haben und sein

Am liebsten würde ich jetzt, genau jetzt, am Feuer sitzen. Oder als Option an der Sonne. Ich würde Reichlin lesen. Die Sehnsucht der Atome. Aber nein, darf ich nicht. Keine Zeit. Im Kopf diese Ruhelosigkeit. Verzettelung. ToDo-Hamsterrad. Sogar hier, auf dem einsamen Gehöft, wo sich Fuchs und Hase Guten Morgen zuflüstern. Allerdings sind die ToDos hier oben auf dem Berg selbstgestrickt. Bis zum Antritt meiner neuen Stelle im August zumindest. Ein einfaches ruhiges bescheidenes Leben. Alle Zeit der Welt. Jeden Tag wie er grad kommt.

Endlich Muße zum Schreiben.  Eigentlich. Wie jetzt. Ich sitze zum ersten Mal an meinem neuen Arbeitsplatz. Auf der großen weißen Schreibplatte, die Irgendlink herbeigezaubert hat. Unter dem Dachfenster. Blick auf den Wald. Auf den Grat. Ich schreibe auf meinem alten Laptop und noch bin ich in meiner Künstlerinnenhöhle nicht mit dem weltweiten Netz verbunden. Noch schiebe ich Texte via USB-Stick von Rechner zu Rechner, denn das drahtlos-weltweite Netz von Irgendlink reicht nicht bis zu mir. Technik nur und alles eine Frage der Zeit.

Zeit. Zeit haben für … Keine Zeit haben, um …

Ja, ich möchte bereits fertig eingerichtet sein, fertig ausgepackt, doch da ist jeden Tag so viel anderes, das mich beschäftigt. Und eilen mag ich nicht. Zuviel Stress hatte ich in den Monaten zuvor. Alles hier hat eine andere, eine neue Wichtigkeit. Genau jene, die ich ihm, allem einzelnen, gebe. Der Wäsche, die ich wasche ebenso wie dem Brot, das ich backe. Doch vor allem schiebe ich endlich die Kunst in den Vordergrund. Das Fotografieren. Überall Sujets, die sich mir in den Weg stellen. Ebenso wichtig ist mir das Bearbeiten der Bilder und die Pflege meiner Bilddateien und der Kontakte innerhalb der iPhoneart-Community.

So weit so gut, doch am allermeisten geht es um Spurensuche: Wohin bin ich unterwegs? Was ist das Ziel meiner Kunst, meines Ausdrucks? Was habe ich zu erzählen, wenn oder falls ich denn etwas von allgemeinem Interesse zu erzählen habe? Und wer – hier kommt nun die alles entscheidende Frage – wer bitteschön sagt, wo die Linie zwischen Kunst und Nichtkunst verläuft?

Mal losgelöst von unseren künstlerischen Stoffwechselprodukten* und deren diskutierbarer Qualität: Ist Kunst, was mehr als einem oder einer gefällt? Nein, ich will keine neuen Definitionen, darum muss die Frage anders lauten: Wer definiert Kunst? Die Mehrheit? Eine kleine, bestimmende, (ein)gebildete Minderheit?

Muss ich die Antwort kennen, um meine Kunst kreieren zu können? Werde ichweiterhin meinen Weg gehen oder werde ich mich anpassen?

Was will ich überhaupt mit meinen Bildern? Anerkennung? Auch so ein Thema … Wer will sie nicht? Ich gestehe, dass mir die kürzlich erfolgte Ernennung zur Künstlerin des Tages Rückenwind gegeben, mir gut getan hat. Ja, Anerkennung tut gut, aber sie raubt dir auch die Unschuld. Sie schraubt die Messlatte höher und nun darfst du keinen Schrott mehr liefern.

Schrott? Zuweilen, wenn ich mich durch die laufend neu eingestellten Bilder auf der Gallerie von ipa, unserer Bilder-Community, klicke, schlucke ich leer ob der vielen leeren Bilder. Wo verläuft gleich noch die Linie zwischen Kunst und Nichtkunst und welche Kompetenzen habe ich, das zu beurteilen? Ich brauche Bilder, die mich berühren. Die mag ich und die inspirieren mich. Der entscheidende Punkt ist das Maß der Berührung. Geist und Seele atmen auf, sie freuen sich über Stimulation, über ästhetische Herausforderung, die Kopfgrenzen auch mal kitzeln oder ins Einstürzen bringen darf. Doch sind Kreationen, die uns berühren, nur schon deshalb Kunst?

Beim Schreiben habe ich mich immer wieder mit ähnlichen Themen beschäftigt. Besonders innerhalb meiner nicht-virtuellen, höchst inspirierenden Berner Schreibgruppe. Der Stil von A. ist einfach unnachahmlich. Dicht. M.s Figuren haftet stets dieses leicht absurde an, während S. immer einen Touch Grusel in seine Texte einpackt. Muss ich deswegen nun auch gruselig, absurd, dicht oder sonst wie schreiben? Muss ich nicht. Entweder jemand mag meine Schreibe – was mich natürlich freut – oder er oder sie mag meine Schreibe nicht. Damit kann ich leben. Wie wichtig ist dennoch der Austausch? Wie wichtig ist, dass ich mich vernetze, dass ich die Werke anderer anschaue, lese, betrachte, mich inspirieren lasse?

In unserer Bilder-Community kann man sich durch Kommentare schreiben und Favoriten wählen, vernetzten. Worüber Irgendlink und ich zuweilen scherzen. Wer von uns beiden hat mehr Fans? Bei wem wurden mehr Bilder als Favoriten ausgewählt? Ich schleime mich ein, du schleimst dich ein, wir schleimen uns ein? Ist die Quantität der Kommentare ein Hinweis auf die Qualität der Bilder?

Sind meine Bilder anders geworden, verkrampfter, seit ich neulich Künstlerin des Tages sein durfte? Sind meine Bilder anders, seit ich herausgefunden habe, was andern besonders gut gefällt?

Ich muss auf einmal an meinen Deutschlehrer im Gymnasium denken. Er stand auf dramatische Texte, also schrieb ich dramatische Texte. Nein, damit habe ich weniger meine Seele verkauft als mir bewiesen, dass ich nach Auftrag schreiben kann. Könnte.

Doch am liebsten beschreibe und fotografiere ich, was ist. Was ich sehe. Was mich beschäftigt.

Und noch lieber lese ich jetzt gerade ein paar Seiten Reichlin.

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* eine ältere Wortkreation meines Liebsten

(verfasst heute Nachmittag)

hingefahren – Teil 2

Schreiben sei Luxus, sagte die Stimme im Traum, die tat als wüsste sie. Sie weckte mich morgens um vier. Es gäbe viel zu tun.

Nichtschreibend die Welt betreten.

Im Garten das Beet bepflanzen. Die Wohnung aus- und einräuchern. Frühstücken zuerst. Brot und Käse. Trinken. Tee. Saft. Ja. Vielleicht besser nicht mehr schreiben. Nicht schreibend leben. Schreiben wozu auch? Wer einmal MRs Lyrik gehört hat, wer sich ihre Sätze, ihre Wortgefüge auf der akustischen Zunge hat zergehen lassen … Ach, was rede ich da.

Vergleichen ist müßig. Blaugrünes Blau und grünblaues Grün müssen nicht gleich sein. Rot gleich wenig wie grau oder gelb.

Schreiben ist Luxus, sage ich. Mag sein, doch einer, den ich mir gönne solange es noch Wörter hat.

zu MRs Wortspielereien: begriffsstudio.de
ausgewählte Texte von MR: lyrikline.org

weitgereist

Am Anfang war Axels Einladung. Vor Wochen schon. Dass wir herzlich eingeladen seien, mit ihm seinen fünfzigsten Geburtstag zu feiern. Obwohl wir ja Axel nur aus der Blogospähre kannten und umgekehrt. Seltsamerweise freuten sich Irgendlink und ich sehr, obwohl wir doch beide nicht unbedingt die Typen für Großanlässe sind. Auch Bloggerin Wildgans sei eingeladen, schrieb Axel. Was alles ein bisschen leichter machte und zusätzlich unsere Neugier weckte. Wann hast du schon die Gelegenheit, Bloggende live kennenzulernen?

Bloggen ist so eine Sache. Bloggenden sind ja auch bloß Menschen. Doch wer sind sie wirklich – so ganz ohne den schützenden Vorhang des weltweiten Netzes? Bloggende zu enttarnen birgt schon so gewisse Risiken. Von Nebenwirkungen solcher Enttarnungen will ich gar nicht erst reden. Oder doch einfach kurz erwähnen, dass jene von Irgendlink und Sofasophia vor bald zwei Jahren nicht ohne Folgen geblieben ist. Ich wäre heute, ohne diese, nicht mit Sack und Pack hier, auf dem einsamen Gehöft.

Samstagmittag. Wir fuhren also los. Nach Franken, wo Axel lebt und das – wie ich gelernt habe – zwar Bayern ist, aber eben doch nicht richtig Bayern. Franken eben.

Ein bisschen schüchtern waren wir schon, als wir die vielen Leute sahen, doch Axel und seine Liebste hießen uns so herzlich willkommen, dass wir uns auch tatsächlich schon sehr bald sehr willkommen fühlten. Ein Lächeln hier, ein freundliches Wort da und schließlich dürfen wir Wildgans und ihre kleine Schwester R. kennenlernen. Sympathische Menschen überall. Eine sehr angenehme Atmosphäre. Da und dort werden kleine und große Gespräche geführt. Und unbedingt muss hier auch das wunderbare Büffet erwähnt werden. Köstlich!

Livemusik. Lachende Menschen. Einlagen aller Art. Verwandte, Arbeitskolleginnen und –kollegen und der große Freundeskreis haben sich mächtig ins Zeug gelegt, mit akustischen, visuellen und verbalen Einlagen den sympathischen Jubilaren zu ehren.

Spätnachts, im Pensiönchen, fallen wir todmüde in unsere Betten, um nur wenige Stunden später mit den anderen Gästen in der Gaststube zu frühstücken. Spätstück gab’s dann gleich anschließend, zurück in der Mühle. Wieder schöne Begegnungen. Kürzere und längere Gespräche. Die Einladung gar, am traditionellen Pfingstzelten des Freundeskreises teilzunehmen. Welche Ehre!

Gehen, wenn es am schönsten ist, soll man, wird gesagt. So fuhren wir also um den Mittag herum weiter. Anschlusstermin. Auf dem Land. Bei N., einem alten Freund von Irgendlink. Hach, was für eine zauberhafte Gegend, die N. bewohnt! Nur schon die Anreise ließ mein Herz höher schlagen. Und erst der Spaziergang in der Nähe! Gespräche über die Welt, die Liebe und das Leben. Vertrauter Austausch. Unanstrengend. Erholsam. Ja, richtig gut tat es, hier, mitten in der Natur, zu sein.

Als Schlussbouquet besuchten wir Walburga (http://www.steinbildhauerei-herrmann.de/index.html), die uns ihre Steinkunst zeigte. Es juckte mich geradezu in den Händen. Die schon lange in mir dösende Lust, endlich einmal einen großen Stein zu bearbeiten, erwachte mal wieder. Bisher habe ich – leider  – erst mit Specksteinen gearbeitet, der Softversion des großen Steines quasi. Ein kleiner Vorgeschmack auf den großen Stein, den harten Stein, gab mir dies trotzdem. Ja, ich habe sehr großen Respekt vor dem Prozess der Steinbearbeitung – vor dem handwerklichen Teil ebenso wie vor dem künstlerischen. Doch eben auch große Lust, mich eines Tages auf diesen Prozess einzulassen.

Schließlich erneut Abschied nehmen. Auch hier gehen wir wieder, wenn es am schönsten ist. Mit der Absicht, bald wiederzukommen oder N. bei uns zu begrüßen.

Heimreise. Autobahn. Gemetzel zwar, doch schön war immerhin die Landschaft, die wir querten. Frühlingsschön. Üppig grün. Blüten überall.

Und schön auch, dabei den Liebsten neben sich zu wissen.
Schön, dieses Ja für einander in sich zu hegen.
Schön, das Leben, diesen Ausschnitt, unseren Ausschnitt davon, genießen zu dürfen.

(Bilder folgen in einem zweiten Eintrag)