Punkte, Linien, Flächen

Da ist diese transparente Schicht
zuerst aus Papier
später auf dem Bildschirm

Ich setze Punkt an Punkt
Zeichne auf die leere Ebene
was untendrunter schon da ist

Ich erschaffe einen neuen Buchstaben
Einen, den es genauso noch nicht gibt
Heiße einen neuen Buchstaben
willkommen in meinem Buchstabenrudel

Verbinde Punkte zu Linien
Verbinde Linien mit Punkten
Schaffe neue Flächen
Male neue Flächen aus
Radiere Überlappendes weg
Hoble Scharfkantiges ab

Nennt überflüssig
was ich da tue
Es gibt schon genug Bücher
Es gibt schon genug Sätze
Es gibt schon genug Wörter
Es gibt schon genug Buchstaben
Es gibt schon genug Fonts
Es gibt schon genug
Es gibt schon
Es gibt

Von allem zu viel

Sinnlos*
Sinne erfüllend
Sinnvoll

GIF, das den Prozess vom gemalten zum digitalisierten Buchstaben Z zeigt.
GIF, das den Prozess vom gemalten zum digitalisierten Buchstaben Z zeigt.

——–

*Ich finde übrigens, dass sogenannt sinnloses, weil nicht materiell einträgliches, kreatives Tun unterschätzt wird. Dafür wird das sogenannt sinnvolle, weil Geld generierende Tun überschätzt.

Kreatives Tun tut der Seele gut – wenn das mal nicht sinnvoll ist!

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Nichtstun oder nicht Nichtstun, das ist hier die Frage

Ich gestehe, dass mir Nichtstun nicht leicht fällt. Immer hockt da der leise Innere Zensor, der mich antreibt, etwas Sinnvolles zu tun. Jetzt, mit dem neuen Buchprojekt, würde ich allerdings und sowieso am liebsten immer nur an der Kiste hocken und schreiben. Geht natürlich nicht, weil ich ja auch noch anderes tun muss, soll, will. Oder eben auch mal nichts tun.

Gestern hat mir Irgendlink gezeigt, wie das geht. Und was tue ich, derweil er auf dem Nichtstu-Sofa nichts tut? Ich zeichne. Ihn. Beim Nichtstun.

Skizze. Jürgen mit unter den Kopf gelegten Armen. Gescannt und eingefärbt.
Irgendlink beim Nichtstun. Skizze gescannt, digital nachbearbeitet und eingefärbt.

Heute habe ich den Vorsatz gefasst, jeden Tag mindestens eine Stunde zu schreiben. Am Buch. (Inzwischen habe ich schon mehr als 2000 Wörter.) Oder etwas anderes Kreatives zu tun.

Wenn ich schon nicht Nichtstun kann, dann will ich wenigstens etwas tun, das mir Freude macht und mir ein gutes Gefühl gibt. Ich habe viel zu lange nichts Kreatives mehr getan – weder sinnlos noch absichtlich. Höchste Zeit also, wieder mit Farben und Buchstaben rumzuwerkeln.

[Aber nun gehen wir raus, ziehen dem Autochen die Winterschuhe an und genießen den sonnigen Tag.]

Gezeiten

Ich gehe. Meistens vorwärts. Manchmal rückwärts. Aufwärts. Abwärts. Und ich gehe manchmal auch im Kreis. Aber immer im Stechschritt gehe ich. Immer schnell. Einzig, als ich krank war – zwei Monate lang – da ging ich langsam. Langsam und bewusst. Weil ich nicht anders konnte. Keine Kraft für Eile. Doch jetzt, jetzt gehe ich wieder schnell.

Schließlich bin ich wieder gesund. Wie krank ist das denn?

schräge Welt

Gezeiten, dachte ich gestern beim Spazieren. Immer das eine oder andere. Eben hatte ich Flut. Die letzten zwei Wochen galt es, ein paar zeitaufwändige Aufträge für eilige Kunden (männlich) zu erledigen. Keine Zeit für Kreativität. Dafür Aufträge, die mir viel Freude gemacht haben. Inhaltlich zum einen – aber auch, weil ich weiß, dass ich gut arbeite und meine Kunden zufrieden sein werden. Das, was ich kann, können sie nicht so gut wie ich. Ich verkaufe ihnen mein Talent, mein Gespür, mein Können für Texte. Zu andern Zeiten kaufe ich bei andern das, was ich nicht gut kann. Leben ist Austausch. Ist Fließen. Nun hat mein Geschäft wieder Ebbe. Ich atme aus. Nehme mir Zeit für meinen eigenen Dinge. Für kreative Dinge. Für meine Manuskripte. Für mein Blog. Für Besuche. Für Mails.

Flut am einen Ende meines Meeres  heisst Ebbe am andern.

Schlaflos

Laut gedacht …

Wo ich hingehöre? Wer kann es mir sagen (und könnte ich mich falsch entscheiden)? Wer schreibt mein Drehbuch und wer trägt die letzte Verantwortung? Kann ich auf diese Fragen überhaupt anders antworten als mit ICH?

Schäfchenzählen rückwärts geht nicht. Seit 4:15 bin ich wach und das Sandmännchen hat sich aus dem Sand, ähm Staub, gemacht … Und sogar die Notfalltropfen wirken nicht. Kopfkino vom feinsten. Mir ist fast schlecht vor Müdigkeit und auch dass der Liebste neben mir tief und fest schläft, ändert nichts an meinem Zustand. Aufgekratzt bin ich. Adrenalin und Cortisol im Überfluss …

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde wohl Stelle eins nehmen. Denke ich. Konjunktiv, du Kehrreim meines Lebens! Andererseits hätte ich Stelle zwei auf sicher und der Hilfswerkbetrieb wäre mir von früher vertraut. Dafür wäre der Arbeitsweg sehr lang.

Stelle eins oder zwei – so oder so eine gute Ergänzung zur Selbständigkeit sagt der Verstand und die Abenteuerlust gibt zu Bedenken, dass ich – womöglich – meine Träume dem Sicherheitsdenken opfere, wenn ich eine feste Stelle annehme. Vierzig Stellenprozent oder fünfzig sind ja nicht viel, antworte ich mir. Damit wären die Grundkosten gedeckt und der Stress vom Tisch.

So what?

Wie viel Freiraum brauche ich und bliebe so nicht meine Kreativität auf der Strecke?

Jede unserer Entscheidungen hat Konsequenzen. Für uns, für andere. Wir sind nicht allein. Wie würde mein Leben sich weiterentwickeln? Wie und wohin?

+++

Nach dem Vorstellungsgespräch in B. fahren wir gestern Nachmittag nach Biel. Wir treffen den Künstler Marc Kuhn, den Schöpfer der Kunstbewegung Col-Art und seine mexikanische Frau Rossana. Es gilt noch einiges an Material und Gedanken zur baldigen Ausstellung im Zweibrücker Prisma auszutauschen.

Wie wir zu viert gemütlich am Bielersee über Kunst, die Welt und das Leben philosophieren, bitte ich Marc zum Jux, mir meine Zukunft aus dem Kakao-Satz zu lesen, denn vor bald vier Jahren hat er Irgendlink und mir aus unsern Handlinien gelesen.

In zehn Jahren …, hebt er an. Nein, den Rest seiner Rede werde ich hier nicht verraten.

Was die Zukunft bringen wird? Leben kann ich eh nur die Gegenwart …

So what?

(Falls jemand heute Abend dem Sandmännchen begegnen sollte, dann schicke er oder sie es bitte zu mir!)