Ausgelesen II. #11 – Zwei Krimiautorinnen

Diesmal stelle ich gleich zwei Krimiautorinnen und je eins ihrer Bücher vor. Die eine, Ina Haller, lebt schon ganz lange in der Schweiz, ist aber in Deutschland geboren, die andere, Zoé Beck lebt in Deutschland, wählt aber als Schauplatz für ihre Romane häufig England.

Ob das Land, das uns geprägt hat, auch unsern Schreibstil prägt, ist eine Frage, über die nachzudenken sich gewiss lohnt. Wir sehen die Welt ja immer irgendwie durch den Filter unserer kulturellen und geografischen Prägungen und Erfahrungen. Deshalb mag ich vielleicht besonders Bücher, die in Ländern spielen, die ich kenne, mag oder die ich gerne bereisen würde. Skandinavische, französische, deutsche, englische und Schweizer Krimis lese ich definitiv am häufigsten.

Ina Hallers neues Buch Gift im Aargau knüpft am Vorgängerbuch (Tod im Aargau) an. Die Hauptfigur Andrina, Lektorin und inzwischen mit dem Kripobeamten Marco liiert, erlebt auch im zweiten Roman, der – wie der erste – in Aarau und Umgebung spielt, sehr spannende Mordermittlungen covergiftimaargauaus nächster Nähe mit. Diesmal gehört sie sogar zum Kreis der Verdächtigen, als es den Mord an einer ihrer Freundinnen aufzuklären gilt. Ihre stilistischen Schwächen macht Haller, studierte Geologin, mit ihrer originell und stringent erzählten Geschichte schnell wett.  Die Autorin verfügt nicht nur über das notwendige Hintergrundwissen zur höchst spannenden Materie der Giftmüllentsorgung, sondern verknüpft ihre Kenntnisse auch gleich zu einer höchst aufregenden Geschichte über Freundschaft und Vertrauen. Ein überzeugender Plot, der ganz nebenbei auch meine romantische Seele berührt.

Bei Zoé Becks Das zerbrochenen Fenster beobachten wir Pippa auf der Suche nach ihrem verschollenen Liebhaber Sean, dem ihre stinkreiche Familie, von der sie sich distanziert hat, keine Träne nachweint. Ihre Suche, die sie im Tagebuch akribisch nachzeichnet, wird schon bald recht krankhaft und es zeichnet sich bald ab, dass mehr hinter Seans Verschwinden steckt als gedacht. dzf_titel_small Parallel zu Pippas Tagebuchauszügen, die die letzten sieben Jahre skizzieren, erleben wir im Heute die Mordermittlungen an Cedrics noch ziemlich junger Stiefmutter mit. Der junge Lord Cedric hat sich ebenfalls schon vor dem Tod seines Vaters vor sieben Jahren von seiner reichen Familie distanziert, kann aber wegen seiner Soziophobie und anderer psychischer Probleme nicht wirklich ohne finanziellen Rückhalt leben. Wir blicken nach und nach hinter die Fassaden der reichen englischen und schottischen Gesellschaft und geraten dabei mit dem Journalisten Ben auf die Spur einer Frauenärztin, die Babys nach Wunsch per Samenbank produziert. Praktisch jeder und jede von Jennys Figuren hat einen an der Waffel, was die Figuren sowohl liebens- als auch hassenswert macht. Ist es Krimi, Thriller, Gesellschaftsstudie oder gar eine Parodie auf alle diese Genres, das Beck da vorgelegt hat? Ich weiß es nicht so genau. Lesen lohnt sich trotzdem.

Ausgelesen II. #1

Da ich ja seit letzter Woche zehnmal pro Monat mit dem Zug zur Arbeit fahre, starte ich hiermit eine neue Serie. In einem Zug gelesen # 1 widme ich dem Krimi-Zweitling von Ina Haller.

978-3-95451-076-4

Zugegeben, der Titel haut höchstens Leute aus den Socken, die wie ich im Aargau wohnen oder aus der Gegend hier stammen. Darum gleich zu Anfang: Das Buch hätte einen besseren Titel verdient. Bücher mit Lokalkolorit – insbesondere Krimis – mag ich sehr. Speziell Bücher aus der Schweiz. Und wenn ein Buch in meiner biografischen Heimat spielt – teilweise in einem mir bestens bekannten Wohnquartier Aaraus – hat das Buch ein paar Vorschussloorbeeren gut. Doch diese wären schnell verscherzt, wenn mich das Buch nicht überzeugt.

Optisch ist das Buch unspektakulär, aber ansprechend. Der Klappentext macht neugierig. Und da ich mit der Autorin zusammen – Seite um Seite schreibend – bei einigen Novemberschreiben mitgemacht habe, wollte ich das Buch natürlich unbedingt lesen. Dass die Autorin aus Deutschland stammt, merkt man beim Lesen nicht, denn ihre Geschichte zeugt von jahrelanger Ortskenntnis.

Andrina, eine zweiunddreißigjährige Geologin, ist nach ihrem Studium, auf der Suche nach Arbeit, im Cleve-Verlag gelandet. Brigitta, die eine der beiden Verlegerinnen, war für sie eine Art Patin und hat ihr vor etwa einem Jahr eine Stelle als Sekretärin und Lektorin zugeschustert. Dass Brigittas Zwillingsschwester Elisabeth über diese Wahl nicht besonders glücklich war, erfahren wir erst im Laufe der Geschichte.

Nur ganz kurz dauert das Glück des Verlagsteams über die Adaption eines historischen Cleve-Fantasy-Romans in ein Musical, das am Anfang der Geschichte uraufgeführt wird. Oder besser: werden soll, denn als sich der Vorhang des Badener Kurtheaters öffnet, liegt statt eines Schauspielers der tote Autor auf der Bühne und der Alptraum beginnt. Andrina gerät ins Blickfeld der Polizei, wird jedoch schon bald aus dem Kreis der Verdächtigen entlassen und schon bald als mögliches nächstes Opfer betrachtet.

Das Büro wird verwüstet, die eine Lektorin nimmt sich das Leben und beinahe wird die Verlagslektorin Gabi ermordet. Dank Andrinas äußerst mutigem Eingreifen, überlebt die Lektorin den Anschlag, doch der Mörder kann – unerkannt – flüchten. Andrina erhält schon bald den immer gleichen Drohbrief („ich weiß immer, wo du bist“), verheimlicht das aber der Polizei, weil sie ihren Expartner Eric Zuber dahinter vermutet.

Nachdem sich Brigittas Suizid als weiterer Mordanschlag herausstellt, kommen sich Andrina und der eine der ermittelnen Kripo-Beamten, Marco Feller, langsam näher. Sein Personenschutz geht sogar so weit, dass er sie in den Urlaub aufs Hausboot ihrer Schwester Seraina und deren Mann Mike, begleitet. Undercovered hält er ein Auge auf Andrina, die nach einigen Tagen auch in Norddeutschland wieder Drohbriefe erhält. Schließlich werden Feller und sie sogar angeschossen und beschließen danach, sofort zurück in die Schweiz zu fahren. Inzwischen sind sich die beiden näher gekommen und verstehen sich als Paar – nicht ganz einfach unter diesen schwierigen Voraussetzungen. Zurück in Andrinas WG erwartet sie eine schreckliche Überraschung, die Andrina zwingt, sich eine andere Unterkunft zu suchen. Bald gerät sie, weil sie Marcos Haus – wo sie Exil bekommen hat – auf eigene Faust verlässt in Lebensgefahr. Das Finale? Darüber sage ich nichts, außer dass der Mörder eine doch sehr ungewöhnliches und unerwartetes Motiv hat und die Geschichte mit unvorsehbaren Wendungen bis zuletzt überrascht. Besonders gefällt mir, wie Haller ihre Geschichte abschließt. Doch auch das verrate ich hier natürlich nicht.

Zugegeben, zuweilen trägt die Autorin ziemlich dick auf und der eine oder andere Sachverhalt erscheint unnachvollziehbar, doch gelingt es Haller, diese heiklen Details so glaubwürdig zu erzählen, dass man sie ihr verzeiht. Obwohl ihre Stärke im Ausmalen der Details und in realistischen Dialogen liegt, wünschte ich mir hin und wieder, dass sie weniger sagt, weniger erklärt.

Ihre Figuren zeichnet sie selbst da nachvollziehbar, wo am Anfang Stereotypen hinhalten müssen. Ich denke dabei vor allem an die Figuren Marco Feller und Eric Zuber. Zum Glück weicht Haller die Klischees allmählich auf und die Personen werden bald dreidimensional und überzeugend. Andrina, die ich am Anfang eher ätherisch wahrnehme, wächst im Lauf der Geschichte über sich hinaus und zeigt Zivilcourage. Eine starke Frauenfigur, die sich ungern Vorschriften machen lässt und sich dabei – trotz ihrer Ängste – mehrmals in Lebensgefahr begibt. Für mich dürften die beiden Hauptfiguren, Andrina und Marco, durchaus menschlich und optisch weniger perfekt sein. Das hätte sie womöglich noch sympathischer gemacht. Auch der eine oder andere literarische Stolperstein wäre vermeidbar gewesen. Dennoch ein Buch das Lust macht auf mehr und dem ich es gönne, nicht nur im Aargau, sondern über seine Grenzen hinaus, auch über die nördlichen, gelesen zu werden.

Ina Haller. Tod im Aargau. Kriminalroman, emons 2013.
ISBN: 978-3-95451-076-4