Heimaten

Vor ein paar Tagen in Bern die plötzliche Erkenntnis: Das hier ist ein Stück von mir.

Das hier ist Heimat. Ich fühle mich in dieser Gegend daheim, fühle mich vertraut. Nicht nur die Stadt ist es, auch das Umland, das ich oft durchwandert und durchradelt habe in meinen total doch fast zehn Jahren in dieser Gegend. Das Bedürfnis ist riesig, jede Ecke, die ich früher gekannt, erlebt und geliebt habe, aufzusuchen, mich zu erinnern.

Fahre ich irgendwann wieder Richtung Osten, heimwärts, nun ja hierher, wo ich heute lebe, schmerzt mich der Abschied am Anfang immer fast körperlich. So lange bis es irgendwann irgendwo in mir drin ploppt, so lange bis etwas in mir drin fast hörbar zerreisst. Ähnlich wie der Druck in den Ohren bei schnell zurückgelegten Höhenmetern sich irgendwann wieder auflöst. Der Schmerz lässt nach, wenn ich wieder genug Abstand zwischen dort und hier gelegt habe. Nach einigen Tagen vergesse ich diese kurz aufgeflackerte Heimatgefühle und ich vergesse den Blick hinter den Vorhang wieder.

Und eigentlich geht es mir ja ein bisschen mit all den Orten so, an denen ich je gelebt habe. Frankreich und die Pfalz inklusive. Und natürlich auch mit der Gegend hier, mit der Heimat meiner Kindheit. Jedefalls wenn ich lange genug weg war. Heimkommen zu können ist etwas unglaublich Kostbares.

Aber was ist Heimat wirklich und was machen sie mit mir, diese meine vielen Orte, Gegenden, Landschaften? Und wie kann eine so viele Heimaten haben und sich dabei dennoch so heimatlos fühlen?

Das Heimatding mal wieder

Es ist ja nicht so, dass ich fremdgehe. Es ist vielleicht eher so, dass ich einen Ort suche, der meinem aktuellen Schreibbedürfnis eher entspricht.

Am Anfang habe ich auf Ello ähnlich kurze Sätzchen und Gedankenfetzen gepostet wie ich es von Twitter her kannte, inzwischen habe ich mir dort eine kleine Sitzecke eingerichtet, wo ich gemütlich lesen und schreiben kann. Wäre Twitter eine Art Fastfood-Restaurant, wäre Ello ein gemütliches Café mit wenig Lärm, wenig Aufregung, wenig Hin- und Her, dafür mit vorzüglichen Teesorten, leckersten belegten Broten und wunderbaren Desserts. Selbstgemachtes Eis zum Beispiel.

Ausgelöst von einem Post über das Wohnen am Meer habe ich vorhin dort ein paar Zeilen geschrieben:

»… warum leben denn nicht mehr von uns am Meer?

Warum leben wir, wo wir leben? Und wieso leben so viele Menschen nicht so und nicht dort, wie und wo es ihrer Art und Natur eigentlich entspräche?

Ich höre euch antworten:
Wegen der Arbeitsstelle.
Wegen der Familie.
Bin hier geboren.
Habe hier ein Beziehungsnetz aufgebaut.
Mein Liebster kommt von hier.
Ich bin/fühle mich hier zuhause.

[…]

Nun ja, bei mir ist es vielleicht so, dass ich wohl etwa 50% meiner Zeit am liebsten an einem Meer wohnen wollen würde. Mal an einer Mittelmeer- oder Atlantikküste Frankreichs oder Portugals (Italien und Spanien eher nicht, allenfalls eine Insel?), mal sehe ich mich auf einem Hausboot, mal in Südschweden − Kattegat oder Skagerrak −, mal an der schwedischen Ostsee, am bottnischen Meerbusen …«

[Weiterlesen …]


[Ich schreibe übrigens auf einem persönlichen Blog weiter über meine Innenansichten. Wer dort mitlesen möchte, schreibe mir bitte eine Mail.]

Die Sache mit der Zufriedenheit

Süße neunzehn war sie, als sie heiraten musste. Jung war sie damals, jung und unschuldig, Und ohne die Möglichkeit, mitzubestimmen. Wie das damals, Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, in Anatolien zumal, noch üblich war. Und, wer weiß, vielleicht heute noch praktiziert wird. Zwei Jahre später zog das Paar in die Schweiz. Und drei Jahre später kam der Sohn zur Welt. Während sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt, ertappe ich mich beim Rechnen. Kann das sein? Sie sieht noch so jung aus. Nach fünf Jahren hat sie ihren Mann verlassen. Ich gestehe, dass ich nicht immer alles auf Anhieb richtig verstehe. Ihr Deutsch ist schlecht. Meint sie nach fünf Jahren in der Schweiz oder meint sie nach fünf Ehejahren? Beides ist möglich. Und wie bei vielem verstehe ich ja doch immer nur einen Bruchteil und verstehe vor allem nicht, wie sie sich in der Schweiz zurecht findet. Zurecht gefunden hat. Nur gerade elf Jahre ihrer Lebenszeit hat sie weniger in diesem Land hier verbracht als ich. Und doch … Ich versuche mir, sie mir als junge Frau vorzustellen. Wie eine Elfe sieht sie aus, klein und zierlich, mit langen hellen Haaren, blond oder weiß. Ein zartes, liebes Gesicht hat sie, das sich etwas kindliches bewahrt hat. Trotz allem.

Eine Muss-Heirat sei es gewesen, doch sie habe sich befreit. Nicht gut sei das gewesen mit diesem Mann, sagt sie. Und nun ist ihr Sohn schon fünf Jahre tot. Als Einundreißigjähriger ist er plötzlich gestorben. Das Herz. Sie weint ein bisschen und ich sage, dass ich sie verstehe. Sage: Auch mein Sohn ist gestorben. Als ob das trösten könnte. Aber verbünden tut es, ja, das schon. Ein wenig jedenfalls. Und wir weinen ein bisschen miteinander, aus sicherer Distanz, denn um sie in den Arm zu nehmen, bin ich zu schüchtern.

Das hier, sie zeigt aus dem Fenster, das hier sei ihre Heimat. Sie sei zufrieden, auch wenn sie nicht viel Geld verdiene. Doch mehr brauche sie nicht. Gott hilft ihr, hört und tröstet sie und ja, auch die Schutzengel helfen ihr, sagt sie. Und dann gesteht sie, ein klein wenig verschämt, dass sie sich oft frage, wozu sie eigentlich lebe. Ich sage, weil du ein Lachen zu verschenken hast. Immer wenn ich dich sehe, leuchtest du.

Sie sei eben zufrieden und ich höre das Wort Frieden heraus. Man brauche ja nicht viel zum Leben. Besser als sich grämen oder kämpfen und sich Sorgen machen. Das brauche viel zu viel Kraft. Lieber bleibe sie ruhig, erzähle Gott ihre Sorgen und sei zufrieden. Sie ringt nach Worten. Neununddreißig Jahre lebt sie nun in der Schweiz. Auch wenn sie die Sprache nicht wirklich beherrscht, kann sie sich wunderbar ausdrücken. Sie spricht die universellste aller Sprachen, die des Herzens. Sie strahlt. Nun lachen wir.

Ob sie sieht, dass wir auf gleicher Augenhöhe leben, sie, die Frau mit dem Putzlappen, und ich, die Frau am Computer? Auch wenn sie steht und ich auf dem bequemen Bürostuhl sitze.

Weil wir einfach Menschen sind; sie mit einundsechzig, ich mit fünfzig Jahren Lebenserfahrung im Rucksack.

Auf einmal bin ich ganz ruhig – das Gefühl von Hektik, Hetze, Stress, das schon viel zu lange an mir klebt, fällt von mir ab. Zwar muss ich noch vieles tun (muss ich?), doch ich tue es – nachdem sie gegangen ist und meinen Abfall und mein Altpapier mitgenommen hat – auf einmal ein klitzeklein bisschen anders als vorher. Mit einem anderen Blick auf die Dinge, ihr Wesen und ihre Notwendigkeit.

Nostalgia – Gedanken einer Heimatlosen

Sehnsucht und Heimweh … es gibt sie nur, weil es Liebe, weil es Heimat gibt, spreche ich unterwegs ins iPhone. Schreiben kann ich ja nicht beim Autofahren. Sehnsucht und Heimweh – zwei Schmerzen, die sind, weil wir Fühlende sind. Und warum tut Erinnern meistens weh? Bedeutet das, dass ich damals Fehler gemacht habe? Oder einfach, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist? Ich möchte das, was damals war, hier und heute nicht mehr in meinem Leben. Ich lebe jetzt.

Dennoch ist es da, dieses Heimweh, wann immer ich in der Region Bern, wo ich etwa zehn lange Jahre gelebt habe, unterwegs bin – ganz besonders wenn ich Richtung Oberland fahre. Ist es Heimweh längi Zyti, wie die BernerInnen so schön sagen? Muss man einen Weg nur oft genug gefahren, gewandert, geradelt und geschlendert sein, um ihn später als Heimat wiederzuerkennen? Muss man alle Nischen, Schleichwege und Abkürzungen einer Stadt oder eines Dorfes kennen, damit sie Heimat genannt werden dürfen? Müsste dann nicht auch meine aktuelle Wohnumgebung heimatliche Gefühle in mir auslösen – zumal ich ja hier in der Gegend aufgewachsen bin und immerhin etwa fünfundzwanzig Jahre gelebt habe, jedenfalls im Umkreis von etwa zehn Kilometern. Warum überfallen mich diese heimatlich-sentimentalen Gefühle vorwiegend im Kanton Bern? Nur dort wird mir das Herz auf diese ganz bestimmte Art weit und ich fühle mich als Nachhausekommende.

Nach meinem heutigen Recherche-Termin in Thun habe ich mir den Rest-Nachmittag freigegeben.
Du sollst morgen baden gehen!, habe ich gestern – im besten Scheffintonfall – zu mir gesagt. Und zwar sollst du zu deinem Lieblingsbadesee fahren. Und so packte ich, trotz der nicht so tollen Wettervorhersagen, heute meine Badesachen ein. Der Himmel schien sich zum Glück nicht wirklich an die Wettervorgaben halten zu wollen. Jedenfalls kein Regen in Sicht. Nur ein paar Wolken.

Gerzensee_sm

Kurz vor sechzehn Uhr. Ich und der See, allein zu zweit. Das Wasser zwanzig Grad. Wärmer als die Luft. Ich ziehe mich um und steige hinab. Wie schön es doch ist, mich auf dem Rücken zwischen den Seerosenblättern hindurch in die Mitte des Sees treiben zu lassen. Ich schwimme auf dem Rücken, die Ohren im Wasser, und lausche. Nur meine Schwimmbewegungen höre ich so. Wenn ich brustschwimme, höre ich nur die Kühe auf der nahen Wiese, die sich die Neuigkeiten des Tages erzählen, und einen Traktor am andern Ufer des Sees. Eine Stunde später spaziere ich erholt zurück zum Auto. Auf dem Weg zur Straße treffe ich eine Frau. Wir grüßen uns und grinsen uns wissend zu: sie geht dorthin, wo ich war. Der See ruft. Ich bleibe fünf Meter später stehen und drehe mich um. Aber … das ist doch … Im gleichen Augenblick hat sie sich ebenfalls umgedreht und sieht mich an.
Wir kennen uns! Du warst doch ein paar Jahre mit M. zusammen!, sagt sie.
Genau, und du, du bist … Moment, ich hab’s gleich, du bist H.!
Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, darum schwatzen wir ein wenig und dann geht jede ihres Weges. Noch im Auto grinse ich über diesen Zufall.

Wie ich durch Wichtrach fahre, kann ich nicht widerstehen. Ich halte an und überfalle den örtlichen Käseladen, während draußen die Kinder aus dem Schulhaus strömen. Fünf Uhr. Wochenende. Friedliche Dorfszene. Wie ich diesen Augenblick geniesse! Das Teeniegirl vor dem Laden, das, mondän gekleidet, an seinem Smartphone fummelt, will so gar nicht vor diesen altmodischen Laden passen. Bestimmt verflucht sie es, in einem solchen Kuhdorf zu leben.

Ich betrete schmunzelnd den kleinen Dorfladen, wo der Käse, aus der Gegend, noch offen zu kaufen ist, die Joghurts ebfalls aus der Region stammen, alles so kühl und frisch duftet und die Verkäuferinnen alle Zeit der Welt haben. Ich gebe mich als Heimwehbernerin zu erkennen, doch mein falscher Dialekt verrät, dass ich nicht wirklich von hier bin. Nein, konstatiere ich, wie ich Minuten später den Motor wieder starte, auch hier bin ich nicht zu Hause, aber auch dort nicht, wo meine Sprache gesprochen wird … Weder noch. Am einen Ort fehlt mir die richtige Sprache, am andern das richtige Herzklopfen.

Würde ich wieder in der Region Bern wohnen, hätte ich gewiss bald andere Dinge, Orte und Menschen, nach denen ich mich sehnte. So war es schon immer. Ankommen ist leichter gesagt als getan und das Leben ist eben nicht ideal, wie meine Freundin M. so schön sagt. Und wie sich ein Leben ohne Sehnsucht anfühlt, wage ich mir lieber gar nicht erst vorzustellen.

__________________________

Bild:
undogmatischer Appspressionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)