Ausgelesen #10 – Hannes von Rita Falk

Nun ja, mit den Dampfnudel-Krimis von Rita Falk bin ich ja nie warm geworden, obwohl Freundin L. mir immer vorgeschwärmt hat, wie viel Spaß sie ihr machen. hannesAls Hörbücher. Mag ja sein.

Aber ich bin nun mal einfach keine Hörbuchhörerin, keine Radiohörerin. Keine Ahnung, warum mir dieses Medium nicht behagt. Und als Leserin war mir jedenfalls dieses bayrisch anmutende groteske Geschwurbel nicht geheuer. Zu unliterarisch. Und ich habe es wirklich versucht. Eine Seite lang.

Hannes sei aber gaaanz anders, sagte Freundin L. so lieb und voller Überzeugungskraft, dass ich das Buch annahm und zu lesen versprach.

Letzten Sonntag habe ich es schließlich verschlungen. Nun ja, literarisch anspruchsvoll ist es zwar nicht, aber es ist reiche, reichmachende, tief berührende Herzliteratur. Nicht auf die zuckersüße, herzrosafarbene, rosamundehafte und romantische Weise, sondern … hm, anders.

Uli, ein fast zweiundzwanzigjähriger Zivi, wird eines schönen Februartages auf Motorrad-Tour mit Freund Hannes Zeuge des schweren Unfalls, den sein Freund trifft. Hannes liegt viele Monate im Koma. Uli schreibt ihm Briefe, damit Hannes, wenn er wieder ins Bewusstsein zurückkehrt, nichts verpasst hat, sondern sich lesend schlau machen kann.

Ulis Briefe sind so echt, so warm, so hoffnungsvoll, so liebenswert, so liebevoll, dass mich immer mal wieder schauderte. Uli erzählt aus seinem Zivi-Alltag in einer privaten Klapse, die er Vogelnest nennt, erzählt aus dem Leben seiner Zöglinge, erzählt von den gemeinsamen Freunden und von Nele, Hannes’ Freundin , die schwanger ist. Vielleicht von Hannes, vielleicht von Kalle, der sie seit des Unfalls hingebungsvoll tröstet. Was Uli empört. Wie können die beiden!?

Nein, weiter erzähle ich nicht. Die Geschichte nimmt auf eine Weise ihren Lauf, die für mich sehr glaubwürdig ist. Und die, so ahne ich, kaum jemanden kalt lässt.

Kurz: Eine Hommage auf eine Männerfreundschaft, die selbst der Arzt im Krankenhaus ganz außerordentlich toll findet.

Zwischen Menschen

Im Zeitalter abgelutschter und inflationär missbrauchter Begriffe wie Liebe und Freundschaft denke ich oft darüber nach, was sich wie verändert hat und warum; und was eigentlich hinter diesen Begriffen und ihren schon fast beliebig gewordenen Interpretationsansätzen für mich steckt.

Freundschaft nennen wir unsere Beziehungen heute ziemlich schnell. Freundschaft zu sich selbst, ja, das finde ich gut; da gibt es aber auch die Freundschaft zu Büchern, zum Handy, zum Auto, zu Serienhelden, zu Stars und Sternchen … Nun ja, da reicht mir das Wort ‚mögen‘. Doch wenn ich das Wort Freundschaft in den Mund nehme, denke ich sofort an Menschen. An einige meiner Lieblingsmenschen. Den Liebsten, der auch bester Freund ist, an Freundinnen und Freunde …

Bevor ich Freundinnen hatte, haben wir alle, die Kinder unserer Straße, mehr Buben als Mädchen, einfach zusammen gespielt und uns über so Dinge wie Freundschaft keine Gedanken gemacht. Wir waren im Wald, wir waren im Garten, in den Feldern streunten wir herum, wir waren Indianer, Cowboys, Polizisten und Räuber und wir waren vor allem eins: Menschen mit dem Bedürfnis zusammen zu lachen. In den ersten Schuljahren waren sich die meisten Mädchen zu gut für mich, zumal ich in der Pause lieber auf den Baum auf dem Schulhaus kletterte als seilzuspringen. [Noch war ich kaum domestiziert, noch war ich halbwild.]

Mag sein, dass ich mir Freundschaft darum schon damals als etwas Großes, als etwas Großartiges vorgestellt habe, größer als jeder Pausenplatz. Größer jedenfalls als dieses Smalltalk-Ding, das ich damals mit meinen  Kameradinnen erlebte.

Vertrauen ist der erste Begriff, den ich mit Freundschaft assoziiere. Sich etwas anvertrauen, was nicht alle wissen sollen. Ja, ich will dir vertrauen und ich will, dass du mir genauso vertraust. Dass du mir nicht nur Schönes erzählst, dass du mir nicht nur deine Schokoladeseiten zeigst, sondern dass du dich mir öffnest und mir deine Abgründe zumutest. Auf dass auch ich dir von den Dellen in meinem Leben erzählen kann, dir meine Bitter- und Hässlichkeiten, meine Höllen, zumuten kann. Und so vertrauen wir gemeinsam darauf, dass keine von uns beiden unser Wissen, Fühlen und Ahnen, das wir einander geschenkt haben, missbraucht. Loyalität, ja, sie ist ebenfalls Teil meines Verständnisses von Vertrauen. [Doch keine Angst, ich will nicht die einzige Freundin und Vertraute sein, die du hast. Das würde mich überfordern, und nein, du bist auch nicht die einzige Freundin und Vertraute, die ich habe. Mit Freundin X. teile ich andere Erfahrungen und Gedanken als mit dir, und mit Freund Y. nochmals anderes. So wie wir alle viele sind und viele Seiten in uns tragen, so teilen wir diese Vielfalt auch mit unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Weise.]

Wahrhaftigkeit ist ein weiterer Begriff, den ich mit Freundschaft verbinde. Vielleicht kommt wahrhaftig zu sein gar noch vor Vertrauen, denn es ist für mich die Voraussetzung desselben, wenn denn eine Freundschaft wirklich diesen Namen verdient. So, wie ich mich dir ungekünstelt und unverstellt zumute, erlöst vom Wunsch, dich beeindrucken oder dir gefallen zu wollen, so wahrhaftig – und damit auch bereit, von dir verletzt zu werden –, so echt, so authentisch wünsche ich mir auch dich. Denn nur wenn wir beide uns einander offen und unverstellt zumuten und anvertrauen, kann etwas zwischen uns wachsen, das ich Freundschaft nenne.

Auf alles andere verzichte ich gerne. Alles andere ist Treten an Ort. Alles andere ist Smalltalk, Kleingeschwätz. Alles andere ist Zeitverschwendung. Ich mag meine kostbare Lebenszeit nicht mehr auf Menschen verschwenden, die mir nicht mit gleicher Offenheit, wie ich sie ihnen entgegenbringe, begegnen. Die sich unter und hinter Floskeln verstecken, die mir nur ihre Fassade zeigen und diese immer schön auf Hochglanz polieren. Nur weil wir damals Freunde waren, müssen wir heute nicht zwingend und noch immer Freunde sein. Nur weil wir vieles zusammen erlebt haben, müssen wir nicht auf Gedeih und Verderb einander geschönte Rapporte dessen liefern, was uns das Leben so antut. Wenn ich anmerke, dass ich deine Hochglanzwelt und dein So-tun-als-ob nicht glauben kann, weil sie mir nicht wahrhaftig genug ist, und du entgegnest, dass du mich nicht verletzen wolltest, schlucke ich leer. Sehr leer.

Kritikfähigkeit und -bereitschaft gehören für mich ebenfalls und unbedingt in eine Freundschaft. Ja, ich will dich verstehen, aber ich will dass du das auch tust. Versuchen wir es zumindest. Klar will ich, dass du mir sagst, wenn du findest, dass ich auf dem Holzweg bin oder etwas das ich tue, nicht toll findest. Aber bitte nicht pauschal, sondern differenziert und begründet. Ich will mich mit dir nämlich auseinandersetzen, ich will dich sehen, ich will dein Herz sehen, nicht die Glasur, die hochglänzende Fassade. Und ich will auch nicht dein Bad samt dem Kind-in-dir auskippen. Und darum erwarte ich das alles auch von dir.

Ich hoffe, dass wir einander – wenn du es brauchst, wenn ich es brauche – Stützen sind. Dass wir einander helfen. Dass wir – selbst wenn wir nicht immer alles toll finden, was der oder die andere tut – wohlwollend miteinander sprechen können. Oder aber dass wir unser Gespräch für immer beenden.

Ein paar Erwartungen hab ich offenbar doch an eine Freundin, an einen Freund. Die Sache mit der bedingungslosen Liebe ist so bedingungslos wohl doch nicht. Bedingt denn Liebe nicht immer ein Gegenüber? Ob nun zwischen Freunden, als Paar oder auch als Elternteil oder Kind: Liebe setzt eine Verbindung voraus und bedingt, dass wir einander Zugewandte sind. Meint, dass wir diese Liebe, die den Boden unserer Freundschaft ausmacht, mit wahrhaftigen Begegnungen nähren. Mit wahrhaftigem Sein. Mit einem Blick ins Herz. Diese Bedingungen brauche ich. Sonst verdorrt eine Freundschaft. Dann sag ich lieber ‚Lebewohl!‘ und ‚Machs gut!‘ und ‚Danke für alles!‘

Dankbarkeit

Drei Tage bin ich jetzt erst auf dem Einsamen Gehöft, das so alles andere als einsam war die letzten Tage. Wie nach zwei Wochen Ferien fühle ich mich bereits. Nun ja, jedenfalls fast. Aus der Zeit gefallen, wie so oft, wenn ich hier bin. Sonne. Ich sitze am Tresen und hacke diese Zeilen.

Vor vier Stunden ist der letzte (und erste) Gast unseres Followerfestes wieder nach Hause gereist, Freund Emil, dessen Artikel ich als letztes reblogged habe. Und nun kommt die Zeit des Rückblicks. Meine Dankbarkeit ist groß. Dankbarkeit für all diese feinen Begegnungen, dieses Miteinander, Inspiration, Ruhe, Sonne, Lagerfeuer.

Feierabend auf dem einsamen Gehöft| by Sofasophia
Feierabend auf dem einsamen Gehöft | by Sofasophia

Am Samstag, wie Emil heute Nacht bereits bloggte, stand am Abend eine kleine Überraschung auf dem Programm, von der zumindest Irgendlink nicht die geringste Ahnung hatte. Ich habe vorgängig unsere Freundin Silvia gebeten, einige Texte aus Irgendlinks Blog vorzulesen. Dass sie ihren Schauspielerfreund Marc mitbringen würde, wusste ich zwar, aber das auch er lesen würde, war eine Überraschung. Eine ganz tolle. Die beiden wechselten sich gegenseitig ab, was den Texten eine neue Dimension verlieh. Über eine halbe Stunde, so lange nämlich dauerte diese Wahnsinnslesung, war es so ruhig, dass man die berühmte Nadel hätte fallen hören können. Gebannt lauschten wir alle den Texten − und hätten auch noch weiter lauschen können. Für Irgendlink selbst war es wohl zuerst ein wenig seltsam, seine eigenen Texte professionell vorgelesen zu bekommen, doch auch er genoss das Geschenk. Eingebettet war die Lesung in eine Bilderschau ab Beamer und musikalisch umrahmt wurde sie von einigen russischen und deutschen Liedern, die uns Emil teils allein und teils mit der wunderbaren stimmlichen Unterstützung von Frau Rebis darbot.

Zur Lesung von Silvia Bervingas und Marc Lüders auf meiner Soundcloud bitte hier → klicken.

Gestern dann ein Herbstsonnenwaldspaziergang vom Feinsten. Frau Lakritze, Frau Stefunny und ich haben uns zum Schluss − schon fast wieder zurück auf dem einsamen Gehöft − erdreistet, den berühmten irgendlinkschen Ewigen Birnbaum aus unserer Sicht abzulichten. Und zu bloggen. Was ich hiermit tue!

Followerfest-Sonntag_1.17
Der Ewige Birnbaum | by Sofasophia

Kunstraub? Inspiration? Keine Ahnung. Das Gleiche sehen wir eh alle anders. Dieser je eigene Blick auf das Leben meiner Mitmenschen ist es nämlich, der mich am meisten berührt und inspiriert. Hat. Tut. Immer wieder. Und eben auch an unserem Followerfest.

Followerfest-Sonntag_1.68
Die Füße am Feuer | by Sofasophia

Denn auch Menschen, die ich in den virtuellen Medien kenennlerne, sind echte Menschen, Menschen aus Fleisch und Blut.

Ich danke euch allen!

Das doppelte Rheinfelden

Kurz nach drei Uhr stehen Freundin E. und ich auf dem gleichen Bahnhof, wo ich sie vor knapp zwei Tagen abgeholt habe. Eine wunderbare Zeit mit nährenden Gesprächen und viel zu kurzen Nächten haben wir zu zweit zusammen verbracht. Mit schönen Spaziergängen, lecker Essen und Trinken. Die feine Flasche Wein.

Urban ArtWalk Brugg | © by Sofasophia
Ein großes Geschenk ist solche Offenheit. Mein Herz ist weit, weich, dankbar und tut ein bisschen weh, wenn ich an den nahen Abschied denke.

Nun fährt sie also gleich zurück, nach Hause, nordwärts. Doch warum steht auf dem Ticket nicht die gleiche Abfahrzeit wie auf der Bahnhofsanzeige? Vier Minuten Unterschied? Ein Fehler bei der Deutschen Bahn, die das Ticket ausgestellt hat? Also wirklich! Ich checke mit meiner Bahnapp, wann der Zug, den wir hier erwarten, in Basel ankommt. Auch diese Zeit stimmt nicht mit den Zeiten auf E.s Ticket überein. Seltsam das. Auf einmal, es ist schon ein paar Minuten später, begreife ich: Wir sind am falschen Bahnhof!

Rheinfelden Schweiz und Rheinfelden Deutschland sind nämlich wie Lotte und Luise, bekannt als das doppelte Lottchen. Erich Kästner lässt grüßen. Doppelte Grenzorte gibt’s noch mehr hier in der Gegend. Auch Laufenburg und Basel gibt es ja sozusagen zweimal. Und nun das!? Ich hätte es wissen müssen!

Genau jetzt fährt E.s Zug ab. Aber nicht hier, sondern drüben, auf der anderen Seite, im andern Ort, auf der anderen Seite des Rheins. Mist aber auch! Hätte ich doch! Hätten wir doch! Dass ich das nicht gemerkt habe? Dass ich nicht mal geguckt habe?! Ich ärgere mich furchtbar. Freundin E. ist nur ganz kurz konsterniert, dann sofort lösungsorientiert. Wo kann ich den Zug, oder dann den nächstbesten, denn erwischen?

Mit dem Zug, der bald kommt, könnte sie zwar nach Basel Schweiz fahren, aber sie hat ja keine gültige Fahrkarte und müsste dort eh umsteigen, den Bahnhof, das Land wechseln und so weiter …

Wir gehen zurück zum Auto. Ich bitte meine Kartenapp, mich zum badischen Bahnhof Basel zu navigieren. Sie tut es, ob gern oder nicht ist mir egal. Schließlich sind wir dort. Keine Ahnung, was das neue Ticket kosten wird. Das Superbilligticket ist nun hinfällig und irgendwie finde ich das echt doof. Solche Geldverluste tun mir, auch wenn es andere trifft, immer furchtbar weh.

Doof ist auch (und ich gestehe, dass ich weit weniger gelassen bin als Freundin E.), doof ist auch, dass es keinen einzigen freien Parkplatz in der Ein- und Aussteigebucht am Badischen Bahnhof gibt. Ich kann das Auto also hier nicht stehen lassen. Eine Buße muss heute nicht auch noch sein, wo ich doch vorhin schon bei Dunkelorange über eine Kreuzung gebrettert bin.

Schweren Herzens lasse ich also meine liebe Freundin ziehen. Sie ist unglaublich zuversichtlich. Das wird schon!, sagt sie. Irgendwann werde ich daheim ankommen. Gut ist doch auch, dass es erst beim Heimweg passiert ist, das Malheur, und dass wir doch so viel Zeit zusammen hatten! Aber verflixt ist es ja schon, sagt sie nun. Auch diesmal ist U. krank geworden und konnte nicht dabei sein. Und auch diesmal gab’s bei mir eine Zugpanne.

Später, von daheim aus, rufe ich sie an. Sie sitzt bereits im Zug und wird mit diesem sogar früher als mit der billigen Verbindung daheim sein. Und das Sahnehäubchen: Beim Aufpreis war die Bahn mal wieder kulant und hat ihr nicht den ganzen Fahrpreis verrechnet. Hut ab, Deutsche Bahn!

Gute Fahrt, liebe E.!