Human meint human. Eigentlich.

Es ist ja nicht so, dass es zu anderen Zeiten sehr viel anders wäre als jetzt. Nur halt anderswo. Weiter weg. Wo man besser wegschauen kann. Ich jedenfalls.

Und nun geht das grad überhaupt nicht mehr. Nicht bei mir. Und obwohl ich weiß, dass ich im Moment – hier wo ich bin – nicht viel ausrichten kann, außer Haltung zu zeigen, fühle ich mich schuldig. Nicht, weil ich Kriege angezettelt habe. Aber weil ich Teil dieser Gesellschaft bin. Schuldig? Oder nennen wir es wohl besser mitverantwortlich.

Ich sitze da und stelle mir vor, wie sich diese Familie wohl fühlt, von der gestern die Kaiserin (→ hier) gebloggt hat. Das Kleinkind, das körperlich behindert, mit den Eltern und seinem Geschwister auf der Flucht war. Wochenlang vielleicht. Wie sich das Kind fühlt, wie es denkt, was es denkt, was es sieht, wenn es morgens in diesem Moabiter Flüchtlingslager aufwacht. Was fühlt die Mutter? Was der Vater?

Es gelingt mir nicht, diese vielen flüchtenden Menschen als Masse zu sehen. Ich sehe Menschen. Einzelne Menschen. Viele einzelne Menschen, die genau so wie ich denken, fühlen, hungrig & durstig sind, bedürftig, müde, sich zurückziehen wollen …

Wenn dann andere Menschen in unserer Zeit und in unseren Ländern so tun, als hätten sie mit alledem nichts zu tun, kommt mir die Galle hoch.

Eine tolle Antwort auf einen solch ignoranten Kommentar hat hier Liisa geschrieben:
„Dass sich heute Clans um Ölquellen schlagen, viele Länder Dikatoren haben, etc. etc. sind in den allermeisten Fällen Folgen kolonialen Verhaltens von Europäern, das bis in die Jetztzeit – nur mit anderen Mitteln und heute (meist) nicht mehr so bezeichnet – fortgesetzt wird. Es sind die Folgen davon, dass wir (Europäer, Deutsche, US-Amerikaner, etc.) Waffen in diese Länder bzw. an Diktatoren verkauft haben, und uns daran Jahr für Jahr goldene Nasen verdienen.

Sie haben recht, dass die Vergangenheit, bzw. Teile davon nicht der einzige Grund sein sollte, warum wir Menschen in Not heute helfen, aber es ist einer von diversen Gründen. Weitere Gründe sind z.B. die Menschenrechte, die nicht nur für privilegierte Weiße/Reiche gelten, sondern für alle Menschen und dass man Menschen in höchster Not nicht die Tür vor der Nase zuschlägt.“
(Quelle: Kommentar von Liisa Charming Quark)

Schnitt.

Vor ein paar Tagen. Zwei Zwölfjährige haben sich geprügelt.  Einer ist auf den andern los. Hat ihn getreten. Tage später hat jener, der zugeschlagen und getreten hat, den andern um Verzeihung gebeten. Der andere hat ihm verziehen. Im echten Leben. In dieser Welt.

Allen Menschen Frieden – ja, das wünsche ich mir, seit ich denken und wünschen kann. Allen. JAWOHL, ALLEN! Auch wenn dieses verdammte ALLEN auch jene meint, die Kriege anzetteln.

Nein, es ist nicht so, dass es zu anderen Zeiten sehr viel anders wäre als jetzt. Leider nicht. Ich wünsche mir für mich, dass ich in mir endlich Frieden mit dieser Welt voller Kriegsherde machen kann. Nicht resigniere und verbittere, sondern bereit zu handeln. Dass ich meine Kraft nicht in die Empörung und das Entsetzen, nicht in die Hilflosigkeit und Verzweiflung stecke, wie ich es im Moment leider tue, sondern dass ich sie für Mitgefühl und Handeln-bei-Bedarf einsetzen kann.

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Woher kommt diese Bitterkeit bloß?

Ob es in der Schweiz ähnlich schlimm in Sachen Hasskommetare zu und her geht wie in Deutschland, weiß ich nicht wirklich. Ich lese ja kaum je Kommentare und meide weitestgehend solche Debatten – aus Zeitgründen und weil ich gemerkt habe, dass es mir nicht gut tut. Nicht, dass ich mir nicht Gedanken über die hässlich kommentierten Themen mache, aber meine Energie und meine Lebenszeit für Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten dieser oft schon primitiven Art aufzuwenden, ist mir einfach zu schade. Darum habe ich erst vor wenigen Tagen dank Twitter von diesen ganzen Flüchtlingshasskommentaren erfahren.

Heute Morgen, auf Twitter, habe ich mit andern Twitternden über die Gründe und die Wirkung solcher Kommentare diskutiert, über die Motivation dahinter. Unter anderem schrieb ich den Satz: Woher kommt diese Bitterkeit bloß?

Man kann diese Schreiberlinge natürlich nicht über einen Kamm scheren, doch würden wir die sozialen Umfelder der HasskommentatorInnen anschauen, würden wir sicher einen Großteil im unteren Bereich der sozialen und der Bildungsleiter ausmachen. Viele davon schon von Geburt an vom Leben benachteiligt, die Eltern Working-Poors vielleicht oder Langzeit-Arbeitslose. Möglicherweise ist da und dort (viel) Alkohol im Spiel. Das sind so die Bilder, die ich von Menschen, die zu Hasskommentaren neigen, habe. Das sind so meine Vorurteile.

Frau Meike sagt dazu:
„Fremdenfeindlichkeit ist nicht länger ein Nischenproblem ostdeutscher Dörfer mit hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Intelligenz und vielleicht war sie das auch nie. Die sozialen Medien haben offenbart, dass Fremdenfeindlichkeit und Menschenhass mitten unter uns sind, dass sie zwar auch etwas mit der mangelnden Bildung ostdeutscher Neonazi-Gruppierungen zu tun haben, aber eben nicht nur. Die Facebook-Posts, über die sich das Netz in lustigen Tumblr-Blogs moralisch erhebt, wimmeln zwar oft von Rechtschreibfehlern, doch ebenso oft sind die Schreiber ganz normal scheinende Menschen“
Quelle: Frau Meike sagt

Wie auch immer: Ich nenne sie verbitterte Menschen. Menschen, die mit ihrem Leben hadern. Unzufriedene Menschen. Menschen, die allen Grund haben, das wenige, das sie haben, mit Hand und Fuß, mit Wort und Tastatur, zu verteidigen, also? Wie krank, wie leer, wie hoffnungslos muss man wohl sein, um sich zu Äußerungen wie … XXX … (nein, ich mag hier nichts zitieren) verführen zu lassen. Verführen lassen? Ist es das? Wie viel Manipulation steckt dahinter? Denn nicht nur ich muss häufig in diesen Tagen an die Macht der Suggestion und Manipulation durch das Wort im Vorfeld des zweiten Weltkrieges denken. Wenn genug Menschen sich gegenseitig an ihrer vermeintlich beschissenenen Lage aufgeilen, ist das wie ein Haufen dürres Holz, der nur noch ein brennendes Streichholz braucht um zu brennen.

Vermeintlich beschissen? Nun ja, ich weiß natürlich viel zu wenig über Menschen, die wirklich ganz ganz unten sind. Oder jedenfalls nicht aus eigener Erfahrung. Zwar lebe ich auch mehr oder weniger am Existenzminimum, vermutlich sogar darunter, doch ich fühle mich dennoch reich.

Vermeintlich beschissen sind die Umstände vielleicht wirklich? Aber … nein … ich bin wohl nicht befugt, ein ABER anzufügen. Was weiß ich schon? Aber, sage ich dennoch, aber wir vergessen manchmal, wir Menschen, wie viel wir mit unserem Denken, mit unserem Handeln, mit unserer Haltung in der Hand haben. Wie viel wir beeinflussen können, könnten, wenn …

Auch im umgekehrten Sinn! Wir können mit Hasstiraden die Welt noch hässlicher machen als sie schon ist, aber wir können auch mit einem anderen Denken, mit einer anderen Haltung, die Welt zu einem lebenswerteren Ort machen Denn die Welt ist auch schön. Wenn man genau hinsieht. Mag sein, dass das moralisch klingt. Ist es vielleicht auch. Mir egal. Ich habe es am eigenen Leib erlebt, dass man sein Schicksal bis zu einem gewissen Grad wenden kann.

Auch meine Arbeitsstelle vor Jahren in einem Flüchtlingszentrum hat mich diesbezüglich vieles gelehrt. Obwohl ich abends oft nicht einschlafen konnte vor Sorge um all die Leute, für die wir eine Lösung finden wollten. Für ihr neues Leben fern von daheim. Oder wenn ihre Gesuche zum zigsten Mal abgelehnt worden waren und die Ausweisung bevorstand. Wenn ihr Asylantragsgrund „Armut“ zu wenig gewichtig war zum Beispiel oder wenn sie zu wenig oder nicht akut genug in Lebensgefahr waren. Wenn ich an den jungen Mann aus dem Iran denke, der als Achtzehnjähriger desertiert ist, nach vier Jahren Krieg als Kindersoldat. Wenn ich …

Niemand ist freiwillig auf der Flucht. Niemand verlässt freiwillig sein im Kriegszustand oder in Armut befindliches Heimatland.

Ich gestehe dennoch, ich weiß noch immer viel zu wenig. Doch ich weiß, dass wir die Wahl haben über die Art unserer Gedanken. Immer.

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Mehr zum Thema:

Aus persönlicher und gesellschaftpolitischer Sicht empfehle ich herzlich folgende Blogartikel:
Frau Meike sagt: Die Sonne der eigenen Anständigkeit
Stefunnys Weblog: Flüchtlinge, Krieg und was das mit mir zu tun hat
Sophieleben: „Geh doch nach Hause!“ – Wo soll das sein?

Anja Reschke, Journalistin und Moderatorin der Tagesschau, veröffentlichte neulich einen Kommentar zu den Tagesthemen. Mutig und klar forderte sie dazu auf, Stellung gegenüber Fremdenhass zu beziehen. Das Video mit ihrer Stellungsnahme gibt es hier.