Jung und alt und die Sache mit den Vorurteilen

kürbisqueenMein Kopf ist zum Bersten voll.
Mein Herz will Leere.
Will Stille. Will ankommen, will bei mir ankommen.

Kotzen wäre eine Option. Kann ich aber nur, wenn ich muss. Wenn es muss. Fällt somit als Lösung weg.
Schreiben mag ich lieber.

Alles fing ja an, als Zerfall und Tod für böse und schlecht erklärt wurden. Nicht, dass da jemand aufgestanden wäre und gerufen hätte: Wehret dem Zerfall! [Geht ja nicht. Wissen wir alle. Tun wir aber dennoch.] ES kam ganz langsam. ES? Wissen kann ich ES nicht nennen. Erkenntnis auch nicht. Das wäre sonst so, als wäre ES wahr. Als wäre ES richtig.

Unser ES ist also eher eine Art Vorurteil und wie die meisten Vorurteile eine der vielen Schwestern von Herrn Angst (oder Frau Angst, wenn dir das lieber ist).

Zerfall also. Älterwerden ist auch so was. Der Zerfall des eigenen Lebens. Die Zersetzung des eigenen Körpers. Ja, den gibts. Der findet statt. Langsam zwar, aber letztlich unaufhaltsam. Big buisness. Da muss man doch was gegen tun, sagen sie. Da muss man doch.

So wird aus etwas Normalem, Natürlichen, mirnichtsdirnichts ein Krankheitsbild. Und ja, das war früher besser. Früher, als die Menschen, unsere noch mit der Natur leben statt gegen sie. Und heute? Orangenhaut bei Frau Angst und Glatze bei Herrn Angst? Böse! Müssen weg! Muss man was gegen tun! Geht so gar nicht! NO GO! In Großbuchstaben und mit viel zu vielen werbewirksamen Ausrufezeichen. Frau Meike hat neulich ein paar sehr-sehr-seeehr lesenswerte Zeilen über das Böse und wie wir es lieber mit lauten Sätzen zersetzen und tabuisieren als ihm mit klaren Worten, Mut und Offenheit zu begegnen (bitte lesen!).

Vorverurteilen und Verurteilen sind so viel einfacher als Nachdenken. Verstehen wollen ist der Schlüssel. Verstehen heißt nicht gutheißen noch in die gleiche Kerbe hauen. Verstehen aber hilft dabei, der Angst, die da ist − vor den Flüchtenden, vor der Arbeitslosigkeit, vor der Einsamkeit, vor Krankheiten, vor dem Alter, vor der Altersarmut − zu begegnen. Die Angst, die hinter der Angst steht, ist unsere Matrjoschka. Sie zieht immer noch eine Angst aus dem Ärmel und am Schluss haben wir vergessen, wovor wir eigentlich Angst hatten; wir sind selbst Herr oder Frau Angst geworden.

Mag sein, dass ich das Alter noch zu wenig gut kenne, um darüber zu reden, denn *hüstel* mit fünfzig ist man ja noch nicht alt. Dieser Satz ist falsch, denn noch nicht alt zu sein impliziert, dass man ja zum Glück noch jung sei. Die Gleichung ist einfach: jung = gut, alt = böse. Oder wenigstens weniger gut. Wegen des Zerfalls. Ihr wisst schon. Da capo.

[Dass ohne Zerfall und ohne Endlichkeit Leben auf diesem im Grunde wunderbaren Planeten gar nicht möglich wäre, steht nicht wirklich zur Diskussion. Das setze ich bei meinen LeserInnen als Basis voraus.]

Die alterslose Gesellschaft, sagte der Liebste neulich, das ist es, was uns gut täte.
Nicht nur alterslos − also das Alter wertfrei betrachtend − müsste die Gesellschaft sein, auch geschlechtsneutral (nicht der Mensch als solcher, nur die Gesellschaft und ihr Wertesystem) und frei von Rassedenken. Nein, nein, ich träume nicht von Einheitsbrei. Grau und braun haben wir genug. Nur das: Dinge, die sind, wie sie von Natur aus sind, sollten wir nicht bewerten. Den Menschen sich selbst sein lassen. Wie heute Frau Kaiserin schrieb. Über ihre Tochter, die einfach da ist und sie glücklich zu sein lehrt (bitte lesen!)

Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Schritt in diese Richtung. Es spricht davon, Arbeit und Entlöhnung anders zu bewerten, Wichtigkeiten neu zu definieren.

Irgendwie wars ja heute kurz zum Kotzen im Büro. Das von meiner Vorgängerin geerbte Chaos ist nämlich noch längst nicht gesichtet. Jedenfalls nicht in den geerbten Personaldossiers, die durch ihre Unvollständigkeit glänzen. Das muss Priorität haben, sagt die Schulpflegerin, die neue, die heute das Chaos sehen wollte. Baustellen habe ich mehr als genug. Dazu das ordentliche Tagesgeschäft eines Schulbetriebes. Das Hamsterrad muss doch am Laufen gehalten werden. Nun ja, ich habe andere Prioritäten als sie.

Ausschnitte. Wir alle sehen immer nur die Ausschnitte, die gerade mit uns zu tun haben, denke ich, als ich endlich wieder allein im Büro bin. Alle sehen vor allem ihren Ausschnitt des ganzen Bildes. Und, in meinem konkreten Fall, wollen natürlich alle, dass ich an genau der von ihnen fokussierten Baustelle schufte. Geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig jedenfalls. Gut, dass der Scheff mich da unterstützt.

Warum tun wir uns das an? Weil wir die Kohle brauchen. Ja, klar. Aber doch auch, weil Arbeit die gesellschaftlich anerkannte Vorlage für wertvoll ist.

Nein, ich bin nicht gegen Arbeit, gar nicht. Ich arbeite gerne. Besonders dann, wenn ich jene Dinge tun kann, die ich tun will. Die notwendig sind. Die ich als sinnvoll erachte. Die mir wichtig sind. Die in sich selbst wertvoll sind. Die Inhalte, meine ich, nicht das Ding Arbeit. Das Objekt. Und nein, ich bin noch nicht mal grundsätzlich dagegen, Dinge für Geld zu tun. Nicht jedenfalls solange, wie ich nicht damit anfange, Zeit gegen Geld aufzuwägen. Und Freundschaftsdienste für Geld zu tun. Oder Dinge für FreundInnen nicht mehr zu tun, wenn ich kein Geld dafür erhalte.

Wie wohl hat es mir deshalb getan, vorhin diesen wunderbaren Artikel über Annelie zu lesen. Zeit ist ein kostbares Gut. Sie mit Nichtstun zu verschwenden ist wunderbar. Und mit Geschichten noch wunderbarer.

Ach, und das Alter? Nun, über dieses Thema ist noch längst nicht zu Ende geschrieben …

sammeln, sichten, Spuren lesen

Jeder Mensch ist sein eigenes Buch und hinter jedem Namen steckt eine Geschichte.

Wie ich mich dieser Tage durch meine Adressdateien wühle, virtuellen vor allem, erkenne ich, wie viele Menschen meinen Weg irgendwann gekreuzt haben. Und dort kleine oder größere Spuren hinterlassen haben. Gefühle. Schmerzliche die einen, freudige andere. Wieder andere waren einfach da. Mittelpunkte ihrer eigenen Leben, während ich an meinem Lebensfaden spann.

Gesten Abend habe ich die Klassenliste meiner Oberstufenklasse überprüft: Wer wohnt noch dort, wo er bei der letzten Klassenzusammenkunft vor acht Jahren gewohnt hat? Eine Zweidrittelmehrheit – gut oder schlecht ist nicht relevant. Wer ist sesshaft, wer hat sich verändert und was ist mit den immerhin vier Frauen, die weder im Telefonbuch noch mit Guugl und Konsorten zu finden sind? Leben wir alle noch?

Einer meiner Schulkameraden, ein blonder stiller Junge mit Brille, war schon damals ein Tüftler gewesen und ist heute Künstler und Trickfilmzeichner mit einer tollen Webseite. Ich bin ein bisschen stolz auf ihn, obwohl wir kaum Kontakt hatten damals. Heute erst recht nicht.

Damals waren wir junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten – wie die Alten sagten, zu denen ich längst gehöre. Und dass wir es genießen sollen, das Kindsein, das Jungsein. Junge Bäume. Welpen. Schon bei der ersten Klassenzusammenkunft, als Zwanzigjährige, zeichneten sich erste Spuren ab, die sich im Laufe der Jahre vertieften. Die meisten hatten Lehre oder Matur hinter sich und waren – je nach Lebensplan – daran das Leben zu genießen, Reisen zu planen, befanden sich im Studium oder an einer höheren Schule. Die Gespräche mit den einen waren kaum mehr möglich – es fehlten die gemeinsamen Interessen. Mit den andern waren sie dafür möglicher als früher. Aus den jungen Bäumchen waren junge Bäume gewachsen, denen bereits anzusehen war, welcher Art die Früchte eines Tages sein könnten. Menschen und ihre Spuren – Schatten werfen wir auch in die Zukunft. Die Sonne steht nicht immer vor uns.

Wie ich heute weiter in den alten Verzeichnissen und Tabellen wühle, spaziere ich gleichsam durch meine Vergangenheit. Wer war doch gleich …? Ach, mit K. war ich im Kurs in XY und mit S. und N. im Seminar in YZ. L. war doch eine von der Schreiberlingen im ersten Novemberschreiben? Ach, und M. – meine tolle Ex-Scheffin! Wie es ihnen wohl geht, meinen alten Bekannten? Bei ein paar Namen finde ich weder Geschichte noch Gesicht in meiner Erinnerung. Ihre Spuren sind verblasst. Wieder andere habe ich geguuglt … Ob das andere mit meinem Namen von Zeit zu Zeit auch tun? Da und dort bin ich bestimmt aus Verzeichnissen gelöscht und in Adressbüchlein durchgestrichen worden, wie ich das von Zeit zu Zeit mit dem einen oder andern Namen in meinen Dateien ja auch tue.

Menschen hinterlassen Wunden. Und Lichtblicke. Ohne Spuren zu hinterlassen können wir nicht leben.

Was mir andere sind? Was ich andern bin? Nicht Eitelkeit bewegt mich zu solchen Fragen, eher der Wunsch, dass die Antwort lauten möge: wohlgesinnt.