Wie schön du bist!

Wie schön du bist! Ich sage es ihm oft und ja, ich meine es auch immer genau so.

Was aber ist dieses Schön überhaupt, das ich hier meine? Denn es ist nicht dieses Schön aus der Werbung und hat weder mit makelloser, faltenfreier Haut mit oder ohne Schminkkleister drauf noch mit perfekten weißen Zähnen zu tun, noch weniger mit toller Kleidung und erst recht nicht mit der Topfigur. Und nein, mit dem Alter schon recht nicht.

Schön ist ein Platzhalter.

Ein sehr persönlicher sogar. Schön ist ein Synonym für. Schön ist ein Gefühl um.

Mit diesem Wort versuche ich etwas Unfassbares auszudrücken. Dieses Etwas hat mit Geborgenheit zu tun, mit Resonanz, mit dieser Wohltat für Herz und Augen und ja, auch mit Liebe. Was die Frage aufwirft, was man eigentlich liebt. Beim anderen. Bei sich selbst.

An meinem Liebsten liebe ich dieses Mehr-als-die-Summe-einzelner-Eigenschaften, sein Ganzsichsein. Wie schrieb die gute A. gestern? »Menschenschutzgebiet – Orte, an denen man einfach sein darf. Ich denke, das ist so auf dem einsamen Gehöft.« Recht hat sie.

Das ist es, was ich liebe: Wenn wir Menschen einander Raum geben fürs Seindürfen und -können wie man ist. Stichwort Selbstliebe. Denn sie ist ja nichts anderes als das: Mich so nehmen, wie ich bin. Mir erlauben, so zu sein, wie ich bin.

Warum das zuweilen so schwierig ist?
Umso schöner*, wenn es hin und wieder gelingt.

 

Für J., weil du so schön* bist

 


*… ja, genau, dieses Schön!

Advertisements

Das Schamding

Immer wieder staune ich, worüber Knausgård sich alles so schämt oder was ihm – für ihn selbst oder stellvertretend für Linda, seine Frau – alles so wahnsinnig peinlich ist. Da gibt es diese Stelle in seinem Buch LIEBEN, wo er mit seiner Frau und seiner Mutter in https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgeinem Restaurant eine ungenießbare Fischsuppe vorgesetzt bekommt. Alle drei versuchen es abwechselnd in der Küche mit einer schüchternen Reklamation, bekommen keinen Ersatz und verlassen schließlich, ohne gegessen aber bezahlt zu haben, das Lokal. Und ihm ist es total peinlich. Ob Scham kulturell verschieden ist, frage ich mich da nicht zum ersten Mal. Ich bin auf jeden Fall diesbezüglich unbarmherzig. Wenn ich etwas nicht essen kann, gebe ich es zurück, bezahle es nicht und es ist mir nicht peinlich. Wenn ich etwas zahle, dann muss es auch essbar sein.

Aber Scham ist mir natürlich nicht fremd. Ich erlebe Scham vor allem bei seelischen oder seelisch-körperlichen Unzulänglichkeiten, Dinge, die ich energiemäßig nicht schaffe, für die ich nicht stark genug bin. Zum Beispiel, dass ich so geräusch- und geruchsensibel bin, ja, dafür schäme ich mich manchmal. Dass ich mit Lärm und Gestank nicht wirklich locker umgehen, solche Dinge nicht einfach ignorieren kann. Weghören und wegriechen geht fast nie. Oder aber ich schäme mich für doofe Tippfehler. Ja, und für tollpatschige Missgeschicke im Alltag, bei der Arbeit, Vergesslichkeiten. Alles sehr menschliche Dinge im Grunde, die uns allen passieren, aber Dinge halt, in denen ich den hohen Ansprüchen an mich selbst nicht genüge. Die daraus entstehende Scham ist seltsam unfassbar, selten fassbar, benennbar. Und sie ist selten auf einen Menschen gerichtet, vor dem ich mich konkret schäme, noch nicht mal wirklich auf mich selbst. Eher auf die unfassbare, unbekannte Masse von Menschen, die mir eigentlich egal sein könnte.

Ja, auch Fremdschämen tue ich mich manchmal. Für mein Land vor allem in politischen Belangen. Für meinen Kanton (= Bundesland). Für mein Dorf auch. Zum Beispiel nach Abstimmungen, die unerwartet nach rechts kippten. Ja, solche kollektive, solidarische Scham kenne ich; ansonsten, persönlich, für andere, ist mir fremdschämen je länger je fremder geworden.

Schreibend denke ich über mögliche Zusammenhänge oder Auslöser zwischen Scham und Eitelkeit nach. Vielleicht hängen diese beiden Themen stärker zusammen als wir denken? Und was zum Teufel ist Eitelkeit eigentlich genau? Was will sie? Wem dient sie und wohin zielt sie?

Und was passiert eigentlich mit mir, wenn ich etwas getan habe, das mich beschämt? Herzklopfen, ein heißer Kopf, ein bisschen Wut auf mich selbst. Irgendwann später – hoffentlich, meistens und immer häufiger – ein Grinsen. Ein Ist-ja-nicht-soo-schlimm-Gedankenkuss als Selbsttrost. Denn, ganz ehrlich, da ist (in aller Regel) niemand, der meine schamhaften Momente auf einer schwarzen Liste festhalten oder mich nun verachten würde. Und selbst wenn? Was geht mich dieser Mensch an, der mich verurteilt, weil ich nicht unfehlbar bin? So what?

Dennoch triggert die Scham. Bloß da zu stehen, nackt, bloßgestellt – dieses Schamding weckt wohl in mir, in fast allen von uns, alten Schmerz aus der Kindheit. An der Wandtafel stehend, die physikalische Gleichung nicht lösen können, weil ich die Formel nicht mehr weiß, die ich auf dem Stuhl dort hinten noch wusste. Ich ahne, dass es solche Erlebnisse sind, aus der wir unsere Scham geformt haben. Die uns zu schamhaften Wesen gemacht haben. Mir imponiert diesbezüglich Lindas Mutter, um wieder zu Knaugårds Buch zurückzukommen.

Diese Szene mag ich, wo Knausgard über eine Silvesterfeier erzählt, im Laufe derer sich alle sechs Freunde, drei Paare, gegenseitig ihre schrecklichsten Kindheitserlebnissen erzählen und dabei rückhaltslos offen sind. Linda erzählt von ihrer Mutter. Die keine Scham kennt. Die aber gerade durch ihre schamlose Art, sich für sie, ihre Tochter, einzusetzen, Linda sehr oft in tiefste Verlegenheit gestürzt hatte. Wieder diese Scham, die wir als Kinder so ganz anders denn als Erwachsene wahrnehmen. Für Kinder ist Scham das Monster, das uns für immer und ewig verschlingt.

Ich stutze, dass die Offenheit dieser Runde offenbar eher ungewohnt und unerwartet ist, ein bisschen der Müdigkeit und dem Alkohol geschuldet wohl auch. Schade eigentlich, denn unter Freunden sollten wir uns doch trauen. Oder ist es wohl so, dass wir uns doch nicht so ganz trauen, uns andern zuzumuten?

Oh ja, da steckt Vertrauen und Mut im Satz. Und beides braucht es wohl, um das Schammonster zu überlisten.

Weil ich ein Mensch bin

Es ist diese ewige, seltsame, unfassbare Ambivalenz. Zerrissenheit sogar. Oder Hin- und Hergerissenheit. Das Leben auf der Wippe. Es ist dieses Mal so-mal so, das uns vermutlich ganz besonders von den Tieren unterscheidet.

Wie ich immer tiefer in die Schichten von Knausgårds Buch Lieben einsinke und dabei erschrocken feststelle, dass auch andere, außer mir, solche beinahe abstrakten Sinneswahrnehmungen haben, wie er sie beschreibt, werde ich mir bewusst, dass ich vermutlich bisher von Lieben erst einen kleinen Vorgeschmack erhalten habe. Ich liebe weder mich noch andere so vollumfänglich, dass ich einfach jederzeit in der Liebe sein kann. Immer ist mein Lieben verknüpft mit subjektiven Ereignissen, mit Erfahrungen, mit Bedingungen, mit Zusammenhängen. Es ist kein Lieben-an-sich. Kein Lieben um der Liebe willen. Mag sein, dass das furchtbar negativ klingt, furchtbar depressiv sogar. Ist aber nicht so gemeint. Ich bin mir einfach nur, einmal mehr, meiner Beschränktheit, meiner Grenzen bewusst. Und dass ich vermutlich gar nicht anders sein kann als so. Weil ich als Mensch so bin.

Wären da bloß nicht diese unerreichbar hohen Ansprüche an mich. Diese perfekte, losgelöste, den andern ganz und gar meinende, objektive, umfassende Liebe gibt es sie vielleicht unter uns Menschen gar nicht – außer in unseren romantischen Vorstellungen? Selbst als die Mutter eines kleinen Buben, die ich ja mal war, muss meine Liebe mit Bedingungen verknüpft gewesen sein wie, dass mein Sohn wunderbar, herzig, schlau … ist

Mag sein, dass unser Geschmack – alles was uns gefällt – äußerlich von den Umständen neu tariert wird, wenn uns jemand sympathisch ist, den wir im ersten Moment mit unseren bisherigen, inneren Wertmaßstäben nicht attraktiv fanden. Dass wir jemanden auf einmal schön finden, einfach darum, weil er uns sympathisch ist. Und dass sich sodann der Inhalt unseres Schön-Begriffes verändert. Doch sind äußerliche Aspekte denn nicht nicht immer irgendwie trügerisch? Ohne blinden Menschen da mit Vorurteilen meinerseits zu nahe treten zu wollen, doch zuweilen frage ich mich ja schon, ob es vielleicht einfacher ist, Menschen zu mögen, wenn man sie nicht sieht? Ist dafür nicht sogar die Welt der sozialen Medien ein Beweis?

Möglich, dass auf Grund von Stimmen, Texten, Berührungen, die Wahrnehmung eine reinere ist, eine wahrere, eine unabgelenktere, doch ist nicht selbst dann Lieben von subjektiven Faktoren abhängig? [Oh, ich merke schon … das, was ich da schreibe, kann ein anderer Mensch wohl nur schwer verstehen.] Ach. Und Liebe als etwas Universelles zu verstehen ist ja vielleicht gar nicht Sinn eines kleinen Lebens wie meinem. Universelle Liebe ist ja vielleicht nur das Innenfutter für unsere Illusion vom Liebengott?

https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWenn ich Knausgård lese, der noch ziemlich am Anfang des Buches über einen Kindergeburtstag-Nachmittag schreibt, über die Menschen dort und über die Begegnungen und wie er diese hinterher auch gleich wieder aus seinem inneren Speicher löscht und die keine Spuren bei ihm hinterlassen haben, und wie er emotional losgelöst ist von all den Menschen, die er im Grunde liebt, frage ich mich, zuerst entsetzt, dann begreifend, wie das sein kann. Denn ich merke, dass auch ich, wenn ich allein bin und an andere denke, manchmal nichts fühle, wo doch ganz viel Liebe sein sollte. Nicht nichts, aber nicht Wow-Liebe, sondern einfach: Ich bin da. Du dort. Und nun lasst mich doch bitte alle in Ruhe! Diese Verbundenheit, die ich unter allem und von allen zu allem und mit allem ahne, weiß, diese Verbundenheit fühle ich nämlich nicht immer.

Denke ich an Irgendlink, ist da immer, auch nach all den Jahren, dieser kleine Herzhüpfer, dieses kleine Aus-dem-Takt-kommen meines Herzschlages. Immer. Ich halte das für Liebe. Ich halte es für Verbundenheit. Die größtmögliche, die geht. Dieses Das-Beste-für-ihn-wollen ist immer da. Aber zugleich ist da auch mein Wollen. Es soll ihm möglichst gut gehen, doch er soll bitteschön täglich bloggen, möglichst schnell vorankommen (und bitte möglichst ohne Regen und Stress), möglichst viele schöne Pausen haben. Und am liebsten wäre mir, er wäre immer hier bei mir, mit mir.

Aber das alles geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig. Alles, was lebendig ist, ist immer in Bewegung, im Prozess, in der Veränderung, in der Wandlung. Hin und Her. Wieder die Schaukel, siehe oben. Den Nullpunkt gibt es immer nur einen Bruchteil einer Sekunde lang im Vorbeischwingen. Die totale Stille ist immer nur im Jetzt. Nichts kann ich aufhalten. Alles schwingt. Alles fließt. Alles pumpt sich, wie es Irgendlink heute (hier) gebloggt hat, von A nach B und so weiter.

Getriebensein? Ist es das? Ist das die große Verwechslung? Dass wir eigentlich zu sein und zu lieben meinen, es aber mit diesem ewigen Strom verwechseln?

„Denn Sinn ist nichts, was wir bekommen, sondern etwas, das wir geben.
Der Tod macht das Leben sinnlos, weil alles, wonach wir jemals gestrebt haben, mit ihm aufhört, und er macht das Leben sinnvoll, weil seine Gegenwart das wenige, was wir davon haben, unverzichtbar, jeden Augenblick kostbar macht.
Aber in meiner Zeit war der Tod entfernt worden, er existierte nur noch als fester Bestandteil in Zeitungen, Fernsehnachrichten und Filmen, wo er nicht den Abschluss eines Verlaufs markiere, die Diskontinuität, sondern angesichts der täglichen Wiederholung im Gegenteil eine Veränderung des Verlaufs, eine Kontinuität bedeutete, und so seltsamerweise zu unserer Sicherheit und zu unserem Halt geworden war.“

Zitat aus Lieben von Karl Ove Knausgård

Die Erkenntnis, dass ich im Grunde immer wieder bei Null, das es so also gar nicht wirklich gibt, anfange, macht mich demütig. Nichts wirklich zu verstehen, nichts wirklich Wesentliches – nur solange ich darüber nachdenke, ist das Ding wesentlich, für mich – zu leben. Aber vielleicht geht es genau darum? Wegzukommen von diesen großen hehren Zielen. Nicht, dass ich nicht noch immer die ganze große weite Welt retten wollen würde … Aber weiß ich denn wirklich, was sie braucht, um gerettet zu werden? Wovor und wohin?

Ist es da vielleicht für mich nicht besser, mich treiben zu lassen? Mich hinzugeben? Dem Schreiben zum Beispiel. Den Worten. Und zu verstehen, dass Liebe immer subjektiv ist.

Was ich mag

Wenn ich die Augen öffne, dich zu sehen. Meistens erwachen wir praktisch gleichzeitig und liegen ruhig und mit geschlossenen Augen nebeneinander. So heißen wir den neuen Tag willkommen. Dann die Augen öffnen, dich neben mir zu sehen, ein feines Lächeln auf deinem ganzen Gesicht. Ein Tag, der so beginnt, ist einfach schon von vornherein ein besserer Tag als einer ohne dich.

Die ersten Sätze, das erste Lachen, die ersten Wortgespinste des Tages mit dir zu tauschen. Und einen ersten Kuss. Staunen, dass du da bist. Staunen über das Geschenk des Lebens. Du und ich. Ich und du.

Ich mag es, wie du dich bewegst – wie sich deine Gedanken bewegen, wie sich deine Worte, deine Hände, deine Haare, deine Lippen bewegen. Ich mag es, wie du inne hältst. Ich mag das Stillsein mit dir. Ich mag es, wie wir miteinander reden, schweigen, spinnen und lachen, wenn wir zusammen wandern, Rad fahren, Auto fahren. Ich mag den Moment, wenn wir nahe davor sind, einen Geocache zu finden. Diese Spannung! Meine Bereitschaft, dich den Cache finden zu lassen, diese Freude, wenn du mich das Teil finden lässt. Diese Übermut, wenn wir beide im gleichen Moment den richtigen Einfall haben, wo das Versteck liegt.

Ich mag es, wie du selbst tragischen Momenten einen Glanz von Liebe und Hoffnung verleihen kannst – weniger mit Worten als mit deiner Präsenz. Wie du mit deiner Gegenwärtigkeit den Sorgen um die Zukunft, die uns zuweilen zentnerschwer auf den Schultern hocken, ein Schnippchen schlagen kannst und aus Stroh Gold spinnen. Wie du den Wert hinter den Dingen erkennst und ihn in dein Leben holst. Wie du mit einfachsten Mitteln und unter einfachsten Umständen ein zufriedener Mensch sein kannst.

Ich mag es, wie wir zusammen am gleichen Strick ziehen und verrückte Projekte ausdenken – auch wenn die meisten davon mangels Zeit und Geld nie in die Wirklichkeit geholt werden. (Oder doch?)

Deine Verlässlichkeit und Verbindlichkeit mag ich, die neben deiner Abenteuerlust und deiner eremitischen Affinität möglicherweise wie ein großer Gegensatz aussehen. Allerdings nur im ersten Moment.

Ich mag deine immer tiefer werdenden Lachfältchen um die Augen und um den Mund. Und dein Grinsen, das dem eines Schuljungen gleicht, wenn du einen witzigen Text gefunden oder einen schrägen Blogkommentar ausgetüftelt hast – ach, es ist/du bist so lebendig.

Ja, ich mag deine Lebenslust, deine Liebeslust, deine Weisheit und deine Arglosigkeit. Frei von Raffinesse bist du dennoch klug und durchschaust den Lauf der Dinge – und trotzdem gibst du dich dem Leben und deinen Lieben hin.

Nein, ein Engel bist du nicht, weder fehlerlos noch ohne Schwächen – zum Glück! Auch bist du viel mehr als all das. Und all das ist eh nur eine subjektive Momentaufnahme.

Ich danke dir für jede Sekunde, die wir zusammen erlebt haben, ob im Alltag oder auf Reisen. Mit dir ist das Leben farbiger, lebendiger, tiefer, heiterer und jederzeit voller Liebe.

Und den Rest, mein Liebster, den Rest werden wir sehen und erleben. Den ganzen Rest. Doch jetzt gratuliere ich dir einfach dankbar und aus tiefsten Herzen zum neuen Lebensjahr.

Carpe diem.