunstzwerg ist nicht klein und niedlich, sondern ziemlich groß, jedenfalls in Sachen Dezibel. So viel Größe ist manchmal nicht einfach auszuhalten. Wir drei sind müde, doch zum Schlafen ist a.) die Umgebung noch zu laut und b.) sind wir noch zu aufgekratzt. Ein Fast-Vollmond-Spaziergang ist da doch das beste, was man tun kann. Zu den zwei Birken und wieder zurück. Auf der Europenner-Bank eine lange Pause. Philosophieren über Kunst. Und warum sie manchmal weh tut, weh tun muss. Während Irgendlink im Sitzen einschläft, erzählt mir QQlka, wie er das sieht. Wie das funktioniert mit den Schmerzgrenzen. Und dass es Schmerz gibt, den wir uns – wie beim Abknubbeln einer Kruste – zufügen, weil wir es nicht lassen können, weil wir an die Grenze gehen müssen, weil es für uns womöglich ein heilsamer Schwerz ist  oder wird, was wir aber erst erfahren, wenn wir es ausprobiern … Auch gibt er zu bedenken, dass die, welche die Musik, die Kunst, das Ding eben machen, eine andere Wahrnehmung haben, als jene, die von außen zuschauen. Während ich ihm zuhöre und der fast volle Mond aus den Bäumem schwarze Schattenrisse zeichnet, öffnet sich mir wieder ein neuer Raum des Verstehens.

Sonntagmorgen Blick aus dem Zelt
Sonntagmorgen
Blick aus dem Zelt

Wie wir zurück zum Hof kommen, liegt eine friedliche Ruhe über der Menschengruppe an den Tischen und am Feuer. Mir ist wohl, obwohl ich Kopfweh habe. Ich gehe ins Zelt, das Irgendlink und ich ganz zuunterst auf der Hühnerwiese aufgebaut haben, weil er seine Künstlerbude an die Veranstalter und ein paar Gäste abgetreten hat.

Ehrlich, Kunstzwergfestivals machen ganz schön Spaß. Aber, ebenfalls ganz ehrlich, ich bin auch immer wieder froh, wenn sie vorüber sind. So viele Gespräche über Kunst, Nicht-Kunst und das Leben als Kunstschaffende, wie ich sie in den letzten zwei Tagen, seit ich auf dem Einsamen Gehöft, das dieser Tage alles andere als einsam ist, geführt habe, müssen erst mal wieder verdaut werden.

Schnitt.

Sonntagabend. Schon dunkel. Ich sitze am Esstisch neben der Feuerstelle. Die Laptoptastatur liegt im Dunkeln. Halb neun ist es schon schwarz. Auf dem Feuer brunzeln Dinge. Nur noch sechs Leute sind wir. Gemütlich ist es. Und doch: herbstlich kalt. Bevor meine Hände abfrieren, werde ich gleich auf publizieren klicken, das Kunstzwergfestival sein lassen, was es war – toll! intensiv! anstregend! – und mich am Feuer aufwärmen.

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Mehr übers Kunstzwergfestival auch bei Irgendlink drüben: > hier und > hier und > hier.

elementar

Am Anfang war nichts. Erst später war da ein bisschen mehr. Nach dem Knall drehten irgendwann und irgendwo ein paar Planeten ihre Bahn. Details ahnen wir nur. Letztes Wissen ist eine Frage des Glaubens. Auf einmal stieg Wasser aus den Tiefen der Erde. Wind wehte über das Land. Die Menschen kauerten sich an ihre Feuer und brieten, was sie gejagt hatten. Ich gestehe es: So elementar zu leben, würde mir schwer fallen. Wir haben im Laufe der Evolution gar vieles vergessen, unsere Instinkte sind verkümmert. Überleben hat heute einen gänzlich andern Beigeschmack bekommen.

Wasser
Wenn die Temperaturen in den Minusbereich sinken, verändert sich einiges in Irgendlinks Künstlerbude. Minus heißt, dass er seine Wasserzufuhr unterbrechen muss, damit die Wasserleitungen nicht einfrieren und platzen. Deshalb speichern zwei große Wasserbehälter im noch unvollendeten Bad Brauch- und Trinkwasser, das wir – wie zu Gotthelfs Zeiten – in Becken, Flaschen und Krügen abgefüllt beim Spültrog lagern. Warmwasser wird bei Bedarf gekocht.
Während meiner winterlichen Wochenenden beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft, lasse ich mich immer relativ leicht auf diese Umstellung ein. Jedes Mal wird mir neu meine Selbstverständlichkeit bewusst, mit der ich Wasser konsumiere. Fließend warmes und kaltes Wasser – noch gar nicht so lange ist es her, dass das in unsern Breiten Luxus war.
Letzten Freitag waren die Behälter leer. Für kurze Zeit öffnen wir alle Hähne und befüllen per Schlauch die gr0ßen Tanks. Ich fühle mich kurzfristig wie im Wasserparadies und genieße es, dass das Wasser einfach fließt. Geschirr- und Händespülen geht einfacher. Sich waschen auch.

Feuer
Im Winter schrumpft die Künstlerbude auf den Koch- und Schlafbereich, da das große, gemütliche Wohnzimmer nicht beheizbar ist. Während ich Geschirr spüle, holt Irgendlink neues Brennholz hoch. Nicht, dass ich das nicht auch machen kann – und auch tue, natürlich –, doch er kann es besser. Geschirrspülen dagegen übernehmen meistens ich. Meine kleine Reinigungsmeditation, die mir in meinem zentralgeheizten Spülmaschinenalltag zuweilen ein bisschen fehlt. Nicht genug allerdings, gestehe ich, um auf die Maschine verzichten zu wollen. Holzfeuer wärmt mich anders als es Zentralheizungsradiatoren können. Es spendet Wärme, die tief ins Herz dringt. Unter die Haut. Die Schwedenofenwärme schließt auch das Hochbett mit ein. Kuschelwarm ist es da oben.

Erde
Wir kochen uns Kartoffeln – Erdäpfel, Härdöpfu – auf dem Herd. Leider keine eigenen, da diese letztes Jahr an einer Pilzkrankheit zugrunde gegangen sind. Kartoffeln: im Winter eins meiner Lieblingsgemüse. Pellkartoffeln vor allem. Dazu schmelzen wir einen Backofenkäse in der Bratpfanne auf dem Ofen. Einige Champingnons stehen kopfüber – entstielt und mit Streichkäse gefüllt – in drei Raclettepfännchen daneben. Dazu Rosenkohl. Eine wahrhaftig göttliche Mahlzeit.

Luft
Ein eisiger Wind zieht ums Haus und rüttelt am Nussbaum. Wir hören die Äste auf dem Dach knirschen. Wind verweht auch den Schnee, der spärlich, aber beharrlich, das Blitzeis zudeckt und eine neue noch weißere Decke über alles legt. Pfeifender Wind, rüttelnder Wind, Sturmwind, Regenwind – schon fast alle Arten von Wind, auch schmeichelnd-streichelnd sanfter Sommerwind, habe ich hier oben erlebt. Windstille auch.

alles – immer – jetzt
Die Erde kreist weiter. Täglich zieht sie ihre Bahn. Täglich wird ihr Abstand zur Sonne kleiner. Die Tage werden länger. Das Wetter wärmer. Doch jetzt, jetzt genieße ich, dass es so ist, wie es ist.

Nachher ist nachher. Und nachher fahre ich nach Hause, in die Schweiz. Auchnachhause.