Ausgelesen II. #3 – und warum ich Krimis mag

Vom Versuch, ein guter Mensch zu sein, las ich dieser Tage im Krimi Der bessere Mensch von Georg Haderer. Der österreichische Polizeimajor Johannes Schäfer ist nach einem Burn-Out wieder in Dienst, quält sich nun dort aber mit der optimalen Dosierung seiner Antidepressiva herum – mal ist er unerträglich dünnhäutig und rührselig, gerade zu menschlich, dann wieder beherrscht von einer affektiven und impulsiven Aggression, die er an sich nur schwer aushält. Er reflektiert sein Verhalten immer wieder, während er mit seinem Team einen Doppelmörder jagt, und sehnt sich dabei zutieft nach einer besseren, nach einer guten Welt. Aktuell erträgt er das Böse schwerer als auch schon und leidet zudem an seiner eigenen Aggressivität. Nachdem sich am Anfang des Buches alles Spuren nach dem Mörder im Nichts verlaufen, sieht es auf einmal so aus, als stecke ein tot geglaubter Serienmörder hinter den neuen Morden und einem Überfall.

Von Wien nach Salzburg temporär (straf)versetzt, stößt Schäfer auf Spuren, die ihn beinahe das Leben kosten. Kann es sein, dass eine kleine Gruppe Psychiater in ihrer Erforschung des Bösen alle ethischen Grenzen überschritten haben? Ist es möglich, dass die Ärzte damals den Serienmörder retteten, um ihn in einen besseren Menschen zu verwandeln?

Haderers Schreibstil ist zwar gewöhnungsbedürftig, doch ich mag seine streckenweise assoziative Sprache, sprunghaft, intelligent, ohne zu viel zu sagen. Haderer ist nah an seinen Figuren dran und setzt sie in glaubwürdige Kontexte. Auf das Buch bin ich übrigens in meiner online-eBook-Bibliothek onleihe eher zufällig gestoßen. Ich schätze solche Zufälle und hoffe, dass ich dort auch bald Band 1 und 2 der Schäfer-Serie begegne.

Warum ich Krimis mag? Eine berechtigte Frage. Und gleich vorweg: Ich mag nicht einfach alle Krimis. Ich bin wohl eine ziemlich anspruchsvolle Krimi-Konsumentin und kann locker Bücher zuklappen und Filme ausschalten, wenn mich Geschichten nicht überzeugen. Auch die Figuren müssen mich ansprechen. Entweder als Identifikationsfiguren oder aber um mir das Böse zu erklären.
Ich bin dem Bösen auf der Spur!, sagte ich neulich zum Liebsten, als wir über den vorhin erwähnten Krimi sprachen.

Ich will, ahne ich, das Böse einkreisen, definieren, verstehen. Um es auszuhungern vielleicht. Zumindest das Böse in mir. Kampf gegen Windmühlen? Meine Sehnsucht nach einer besseren Welt, die ich mit Polizeimajor Johannes Schäfer teile, kann nicht funktionieren. Weil ich da bin. Und du. Wären wir nur gut, wären wir nicht die, die wir sind. Nicht so. Ich bin alles. Gutes und Böses habe ich in meinem Lebensrucksack drin, seit ich lebe. Das ist der Mensch. Das ist die freie Wahl. Und auch nichts neues. Bin ich dann ein guter Mensch, kritzelte ich neulich auf die Innenseite eines Schokoladenpapiers (schwarze Fairtrade-Bioschokolade immerhin), bin ich dann ein guter Mensch, wenn ich die bösen Anteil in mir akzeptiere und unter Kontrolle halte? Doch was genau heißt es, meine hässlichen Seiten unter Kontrolle zu halten – in einer Welt, wo schon beinahe alles geht?

Im Krimi ist der Tod omnipräsent und die Guten versuchen die Bösen, die Mörder nämlich und das Böse, zu fassen zu bekommen und sie zu bestrafen. Vielleicht mag ich Krimis auch, weil darin diese Sehnsucht nach einer wie auch immer gearteten Gerechtigkeit gelebt und ihr oft auch Genüge getan wird.

Und doch ist Leben und Sterben, Überleben und Tod komplexer als der faszinierendste Roman. Jedes einzelne Leben ist eine Geschichte, die nicht zu fassen ist.

Seit Monaten, seit Jahren sogar, habe ich Wolfgang Herrndorfs Blog gelesen und ihm beim Sterben zugehört und zugesehen. Nein, nicht in voyeuristischer Weise, sondern tief betroffen. Ich habe einem Menschen zugehört, der den Mut hatte, über den Zerfall, den eine unheilbare Krankheit in seinem Körper anrichtet, zu schreiben, schreibend zu schweigen auch, und allmählich zu verstummen. Ungeschönte Texte. Authentisch bis zum letzten Punkt. Sehr oft hätte ich gerne mit ihm über das, was er geschrieben hat, gesprochen. Mit äußerster Konsequenz hat er sich bis zuletzt die Würde bewahrt, seinen Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen. Am letzten Montagabend hat er schließlich selbst den Schlusspunkt unter sein Leben gesetzt.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft den Tod neu begreift. Die Würde der Selbstbestimmung, die oft zitiert wird, wenn es um das Leben selbst geht, soll auch für den Tod gelten.

Leben ist zerbrechlich. Wie Glas. Leben ist nicht Panzerglas.

Das Leben selbst bestimmen. Ich bin mir bewusst, dass meine politisch geregelte Freiheit der Selbstbestimmung über mein Leben, Menschen vor mir verdanke, die genau dafür gekämpft haben, doch warum mir genau jetzt mein Spültrogabfluss einfällt, den ich heute Morgen entstopft habe, weiß ich auch nicht. Oder doch Geht es im Leben nicht um Weiterentwicklung? Darum, das Leben als Fluss zu begreifen? Seit Wochen schon floss mein Abwassefluss jedoch immer träger. Mit allen mir bekannten Tricks war der Verstopfung heute nicht mehr beizukommen und ich fragte mich, ob ich zu chemischen Hilfsmitteln würde greifen müssen.

Wie löst man Probleme eigentlich am besten? Anfangen müssen wir immer damit genau hinzuschauen. Das heißt, ich muss die Rohre unter dem Trog aufschrauben. Gedacht, getan. Krass: trotz Sieb im Abfluss hatte sich im Knie des Rohrs seit Monaten das eine oder andere angesammelt. Nicht, dass ich es sonderlich appetitlich gefunden habe, doch fasziniert hat mich dieses Sammelsurium schon und vor allem die Erkenntnis, dass je mehr eine Leitung verstopft ist, desto mehr hängenbleibt. Wie auf der Straße: Je mehr Müll irgendwo schon herumliegt, desto kleiner ist unsere Hemmung, etwas, statt in einen Mülleimer, auf den Boden zu werfen.

Ach, die Verantwortung! Über den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen haben wir dieser Tage im Büro oft diskutiert und prompt ist gestern in der Kleinstadt, wo ich arbeite, am Vormittag eine halbe Stunde lang der Strom ausgefallen. Eine willkommenen Pause, keine Frage, und nachdem wir festgestellt hatten, dass der Ausfall nicht nur unser Gebäude betraf, sondern das Quartier oder gar den Ort, wussten wir, dass wir bald wieder am Netz sein würden. Die eine Kollegin war beim Ausfall mitten in einem Telefongespräch gewesen, eine andere hatte soeben eine Mail geschrieben, ich selbst brütete über einem Dokument, das die Erfassung unserer zukünftigen Statistiken vereinfachen sollte, und auf einmal ging nichts mehr. Noch nicht mal Kaffee und Tee kochen. Wie abhängig wir doch vom Stromnetz sind!

Auch das Patent Ochsner-Tourneeschluss-Konzert übermorgen ist nur dank Strom möglich. Ohne Verstärker und Mischpult wären die Jungs und Mädels der Band aufgeschmissen. Und wir Zuhörenden erst recht. Auch die Kunstzwerge auf dem Zweibrücker Rinckenhof, die dieses Wochenende beim Liebsten zu Gast sind, könnten ihre Sounds und Perfomances nur halb so gut in Szene setzen ohne Strom.

Ach, der Versuch ein guter Mensch zu sein – ist er hoffnungslos, weil ich ja doch immer Kompromisse eingehe, eingehen muss? Ich glaube, für mich gut gut genug. Besser und am besten können von mir aus andere versuchen.

Schlaflos

Laut gedacht …

Wo ich hingehöre? Wer kann es mir sagen (und könnte ich mich falsch entscheiden)? Wer schreibt mein Drehbuch und wer trägt die letzte Verantwortung? Kann ich auf diese Fragen überhaupt anders antworten als mit ICH?

Schäfchenzählen rückwärts geht nicht. Seit 4:15 bin ich wach und das Sandmännchen hat sich aus dem Sand, ähm Staub, gemacht … Und sogar die Notfalltropfen wirken nicht. Kopfkino vom feinsten. Mir ist fast schlecht vor Müdigkeit und auch dass der Liebste neben mir tief und fest schläft, ändert nichts an meinem Zustand. Aufgekratzt bin ich. Adrenalin und Cortisol im Überfluss …

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde wohl Stelle eins nehmen. Denke ich. Konjunktiv, du Kehrreim meines Lebens! Andererseits hätte ich Stelle zwei auf sicher und der Hilfswerkbetrieb wäre mir von früher vertraut. Dafür wäre der Arbeitsweg sehr lang.

Stelle eins oder zwei – so oder so eine gute Ergänzung zur Selbständigkeit sagt der Verstand und die Abenteuerlust gibt zu Bedenken, dass ich – womöglich – meine Träume dem Sicherheitsdenken opfere, wenn ich eine feste Stelle annehme. Vierzig Stellenprozent oder fünfzig sind ja nicht viel, antworte ich mir. Damit wären die Grundkosten gedeckt und der Stress vom Tisch.

So what?

Wie viel Freiraum brauche ich und bliebe so nicht meine Kreativität auf der Strecke?

Jede unserer Entscheidungen hat Konsequenzen. Für uns, für andere. Wir sind nicht allein. Wie würde mein Leben sich weiterentwickeln? Wie und wohin?

+++

Nach dem Vorstellungsgespräch in B. fahren wir gestern Nachmittag nach Biel. Wir treffen den Künstler Marc Kuhn, den Schöpfer der Kunstbewegung Col-Art und seine mexikanische Frau Rossana. Es gilt noch einiges an Material und Gedanken zur baldigen Ausstellung im Zweibrücker Prisma auszutauschen.

Wie wir zu viert gemütlich am Bielersee über Kunst, die Welt und das Leben philosophieren, bitte ich Marc zum Jux, mir meine Zukunft aus dem Kakao-Satz zu lesen, denn vor bald vier Jahren hat er Irgendlink und mir aus unsern Handlinien gelesen.

In zehn Jahren …, hebt er an. Nein, den Rest seiner Rede werde ich hier nicht verraten.

Was die Zukunft bringen wird? Leben kann ich eh nur die Gegenwart …

So what?

(Falls jemand heute Abend dem Sandmännchen begegnen sollte, dann schicke er oder sie es bitte zu mir!)

Sonne, Mond und andere Fragen

1.)
Vermutlich würde ich noch einmal richtig intensiv leben wollen, sollte der Arzt eines Tages sagt, dass … Vielleicht würde ich mit dem Liebsten eine letzte Reise wagen? Nach Australien-Neuseeland zum Beispiel. Und Schreiben würde ich. Ganz viel. Und ganz still werden. Vielleicht sogar anfangen, das Leben zu lieben, zu genießen. Vielleicht dem Tod, der mich holen will, dankbar sein dafür, dass er mir das Leben doch noch lieb gemacht hat. Ob ich mich dagegen wehren würde? Ob ich versuchen würde, dem Tod zu entkommen? Ich lebe auf diesen einen Moment hin: Endlich möglichst unbeschadet am Ende ankommen, glücklich auf mein Leben zurückschauen, das Lebensbuch zuklappen und sagen: Well done!

Zuweilen beneide ich „Menschen ohne Phantasie“, wie sie Marlen Haushofer in der Wand nennt. Sie müssen nicht über solche Dinge nachdenken.

Gibt es dieses Lied in allen Dingen wirklich, das alles verbindet? Oder ist alles aus purem Zufall entstanden und nichts hat einen tieferen Sinn außer den des Augenblicks, wie das Marlen Haushofer hinter der Wand erkennt und ihre Protagonistin schreiben lässt ? Meine Sehnsucht danach, dass alles eine sinnvolle Ursache hat, ist sehr groß. Ein Leben ohne solche mag ich mir einfach nicht vorstellen. Und tue ich es ab und zu doch, erfüllt mich größte Abscheu dem Leben gegenüber. Alles Tun und Sein wäre vergeblich und würde uns von jeglicher Mitverantwortung für die Welt entbinden.

2.)
Ich lese, also bin ich. Und immer werde ich Teil der Geschichte, die ich lese. Ich identifiziere mich mit Figuren, werde selbst zur Figur, lebe andere Leben als nur meins. Das eigene Leben ist nicht begrenzbar. Alle andern Leben, reale und fiktive (so es diesen Unterschied denn gibt) fließen an mir vorbei und durch mich durch. Wie Jostein Gaarder sinngemäß in Der seltene Vogel schreibt: Jeder einzelne Wassertropfen, der ins Meer fließt, ist nicht nur und nicht länger ein einzelner Tropfen im Meer, er ist das Meer. Und er war immer schon das Meer. Auch.

Ich bin nicht nur Teil des ganzen, ich bin das Ganze. Auch. Selbst im Spektrum aller Kontraste und Dualitäten. Sie sind nur Facetten des Ganzen. Ebenso wie alle Rollen, die wir spielen. Doch jetzt, und jetzt, und jetzt, wo ich diese Gedankenfetzen und Ideen in Sätze umforme, den Formen Namen gebe, zeigen sie sich als Teile. Um anschließend ihre Form wieder zu verlassen und eins zu sein …

All das schreitet durch die Tür meiner Wahrnehmung, zieht dort die Schuhe aus und setzt sich hin. Ich schaue und nehme für wahr. Manchmal bin ich überfordert. Zu viele Eindrücke.

Ich lese Siri Hustvedt. Was ich liebte. In Worte gegossene differenzierte, detaillierte Beobachtungen. Bilder, die auf eigenen Füßen stehen. Einfach nur ihre Worte zu lesen, ist das pure Vergnügen – die Handlung in ihrer Dramatik mal ausgeblendet. Jedes Wort stimmt. Nie schwülstig, nie auf Effekt angelegt. Schlicht, aber nie billig. Zwar eine bewusste Sprache, aber keine raffinierte oder eitle. Authentisch und unexhibitionistisch. Die Sprache transportiert den Inhalt so, dass der Inhalt optimal gesehen werden kann. Die Form stellt den Inhalt dar, Inhalt und Form sind eins.

Dem Ich-Erzähler gelingt es mehrheitlich, sich – obwohl er wesentlicher Teil der ganzen Geschichte ist – auszublenden, die Rolle des Beobachters und Chronisten auszufüllen. Das Ziel, endlich die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, stellt er höher, als seine eigene Befindlichkeit, die trotz des Dramas, das er zu verarbeiten hatte, wenig Raum* einnimmt. Dennoch: Kein Roman ist ein objektiver Bericht. Ein Roman erzählt die Sichtweise von Dingen aus einem bestimmten Winkel. Wie der zehnjährige Matt es nach einem Basemallmatch sinngemäß sagt:
Nur schon, wenn ich da statt dort gesessen wäre, hätte ich alles ganz anders erlebt.

(((Lies zwei Zeitungsartikel zum gleichen Thema: In aller vorgeblichen Objektivität wird Subjektivität sichtbar: Wo setzen die verschiedenen AutorInnen ihre Schwerpunkte, wenn die Fakten abgehakt sind? Sind sie kritisch?)))

Schreiben ist das Übersetzen von persönlich gefärbter Wahrnehmung in Buchstaben. Schreiben ist die Wiedergabe von verdautem Geschautem. Ein Schauen, das nicht aufhört sehen zu wollen, was dahinter wirklich ist, was wirkt, was einwirkt, was bewirkt, was ursächlich ist. Und eher was hinter als vor dem Vorhang ist, wirkt bei den Lesenden nach. Wiedererkennen tun wir uns, wenn der Spiegel klar ist. Dann sehen wir mit dem Herzen. Der ganze Farbkreis steht uns zur Verfügung. Alle Farben. Deshalb ist jedes einzelne Bild, das wir mit Worten, Pixeln und Pinseln malen eine Synthese. Ist Ausschnitt und ist alles zugleich. Spezifisch, also alle Details mit der ihnen eigenen Struktur, wiederzugeben, ist die große Kunst jeder Kunst.

Schreiben ist Leben, ist Malen mit allen möglichen Farben und Techniken. Wir arbeiten am sich stetig wandelnden Bild. Dabei lassen wir immer weit mehr weg, als wir sagen und schreiben können. Doch selbst was wir weglassen, ist Teil des Bildes. Des ganzen …

3.)
Sonne und Mond zu sein

Ich lese.
Verdaue Geschriebenes.
Bin Mond.
Reflektiere.
Folge.

Ich schreibe.
Verdaue Wahrgenommenes.
Bin Sonne.
Strahle.
Denke.

Du liest.
Verdaust Geschriebenes.
Bist Mond.
Reflektierst.
Folgst.

Du schreibst.
Verdaust Wahrgenommenes.
Bist Sonne.
Strahlst.
Denkst.

_________________________________________

* EDIT: Vom zweiten Teil des Buches an wird der Autor in seiner Befindlichkeit sichtbarer. Er resümiert frühere Erkenntnisse und überträgt sie auf die Gesamtzusammenhänge und sein Leben.