Das Rascheln im Vorhang …

Wie  vorangekündigt, hat sich

_dAS bilderblog von Irgendlink und Sofasophia nigelnagelneue Schuhe angezogen. Und neue Kleider auch gleich.

Schon ganz am Anfang dieses Blogs stand die Idee, daraus eine Art Kunstgalerie für Freundinnen und Freunde zu machen. Nun geht’s endlich los! In loser Folge stellen Künstlerinnen und Künstler auf PIXARTIX ihre Bilder aus. Immer fünf.

Vorhang auf fürFrau Blaus Sinfonie in Rost!

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REMINDER:
Täglich frisch im Archiv gefischt: Sofasophia appt die Welt …

Noch mehr Schätze

Seit Tagen haben wir den Plan gefasst, eine Wanderung der Reuss entlang zu unternehmen, denn da sind ziemlich viele Geocaches versteckt (siehe letzten Artikel). Eine Tour über ungefähr acht Kilometer. Einen Multi habe es dort, sagt geocaching.com, eine Schatzsuche mit mehreren Stationen. Doch weil uns von einer gestern gefundenen Multiserie noch die Zielstation, das Final, fehlte – ohne den eine Schatzsuche nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann –, beschlossen wir, zuerst diesen zu suchen, also wieder, wie gestern, zum Bruggerberg zu radeln, diesmal allerdings von der andern Seite her kommend. Nicht zuletzt auch, weil Irgendlink dort in der Nähe Hinweise auf einen Mystery entdeckt hatte.

Mystery? In meiner gestrigen Aufklärung über unsere Geocaching-Leidenschaft habe ich diese Gattung bewusst bei der Aufzählung ausgelassen. Ich gestehe, dass ich vor Mysterys einigermaßen Respekt habe. Schnell mal überfordern mich die kniffligen Rätsel, die es zu lösen gilt, um an die Zielkoordinaten und somit an den Schatz zu gelangen.

Auch heute stellte sich uns ein beinahe unlösbares Rätsel. Wir mussten einen Code knacken, der es in sich hatte. Nach einer halben Stunde Geländebegehung und einem kleinen Apfelwähe-Picknick wollten wir schon beinahe aufgeben. Doch wir wären nicht die, die wir sind, wenn wir es nicht noch einmal versucht hätten. Zurück zum Start. Wie beim Leiterspiel sozusagen. Das Muster, wir müssen das Muster finden, sagten wir wiederholt zueinander. Es muss so und so aussehen.

Wir gehen um das kleine Häuschen und auf einmal wissen wir die Lösung. Was für ein tolles Team wir sind, doch wir haben mal wieder viel zu weit gesucht. Und wir haben zu viel und zu groß überlegt, statt einfach nur genau hinzuschauen. Schnell haben wir nun den Code entschlüsselt und just als wir beim Versteck eintreffen, fährt eine Mountain-Bike-Familie vorbei. Die Frau ruft schon von weitem, ob wir den Geocache suchten. Wir bejahen. Gelb, sagt sie, sucht nicht zu weit. Gut sichtbar! Sie winkt und schon sind alle wieder weg. Und wir? Um ein weiteres originelles Cacheversteck bereichert!

Weiter gehts zum Final von gestern, der Endstation eines Geocaches zum Thema Wasserschloss. Kleine Heimatkunde gefällig? Bei Brugg, meinem Nachbarort, fließen die drei großen Flüsse der Schweiz zusammen und heißen fortan nach dem größeten der drei, nämlich Aare. Dieses Naturschauspiel heißt Wasserschloss. So, wie die Reuss und die Limmat aufeinander treffen, inspirieren sie den Liebsten schon bald zu verrückten Geschichten, die zu erzählen ich ihm aber gerne selbst überlasse.

Was für eine tolle Aussicht! Blick aufs Wasserschloss, vom Bruggerberg aus.

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Schätze finden

Gib mir Lieblingsmenschen, gib mir eine schöne Landschaft, gib mir Wald und schon bin ich glücklich. Ich sollte vielleicht mal eine Gebrauchsanweisung schreiben, eine für mich, sage ich heute, auf dem Bruggerberg, zum Liebsten. Damit die dann im Altersheim wissen, was ich mag.

Wir sind auf der Suche nach dem letzten der fünf Geocaches dieses Tages. Da einige Multis und ein paar Tradis ganz in der Nähe voneinander liegen, konnten wir auf unserer Tour gleich einige Fundstücke miteinander verbinden. Einzig den einen Final ließen wir für heute liegen, da das noch zweieinhalb Kilometer Luftlinie zusätzlich gewesen wären.

Vor drei Jahren, ich gestehe es, hätte ich vom letzten Textabschnitt knapp die Hälfte verstanden. Am allerwenigsten die Motive, die Menschen zu GeocacherInnen machen, zu Erdverstecke-Suchenden. Mein Liebster hat mich jedoch vor knapp drei Jahren, bei unserem Urlaub in den südfranzösischen Bergen, in den Pyrénées, infisziert. Auf unsern Skandinavienreisen haben wir uns zeitweilig vor allem an diesen Wegmarken orientiert und so wunderbare, nirgends verzeichnete Plätze gefunden. Kurz: Wer diesen Virus einmal hat, bekommt ihn nicht so schnell wieder weg. Geocaching, Erdverstecke suchen und finden, gleicht einer Art Schnitzeljagd, die dank GPS-Geräten und Internet zu einer weltweiten Bewegung geworden ist. Bei Tradis wird mit einer einzigen Koordinate verraten, wo sich das genaue Versteck befindet – mit einer Genauigkeit von ungefähr zehn Metern. Je nach der Qualität des Satellitenempfangs des Gerätes. Multis bestehen, wie klassische Schnitzeljagden, aus mehreren Stationen, wo jedes Mal ein bisschen mehr über die Endstation, den Final, zu erfahren ist.

Der Reiz, eine simple unterschiedlich große Tupperwaredose irgendwo in einem besonders schönen Waldstück oder einer besonders spannenden Ecke einer Stadt aufzusuchen, besteht nicht in der Dose selbst, nicht in deren Inhalt und nicht im Logbuchschreiben, sondern darin – jedenfalls für mich – in neuen oder auch bekannten Landstrichen oder Stadtteilen mit andern Augen unterwegs zu sein. Mit jeder gefundenen Dose wächst die Erfahrung und jedes besonders originelle Versteck – wie jenes heute beim Brugger Hexenplatz – lässt eine Art Sammlerfreude aufkommen. Die gefundenen Dosen allerdings bleiben, wo sie sind. Genauso gut versteckt, werden sie schon bald wieder von anderen GeocacherInnen gefunden. Einzig das Logbuch in der Dose erhält eine Bereicherung: meine Unterschrift.

Auch gestern, am spätern Nachmittag, radelten wir los, die Aare abwärts, um Schätze zu finden. Statt wie geplant nach Zürich zu fahren und das Theater „Gipfeltreffen CH – D“ anzuschauen. hatten wir beschlossen, den vielleicht letzten warmen Spätsommerabend mit Feuer und Picknick zu geniessen.

Den Platz, an dem wir uns schließlich niederließen, war ganz in der Nähe eines Geocaches, den wir aber vorerst noch nicht suchen konnten, weil Muggel – so heißen nicht in Geocaching eingeweihte Menschen – in der Nähe saßen.

Auf einer Kiesbank direkt am Fluss finden sich ein paar selbstgebaute Feuerstellen.
Hier habe ich als Jugendliche jeweils meine Samstagabende mit meiner Clique verbracht. Auf einmal tauchen Erinnerungen auf, wie wir mit Gitarren und Grillsachen hier unzählige laue Sommerabende erlebt hatten.

Schon bald hatten wir genug Holz für ein kleines Feuer beisammen um unsere Vegischnitzel sowie die Paprikas und Tomaten zu grillen. Zum Glück hatten wir überhaupt Streichhölzer – in früheren Noch-Raucherinnen-Zeiten war das nie ein Thema gewesen, gestern aber hatten wir noch schnell an einem Kiosk anhalten müssen, um uns welche zu besorgen. An Papier jedoch hatten wir beide nicht gedacht. Ich durchforstete darum mein Portmonnaie nach entbehrlichen Brennbarkeiten. Nein, Geld habe ich keins verbrannt, dafür fand ich ein paar von Irgendlinks kostbaren Visitenkarten, die seit der Mainzer Kunstmesse da ihr Dasein fristeten.
Die brennen bestimmt gut, meinte der Liebste. Mit dürrem Gras, kleinen Zweigen und den wenigen Papierfetzen entfachten wir ein tolles Feuer und genossen das Zigeunerleben.

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Schon dunkelte es ein, als wir uns wieder an den noch ungefundenen Geocache erinnerten, der uns hierher geködert hatte. Die Muggel waren weg. Wann also, wenn nicht jetzt …? Ich watete durch ein herrlich duftendes Impatiens-Feld, während Irgendlink sich von der Wegseite her dem Baum näherte, den unsere beiden iPhone-GPS unisono als Versteck anzeigten. Im Halbdunkel erkannte ich eine Art Vogelnest in zwei Meter Höhe, kletterte hoch, barg die Dose und im letzten Licht konnten wir unsere Namen ins Logbuch setzen. Keine fünf Minuten später hätten wir nichts mehr gesehen.

Auf dem Rückweg setzt leichter Fahrregen ein, doch so richtig fängt es erst an, als wir zuhause im Trockenen sind.
Was für Glückspilze wir mal wieder sind! Noch immer müssen wir uns über Irgendlins Glück-im-Unglück staunen, der wegen einer Unachtsamkeit vom Rad gestürtzt war, sich aber – trotz der nicht sehr weichen Landung – nicht wehgetan hat.
Fast ein Wunder eigentlich!, versichern wir uns immer wieder. Da fährst du 7663 Kilometer rund ums Meer und stürzst beinahe vor meiner Haustüre vom Rad.

Heute nieselte es nur noch ein klein wenig, als wir mit den Rädern zum Fuße des Bruggerberges fuhren. Schließlich hörte es ganz auf und wir konnten eine richtig schöne Wanderung mit herrlicher, wenn auch wolkenverhangener Aussicht geniessen. Bis zum Alpenzeiger hoch und zurück zum Hexenplatz.

Gib mir einen Wald und ich bin zufrieden. Gib mir einen lieben Menschen und alles ist gut. Eigenlich wäre es doch ganz einfach, das Leben …

Collage des Tages …

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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Iu-Es-Pi und Eitsch-Ar

Am Tisch. Viertel nach acht. Ich trinke Tee und löffle Joghurt. Ethik in der Berufswelt, tippe ich in die externe Bluetooth-Tastatur, die mir und meinem iPhone längst eine unentbehrliche Freundin geworden ist.

Ethik in der Berufswelt also. Ein roter Faden in meinem Leben. Wenn ich in den Pausen meine KurskollegInnen frage, in welchen Branchen sie am liebsten arbeiten möchten, zucken sie fast unisono die Schultern.
Egal. Hauptsache ich kann diese oder jene Fähigkeit einsetzen. Und ich verdiene gut. Vielleicht nennen sie Lieblingsbranchen im Handel oder im Gewerbe, aber eigentlich ist es egal. Hauptsache sie verdienen gut. Da war gestern kurz im Zusammenhang mit einer spannenden Stelle die Rede von einem „Nur-so-wenig-Jahresgehalt“. Ich rechnete kurz auf einen Monat um, weil ich mich mit Jahresgehalten nicht auskenne. Wow, sooo viel!, dachte ich. Wie käuflich bin ich? Was würde ich für viel Geld alles tun? Was nicht?

Ooops, halb neun, ich muss los. Auf den Zug. Mich in den PendlerInnenstrom einspeisen.

Fünf vor neun. Ich sitze an meinem Platz. Im Kurs. In einer Ecke des großen U.. Mit bester Aussicht in alle Richtungen. Komisch drauf bin ich heute, fühle mich mal wieder latent im falschen Film. Weniger, was den Kursinhalt betrifft, als in Bezug auf die Kolleginnen und Kollegen und ihre Ziele und Berufe. Nicht, dass ich sie nicht mag, doch mir ist zuweilen, als redeten sie in einer Fremdsprache. Seltsame Wörter. EitschAr – für HR – für Human Resources – für Personaldienst. Na ja, ist ja auch viel kürzer. Und ZiVi – für CV – für Curriculum Vitae – für Lebenslauf. Klingt halt schon viel cooler. Abkürzungen aus der Welt der Teppichetage. Ich muss mich dann ermahnen, dass ich in einem sogenannten Kaderkurs bin. USP kannten allerdings auch die anderen noch nicht. USP – für Unique Selling Proposition – für Alleinstellungsmerkmal oder herausragende Einmaligkeit. Das gefällt mir sogar. Mit gemischten Gefühlen allerdings.

ich finde es schade die eigene einzigartigkeit dadurch zu verlieren, dass man sich ständig mit anderen vergleicht.

(Quelle: Luisa Francia am 16.9.2012 in ihrem Webtagebuch)

Ja, ich bin einmalig, ganz klar, und du auch, doch diese Einmaligkeit einer Firma zu verkaufen? Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Meine anarchistisch-sozialistischen Innereien würgen hin und wieder am Futter, das mir vorgesetzt wird.
Ich bin hier, in diesem Kurs, um Feldforschungen am Menschen zu betreiben. Ich sammle Lebenserfahrung!, sage ich mir in solchen Momenten. Und frage mich, ob es wohl schon bald solche Standortbestimmungskurse für Menschen aus künstlerischen Berufen gibt. Für unformatierte, unformatierbare Menschen wie mich. Ist doch echt eine Marktlücke!

Schnitt.

Gebt mir ein Stück Papier und ich bin glücklich. Gebt mir eine Tastatur und ein Schreibprogramm und lasst mich in Ruhe. Hauptsache ich kann schreiben.

Schnitt.

Mittagspause. Mit R. spaziere ich aus dem Gebäude Richtung City, wo ich mich, wie auch an den letzten Tagen, auf eine Bank an der Sonne setzen will. Meine Brote essen und mich vom Rest der Gruppe absetzen, die im Großen M-Restaurant essen geht. Wie wir den Bahnhofshalle durchqueren, an Läden vorbei, die vielerlei Fastfood anbieten, reden wir über sein Burnout. Fast jeder der anwesenden Männer(!) hatte schon eins und hat sich deswegen aus dem bisherigen Beruf ausgeklinkt. Und orientiert sich neu.
Sieh es als Chance!, sage ich plattitüd.
Ich will etwas ganz anderes machen, sagt er. Mit Kindern. Mit Jugendlichen.
Probiere es aus. Ich hoffe, du findest etwas als Quereinsteiger. Damit du herausfinden kannst, ob das für dich passt.
Ach, ich habe so viele Ideen …
sagt er. Führt diese aber nicht aus, seine Pünktchen gehen im Seufzer baden.
Bis später!, sage ich, guten Appetit. Und schon sitze ich inmitten anderer PicknickerInnen auf einer Bank. Hinter mir BuisnessluncherInnen, über Marktstrategien diskutierend.

In der zweiten Hälfte meiner Pause spaziere ich treppab der Limmat entlang, die grünblau in der Herbstsonne funkelt, in die Altstadt.

Das folgende Bild von Nelly Frei, mit dem iPhone in einem Schaufenster mit der Überschrift www.atelierk12.ch aufgenommen, hat es mir angetan. Mit dem Ubuntuprogramm Pinta habe ich es dank Relieffilter ein wenig überzeichnet, um meine Gedanken zu unterstreichen.

Wären wir alle gleich, sagt mir das Gemälde, wären wir alle gleichförmig,wären wir alle gleich geschaltet, dann wäre das Bild, das unsere Gesellschaft abgibt, verdammt langweilig. Darum braucht es die schrägen Typen im linken Bildteil. Ich wäre, sagen wir mal, das rote Feld, das fünfte von links … Und du? Wir sind das Auge des Bildes und dank uns wird es ein spannendes und dennoch harmonisches Bild. Dass es schön ist, kann ich nicht unbedingt behaupten. Aber faszinierend. Wie die Menschen. Die Silhouette steht für die Betrachterin von außen. Für mich. Für dich. Selbstsicht. Fremdsicht …

Wie ich die Halde hinauf spaziere, zurück ins Zentrum, sehe ich schon von weitem eine Surprise-Verkäuferin – gut positioniert mitten auf einer FußgängerInnenkreuzung. Ich mag diese Arbeitslosenzeitschrift sehr und kaufe sie darum immer mal wieder.
Habe ich überhaupt noch Geld im Säckel?, sage ich zu ihr. Ich bin auch arbeitslos. Wir lächeln uns verstehend zu. Mit meinen letzten Zehn- und Zwanzigrappenstücken (mit Plastikgeld geht das leider nicht) kaufe ich ihr eine Ausgabe ab (es geht darin um Flüchtlinge und die geplanten Verschärfungen des Asylgesetzes). Ich freue mich, einen kleinen Beitrag zum Lebensunterhalt eines Menschen geleistet zu haben, der sich in dieser Gesellschaft aus irgendwelchen Gründen neuorientiert.

Wer ist sie eigentlich, wer ist diese genormte Gesellschaft, diese angeblich homogene Masse, der es sich anzupassen gilt? Ein Mythos nur, das in unseren Köpfen – ähnlich wie der Liebe Gott – eingebaut ist, damit wir einigermaßen manipulier- und formbar sind? Eine Erfindung schlauer WerberInnen oder der grauen Männer bei Michael Ende gar?

Im Kurs bearbeiten wir heute unsere Lebensläufe nach neusten Gesichtspunkten, will heißen nach schnellstmöglicher Lesbarkeit, und die Zeit vergeht zum Glück dabei wie im Flug. Feierabend. Ein Gefühl, als würde eine Klammer aufgehen. (Montag: Kurs) (Dienstag: Kurs), (Mittwoch: Kurs), (Donnerstag: Kurs) (Donnerstagabend … Klammer auf … Wochenende. Liebster-Besuch … Alltag. Freiheit.