Das Schamding

Immer wieder staune ich, worüber Knausgård sich alles so schämt oder was ihm – für ihn selbst oder stellvertretend für Linda, seine Frau – alles so wahnsinnig peinlich ist. Da gibt es diese Stelle in seinem Buch LIEBEN, wo er mit seiner Frau und seiner Mutter in https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgeinem Restaurant eine ungenießbare Fischsuppe vorgesetzt bekommt. Alle drei versuchen es abwechselnd in der Küche mit einer schüchternen Reklamation, bekommen keinen Ersatz und verlassen schließlich, ohne gegessen aber bezahlt zu haben, das Lokal. Und ihm ist es total peinlich. Ob Scham kulturell verschieden ist, frage ich mich da nicht zum ersten Mal. Ich bin auf jeden Fall diesbezüglich unbarmherzig. Wenn ich etwas nicht essen kann, gebe ich es zurück, bezahle es nicht und es ist mir nicht peinlich. Wenn ich etwas zahle, dann muss es auch essbar sein.

Aber Scham ist mir natürlich nicht fremd. Ich erlebe Scham vor allem bei seelischen oder seelisch-körperlichen Unzulänglichkeiten, Dinge, die ich energiemäßig nicht schaffe, für die ich nicht stark genug bin. Zum Beispiel, dass ich so geräusch- und geruchsensibel bin, ja, dafür schäme ich mich manchmal. Dass ich mit Lärm und Gestank nicht wirklich locker umgehen, solche Dinge nicht einfach ignorieren kann. Weghören und wegriechen geht fast nie. Oder aber ich schäme mich für doofe Tippfehler. Ja, und für tollpatschige Missgeschicke im Alltag, bei der Arbeit, Vergesslichkeiten. Alles sehr menschliche Dinge im Grunde, die uns allen passieren, aber Dinge halt, in denen ich den hohen Ansprüchen an mich selbst nicht genüge. Die daraus entstehende Scham ist seltsam unfassbar, selten fassbar, benennbar. Und sie ist selten auf einen Menschen gerichtet, vor dem ich mich konkret schäme, noch nicht mal wirklich auf mich selbst. Eher auf die unfassbare, unbekannte Masse von Menschen, die mir eigentlich egal sein könnte.

Ja, auch Fremdschämen tue ich mich manchmal. Für mein Land vor allem in politischen Belangen. Für meinen Kanton (= Bundesland). Für mein Dorf auch. Zum Beispiel nach Abstimmungen, die unerwartet nach rechts kippten. Ja, solche kollektive, solidarische Scham kenne ich; ansonsten, persönlich, für andere, ist mir fremdschämen je länger je fremder geworden.

Schreibend denke ich über mögliche Zusammenhänge oder Auslöser zwischen Scham und Eitelkeit nach. Vielleicht hängen diese beiden Themen stärker zusammen als wir denken? Und was zum Teufel ist Eitelkeit eigentlich genau? Was will sie? Wem dient sie und wohin zielt sie?

Und was passiert eigentlich mit mir, wenn ich etwas getan habe, das mich beschämt? Herzklopfen, ein heißer Kopf, ein bisschen Wut auf mich selbst. Irgendwann später – hoffentlich, meistens und immer häufiger – ein Grinsen. Ein Ist-ja-nicht-soo-schlimm-Gedankenkuss als Selbsttrost. Denn, ganz ehrlich, da ist (in aller Regel) niemand, der meine schamhaften Momente auf einer schwarzen Liste festhalten oder mich nun verachten würde. Und selbst wenn? Was geht mich dieser Mensch an, der mich verurteilt, weil ich nicht unfehlbar bin? So what?

Dennoch triggert die Scham. Bloß da zu stehen, nackt, bloßgestellt – dieses Schamding weckt wohl in mir, in fast allen von uns, alten Schmerz aus der Kindheit. An der Wandtafel stehend, die physikalische Gleichung nicht lösen können, weil ich die Formel nicht mehr weiß, die ich auf dem Stuhl dort hinten noch wusste. Ich ahne, dass es solche Erlebnisse sind, aus der wir unsere Scham geformt haben. Die uns zu schamhaften Wesen gemacht haben. Mir imponiert diesbezüglich Lindas Mutter, um wieder zu Knaugårds Buch zurückzukommen.

Diese Szene mag ich, wo Knausgard über eine Silvesterfeier erzählt, im Laufe derer sich alle sechs Freunde, drei Paare, gegenseitig ihre schrecklichsten Kindheitserlebnissen erzählen und dabei rückhaltslos offen sind. Linda erzählt von ihrer Mutter. Die keine Scham kennt. Die aber gerade durch ihre schamlose Art, sich für sie, ihre Tochter, einzusetzen, Linda sehr oft in tiefste Verlegenheit gestürzt hatte. Wieder diese Scham, die wir als Kinder so ganz anders denn als Erwachsene wahrnehmen. Für Kinder ist Scham das Monster, das uns für immer und ewig verschlingt.

Ich stutze, dass die Offenheit dieser Runde offenbar eher ungewohnt und unerwartet ist, ein bisschen der Müdigkeit und dem Alkohol geschuldet wohl auch. Schade eigentlich, denn unter Freunden sollten wir uns doch trauen. Oder ist es wohl so, dass wir uns doch nicht so ganz trauen, uns andern zuzumuten?

Oh ja, da steckt Vertrauen und Mut im Satz. Und beides braucht es wohl, um das Schammonster zu überlisten.

Wirkt Wahres wirklich?

Wie wahrhaftig können wir uns selbst sehen und beschreiben?

Sehen wir uns nicht immer durch irgendwelche Filter? Und was ist mit all den nicht erzählten Dingen? Opfere ich die Reste meiner kleinen Privatsphäre, wenn ich hier über meine Alltagsgewohnheiten schreibe, wie es Knausgård getan hat? Verrate ich mich sogar ein wenig, wenn ich zu viel schreibe? Was soll mein Maßstab sein?

Nun ja, wenn ich über mich schreibe, ist es immer eine Form der Selbstdarstellung. Im Zeitalter von Selfies ist das Selbstbildnis aus dem Ruder gelaufen.

Wie bewundere ich die alten Meister, die in stunden- was sage ich da? in tagelanger Konzentration vor dem Spiegel saßen und nicht nur ihr Äußeres wiederzugeben versuchten, sondern auch ihr Innen unter die Lupe nahmen.

Ein Bild ohne Schatten nennen wir überbelichtet. Wo die Schatten fehlen, werden die Falten geglättet und zeigen eine nicht wirkliche, eine nicht wahre Wirklichkeit, eine wirkungslose Wirklichkeit. Wird sie damit unwahr? So unwahr wie eine Mathematik ohne den Einbezug von Minuszahlen.

Voyeurismus beobachte ich bei mir, ein klein wenig zumindest, wenn ich Bücher wie jene von Knausgård lese. Biografien. Anders als bei fiktiven Lebensgeschichten gehe ich bei einer Biografie davon aus, dass der Blick, der mir schreibend vermittelt wird, der Wahrheit nahe ist. Der Wahrnehmung zumindest. Und das interessiert mich. Ich möchte wissen, was andere Menschen denken, sagen, machen, fühlen, wie sie dies und jenes tun, worüber sie sich nerven und was ihren Alltag versüßt. Nicht geschönt, nicht selektiert. Vielleicht lese ich deshalb auch so gerne in Blogs. Sie sind noch unzensierter als Bücher, roher, näher dran an den Menschen.

Ungeöffnet und geheim

Da ist noch so vieles nicht geschrieben, was geschrieben werden kann. Könnte. Vielleicht. Darüber beispielsweise, wie ich meine heimlichen Flaschen langsam öffne. Bisher noch ohne über sie zu schreiben. Weder für mich, noch öffentlich. Sichten will ich sie. Will ich? Einen Schluck davon trinken und mich an den Geschmack erinnern. Will ich? Dabei begreifen, wissen, dass das ich bin. Auch ich. Und dass meine heimlichen Flaschen weder besser noch schlechter als jene anderer sind. Hier versagt Wertung. Sie ist wertlos, wo es darum geht, zu sein. Denn Sein an sich schließt Wertung aus. Ist neutrales Land ohne Grenzen.

Heimliche Flaschen also. Meine riechen nach Gefühlen, ja, und nach Gedanken. Nach Geheimnissen riechen sie ganz besonders. nach ungeteilten. Alten. Neuen.

Wie ich damals über mich dachte, steht auf der Etikette dieser Flasche hier. Und wie ich über mich denke, heute, auf der Etikette jener daneben. Und wie ich mich fühle, steht auf dieser. So banal. So banal!

Auf weiteren Flaschen, kleinen, großen, schmalhalsigen, ausladenden Flaschen kleben Etiketten mit nur einem einzigen Wort darauf. Körpergefühl. Selbstwertgefühl. Selbstbewusstsein. Selbstliebe. Ablehnung. Selbsthass. Wo bin ich den hier gelandet? Ich trete zur Seite und gehe zum nächsten Regal. Hier stehen weitere gläserne Gefäße. Manche sind verstaubt. Manche ganz neu. Auf einer steht Was ich auf dem WC denke. Die daneben trägt den Titel Was ich vor dem Einschlafen denke. Wieder andere sind angeschrieben mit Was ich über andere Menschen denke und Was ich beim Sex fühle.

Nun ja, die Etiketten sind ja erst der Anfang. Der Inhalt ist es, der mich interessiert. Der Inhalt meiner Flaschen. Knausgård hat mich angefixt. In STERBEN, dem ersten Band seiner Autobiografie, schreibt er so akribisch, brutal ehrlich, banal, bis zur Langweiligkeit exakt, was er damals gedacht und gefühlt hat, als er zum Beispiel die versiffte Alkoholikerwohnung seines toten Vaters entrümpelt hatte, dass es beim Lesen schmerzt. Und doch: In dieser Banalität liegt ein Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann. Ein Zauber, eine Genialität, und ja auch eine Art Sehnsucht liegt in Knausgårds Worten. Eine Sehnsucht danach, genauso mutig wie er sich, mir mit ganz viel Liebe und Geduld in die Augen schauen zu können. Hinzuschauen. Ja zu sagen, ja zu allem, was ich sehe, zu allem, was ich bin.

Was ich heute fühle, denke, wahrnehme, mag und ablehne und das, was ich damals fühlte, dachte, wahrnahm, mochte und ablehnte, ist so banal gar nicht. Oder jedenfalls nicht banaler als das, was alle anderen fühlen, denken, wahrnehmen, mögen und ablehnen. All das zusammen bestimmt nämlich heute meine Handlungen. Es bestimmt, wie ich auf Menschen zugehe, wie ich mit mir und andern umgehe. Ob ich mir und andern gut und Gutes tue.

Der Inhalt jeder meiner Flaschen wurde im Laufe der Zeit unzählige Male ergänzt. So manche Korrektur habe ich vorgenommen. Befreiung da und dort erlebt. Mehr Struktur ist geworden. Mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz vor allem.

Immer ein Stück näher bin ich zu meiner Wahrheit hin unterwegs, zum dem, was für mich wirklich zählt. Was wirklich wirkt in meinem Leben. Stille zum Beispiel. Und damit rücke ich immer ein bisschen weiter weg von Effekt und Schein, von Lärm und So-tun-als-ob.

Oh, wie schön still wäre es auf der Welt, würden wir nur noch über jene Dinge sprechen und schreiben, die wirklich zählen und die jetzt für mich wahr sind.

Aber was wäre denn mit meinen heimlichen Flaschen von früher? Würden sie mir denn für immer verschlossen bleiben? Und wäre das schlimm?

Ja, ich habe, wie alle andern, meine ganz persönliche Art zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen, zu mögen und abzulehnen, doch im Grunde fühle, denke und mag ich nicht sehr anders wie alle andern. Und deshalb ist es wohl tatsächlich egal, was ich mit meinen Flaschen anstelle. Egal, ob ich meine Flaschen öffne, teile oder für mich behalte. Wenn nur ich selbst mir gegenüber nichts vormache. Wenn nur ich selbst mir gegenüber bereit bin, hinzuschauen.

aus: Karl Ove Knausgård: Sterben

Heimliche Flaschen

Ja, mich hat die Art und Weise auch gepackt, wie Karl Ove Knausgård schreibt. Und was und worüber er schreibt. Wie er hinschaut. Wie er Worte findet für Phänomene, die ich auch kenne. Ja, auch ich habe solche Gedanken in mir. So viel Ungesagtes, Ungeschriebenes, Unformatiertes, auch Hässliches, Verrücktes, Undenkbares, Unsägliches … Dinge womöglich, von denen ich noch nicht einmal weiß.

Hellsicht 1 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 1
Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2
Karl Ove Knausgård in STERBEN

Zuweilen überlege ich deshalb, ob ich nicht ein neues anonymes Blog öffnen sollte, wo ich mit der gleichen mutigen Kompromisslosigkeit wie Knausgård über mein Leben schreiben kann. Schonungsloser und offener noch als hier.

Obwohl … im Grunde brauche ich dazu kein Publikum. Nur den Raum, diese Texte freizulassen. Manchmal ahne ich, dass da – wie der Korken in einer Schampus-Flasche – nur noch ganz wenig fehlt.  Dass ich den Deckel einfach mal wegmachen sollte und ausprobieren, was da, in dieser heimlichen Flasche, alles drin steckt.

Ich vermute, wir alle haben solche heimlichen Flaschen. Knausgård, über den Ulli und die Mützenfalterin schon oft geschrieben haben, schreibt mir in seiner Heimliche Flaschen-Sprache mitten aus dem Herzen. Und was dabei herauskommt, ist gar nicht so schlimm, so schrecklich, so obszön, wie man vielleicht glauben würde, es ist einfach echtes Leben. Ungeschönt. Ach, wie viele meiner heimlichen Gedanken finde ich – in anderen Worten – auch bei Knausgård!

Wie es bei mir wäre, bei andern, weiß ich natürlich nicht. Aber ich ahne, dass wir uns die eigene Dunkelheit, solange sie verborgen ist, viel dunkler denken als sie ist. Wenn wir ihr die Türen öffnen, unsere Flasche entkorken, kommen möglicherweise unerwartete Schätze zum Vorschein.

Wir meinen ja gerne, so was-auch-immer wie man selbst, sei bestimmt sonst niemand. Doch wir sind es alle. Das ist es übrigens, was mich an Twitter fasziniert und heilsam berührt: ich bin nicht verrückter als der ganze Rest. *lach*

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Wikipedia über Karl Ove Knausgård