Wertewandel

»Entscheide du dich für eine Philosophie und richtest dein Leben danach aus oder suchst du dir eine Philosophie, die zu deinem Leben passt?«, fragte Kai gestern auf Twitter.
» Wie wäre es mit einer flexiblen Philosophie, die man dem eigenen Lebensweg immer wieder anpasst?«, fragte Irgendlink zurück.
»Es fängt viel früher an, mit Werten, mit Identifkation. Darum herum schneidert man sich seine Philosophie wie ein maßgeschneidertes Kleid«, schlug ich vor.
»Mir scheint, das ist mehr als alles andere einem Wandel unterworfen. (Außer die ethischen Grundwerte.)«, warf Frau Rebis ein.
»Welche Variante ist besser für mein Leben? Uff …«, fragte sich der Emil.
Ist das Konzept, das uns im Leben motiviert, womöglich ein Sowohl-als-auch-Ding, wie es Frau Traumspruch und Frau Rebis später zur Diskussion vorschlugen?

Wandeln sich die Werte oder wandelt sich ihre Glaubwürdigkeit? Oder wandelt sich unser Verhältnis zu unseren Werten? Und wie ist es mit den Fakten, auf die wir diese gründen? Wie wahr sind sie? Sind sie noch immer vertrauenswürdig? Nützen sie sich womöglich im Laufe der Zeit ab oder werden von anderen Fakten widerlegt? Wem können wir überhaupt noch vertrauen?

Genau darüber hat Christine Steiger in der neuen SPUREN-Ausgabe, Nr. 123, eine wunderbare Kolumne geschrieben. Wahre Fakten versus Fake News. (Und ja, das war soeben ein hemmungsloser Werbespot für diese tolle Zeitschrift!)

Vertraue ich mir? Vertraue ich dem, was ich zu wissen meine und für richtig halte? Warum glaube ich, dass das genau so richtig und wahr ist? Wer hat es mir gesagt? Welche Beweise brauche ich, woran halte ich mich fest?

Was ist mir wichtig und warum?
Schreiben. Weil es mir gut tut.

Und weil wir alle viel mehr das tun sollten, was uns gut tut. Wie es die schwedische Thrillerautorin Kristina Ohlsson in ihrem Nachwort zum grandiosen Thriller Papierjunge meisterhaft geschrieben hat (Link zum Nachwort). Und warum sie die Spirale durchbrochen hat, ausgestiegen ist, nur noch schreibt. Warum wohl? Ja. Weil es ihr gut tut.

Und ja, auch ich könnte zurzeit, rein theoretisch, jeden Tag schreiben. Weil es mir gut tut, mich erdet, mich zentriert. Ich könnte ganz viel schreiben. Stundenlang. Aber wie nannte es Milena Moser in ihrem letzten Blogartikel, Ein ziemlich guter Tag, gleich noch? Der Fluch der perfekten Bedingungen. Ja, das ist es vielleicht auch bei mir, wenn auch mit ein bisschen anderen Vorzeichen. Jetzt, wo ich könnte, weil ich zurzeit ja auf Stellensuche bin und darum gaaanz viel Zeit für mich habe, fallen mir immer wieder alle möglichen Gründe ein, nicht zu schreiben. Und das, obwohl ich schreiben will. Natürlich sind auch die Schmerzen in der Schulter, im Nacken und im Kopf, wenn ich zu lange an der Kiste sitze, ein Vorwand, es nicht zu tun. Oder aber ich arbeite weiter an der Trauer-Webseite, die ich mit anderen zusammen für andere verwaiste Eltern oder Geschwister gebaut habe. Viel Zeit und Herzblut habe ich schon in dieses Projekt investiert und mich gestern – aus Gründen wie Arztrechnungen und »Ich brauche unbedingt neue Turnschuhe« – sogar dazu durchgerungen, dort ein Spendenschweinchen einzurichten. Oder vielleicht auch aus dem Gedanken heraus: Ich gebe etwas in die Welt, also darf mir die Welt dafür etwas zurückgeben. Das Prinzip des Ausgleichens. So was in der Art.

Fakt ist, dass ich zwar Schriftstellerin bin, mich als Schriftstellerin fühle, mich als Schriftstellerin denke, aber davon nicht leben kann. Aus Gründen mangelnden Talents in Selbstvermarktung unter anderem. Und ja, auch Selbstzweifel sind ein Thema. Und ja, da beneide ich manchmal jene Menschen, die weniger gehemmt und weniger publikumsängstlich sind, die einfach hingehen und ihr Ding in den Raum stellen können. Sich vermarkten, ohne dass es nach Vermarktung stinkt.

Ausgerechnet in diese Gedanken hinein lese ich bei Luisa Francia über den Neid: »Neid ist die dunkle schwester des erfolgs. Sie kriecht überall hinein und verbreitet das schleichende gift. Warum hat die das und ich nicht? Warum kann sie sich das leisten und ich nicht? Warum hat die erfolg, die ist doch total blöd! Dabei ist neid eigentlich die therapeutin: schau hin. Das fehlt dir! Das willst du erreichen! Das ärgert dich!
Wenn eine/r etwas erreicht hat das fast nie damit zu tun, dass ein/e andere/r das nicht erreicht. Doch im kopf der neidischen person verbindet sich das. Die eigene enttäuschung, wut, der eigene mangel wird mit dem gelingen der anderen person verkoppelt. Das ist doch ungerecht! Und ja: diese welt ist nicht gerecht. Doch die beste möglichkeit diese ungerechtigkeit zu durchbrechen ist die entschlossenheit herauszufinden was wirklich fehlt, was erreicht werden soll und die mittel und wege zu finden, die da hin führen.«
Quelle: salamandra.de | luisa in one world – 28.03.2017 um 07:01:47

Ich schlucke leer und wünsche mir genau diese Hartnäckigkeit. Und diesen Mut. Und ja, ich wünsche mir langsam auch etwas, das ich bis vor kurzem nicht mal ohne Gänsehaut denken konnte: Erfolg. Gelingen. Auch in Form von endlich mal genug Geld auf dem Konto.

(Und schon will ich gleich wieder erklären, schon will ich nachschieben, dass das falsch klingen und falsch verstanden werden könnte, egoistisch zum Beispiel etc. …, aber ich lasse es jetzt einfach mal so stehen.)

Ah, meine massgeschneiderte Lebensphilosophie? Alles hängt miteinander zusammen. Darum denke und handle ich so liebevoll ich kann, lege da und dort ein paar gute Spuren aus, und mache möglichst wenig kaputt.

Essenz einköcheln

Die Zahl fünf spricht von Quintessenz, sagt Luisa. Und sagt auch die Erfahrung. Die Fünf ist mir in den letzten Tagen immer wieder über den Weg gelaufen. Sie hat sich mir von hinten genähert und genüsslich auf meinen Schoß gesetzt. Sie spricht davon, dass ich meine eigene Gebieterin sein soll, über mein Leben gebieten, zulassen, was sich wandeln will. Kreieren, was ich leben will, mutig umdenken, mutig loslassen.

Zwei wunderbare, zwei fast schlaflose, zwei intensive Tage mit zwanzig wunderbaren Frauen in einem Seminarhaus im Appenzellischen liegen hinter mir.

Und nun liegen da ein paar altneue Samen behaglich in meinem Herzen. Sie werden spriessen, da bin ich sicher.

Einer davon ist mir heute beim gemeinsamen Yoga, das Luisa Francia genüsslich angeleitet hat, zugefallen:
Jede Spannung braucht zum Ausgleich Entspannung.

Körperliche Entspannung gleicht dem virtuellen Zwischenspeichern von Dateien, denke ich weiter. Gleichgewicht gibt es nur, wenn ich alle meine Seiten nähre, meine materiellen und meine spirituellen. Die sicht- und die unsichtbaren.

Am Wasserfall gestern habe ich losgelassen, was nicht mehr in mein Leben gehört. Was für ein starkes Ritual das war!

Und nun kommt der Alltag und mit ihm das Gießen der Samen, das Einköcheln meiner Erkenntnisse, das Vertiefen und Verwandeln …

wasserfall

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Appspressionismus: Bild auf dem iPhone kreiert und mit Gimp nachbearbeitet.

Links von rechts und links

Emil hat mir einen genialen Link gesteckt. Zu einem Gespräch zwischen Christa Wolf und Elke Erb aus dem Jahre 1977. Ausgangslage dazu war die Bitte des Verlagers um ein Vorwort, das Frau Wolf für Frau Erbs neuen Gedichtband verfassen soll. Wolfs Anliegen, sich Erbs Texten annähern zu können, ist der rote Faden des Gesprächs, das für mich sehr wichtige Themen berührt.

Wolf: Den Ursachen für die Spannungen in deinen Texten – deinen eigenen Konflikten und Stimmungen – wird nicht erlaubt hervorzutreten. Sachlichkeit soll walten. Ich wüßte gern: Wie gehst du mit dir um in Krisenzeiten.

Erb: Da ist, vor Jahren, die Entscheidung gefallen. Ich hab mir gesagt: Ich kann mich in den Berufen, die es gibt, nicht bewegen. So kann ich diese Formen, die die Menschheit hat, nicht richtig mitvollziehen. Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko. So ungefähr. Und in dieser Situation ergibt sich ja das Äußerste, was man als konstruktiver Mensch machen kann.

Mein gestriger Blogartikel galt ja dem Themenbogen der Eigenverantwortung für unser eigenes Wohlergehen. Natürlich soll das nicht auf Kosten anderer geschehen, doch ist die Fürsorge für uns selbst auch ein Weg, die Welt zu verbessern. So ähnlich hat es Luisa Francia damals, in einem Kurs vor sechs- oder siebzehn Jahren gesagt: es nützt niemandem, wenn du dich vom Elend der Welt fertigmachen lässt. Das raubt dir nur Kraft, die Welt lebenswerter zu machen.

Heute las ich in ihrem Webtagebuch, das ich hier schon so oft zitiert habe, folgendes. Offenbar bewegt sie sich aktuell in ähnlichen Gedankenströmen.

luisa in bayern – 05.11.2013
ja, so seh ich das: wir nehmen nur einen bruchteil der komplexen wirklichkeit wahr, die sich unentwegt verändert und neu gestaltet. die gestaltet und verändert wird. die sich aus energie aufbaut und wieder auflöst. da wir selbst auf die materie unseres körpers angewiesen sind – und was soll die frage: nehmen wir uns zu ernst? wir müssen uns ernst nehmen. wir sind alles was wir haben – fällt uns dieser tanz der teilchen, die ständige auflösung und neuentstehung schwer. wir möchten, dass das was wir kennen bleibt. nichts bleibt.

luisa in bayern – 06.11.2013
gestern mit sabine beim mittagessen kamen wir auf glücksgefühle. die assoziation „schlechtes gewissen“ kam derart schnell bei mir auf dass ich den rest des tages darüber nachdachte. wenn ich vollkommen glückselig bin, steht manchmal in einer ecke meines bewusstseins diese dunkle wolke: die armen anderen. was natürlich völlig bescheuert ist. denn wenn ich in meiner angeschlagenen körperlichen verfassung, mit pflege meiner mutter, mit dem älter werden und relativ wenig geld glückselig sein kann, kanns eigentlich jede/r. das glück zu wollen scheint in der allgemein herrschenden vorstellung dass das leben hart, schwer und schmerzhaft ist, wie eine egoistische, ja oberflächliche flucht aus der wirklichkeit, hat aber in wahrheit auch mit disziplin zu tun: nicht in die suchtstruktur des leidens und beklagens zu fallen. wenn du opfer bist scheinst du immer moralisch im recht zu sein. so ist es aber gar nicht.

zum beispiel bin ich zwar am glücklichsten, wenn ich allein umherstreife, wenn ich verbindung zu den wesen der natur aufnehme, die sonne, den mond, die wolken, den himmel, die sterne, die steine, wind und erde wahrnehme, wenn ich die düfte der bäume, der blumen, des waldes, der erde rieche, wenn ich ins wilde wasser eintauchen kann. wenn ich im yoga plötzlich meinen körper, meinen atem völlig neu spüre. doch war ich auch bei der geburt meiner tochter glückselig, und als ich die erste drehbuchförderung bekam, als ich es zum dölma la, dem höchsten punkt bei der kailash umrundung geschafft hatte, als ich nach dem unfall aufwachte und merkte ich lebe noch. als ich in der wüste marokkos sass und das funkeln der quarze wahrnahm, während mein bauch nach der tumoroperation heilte. beim mehrstimmig jodeln bin ich glücklich und wenns draussen stürmt und drinnen so gemütlich ist, mit all meinen farben und spielsachen, meinen magischen dingen, mit kerzen und büchern. und auch bei kuchen und kaffe bei meiner schwester. wenn meine tochter glücklich ist, bin ichs auch und wenn mum mich total zum lachen bringt. ich bin glücklich wenn eine plötzliche erkenntnis das hirn erhellt, wenn in mir eine neue forschungsleidenschaft entsteht. seltsamerweise bin ich auch glücklich wenn ich nachts irgendwo ankomme, lissabon, lagos, dakar oder so und diese mischung aus glückseligkeit und verlorenheit spüre.

Quelle: salamandra.de

Ebenfalls heute habe ich entdeckt, dass WordPress neuerdings bei mir mitliest und beim einen oder andern Artikel unten seelenverwandte ältere Texte aus meinem Blog anzeigt. Ganz überrascht habe ich heute einen eigenen Text gelesen und mich überhaupt nicht an ihn erinnern können. Geht euch das auch so? Vor fast genau zwei Jahren habe ich diese Zeilen hier geschrieben …

Ja, richtig, auch Wörter sind relativ. Genau das habe ich gemeint, als ich neulich schrieb, dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen.
Nimm mal, nur so als Beispiel, das Wort „Gewissen“. Was fällt dir dazu ein? Und dir? Und jetzt denkst du kurz an das, was deine Eltern darunter verstanden haben. Eben.

[…]

Ja, ich schreibe auch vor allem, weil ich eine Vision, eine Idee, eine Absicht habe. Berühren, anrühren will ich. Etwas auslösen. Die Welt ein bisschen lebenswerter machen, weil Lesen gut tun kann. Ich will ein Lächeln in ein Gesicht zaubern oder das Herz unter diesem Gesicht zum Nachdenken bringen.

mehr … sofasophia.wordpress.com