Geheime Flaschen #1 – Mein Feierabend

Nun ja, als ich neulich über geheime Flaschen nachdachte, diesem Begriff, zu welchem mich Karl Ove Knausgårds Buch STERBEN inspiriert hatte, hatte ich – ganz ehrlich – nicht wirklich vor, geheime Flaschen öffentlich zu öffnen.

Nachdem ich den vorletzten Artikel geschrieben hatte, telefonierte ich abends mit dem Liebsten und wir redeten über all diese Dinge, die jeder hat und tut und doch niemandem davon erzählt. Nicht weil sie böse wären und noch nicht einmal peinlich müssen sie sein; eher sind sie banal. Zu banal, darüber zu sprechen. Warum es Karl Ove Knausgård tut, tun musste, und dazu noch so erfolgreich damit geworden ist (so erfolgreich, dass sich sein Buch nicht nur in Norwegen, sondern auf der ganze Welt verkauft), gibt mir zu denken. Zumal er dieses Erzählen auf sehr unspektakuläre Weise tut. Ganz und gar nicht masochistisch und auch nicht auf eine sich selbst gut darstellende Weise. Eher geradezu objektiv. Dennoch ist er jederzeit mitten in seinem Erzählen sicht- und spürbar. Ich kann ihn zuweilen beinahe riechen und sehen und seinen Händen beim Putzen der versifften Wohnung seines kürzlich verstorbenen Vaters zuschauen.

Warum kann mich – und offenbar auch viele andere Menschen – ein solches Buch, das kaum Spannungsbögen hat, so packen? Weil es mich berührt? Das ist es nämlich, was mit mir geschieht. Ich bin Beteiligte, nicht Voyeuristin, wenn ich dieses Buch lese. Ich verschlinge es nicht, wie ich es oft mit anderen Büchern tue; ich horche, ich schaue zu, ich sitze mit Karl Ove und Yngve am Tisch, wo auch die Großmutter sitzt und apatisch raucht. So was von banal.

Warum also, warum kann so viel Alltag so faszinierend sein?
Warum lese ich so gerne Gedanken und Geschichten anderer, die mitten aus dem Leben erzählt werden?

Ist mir das Leben anderer ein Spiegel meines eigenen Lebens?

Ist es diese Resonanz, die ich im andern und die der andere und die andere in mir erzeugen?

Ist es das Unbekannte oder ist es – im Gegenteil – das Vertraute, was mich zuhören, hinschauen, weiterlesen lässt?

Empathie? Neugier?

Ist es gar die Sehnsucht nach mehr Selbsterkenntnis?
Selbsterkenntnis des einzelnen als Anfang von Veränderung einer ganzen Gesellschaft.

Ach, da war doch neulich dieser Satz, irgendwo, der besagte, dass Gegenwartskunst immer den Nährwert der jeweiligen Gesellschaft sichtbar mache. Nein, es hieß nicht Nährwert, es hieß anders. Bloß wie? Ach, ihr wisst schon: Was war zuerst da, die Kunst oder die Gesellschaft?

Eine Gesellschaft von Drauflosschreibenden sind wir. Drauflos schreiben: Blogs und soziale Medien sind unsere Tummelplätze. Zuweilen überlege ich mir, alle diese Räume zu verlassen und nur noch das reale Leben zu leben. Bald würde es mir fehlen, das weiß ich, dieses Drauflosschreiben, dieses Gedankenteilen, denn ich mag es. Und ich mag jenen Austausch, bei welchem nicht jedes Wort in Gold aufgewogen werden muss. Wo ich frei denken kann. Wo ich auch mal drauflos spinnen kann. Wo ich augenzwinkernd oder kritisch meine Mitwelt betrachten kann.

Jetzt. Feierabend.

Ich sitze am Tisch, neben mir ein halbvolles Glas Tee. Gleich werde ich den Laptop auf mein Fernsehtischchen mit den Rädern tragen und ihn mit dem Verstärker verkabeln, damit ich den Film, vermutlich eine Serie von Soko Leipzig, über die Boxen hören kann. Kinofeeling. Ich werde mich aufs Sofa werfen. Aber vorher hole ich vielleicht eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, und ja, vielleicht auch etwas zu naschen.

Später, im Bett, lese ich vielleicht noch einige Seiten Knausgard. Nach dem Film. Oder ich schlafen einfach. Bin müde. Heute war ein strenger Arbeitstag im Büro. Aber gut ist, dass ich immer sauviel Arbeit habe. Ich bin gerne dort, in meiner Schule. Die Zeit vergeht wie im Flug und die Arbeit macht mir noch immer – und hoffentlich auch weiterhin – viel Spaß. Morgen um halb eins beginnt mein Wochenende. Eins, das ich mal wieder beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft verbringen werde.

So, das war sie jetzt aber. So viel zu meiner ersten heimlichen. Flasche. Sie heißt Feierabend. Und ich habe erfolgreich abgelenkt von jener, auf die mich der Liebste neulich am Telefon aufmerksam gemacht hat. Sie heißt Angst.
Cheers.

Ungeöffnet und geheim

Da ist noch so vieles nicht geschrieben, was geschrieben werden kann. Könnte. Vielleicht. Darüber beispielsweise, wie ich meine heimlichen Flaschen langsam öffne. Bisher noch ohne über sie zu schreiben. Weder für mich, noch öffentlich. Sichten will ich sie. Will ich? Einen Schluck davon trinken und mich an den Geschmack erinnern. Will ich? Dabei begreifen, wissen, dass das ich bin. Auch ich. Und dass meine heimlichen Flaschen weder besser noch schlechter als jene anderer sind. Hier versagt Wertung. Sie ist wertlos, wo es darum geht, zu sein. Denn Sein an sich schließt Wertung aus. Ist neutrales Land ohne Grenzen.

Heimliche Flaschen also. Meine riechen nach Gefühlen, ja, und nach Gedanken. Nach Geheimnissen riechen sie ganz besonders. nach ungeteilten. Alten. Neuen.

Wie ich damals über mich dachte, steht auf der Etikette dieser Flasche hier. Und wie ich über mich denke, heute, auf der Etikette jener daneben. Und wie ich mich fühle, steht auf dieser. So banal. So banal!

Auf weiteren Flaschen, kleinen, großen, schmalhalsigen, ausladenden Flaschen kleben Etiketten mit nur einem einzigen Wort darauf. Körpergefühl. Selbstwertgefühl. Selbstbewusstsein. Selbstliebe. Ablehnung. Selbsthass. Wo bin ich den hier gelandet? Ich trete zur Seite und gehe zum nächsten Regal. Hier stehen weitere gläserne Gefäße. Manche sind verstaubt. Manche ganz neu. Auf einer steht Was ich auf dem WC denke. Die daneben trägt den Titel Was ich vor dem Einschlafen denke. Wieder andere sind angeschrieben mit Was ich über andere Menschen denke und Was ich beim Sex fühle.

Nun ja, die Etiketten sind ja erst der Anfang. Der Inhalt ist es, der mich interessiert. Der Inhalt meiner Flaschen. Knausgård hat mich angefixt. In STERBEN, dem ersten Band seiner Autobiografie, schreibt er so akribisch, brutal ehrlich, banal, bis zur Langweiligkeit exakt, was er damals gedacht und gefühlt hat, als er zum Beispiel die versiffte Alkoholikerwohnung seines toten Vaters entrümpelt hatte, dass es beim Lesen schmerzt. Und doch: In dieser Banalität liegt ein Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann. Ein Zauber, eine Genialität, und ja auch eine Art Sehnsucht liegt in Knausgårds Worten. Eine Sehnsucht danach, genauso mutig wie er sich, mir mit ganz viel Liebe und Geduld in die Augen schauen zu können. Hinzuschauen. Ja zu sagen, ja zu allem, was ich sehe, zu allem, was ich bin.

Was ich heute fühle, denke, wahrnehme, mag und ablehne und das, was ich damals fühlte, dachte, wahrnahm, mochte und ablehnte, ist so banal gar nicht. Oder jedenfalls nicht banaler als das, was alle anderen fühlen, denken, wahrnehmen, mögen und ablehnen. All das zusammen bestimmt nämlich heute meine Handlungen. Es bestimmt, wie ich auf Menschen zugehe, wie ich mit mir und andern umgehe. Ob ich mir und andern gut und Gutes tue.

Der Inhalt jeder meiner Flaschen wurde im Laufe der Zeit unzählige Male ergänzt. So manche Korrektur habe ich vorgenommen. Befreiung da und dort erlebt. Mehr Struktur ist geworden. Mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz vor allem.

Immer ein Stück näher bin ich zu meiner Wahrheit hin unterwegs, zum dem, was für mich wirklich zählt. Was wirklich wirkt in meinem Leben. Stille zum Beispiel. Und damit rücke ich immer ein bisschen weiter weg von Effekt und Schein, von Lärm und So-tun-als-ob.

Oh, wie schön still wäre es auf der Welt, würden wir nur noch über jene Dinge sprechen und schreiben, die wirklich zählen und die jetzt für mich wahr sind.

Aber was wäre denn mit meinen heimlichen Flaschen von früher? Würden sie mir denn für immer verschlossen bleiben? Und wäre das schlimm?

Ja, ich habe, wie alle andern, meine ganz persönliche Art zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen, zu mögen und abzulehnen, doch im Grunde fühle, denke und mag ich nicht sehr anders wie alle andern. Und deshalb ist es wohl tatsächlich egal, was ich mit meinen Flaschen anstelle. Egal, ob ich meine Flaschen öffne, teile oder für mich behalte. Wenn nur ich selbst mir gegenüber nichts vormache. Wenn nur ich selbst mir gegenüber bereit bin, hinzuschauen.

aus: Karl Ove Knausgård: Sterben

Heimliche Flaschen

Ja, mich hat die Art und Weise auch gepackt, wie Karl Ove Knausgård schreibt. Und was und worüber er schreibt. Wie er hinschaut. Wie er Worte findet für Phänomene, die ich auch kenne. Ja, auch ich habe solche Gedanken in mir. So viel Ungesagtes, Ungeschriebenes, Unformatiertes, auch Hässliches, Verrücktes, Undenkbares, Unsägliches … Dinge womöglich, von denen ich noch nicht einmal weiß.

Hellsicht 1 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 1
Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2
Karl Ove Knausgård in STERBEN

Zuweilen überlege ich deshalb, ob ich nicht ein neues anonymes Blog öffnen sollte, wo ich mit der gleichen mutigen Kompromisslosigkeit wie Knausgård über mein Leben schreiben kann. Schonungsloser und offener noch als hier.

Obwohl … im Grunde brauche ich dazu kein Publikum. Nur den Raum, diese Texte freizulassen. Manchmal ahne ich, dass da – wie der Korken in einer Schampus-Flasche – nur noch ganz wenig fehlt.  Dass ich den Deckel einfach mal wegmachen sollte und ausprobieren, was da, in dieser heimlichen Flasche, alles drin steckt.

Ich vermute, wir alle haben solche heimlichen Flaschen. Knausgård, über den Ulli und die Mützenfalterin schon oft geschrieben haben, schreibt mir in seiner Heimliche Flaschen-Sprache mitten aus dem Herzen. Und was dabei herauskommt, ist gar nicht so schlimm, so schrecklich, so obszön, wie man vielleicht glauben würde, es ist einfach echtes Leben. Ungeschönt. Ach, wie viele meiner heimlichen Gedanken finde ich – in anderen Worten – auch bei Knausgård!

Wie es bei mir wäre, bei andern, weiß ich natürlich nicht. Aber ich ahne, dass wir uns die eigene Dunkelheit, solange sie verborgen ist, viel dunkler denken als sie ist. Wenn wir ihr die Türen öffnen, unsere Flasche entkorken, kommen möglicherweise unerwartete Schätze zum Vorschein.

Wir meinen ja gerne, so was-auch-immer wie man selbst, sei bestimmt sonst niemand. Doch wir sind es alle. Das ist es übrigens, was mich an Twitter fasziniert und heilsam berührt: ich bin nicht verrückter als der ganze Rest. *lach*

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Wikipedia über Karl Ove Knausgård