Wir Geschichtenerzählerinnen und -erzähler

Bereits haben Der Emil, Herr irgendlink, Ulli, Frau papiertänzerin, Britta112 und die Amazonasknallerbse zugesagt oder zumindest Interesse angemeldet, ab Januar an einem gemeinsamen Geschichtenprojekt mitzuspinnen.

Idee: Jede die und jeder der mitmachen will, erzählt bei sich im Blog (oder hier bei mir) eine Geschichte.

Inhalt: Es geht um Menschen, die eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft stehen. Menschen, zum Beispiel wie Nadim aus der Geschichte Trümmermusik von Zoë Beck. Menschen, von dort, von hier, von überall. Frauen. Kinder. Arme. Eingeschränkte. Ausgegrenzte.

Ziel: Wir arbeiten auf ein eBook (oder Print?) hin, dessen Erlös einem Projekt zufließen soll, das Menschen am Rand zugute kommt.

Gesucht: Mitschreiberinnen und Mitschreiber. Patinnen und Paten. Sponsorinnen und Sponsoren. Mitträgerinnen und Mitträger/Mitkoordinierende.

Bitte weitererzählen!

Die Kommentarfunktion ist immer noch offen.

Als Hashtag und/oder Buchtitel stehen zurzeit folgende Vorschläge zur Diskussion.

Lasst uns einander Geschichten erzählen

Winterzeit ist Geschichtenzeit, dachte ich, als ich neulich Zoë Becks Geschichte Trümmermusik gelesen habe. Und dass wir uns mehr Geschichten erzählen sollten, die das Leben schrieb, dachte ich ebenfalls. Zumal neue Geschichten anfangen sich in mir zu räkeln. Zweien habe ich in der letzten Woche bereits auf die Welt geholfen. Noch fehlt der letzte Schliff.

Beim Schreiben tauchte die Idee auf, mit euch zusammen, die ihr hier mitlest, eine Art Blogaktion zu wagen. Lasst uns AntiheldInnen-Geschichten schreiben. Geschichten, in denen die Protagonistinnen und Protagonisten eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft stehen. Menschen, wie Nadim aus der Trümmermusik-Geschichte. Menschen, von dort, von hier, von überall.

Mitmachen können alle. Jede und jeder schreibt auf dem eigenen Blog und die Geschichten von Menschen ohne Blog poste ich gerne hier. Natürlich bin ich offen für bessere und andere Ideen.

Was meint ihr?

Wir könnten die Geschichten irgendwie miteinander verknüpfen, mit einem Hashtag und/oder einem gemeinsamen Titel. Und vielleicht wird daraus sogar ein kleines eBook (PDf, epub, mobi), dessen Erlös etwas Gutes erreichen könnte. Ganz unabhängig von Weihnachten, meine ich. MitdenkerInnen sind also herzlich willkommen.

Für einmal öffne ich die Kommentarfunktion, damit wir diskutieren können, wie wir diese Idee umsetzen könnten. Und ob ihr mit im Boot sein möchtet. Und nein, es eilt nicht. Ich denke so an Januar und die Zeit danach. Meldet euch doch trotzdem schon mal.

Ich informiere in einem späteren Artikel darüber, was beim ersten Gedankensammeln herausgekommen ist.

Und noch ein Wort. Das letzte?

Ein Wort. Und noch ein Wort. Schon sind es zehn. Doch schreibe ich nicht um der Wörter willen. Auch nicht um der Zahlen. Ich schreibe, weil ich schreiben kann. Weil die Wörter in mir hocken, auf Bänken, wie Kinder in der Umkleide vor der Turnhalle. Sie tuscheln und warten auf den Anpfiff. Nun stehen sie auf und drängen in die Halle, rennen wild durcheinander und wollen so gar nicht ruhig stehen. Wollen sich so gar nicht in Reihen stellen, wollen nicht gezählt, wollen nicht betrachtet und wollen schon gar nicht geordnet und trainiert werden. Sie wollen einfach nur sein. Manche zerfallen in ihre Einzelzeile. Buchstaben liegen herum und ich, die Turnlehrerin wider Willen, habe keine Ahnung, wie ich dieses Chaos da … ja, was … wie ich dieses Chaos, so es denn eins ist, zähmen soll? Lässt sich zähmen, was wild sein will? Kann Chaos denn etwas anderes als Chaos sein und wenn ja, wozu? War Chaos nicht der Anfang von allem, was ist? Chaos als Quelle. Chaos als Kraft. Chaos als Neuanfang? Wozu auch immer.

Da stehe ich also und betrachte die Wörter, betrachte die Buchstaben und lasse sie gewähren. Alle sind sie da. Das Wörterbuch hat sich geöffnet. Sinn kommt auf mich zu und fragt, ob er mir helfen soll. Ich schaue ihn an, klein und schmächtig ist er, trägt eine Brille und schaut mit einem Blick, der so gar nicht zu seiner geringen Größe passen will, an mir vorbei. Nein, nicht an mir vorbei. Durch mich durch. Er durchschaut mich, er weiß, dass ich wortlos bin. Ich als einzige bin die ohne Worte. Bin weder Wort noch Buchstabe. Bin einfach nur Mensch. Eine, die sich mit Wörtern verbinden, mit Wörtern verbünden will, um zu verstehen. Das ist es, was ich will. Ihr Wörter, sage ich, ich will verstehen. Ja, Sinn, du kannst mir helfen. Wenn du das denn kannst. Ich will dich und deine vielen Geschwister hier verstehen. Nein, nicht euch, aber das, wofür ihr steht. Komm doch mal her, du da. Wie heißt du denn? Schüchtern kommt sie einen Schritt näher und flüstert ihren Namen. Ich habe sie nicht verstanden. Sinn souffliert: Liebe. Das ist Liebe. Sie mag aber ihren Namen nicht. Die Menschen lachen oft über sie. Und sie mag es nicht, dass alle Menschen zu wissen glauben, wer sie ist und wofür sie steht und in Wirklichkeit ist alles ganz anders.

Wie anders?, frage ich und bereue meine Frage bereits. Sinn lächelt traurig. Liebe kann man nicht erklären, Liebe kann man nur lieben. Sie ist rot geworden, die Kleine. Ich kann mir nicht helfen, ich möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und tue das auch. Sinn lächelt. Ja, sagt er.

dontbelieveWeisheit ist groß und hat ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und ich weiß nicht, ob sie eine Sie oder er ein Er ist. Er sagt: Lass zu. Hör damit auf, zu wollen. Zu machen, zu müssen. Ich setze mich auf den Boden. Die Wörterfamilie sammelt sich um mich. Und auf einmal sind alle ruhig und wir sind uns ganz nah.

Geschichte erzählt mir, wie es in der Welt der Wörter zugeht. Ich begreife, dass die Wörter mehr verstehen von Demokratie, von Eigenmacht und von Kameradschaft. Manche Wörter erzählen mir, wie sie missbraucht werden. Macht stehen die Tränen in den Augen. Ich war nicht immer so, so traurig, so negativ besetzt, sagt sie. Sie ist erstaunlich schön, Frau Macht. Aber erst, wenn man genau hinsieht. Ich bin ein Missbrauchsopfer, aber diese Rolle ist einfach nur zum Kotzen. Und am liebsten will ich nicht mehr leben. Oder dann möchte ich wenigstens, wie das Menschen können, in eine Art Zeugenschutzprogramm für missbrauchte Wörter eintreten und an einem neuen Ort neu anfangen. Andererseits, wenn ich weggehe, werden sich die Menschen einfach ein anderes Wort nehmen, dass sie an meiner Stelle missbrauchen können um ihre Gier auszuleben.

Gier, ein kleiner blonder Bursche, sagt, dass er amputiert worden sei. Das Neu habe man ihm weggenommen und ihn schon als Kind von seinem Bruder Neugier getrennt. Aber im Herzen drin hoffe er noch immer auf ein Umdenken. An ihm solle es nicht liegen. Er würde sich gerne deleten lassen, wenn es der Menschheit diene.

Gewaltig, ein erstaunlich drahtiger kleiner Kerl, flüstert, dass er früher ein gutes Wort gewesen sei. Aber heute – er verdreht die Augen – heute assoziieren mich viele mit Gewalt. Aber ich, sagt Gewalt, ich bin auch nicht böse. Ursprünglich stand ich für die Kraft der Erde, die sich zuweilen schüttelt, um zu zeigen, wer das letzte Wort hat.

Kleines literarisches Experiment #1 – Die Beiträge

Ihr erinnert euch? Vor einer Woche habe ich euch zu einem kleinen Experiment eingeladen? Das hier ist dabei herausgekommen:

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„Atme. Atme. Lauf. Lauf. Atme. Lauf. Vorwärts. Weg. Nicht stolpern. Nur nicht stolpern.“
Nichts anderes konnte sie denken, während sie durch den Wald hetzte. Nasse Zweige schlugen ihr ins Gesicht und gegen ihre Jacke, ihre Schuhe waren völlig durchweicht. Sie spürte nichts davon, konzentrierte sich einzig darauf, wegzukommen. Weg von dem, was passiert war.

Sie spürte, wie ihre Kräfte nachliessen. Die Anhöhe würde sie noch schaffen, doch was dann? Sie wusste nicht einmal, wo sie war. Ihr Handy steckte in Wolfs Tasche und Wolf lag tot in diesem alten Schuppen. „Nicht daran denken. Nicht jetzt.“

Wolf! Sie spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog, wollte auf die Knie sinken, die Hände ins matschige Laub am Boden graben, sich hineinwühlen und das Entsetzen aus sich heraus schreien. Doch stattdessen rannte sie weiter. Einen Fuss vor den anderen. Nicht denken, nicht daran denken. Doch was konnte der Kopf schon gegen das Herz ausrichten? Nichts. Mit einem gequälten Aufschrei schmiss sie sich der Länge nach hin, krallte ihre Finger in den Boden, vergrub ihr Gesicht in dem Gemisch aus altem Laub, Moos und Erde.

Wie hatte sich ihr Leben innerhalb von acht Stunden so ändern können? Heute Morgen war sie noch unbeschwert aus dem Bett gesprungen und hatte sich auf die seit langem geplante Wanderung gefreut. Sie hatte ihren Rucksack aus dem Flurschrank gekramt, Brote geschmiert und sich kurz darüber geärgert, dass es nach der langen Trockenperiode ausgerechnet heute in Strömen regnete.
Wolfs Gesicht tauchte vor ihr auf. Wie er lachend in der Tür stand, um sie abzuholen. Wie er sie daran erinnerte, ihre Regenjacke einzupacken und sie sich darüber lustig gemacht hatten, dass sie am besten auch noch das Schlauchboot einpacken sollten, falls der Regen sie wegspülen würde.

Sie atmete den erdigen Geruch des Bodens ein und beruhigte sich etwas. Sand knirschte zwischen ihren Zähnen. Sie setzte sich auf, spuckte aus und wischte sich das Gesicht ab. Langsam verebbte ihre Panik und sie beschloss, zurück zu gehen.

Sehr weit war sie bei ihrer Flucht nicht gekommen und viel schneller als gedacht gelangte sie wieder an dem alten Schuppen an, in dem sich Wolf befand. Ihr Verstand weigerte sich zu akzeptieren, dass er tot sein sollte. Sie drückte einen Moment ihre kalten Finger auf ihre Augen, öffnete sie wieder und schob zögernd die Tür des alten Verschlags auf. Muffige Luft schlug ihr entgegen und sobald ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie die Schemen der zwei Männer auf dem Boden liegen.

Kein Traum.
Sie ging hinüber zu einem der Männer und drehte in um, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Wolf. Das vertraute Gesicht, das sie seit ihrer Kindheit begleitet hatte. Es hatte Momente gegeben, da sie sich aus den Augen verloren hatten, doch sie hatten immer wieder zueinander gefunden. Wolf. Ihr Kindheitsfreund, ihr bester Kumpel, immer war er da gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte. Und hier lag er nun, ganz still und kalt. Vorsichtig nahm sie seinen Kopf in ihre Hände und bettete ihn auf ihre Knie. Sie schloss seine halbgeöffneten Augen und seinen Mund und drückte ihm einen zarten Kuss auf die Stirn. Etwas, das sie zu Lebzeiten nie getan hatte. Sie strich über seine Wange und bemerkte erst jetzt, dass ihre heissen Tränen auf sein Gesicht tropften, so dass es aussah, als würde er selbst weinen. Sie wiegte ihn in ihren Armen, schaukelte hin und her und flüsterte seinen Namen. Tränen und Rotz vermischten sich, und trotzig wischte sie beides mit ihrem nassen schmutzigen Ärmel weg. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und ihrer Kehle entrang sich ein Laut, wie sie ihn noch nie von sich vernommen hatte. Ein langes heisseres Schluchzen, ein gedämpfter Schrei, irgendetwas dazwischen, ein Urlaut der Trauer.

Mit zitternden Händen legte sie Wolfs Kopf auf einem kleinen Haufen Stroh ab, wischte sich erneut übers Gesicht und wandte sich der anderen Gestalt am Boden zu.

Da lag er. Sie hatte ihn getötet. Ein Mann in ihrem Alter, ungepflegt, seine Kleidung abgetragen und teilweise verschlissen.

Als sie im Schuppen Schutz vor dem Regen gesucht hatten war er aus einer dunklen Ecke auf sie gestürzt, hatte Wolfs Kopf so brutal herum gerissen, dass sein Genick brach und sich anschliessend ihr zugewandt. Als sein verwirrter Blick auf sie fiel hatte sie in völliger Panik nach dem ersten Gegenstand gegriffen, der ihr in die Hände fiel – eine alte, schmutzige Heugabel – und sie ihrem Angreifer entgegen gerammt.
Eine der Zinken hatte seinen Hals komplett durchbohrt. Das sah sie aber erst jetzt, da sie ihn genauer anschaute. Vorher war sie voller Entsetzen davon gelaufen.
Sie fasste ihn nicht an, betrachtete die Leiche nur aus der Entfernung und ohne Vorwarnung erbrach sie sich krampfhaft auf den schmutzigen Schuppenboden.

Sie fühlte sich unendlich müde. Unendlich schwer. Jede Sekunde schien ihr eine Ewigkeit zu sein. Langsam drehte sie sich zurück zu Wolf, nahm ihre restliche Kraft zusammen und zog ihr Handy aus seiner Tasche. Sie wählte den Notruf und legte das Handy auf den Boden. Sie hatte keine Kraft, mit irgendjemandem zu sprechen. Man würde sie schon finden. Dann legte sie sich neben Wolf, zog ihn in ihre Arme, schloss die Augen und wartete.

Schnipseltippse

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Ein dunkler Raum, vier Beine, eine Blutlache, zwei Menschen, Sonntagabendstandbild. Sie starrt darauf. Ihre Hand hält die Fernbedienung, ihr Daumen findet das Aus. Sie schüttelt das Bild von ihrer Netzhaut. Vier Beine, eine Blutlache, zwei vermisste Menschen. Nun werden die Kommissarios wieder jagen und suchen und am Ende finden, heute ohne sie. Sie starrt noch immer auf den Schirm ohne Bild, als liesse sich ein Neu dort finden, ohne Suche, ohne Jagd, einfach so, weil sie es vermisst.

Ulli

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Das Echo meiner Schritte tut weh. Jedes ­Mal, wenn meine Füße auf den Beton treff­en, explodiert etwas in meinem Kopf. Ich­ stelle mir vor, wie die Explosionen nac­h und nach alle Erinnerungen löschen, wi­e der Regen, der mir ins Gesicht peitsch­t, die entfachten Feuer in meinem Hirn l­öscht und die Asche zuverlässig wegspült­. Ich muss nur lange genug weiter laufen­, dann ist nichts mehr da, dann ist nich­ts geschehen. Dann ist die Wahrheit nich­ts als ein dunkles Loch, ein Raum, den i­ch nie betreten werde. Wenn ich immer we­iter laufen könnte, Tage lang, Nächte la­ng, würde ich schließlich an einen Punkt­ kommen, an dem sich die Zeit gabelt, un­d ich wählen kann, zwischen dem Weg zurü­ck in die Vergangenheit, oder einer Gege­nwart, in der ich nur immer weiter laufe­n kann. Vermutlich bin ich dabei, den Ve­rstand zu verlieren, aber wie gerne gäbe­ ich meinen Verstand, um wieder mit Piet­er und Mareike zusammen zu sein. Um sie ­noch einmal zu suchen, dieses Mal mit de­r Aussicht auf Erfolg.

-anonym

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Jetzt werden sie immer Vermisste bleiben. Dieser eine Satz. Fast unhörbar tauchte er auf, setzte sich in ihr fest, schwoll an. Auch das Bild, wie die beiden da auf dem Boden lagen, würde sie nie mehr loswerden. Sie hatte noch nie tote Menschen gesehen. Dass sie rannte, merkte sie erst, als ihre Lunge zu brennen anfing. Die Nacht war jung, nass und kalt. Dunkelheit, Regen und feuchte Haare verboten ihr die Sicht, aber ihre Füße kannten den Weg.

-Sofasophia