Dieses Menschsein aber auch

Neulich las ich Andreas Altmanns philosophischen Lebensreisebericht ’Triffst du Buddha, töte ihn’. Ein Buch, das mir unter die Haut gegangen ist wie schon lange keins mehr. Ausgerechnet Altmann also, den ich immer ein klein bisschen für abgehoben und zynisch gehalten hatte. Doch schon nach den ersten Seiten revidierte ich mein Vorurteil. Da schreibt einer, der sucht, einer, der finden will. Der schon vieles probiert hat und schon vieles gesehen. Und viel gelitten. Einer, der sich kein A für ein U vormachen lässt und keine seichten Antworten will. Und vor allem aber einer, der radikal ehrlich mit sich selbst ist und sich nicht schont.

Auch ist er, wie ich, mit dem Christentum fertig, fertig mit dem ganzen Monotheismus. Mit dem ganzen Götterkram.

Mit diesem Lebensrucksack macht er sich auf den Weg nach Indien, um endlich jemanden zu finden, der ihm sich selbst zeigt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Über Umwege findet er in ein buddhistisches Meditationszentrum, denn die buddhistische Philosophie – nicht zu verwechseln mit jener Buddhaverehrung, die manche buddhistische Lehrrichtungen als Religionssynonym erschaffen haben – hat ihn bis jetzt von allen erlebten Lehren über das Leben am meisten überzeugt.

Die Themen, die ihn – ähnlich wie mich – immer wieder bewegen:

  • Radikale Selbstverantwortung
  • Praxis der Achtsamkeit
  • Hoffnung auf mehr Herzweitung, Warmherzigkeit und Freundlichkeit
  • Nicht urteilen: Umgang mit anderen Menschen, vor allem mit mir Unangenehmen
  • Innere Ruhe und Frieden finden
  • Meditation für den Alltag

Solchen Dingen spürt er nach, während er sich mit sich selbst auseinandersetzt und ein zehntägiges Schweigeretreat absolviert. Eins, das ihn an seine Grenzen bringt.

Immer wieder dachte ich beim Lesen seiner Erfahrungen an unsere Fernwanderungen, ans Pilgern an sich. Natürlich kann man gesammelte Erfahrungen letztlich nie vergleichen. Wir haben zum Beispiel auf unseren Wanderungen weder geschwiegen noch bewusst meditiert. Dennoch: manches, was er erlebt, durfte auch mir im Unterwegssein in der Natur passieren: Diese Herzöffnung zum Beispiel. Achtsames und bewusstes Sein in Selbstverantwortung … Dinge, die in unserer Welt je länger je weniger Raum haben.

Eigenverantwortliches Handeln, Denken und Verhalten – ich habe manchmal Angst, dass es uns als Gesellschaft immer mehr abhanden kommt. Dabei ist es ja letztlich nur ein kleiner Teil der Menschheit, der sich schei**e verhält. Leider aber vergiftet diese Schei**e – wie Öl das Wasser – das soziale Klima auch in kleinen Dosen nachhaltig.

Wie können wir das verhindern?

Wenn ich so über die Zukunft unserer Gesellschaft nachdenke, spiele ich zuweilen mit dem Gedanken, wie eine Gesellschaft aussähe, die keine Nachwuchslehrkräfte mehr hätte, keine Nachwuchspflegepersonal, niemanden mehr, der putzt und keine Polizei mehr – weil diese Jobs niemand mehr machen will. Weil diese Jobs immer unzumutbarer geworden sind. Weil jene pensioniert werden und aussterben, die noch mit Leidenschaft in diesen Berufen gearbeitet haben. Gedankenspiele, wie gesagt.

Ein weiteres Gedankenspiel ist mein Nachdenken über die Zukunft, global ebenso wie persönlich und auf uns als Einzelne bezogen. Wie wir denken, wie wir uns verhalten, was wir mit unserem Verhalten auslösen (Massenphänomene, wie kleine Steintürmchen, die, wenn sie in Massen auftreten, ganze Strände, ganze Ökosysteme zerstören). Wir hinterlassen vorsätzlich Spuren, weil wir uns unserer Anwesenheit auf dieser Welt vergewissern wollen.

Schnitt.

Womöglich – nein, ziemlich sicher sogar – ist ’Gott’ vor allem ein Synonym, ein Sammelbegriff für all das, was unseren Verstand übersteigt, für all das, was wir mit unseren Sinnen und Unsinnen nicht erfassen können.

»Eigentlich ist es ja verrückt mit diesem Christentum. Wir sagen ja in unserer aufgeklärten Gesellschaft gerne über Menschen aus nativen Völkern, dass sie an Mythen glauben. An Märchen. Aber schauen wir uns doch mal die Basis des Christentums an: Etwas anderes als ein Mythos sind Jungfrauengeburt und Auferstehung ja auch nicht.« So irgendwie brachte es neulich eine Freundin auf den Punkt.

Und wo wir grad beim Glauben sind: Meditieren soll ja zu Gleichmut empfundenem Unrecht und Leid gegenüber verhelfen und dabei eben auch Leid reduzieren. Ist aber Leid und Ungerechtigkeit empfinden zu können nicht eigentlich total wichtig, wenn wir etwas zum Besseren wenden wollen – persönlich, lokal und global?

Ach, und warum man Buddha töten soll, wenn man ihn gefunden hat, verrät Altmann am Ende des Buches.

»Buddha soll dir Hebamme sein, Guru und Mentor. Um das in dir schlummernde Potential zu wecken, es zur Welt zu bringen. Aber wenn es geweckt ist, dann musst du dich verabschieden, ihn von dir weisen, ihn ’töten’. Selbstverständlich nicht durch einen mörderischen Akt […], sondern mit der symbolischen Geste eines definitiven Abschieds.«

Oder wie Goenka sagt: »Der spirituelle Lehrer ist nur Wegweiser. Du musst dein eigener Meister werden.« Und deine eigene Meisterin auch.

Grundeinkommen und Komfortzonen

Unterstellungen – das sind sie doch, Schlussfolgerungen von Menschen, die – nur so als Beispiel – sagen, dass Menschen, bekämen sie erstmal ein Bedingungsloses Grundeinkommen, ihre Komfortzone nicht mehr verlassen würden. Was Andreas Hoffmann, Wirtschaftsjournalist bei Stern, vermutet.*

Wir rechnen vom eigenen kleinen Denken aufs große Ganze um. Ich nenne es Hochrechnungen. Und ich tue es oft und gerne. Von mir auf andere schließen ebenso wie von einmal Erlebtem auf zukünftig Erlebbares rechne ich hoch, wo immer es sich mir anbietet. Vor allem bei doofen Sachen. Bei mühsamen Erfahrungen. Weil es so einfach ist. So logisch irgendwie.

Trügerische Sache, denn genau so funktioniert die Welt nicht. Obwohl – manchmal könnte man das große Ergebnis im Nachhinein kleinrechnen und schlussfolgern, dass es doch so ist. Mit Sätzen wie ’Was zu beweisen war’, leicht ironisch und mit einem ’Ich wusste es doch!’ im Gesicht. Diese sich selbsterfüllende Prophezeiungsding. Das aber, so vermute ich, nur bei mir persönlich greift.

Ich kann, behaupte ich, nicht für eine Gesellschaft hochrechnen, es sei denn – wie im Fall Trump – ich hätte diese Gesellschaft eigenhändig manipuliert. Was ich aber im Fall eines Andreas Hoffmann nicht vermute.

Ich denke ja, dass das Bedingungslose Grundeinkommen Raum schafft für die wirklich wichtigen Dinge. Oft höre ich Berufstätige sagen, dass sie zu wenig Zeit haben, sich für soziale oder für künstlerische Projekte zu engagieren und für all jene andern Dinge, die die Welt zu einem besseren Ort machen, zu einem lebenswerteren.

Wir hätten mit dem Bedinungslosen Grundeinkommen mehr Zeit, über das Leben und über Werte nachzudenken, unser Handeln zu überprüfen (wer würde zum Beispiel noch freiwillig in einer Waffenfabrik arbeiten wollen?), Kriminalität wäre überflüßig … (na ja, das ist sie ja jetzt schon …). Wir würden endlich Raum haben, um zu tun, wovon wir immer träumten. Ich sehe viele dankbare Menschen, gewillt die Welt flächendeckend zu einem besseren Ort zu machen.

Eine weitere meiner kleinen Hochrechnungen besagt, dass genau das alles uns dazu motivieren würde, immer wieder unsere Komfortzonen verlassen.


Quelle: MDR und Twitter

Alles wird gut?

Wie war doch gleich noch diese schweizweite Mineralwasserwerbung vor etlichen Jahren? Alles wird besser, XY bleibt gut.

Was gut ist, muss nicht immer noch besser werden. Oft ist gut gut genug. Ein Satz, den ich mir schon seit Jahren vorbete. Besonders, wenn mich mal wieder ein Anflug von unerfüllbarem Perfektionismus überkommt. Ich zerstöre sehr schnell das fragile Gleichgewicht zwischen meinen eigenen Ressourcen und dem zu Leistenden, weil ich dieses Etwas beinahe perfekt hinbekommen will. Oft schufte ich mich beinahe kaputt. Genug ist genug. Zumal in der Regel kaum jemand den Unterschied bemerkt. (Nun ja, für die wenigen, die es doch bemerken, würde sich der Aufwand natürlich lohnen, und für mich selbst womötlich auch … aber … zu welchem Preis?)

Ja, klar will ich mich weiterentwickeln. Aber ich will der Natur je länger je konsequenter dieses Ding mit der Weiterentwicklung abgucken; die Natur macht uns nämlich vor, wie es geht. Eine Pflanze entwickelt sich weiter und weiter, wächst und wächst, bis sie jenen Punkt erreicht hat, wo es nichts mehr weiterzuentwickeln gibt. Und wo der Zerfall, der Rückbau anfängt. Beides tut sie im Tempo, dass ihr entspricht – den inneren Parametern gehorcht sie dabei ebenso wie dem Umfeld, in welchem sie gedeiht und vergeht. Eigentlich hätten wir Vorbilder zuhauf, wir müssten nur in den Wald gehen. Still sein. Lauschen. Hinschauen. Und ja, möglicherweise wird ja auf diese Weise wirklich alles gut. Zumindest einiges.

Neulich, in einem Gespräch, sagte ich, dass ich zuweilen kaum mehr Hoffnung hätte für unsere Welt. Die Welt gehe vor die Hunde und entwickle sich rasant ihrem Untergang entgegen.

Mein Gegenüber meinte, sie habe da neulich einen Artikel gelesen, der genau das Gegenteil sage. Johan Norberg, der größte Optimist der Welt und schwedischer Historiker, habe nämlich herausgefunden, dass es der Menschheit weltweit noch nie so gut gegangen sei wie heute. Mein Gegenüber vermutete, dass es vor allem die sozialen und die berichterstattenden Medien seien, die das Bild der Welt verzerrten. Mediengaukelei, die darauf abziele, unsere Ängste zu schüren.  ‚Und uns manipulierbar zu machen‘ fügte ich im Geist hinzu.

Als ich vor bald sechsunddreißig Jahren damit aufhörte, tote Tiere zu essen, war ich für die meisten Menschen eine Exotin. Viele wollten mich damals davon überzeugen, dass Vegetarismus ungesund und unnatürlich sei.

Vor über zwanzig Jahren begann ich mit anderen Frauen zusammen schamanische Rituale zu feiern, zu meditieren, Entspannungsreisen in den Körper zu machen. Damals waren wir komische Spinnerinnen.

Als ich vor über fünfzehn Jahren damit anfing, Yogaasanas zu üben, waren wir hierzulande noch eine kleine Gruppe Menschen, die versuchte, im Alltag sich einige Inseln der Entspannung zu schaffen.

Heute? Ist das Essen oder Nichtessen toter Tiere als Thema in aller Munde (oder so). Meditieren und Yoga sind heute Lifestyle (ein Wort, bei dem es mir die Zehennägel hochrollt).

Gut daran ist, dass das gesellschaftliche Umdenken und Sensibilisieren auf andere als nur materielle und sich selbst bereichernde Werte, das wir damals als kleine Minderheit erhofft hatten, inzwischen die Massen erreicht hat. Manche Menschen machen natürlich nur oberflächlich mit, aus Neugier, weil es Mode ist, aber manche Menschen – und ich hoffe, diese Tendenz steigt weiterhin – begreifen tief innen, dass der Weg zur Weiterentwicklung der Menschheit nicht wirklich über Leichen gehen kann. Ich denke an Tierleichen ebenso wie an die Leichen all jener Menschen, die auf der Flucht sind oder in einem Land, das Krieg führt, leben.

Gesellschaftliche Weiterentwicklung kann nur gemeinsam geschehen. Nicht auf Kosten der einen zu Gunsten der anderen. Aber vielleicht ist es ja wirklich so, wie Historiker Norberg sagt und alles wird besser? Oder zumindest gut. Gut ist gut genug.

Zentrifugalkraft

Es dreht sich das Karussell und nimmt uns mit.
Dreht uns im Kreis. Im Kreis, im Kreis. Immer im Kreis.
Manche kreischen.
Da ist ganz viel Lärm in mir drin.
Und da sind Ängste, die mit Kirmesgewehren herumballern.
Noch lachen alle. Jubeln. Kreischen lauter. Rufen schneller.
Schneller, schneller, und lauter und wilder und mehr, mehr, mehr.
Da. Auf einmal fliegen die ersten heraus. Schließlich immer mehr.
Nur die ganz Starken, jene, die ein paar Tricks kennen, um der Schwerkraft zu trotzen, und die mit den spitzen Ellbögen können sich halten. Sie drängen sich in die Mitte.
Am Rand steht bald niemand mehr.
Da draußen, am Boden, liegen schon ganz viele.